Händler oder Logistiker – was ist Zalando?

| Redakteur: Silvano Böni

In Zukunft sollen 1000 Mitarbeiter für Zalando in Erfurt arbeiten und Pakete versenden.
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In Zukunft sollen 1000 Mitarbeiter für Zalando in Erfurt arbeiten und Pakete versenden. (Bild: Zalando)

>> Einen Zalando-Text ohne «Schrei vor Glück» finden Sie in der Presselandschaft mittlerweile selten. In der Aussendarstellung und im Marketing setzt das Unternehmen Massstäbe. Doch wie sieht es bei den Logistikprozessen des E-Commerce-Riesen aus?

Der matschige Schnee und der schneidende Wind nerven die Frauen und Männer an der Bushaltestelle, sie frieren, denn das schützende Häuschen ist zu klein für alle Wartenden. Nach der Schicht im Logistikzentrum sehnen sie sich nach dem warmen Bus in die Innenstadt. Immer mehr Logistiker drängen sich auf dem engen Bürgersteig. Eine Traube an Lagerarbeitern wartet auf den öffentlichen Nahverkehr. Seit der Modeversender Zalando sein neues Logistikzentrum im Erfurter Güterverkehrszentrum eröffnet hat, sind es noch mehr Kollegen geworden. Sie kämpfen um die besten Plätze.

Ganz vorne, auf den besten Plätzen, will auch die Region Erfurt sitzen, wenn es um Ansiedelungen von Logistikunternehmen in der Region geht. Mit dem Engagement von Zalando ist den Stadtvätern ein Coup geglückt und stolz präsentieren sie ihre Gemeinde bei der offiziellen Eröffnung des Distributionszentrums als attraktiven Standort. Vertreter von Stadt, dem Bundesland Thüringen und Investoren wählten Anzug und Schlips zur Feier. Die Führungsmannschaft und zahlreiche Mitarbeiter von Zalando kamen lässig in Jeans, Pullover und die Herren mit modischem Bart. Da treffen zwei Welten aufeinander: die erfolgreiche Mode-Start-up-Szene auf die Logistikimmobilienwirtschaft. Doch beide Seiten versichern: Die Zusammenarbeit klappte reibungslos. Die neue Immobilie ist das grösste Lager für ein Onlineunternehmen in Europa, sind die Zalando-Macher stolz. Eigentümer des Logistikzentrums ist allerdings der Entwickler Goodman.

Die Zahlen: Der erste Bauabschnitt umfasst eine Lagerfläche von 78 000 m². Ab Mai 2013 sollen zwei weitere Hallen den Betrieb aufnehmen. Das Logistikzentrum erreicht dann eine Grösse von 128 000 m². Kostenpunkt: über 70 Mio. Euro, so Andreas Fleischer, Regional Director Germany von Goodman. 2013 sollen dann 1000 Mitarbeiter kommissionieren und an 100 Packstationen die Pakete in zwei Schichten für den Versand vorbereiten. In Hochzeiten kalkulieren die Verantwortlichen von Zalando auch mit einer dritten Schicht. Zur Technik der Packstationen, einer Eigenentwicklung, schweigen die Manager des Berliner Unternehmens.

Was ist denn Zalando? Auch ein Technologieunternehmen

Die Intralogistik und Fördertechnik im Lager verantworten die Techniker von Vanderlande. Die Materialflussexperten vom Niederrhein zählen in der E-Commerce-Branche zu den wichtigsten Anbietern am Markt. Kunden wie eben Zalando, aber auch Amazon vertrauen den Fördertechniklösungen und die Expansion des Modehändlers geht noch weiter: In Mönchengladbach soll ein Schwesterlager von Zalando entstehen, das dann auch für die europäische Expansion genutzt wird. Die Fördertechnik unterscheidet sich nicht stark von anderen Logistikzentren in Deutschland. Eine augenscheinliche Ausnahme bilden wohl nur die neuen XL-Bito-Behälter im knalligen Zalando-Orange. Sie fallen dank der Farbe und ihrer Grösse dem Beobachter sofort ins Auge. Beim Warehouse-Management-System (WMS) setzt der Modehändler wiederum auf eine Eigenentwicklung. «Wir sind ein Modeunternehmen, Logistiker im B2C-Markt, Händler und eben auch ein Technologieunternehmen», erklärt Zalando-Logistikchef David Schröder und ergänzt: «Die eigene Logistik, mit massgeschneiderten Prozessen und einem selbst konzipierten Warenwirtschaftssystem, hat sich für uns zu einer Kernkompetenz entwickelt.» Dieses Wissen und Know-how braucht Zalando auch, denn seit Monaten wird in der Wirtschafts- und Tagespresse über schlechte Zahlen, fehlenden Gewinn und die vermeintlich zu hohe Retourenquote berichtet. Lange schwiegen die Verantwortlichen und befeuerten damit noch mehr Gerüchte bei Wettbewerbern und Journalisten. Gegenüber der Fachpresse wagt sich Logistikmanager Schröder aus der Defensive: Die Retourenquote liege in Deutschland bei etwa 50 Prozent. Dieser Wert entspreche damit dem Branchendurchschnitt, heisst es in der Berliner Firmenzentrale.

Zalando bricht das Schweigen bei der Retourenquote

Mit Blick auf die anderen europäischen Märkte hiess es: In Frankreich würden die Kunden am wenigsten zurückschicken. «Das ist Teil unseres Geschäfts», gibt Schröder zu bedenken. Der Prozessverantwortliche will aber auch handeln. Das Unternehmen plant, seinen Kunden in Zukunft noch mehr Informationen zum Produkt zu liefern und bei der Kaufentscheidung behilflich zu sein. Die Kalkulation des Logistikers: Wenn die Kunden gezielter bestellen, sind sie mit dem Produkt zufriedener und schicken es hoffentlich weniger oft zurück. <<

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