Metallische Gläser sind neuartige Materialien für Anwendungen im Weltraum, aber auch in der Medizin und in der Uhrenindustrie. Um ihre Eigenschaften besser zu verstehen und ihre Herstellung zu erleichtern, führen Empa-Forschende in Zusammenarbeit mit der Europäischen Weltraumorganisation ESA mehrere Versuche an Bord der Internationalen Raumstation ISS durch.
Der Zwilling dieser Probe befindet sich auf der Aussenseite der ISS als Teil des «SESAME»-Experiments.
(Bild: Empa)
Metalle sind vielseitige Werkstoffe und begleiten uns durch den Alltag, sei es als grosse Bauelemente oder winzige Komponenten in unseren elektronischen Geräten, als robuste Werkzeuge oder als eleganter Schmuck. Bei den meisten Anwendungen liegen Metalle in einer geordneten kristallinen Struktur vor, die sie beim Erstarren aus der Schmelze fast immer annehmen. Doch was passiert, wenn sich Metallatome einmal nicht in klaren Mustern anordnen? Kühlt man bestimmte Legierungen sehr schnell aus der Schmelze ab, erstarren sie in einer «ungeordneten» – amorphen – Struktur, die derjenigen von Glas ähnelt. Deshalb werden solche amorphen Metalle auch als «metallische Gläser» bezeichnet.
Metallische Gläser sind so etwas wie der heilige Gral der Metallurgie. Sie sind hart wie Quarzglas, und ihre glatte Oberfläche ist besonders widerstandsfähig gegen Kratzer und Korrosion. Ganz anders als Glas sind metallische Gläser aber elastisch und kehren nach Verformungen eher in ihre Ursprungsform zurück als gewöhnliche Metalle. Das macht sie zu einem begehrten Material für Anwendungen in der Medizin und in der Weltraumtechnologie.
Empa-Forscher Damien Terebenec analysiert die Struktur metallischer Gläser in einem Röntgendiffraktometer.
(Bild: Empa)
Die Knacknuss am Ganzen ist indes die Herstellung der metallischen Gläser, denn die meisten Metalle «wollen» am liebsten ihre natürliche kristalline Form annehmen. «Vor allem bei der Herstellung von grösseren Komponenten ist es schwierig, die amorphe Struktur zu behalten», sagt Empa-Forscher Damien Terebenec, der am Empa-Zentrum für Röntgenanalytik an metallischen Gläsern forscht.
«Wir brauchen eine gewisse kritische Masse»
Von der Umweltbeobachtung bis hin zur künftigen Mondbasis: Innovative Materialien, Prozesse und Modelle sind unabdingbar für die Raumfahrt. Lorenz Herrmann, Direktionsmitglied der Empa und Leiter des Departements «Moderne Materialien und Oberflächen», erklärt im Interview, wie die Stärken der Empa die Schweizer Raumfahrtindustrie stärken können und warum Zusammenarbeit zentral bleibt.
Lorenz Herrmann studierte und promovierte in Physik an der Universität Regensburg und der Ecole Normale Supérieure in Paris. 2010 ging er ans ABB-Forschungszentrum in Dättwil, wo er zuletzt das Departement «Energy Technologies» leitete. Seit August 2022 leitet er das Empa-Departement «Moderne Materialien und Oberflächen», seit Januar 2023 auch den Forschungsschwerpunkt «Nanoskalige Materialien und Technologien».
(Bild: Marion Nitsch / Empa)
Herr Herrmann, was hat die Empa als Materialforschungsinstitut im All verloren?
Lorenz Herrmann: Zum einen sind wir bereits seit längerem führend in der Umweltmodellierung und -analytik. Sprich: Wir verknüpfen Beobachtung und Messung von gewissen Gasen aus dem All, etwa Treibhausgase oder Luftschadstoffe, mit hochsensitiver Umweltanalytik und atmosphärischer Modellierung.
