Schweizer Export Maschinen für die neue Mittelschicht

Redakteur: Susanne Reinshagen

Sich mit der wachsenden Mittelschicht in den Schwellenländern auseinanderzusetzen, wird zu einer der zentralen Herausforderungen für Schweizer Exporteure – gerade aus der MEM-Branche, denn wo mehr kaufkräftige Konsumenten leben, braucht es die richtige Infrastruktur. Doch der wachstumsstärkste Markt ist nicht automatisch der beste.

Die Graphik macht deutlich, wie stark die Mittelschicht in den nächsten 20 Jahren im aisiatischen Raum wachsen wird. Bis 2030 werden mit knapp 4 Mrd. Menschen zwei Drittel der weltweiten Mittelschicht im asiatsichen Raum leben.
Die Graphik macht deutlich, wie stark die Mittelschicht in den nächsten 20 Jahren im aisiatischen Raum wachsen wird. Bis 2030 werden mit knapp 4 Mrd. Menschen zwei Drittel der weltweiten Mittelschicht im asiatsichen Raum leben.
(Bild: S-GE)

Begründet in einer rapiden Zunahme der Wirtschaftskraft und Bevölkerungszahl in den Schwellenländern, erreichen global immer mehr Menschen ein Einkommen zwischen USD 1000 und 12 000 pro Jahr. Bis 2030 wird sich die weltweite Mittelschicht von 2,5 auf 5 Mrd. Menschen verdoppeln, wobei zwei Drittel davon in Asien leben werden.

Das massive Wachstum der Mittelschicht in den Schwellenländern stellt die weltwirtschaftlichen Verhältnisse auf den Kopf. Nachdem sich die Produktionskapazitäten der Welt bereits in den 1990er-Jahren in den asiatischen Raum verschoben haben, folgt nun die Kaufkraft. Asien wird bis 2030 rund 60 % der weltweiten Konsumausgaben bestreiten.

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Absatzchancen: Von der Medizintechnik bis zu Bahnmesstechnik

Erhebliche Wachstumschancen bieten sich Schweizer Firmen aus Konsumgüterbranchen. In den 10 grössten «Rising Middle Class»-Märkten (s. Grafik) lässt sich beobachten, dass die frisch gebackenen Vertreter der Mittelschicht ihren erlangten Wohlstand gern demonstrieren möchten und sich darin den Standards der Industrienationen annähern. Sie entwickeln höhere Ansprüche an ihre Umwelt, das Bildungssystem oder an die Gesundheitsversorgung.

Diese Entwicklungen ziehen jedoch ebenfalls Investitionen in neue Technologien nach sich, von denen die MEM- und Präzisions-Industrie profitieren kann. Ein Beispiel: Der Gesundheitsmarkt von Vietnam, einem Land mit 90 Mio. Einwohnern, wird von Experten auf ein Volumen von USD 8,5 Mrd. berechnet. Dieses wird sich in den kommenden Jahren stark ausdehnen, denn die Vietnamesen werden nicht nur reicher, sondern auch älter und anspruchsvoller. Derzeit werden rund 90 % des Bedarfs an entsprechender Medizintechnik durch Importe gedeckt, die zu gut drei Vierteln vom Staat beschafft werden. Eine erhebliche Absatzchance für Schweizer Medizintechniker.

Als weiterer Katalysator für die Modernisierung in vielen Branchen wirkt die Digitalisierung sowie die Urbanisierung – die globale Stadtbevölkerung wächst bis 2050 um 72 %. Die Infrastruktur der so schnell wachsenden Städte muss massiv ausgebaut werden. Für Industrie-Exporteure bedeutet das: Im Transportwesen etwa erhöhen sich die jährlichen Ausgaben in den 10 Ländern mit der grössten wachsenden Mittelschicht um über 9 %. Grundsätzlich lässt sich zeigen, dass die Raten der Autoeigentümer massiv ansteigen, sobald sich das Pro-Kopf-Einkommen in einer Volkswirtschaft auf über USD 3000 erhöht. China wird bereits 2020 zum grössten Absatzmarkt für Fahrzeuge werden, Indien wird sich auf dritter Position befinden, Brasilien auf der vierten. Die Bahnsysteme werden in den meisten asiatischen Ländern ebenfalls stark ausgebaut.

Markteinstieg genau abwägen: Kein Asien-Automatismus

Diese vielfältigen Marktchancen zu realisieren, stellt besonders für KMU eine grosse Herausforderung dar. Nicht nur weil die meisten Schwellenländer mit wachsender Mittelschicht kulturell und regulatorisch komplex anzugehen sind. Der Aufstieg der Mittelschicht bedeutet, dass auch die lokale Wirtschaft zu einer immer stärkeren Konkurrenz heranwächst. Der Handel zwischen den Schwellenländern wuchs in den letzten Jahren um gut ein Drittel schneller als der zwischen den westlichen Ländern und den Schwellenländern. Chinesische Unternehmen zum Beispiel kennen ihren Heimmarkt, profitieren von kürzeren Transportwegen und produzieren günstiger. Nicht nur für den heimischen Markt, sondern für die ganze Region, denn China verfügt über ein Freihandelsabkommen mit den ASEAN-Ländern.

Das wachstumsstärkste Land ist deshalb nicht automatisch das bestgeeignete für einen hiesigen Exporteur. Je nach Branche und Produktkategorie sollte genau abgewogen werden, ob die Opportunitäten die Risiken, die sich durch den globalen Wettbewerb ergeben, aufwiegen. Einige von Swiss Global Enterprise (S-GE) empfohlene Faustregeln helfen KMU dabei, den Markteinstieg zu strukturieren:

  • «Rising Middle Class»-Märkte auf dem Radar behalten und gründlich prüfen.
  • Intelligente spezifische Marktstrategie entwickeln, indem zum Beispiel Produkte lokalisiert oder günstige Preise kombiniert werden mit Swissness. Alternativ lassen sich Anpassungen durch Verpackungsgrössen oder in der Sortimentselektion realisieren.
  • Lokale Präsenz sicherstellen: Starke physische Präsenz ist notwendig, Marktkenntnis und kulturelles Entgegenkommen.
  • Vertriebs- und Marketingnetz anpassen auf die digitalisierte, mobile Kommunikation der Schwellenländer, auch im B2B.
  • Gezielt in Ausbildung und Training investieren: für die Mitarbeiter, für Kunden und Partner, um über Qualität und Nutzen der Produkte aufzuklären.

In die Tat umgesetzt hat dies der diesjährige Gewinner des Export Awards von Switzerland Global Enterprise in der Kategorie «Success»: die Amberg Technologies AG. Das im Jahr 1981 aus der Messtechnik-Abteilung der Amberg Engineering AG gegründete Unternehmen bietet seinen Kunden praxiserprobte Produkte und spezifische Dienstleistungen für die Bahnvermessung, Tunnelvermessung und Tunnelseismik an. Die Pläne der chinesischen Zentralregierung zum Ausbau des Bahnnetzes für Hochgeschwindigkeitszüge veranlassten das Unternehmen 2005 zur Expansion nach Fernost. Um zu reüssieren, stellte Amberg Technologies unter anderem am Schweizer Sitz in Regensdorf einen chinesischen Ingenieur sowie weitere Vermessungsfachleute mit Kenntnissen des chinesischen Marktes ein. Die präzisen Messsysteme von Amberg Technologies haben sich in China hervorragend etabliert und dem Unternehmen 2014 vor Ort einen Umsatz in Millionenhöhe gebracht. Dies entspricht einem Viertel des Gesamterlöses. <<

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