Werkplatz Schweiz: Quo vadis? Interview mit Swissmechanic-Direktor Jürg Marti MEM-Branche: Silberstreif am Horizont

Das Gespräch führte Nastassja Neumaier 4 min Lesedauer

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Aus dem aktuellen Geschäftsklimaindex von Swissmechanic geht hervor, dass drei Viertel der befragten Unternehmen das Geschäftsklima derzeit als ungünstig einschätzen. Im SMM-Interview gibt Swissmechanic-Direktor Jürg Marti Hoffnung.

Dr. Jürg Marti, Direktor Swissmechanic: «Als stabile Säulen der Schweizer Industrie haben unsere KMU-MEM schon in einigen schwierigen wirtschaftlichen Situationen ihre Innovationskraft, Agilität und Anpassungsfähigkeit eindrücklich unter Beweis gestellt.»(Bild:  Swissmechanic)
Dr. Jürg Marti, Direktor Swissmechanic: «Als stabile Säulen der Schweizer Industrie haben unsere KMU-MEM schon in einigen schwierigen wirtschaftlichen Situationen ihre Innovationskraft, Agilität und Anpassungsfähigkeit eindrücklich unter Beweis gestellt.»
(Bild: Swissmechanic)

SMM: Hohe Zinsen, die schwächelnde Exportwirtschaft und die unsichere geopolitische Lage setzen KMU der MEM-Branche unter Druck. Vor allem die angespannte Auftragslage belastet sie laut Swissmechanic-Geschäftsklimaindex: Bei fast jedem vierten Unternehmen reicht der Auftragsbestand nicht mehr für einen Monat. Welche Handlungsempfehlungen geben Sie den betroffenen Unternehmen in diesen herausfordernden Zeiten?

Jürg Marti: Selbstverständlich sind Firmen, die im internationalen Kostenwettbewerb stehen, viel stärker betroffen als Unternehmen, die Kraft ihrer Innovationsstärke eine Nische besetzen können. Kleine Unternehmen sind tendenziell stärker betroffen als grosse Firmen, da sie nicht in gleichem Ausmass durch konzernweite internationale Optimierung der Produktion Währungseffekte managen können und tendenziell auch weniger stark Natural Hedging betreiben können.

Als stabile Säulen der Schweizer Industrie haben unsere KMU-MEM jedoch schon in einigen schwierigen wirtschaftlichen Situationen ihre Innovationskraft, Agilität und Anpassungsfähigkeit eindrücklich unter Beweis gestellt.

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Abhilfe schaffen können etwa weitere Massnahmen in den Bereichen Digitalisierung, Automation und Effizienzsteigerung. Auch gilt es, bestehende Prozesse und Lieferketten zu prüfen. Eine Strategie kann auch eine weitere Spezialisierung in einer Nische sein, in der die Unternehmen Alleinstellungsmerkmale und somit eine starke Wettbewerbsposition haben.

Einige Unternehmen prüfen nun auch die Erschliessung anderer Märkte. So arbeiten wir zum Beispiel seitens Verband nun enger mit der Handelskammer Italien zusammen, da für einige Mitgliederunternehmen der italienische Markt derzeit an Attraktivität gewinnt.

Sie erwarten eine leichte Entspannung für 2024. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

J. Marti: Die Einschätzung stützt sich einerseits auf die Prognose des Wirtschaftsforschungsinstituts BAK, mit dem wir eng zusammenarbeiten und welches die makroökonomische Entwicklung im Blick hat. Gemäss BAK verdichten sich die Hinweise, dass die Rückführung der Inflation ohne Rezession gelingt und die globale Konjunktur nach den scharfen geldpolitischen Bremsmanövern zu einem Soft Landing ansetzt. Grosse Notenbanken wie die Fed oder die EZB dürften bereits 2024 mit ersten Zinssenkungen beginnen. Im Zusammenspiel mit der nachlassenden Inflation legt dies den Grundstein für eine konjunkturelle Erholung. Zudem bietet die robustere US-Konjunktur eine gewisse Erleichterung, wenngleich das Wachstum 2024 etwas hinter dem des Vorjahres zurückbleibt. Es wird erwartet, dass die im Jahresverlauf wieder anziehende Nachfrage nach Ausrüstungsinvestitionen die Branche unterstützen wird.

Andererseits stützt sich unsere Einschätzung auch auf die Rückmeldungen unserer Mitgliedsunternehmen im Rahmen unserer Quartalsbefragungen. Diese Umfrage ist ein guter Pulsmesser der Branche. Unsere Unternehmer/-innen kennen den Markt und spüren die Entwicklungen der Belastungsfaktoren am eigenen Leib. Sie melden uns, dass es derzeit schwierig ist, aber auch, dass sie auf Basis ihrer Erfahrung und Geschäftsentwicklung moderat zuversichtlich sind.