Und zum anderen steht die Empa natürlich für neuartige Materialien und innovative Produktionstechnologien – in diesem Zusammenhang eben für das Anwendungsfeld «Space Equipment», etwa Satelliten, Komponenten für Weltraumstationen und Forschungsgeräte für wissenschaftliche Missionen. Und all das muss natürlich über Jahre hinweg unter extremen Bedingungen wartungsfrei funktionieren. Das wäre ohne ein enormes materialwissenschaftliches Knowhow schlicht undenkbar.
Damit verknüpft, aber gewissermassen einen Schritt weiter, ist Materialforschung und -entwicklung in der Schwerelosigkeit, also auf der Internationalen Raumstation ISS oder im Rahmen von Parabelflügen. Das ist sehr grundlagennah, aber natürlich seit je ein Kerngebiet der Empa.
Und zu guter Letzt ein Blick in die Zukunft: das so genannte «in-space manufacturing», also die Idee, Produktionskapazitäten im Weltraum zur Verfügung zu stellen mit der Hoffnung, unter diesen sehr speziellen Bedingungen im All völlig andere Materialien mit ganz bestimmten Strukturen und speziellen Eigenschaften herstellen zu können, etwa für Quantencomputer oder zur Chipherstellung.
Und vielleicht noch einen Schritt weiter: Weltraumagenturen haben wieder verstärkt die Vision, eine Station auf dem Mond zu bauen. Dazu muss man das nehmen, was dort eben verfügbar ist. Und dabei ist natürlich ein extrem zirkulärer Ansatz gefragt – genau ein Forschungsgebiet, das die Empa derzeit etwa in unserem Gebäudelabor NEST vorantreibt. Das wäre dann «Circular Construction» auf einem ganz anderen Niveau.
Man sieht, da gibt es etliche Berührungspunkte …
«Space Technologies» ist ein weites Feld. Wo konkret kann die Empa-Forschung einen Beitrag leisten?
L. Herrmann: Natürlich in erster Linie, wie bereits erwähnt, durch unsere enorme Materialkompetenz, aber auch dadurch, dass wir als Empa Translation sehr gut verstehen, also wie man neuste wissenschaftliche Erkenntnisse in praktische Anwendungen «übersetzen» kann. Nehmen wir zum Beispiel «in-space manufacturing»: Sobald erste Ideen für konkrete Anwendungen vorliegen, könnten wir entsprechende Materialien und Produktionsprozesse entwickeln, die unter diesen ganz speziellen Bedingungen funktionieren.
Die Empa ist seit Juni Mitglied im «Center for Space and Aviation Switzerland and Liechtenstein» (CSA). Was versprechen Sie sich von dieser Partnerschaft?
L. Herrmann: Unser primäres Ziel ist der Zugang zu diesem neuen Markt, den Weltraumtechnologien und -anwendungen. In diesem Bereich werden in Zukunft auch Schweizer Firmen zahlreiche neue Produkte und Anwendungen entwickeln, und da möchten wir als Empa über diese Allianz natürlich mit dabei sein. Und dann natürlich auch eine gewisse Sichtbarkeit gegenüber den «Big Playern» in dem Bereich, der ESA und der NASA. Dafür ist eine gewisse kritische Masse unabdingbar, die wir uns durch diese Partnerschaft erhoffen. Was für uns zudem sehr vorteilhaft ist, ist die räumliche Nähe zum Innovationspark gleich um die Ecke hier in Dübendorf.
