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Kleinere Unternehmen beschäftigen sich kaum mit dem Thema Industrie 4.0
«Auch bei den kleinen Unternehmen muss man unterscheiden zwischen den eigenen Produkten und der Produktion», wendet Prof. Dr.-Ing. Holger Borcherding ein. Bei den eigenen Produkten sieht er sie deutlich weiter. Doch wenn solch ein Unternehmen nur fünf Leute habe, sei es damit wohl überfordert, viele der Ideen, die in Industrie 4.0 mit der Digitalisierung aufgebracht werden, auch wirklich umzusetzen. Es seien ja auch viele informatiklastige Gedankengänge und ein Maschinenbauer stelle einen Informatiker in erster Linie nun mal für die eigene EDV ein, so der Innovationschef von Lenze. «Das Ganze in die Produktion zu übersetzen, dauert noch eine ganze Zeit.»
Zu bedenken sei auch, wenn der Laden bei den Unternehmen laufe, warum sich die Firmen dann ändern sollten. Die mit Industrie 4.0 einhergehende Flexibilisierung sei bei kleinen Betrieben ja schon gegeben. Eine Änderung komme erst dann, wenn es darum gehe, noch höhere Anforderungen zu erfüllen. Womit erst mittelfristig zu rechnen sei, so der Hochschulprofessor.
Nutzenversprechen, die man heute kommuniziert, sind eher nebulös
«Viele kleine Unternehmen haben ja nicht einmal eine Produktion», ergänzt der Chef von Pepperl + Fuchs. Diese sei oft nach aussen vergeben. «Ich mache mir über die Geschwindigkeit dieser Unternehmen keine Sorgen», fährt Kegel fort, diese würden schon rechtzeitig der Industrie-4.0-Idee folgen. Ehrlicherweise müsse man auch sagen, dass die Nutzenversprechen, die man heute kommuniziere, eher nebulös seien, sagt Kegel, der auch dem Bereich Automation des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie vorsteht. «Erst wenn das Nutzenversprechen klar kalkulierbar wird, werden nicht nur die Kleinen, sondern in einer grossen Vielzahl auch andere Kunden aufspringen», so Kegel. Bis jetzt sei man aber noch nicht so weit, ein Versprechen zu einem klar kalkulierbaren Nutzen geben zu können.
«Das Problem ist», so der Industrie-4.0-Chef von Sick, «dass die Use-Cases noch fehlen.» Dass man den Benefit noch nicht beschreiben könne und die Architekturen für die Kleinen zu komplex und kompliziert seien, um für sich umzusetzen, was dann noch an Vorteil übrigbleibe. «Wenn man verstanden hat, was sich wirklich für ein Nutzen ergibt, dann werden die Kleinen ganz zügig auf den Industrie-4.0-Zug aufspringen», glaubt auch Müller. Aber im Moment seien die Unternehmen mit dem Istzustand zufrieden, weil ja alles funktioniere. Viele denken deshalb, dass es nicht notwendig sei, etwas zu ändern.
Sadi ergänzt: Zwar hätten Unternehmen mit 100 Mann die Ressourcen, das Know-how und das Problembewusstsein, «doch wenn ich als Geschäftsführer eines Unternehmens einen Mitarbeiter zur Verfügung stelle, der gleichzeitig die IT macht und in der Entwicklung mitarbeitet, dann warte ich lieber ab, bis das Ganze messbar ist.» Und der Druck werde sicher auch dort vom Anwender her kommen. «In vielen Gesprächen mit Kunden werden wir gefragt: Was ist mit Industrie 4.0? Beschäftigt ihr euch damit?» Auch dies sei für Getriebebau Nord ein Grund, sich mit der Thematik zu beschäftigen, so der Technikchef. «Wenn der Druck vom Kunden kommt, dann müssen auch die kleinen Unternehmen mitziehen.»
Das Thema Industrie 4.0 ist nicht nur ein Produktionsthema. Allerdings, so Müller, fokussiert man sich im Moment noch stark darauf, dort die Abläufe effizienter zu gestalten. «Ich glaube, dass der Nutzen erst dann richtig entsteht, wenn die ganze Wertschöpfungskette vom Lieferanten bis zum Kunden integriert ist.» Das gebe es aber heute, ausser in Pilotanwendungen, noch nirgends so richtig. Bei Sick selbst sei man eher von der Produktionsseite her dazugekommen und man habe sich gefragt: «Wie bekomme ich das Thema im Produktionsbereich in den Griff?», gesteht der Industrie-4.0-Fachmann.
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