Sowohl BAK als auch unsere Unternehmer/-innen sind sich einig: In der ersten Jahreshälfte 2024 bleibt das Geschäftsklima weiter ungünstig, es wird sich wohl sogar noch etwas weiter verschlechtern, aber dann ab Q3/2024 ist ein Silberstreif am Horizont für die MEM-Branche angezeigt, weil sich das globale Wirtschaftswachstum ab da wieder deutlich beschleunigen wird.

Welche technologischen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen sind in den nächsten fünf Jahren zu meistern, damit die Zukunftsfähigkeit der KMU-MEM gewährleistet werden kann? Welche Themen haben aus Ihrer Sicht Priorität?

J. Marti: Die grössten Herausforderungen, die wir für die nächsten fünf Jahre sehen, sind:

  • die geopolitischen Unsicherheiten und die damit verbundenen Folgen auf die Weltwirtschaft.
  • der Übergang zur Industrie 4.0 und der damit einhergehende technologische Wandel der Arbeitswelt, der vor allem viele kleinere KMU vor Herausforderungen stellt.
  • der demografische Wandel und der damit einhergehende Fachkräftemangel.

Aktuell stehen ingenieurtechnische und vergleichbare Fachkräfte ganz oben im Fachkräftemangel-Index der Schweiz. Besonders KMU melden, dass es schwierig ist, passende Fachkräfte zu rekrutieren. Woran liegt das? Welche Potenziale könnten (besser) genutzt werden, um dieser Herausforderung zu begegnen?

J. Marti: Gemäss unserer Mitgliederbefragung besteht bei den KMU-MEM der Fachkräftemangel v. a. bei den technischen Berufen mit einem Ausbildungsprofil Sek. II (siehe Bild).

Wir setzen uns auf politischer Ebene für die Stärkung der dualen Bildung und für die Stärkung der MINT-Fächer auf Primar- und Sekundarstufe I ein. Die Lehre ist ein Erfolgsmodell und das Rückgrat des Werkplatzes Schweiz.

Swissmechanic hat sich mit Swissmem zusammengetan und einen Verein namens Faszination Technik gegründet. Dieser hat den Auftrag, aktiv Berufsmarketing zu betreiben für unsere MEM-Berufe. Den Jugendlichen soll gezeigt werden, wie spannend, vielfältig und auch aussichtsreich unsere Berufe sind.

Auch streben wir eine Erhöhung des Frauenanteils in MEM-Berufen an. Dies hilft nicht nur, der Einkommenskluft zwischen den Geschlechtern entgegenzuwirken, sondern auch das Nachwuchsproblem in unserer Branche besser zu bewältigen.

Ein wichtiges Standbein von Swissmechanic ist auch die zukunftsgerichtete Weiterbildung unserer Fachkräfte. Wir setzen uns darum für attraktive Weiterbildungsmöglichkeiten ein und bieten die Weiterbildung zum Produktionsfachmann/zur Produktionsfachfrau mit eidg. Fachausweis und zum/zur dipl. Maschinenbautechniker/-in HF an.

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Weiter unterstützt unser Verband nicht nur eine fundierte Erstausbildung und die Weiterbildung innerhalb eines bestimmten Berufsfeldes, sondern auch alle Umschulungsmodelle und -massnahmen, die einen Berufswechsel auf allen Beschäftigungs- und Altersstufen ermöglichen (berufliche Mobilität auch für ältere Arbeitskräfte).

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine jährte sich vergangenen Monat zum zweiten Mal. Wie hat sich die Situation für die Schweizer KMU-MEM seither entwickelt (Stichwort Lieferketten, Energie)?

Die Lage bezüglich Lieferketten hat sich stabilisiert, jene bezüglich Energie (Preise, Verfügbarkeit) grösstenteils ebenfalls. Die Unternehmen wurden dadurch auf jeden Fall sensibilisiert für diese Abhängigkeiten. Es fand in der Branche ein regelrechter Innovationsschub statt – gerade was das Thema Energieversorgung angeht. Viele Unternehmen haben in eigene Energieproduktionsanlagen (v. a. Photovoltaik) sowie Energieeffizienzmassnahmen (verstärkt) investiert.

Welche Folge aus der geopolitisch unsicheren Lage aber sicher bleibt und derzeit eine starke Rolle z. B. im Bereich Auftragslage spielt, ist die enorme Volatilität der globalen Wirtschaft.

Vielen Dank, Herr Marti.

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