Gutes Stichwort: Ende Juli, haben das CSA, «Switzerland Innovation» und «Space Florida» vereinbart, am Innovationspark einen gemeinsamen Hub für Forschung und Innovation im Bereich Raumfahrtechnologie aufzubauen. Da herrscht offenbar derzeit eine Art Goldgräberstimmung, wenn es um den Weltraum geht …
L. Herrmann: Die gibt es durchaus, etwa ganz konkret im Bereich Satelliten-gestützter Kommunikationstechnologien. Dieser Bereich wird künftig global noch wichtiger werden als er es ohnehin schon ist, zumal er auch von geostrategischer Bedeutung ist. Da werden wir in Zukunft ziemlich sicher ein Wachstum und einen entsprechenden Aufschwung sehen. Was sicher auch weitergehen wird – vermutlich im gleichen Rahmen wie bisher –, sind die wissenschaftlichen Weltraummissionen zur Erd- und Weltraumbeobachtung. Denn die sind enorm wichtig, um etwa Klimaphänomene besser zu verstehen. Bei den eher visionären Feldern sind wir derzeit noch auf der Suche nach einer echten «Killer-Anwendung». Wir werden das auf jeden Fall weiter aufmerksam verfolgen.
Wie ist die Zusammenarbeit mit den «Big Players», also etwa mit der ESA?
L. Herrmann: Wir sind über unsere langjährige Partnerschaft mit der Universität Bern in zahlreichen ESA-Projekten involviert, und das läuft auch sehr gut. Seit Mai gibt es eine weitere Verbindung über das neue «European Space Deep-Tech Innovation Centre Switzerland» (ESDI), das von der ESA in Zusammenarbeit mit dem Paul Scherrer Institut (PSI) am Park Innovaare eröffnet wurde und in dessen «Advisory Board» ich bin. Ziel ist es, die Forschungszusammenarbeit mit der ESA zu stärken.
Die Schwerkraft ausschalten
ESA-Astronaut Alexander Gerst installiert den «Electromagnetic Levitator» (EML) an Bord der ISS. An diesem Instrument führte Gerst später auch die Versuche der Empa mit metallischen Gläsern durch.
(Bild: NASA)
Materialforschende wie Terebenec arbeiten mit komplexen Legierungen und präzis gesteuerten Prozessen, um amorphe Metalle herzustellen. Dafür ist ein genaues Verständnis der physikalischen Eigenschaften des Materials notwendig, insbesondere in dessen flüssigen Form, in der Schmelze. Und auch das ist nicht einfach: «Man muss flüssige Metalltröpfchen in der Schwebe untersuchen, da der Kontakt mit einem Schmelztiegel eine Kristallisation des Metalls auslösen und so das gesamte Experiment gefährden kann», erklärt Terebenec. Dies kann man etwa mittels starker elektromagnetischer Felder erreichen – aber die Schwerkraft der Erde verformt die runden Tröpfchen und verfälscht die Messungen.
Aus diesem Grund greifen Terebenec und andere Forschende des Zentrums für Röntgenanalytik unter der Leitung von Antonia Neels auf eine ganz besondere Forschungsplattform zurück: die Internationale Raumstation ISS. Im Rahmen des Forschungsprojekts «Thermoprop» der Europäischen Weltraumorganisation ESA, das von Neels geleitet wird, untersuchen die Forschenden die physikalischen Eigenschaften von metallischen Gläsern in der Mikrogravitation – der Beinahe-Schwerelosigkeit in der erdnahen Umlaufbahn. Zugleich laufen auch Versuche an der Empa in Dübendorf, wo Neels, Terebenec und ihre Kolleginnen und Kollegen die Struktur der metallischen Gläser mit unterschiedlichen Röntgentechniken untersuchen.
«Die Daten aus den Versuchen auf der ISS fliessen in Computersimulationen ein, mit denen sich wiederum industrielle Prozesse entwickeln und optimieren lassen», so Antonia Neels. Trotz der luftigen – oder vielmehr Luft-losen – Höhen, in denen ein Teil der Versuche stattfindet, ist das Projekt nämlich alles andere als «abgehoben»: Von Beginn an ist nebst den Forschenden der Empa und der EPFL auch ein Industriepartner mit dabei. Das Schweizer Unternehmen PX Group aus La Chaux-de-Fonds stellt metallische Gläser für die Uhrenindustrie her, wo die harten, biegsamen Materialien für präzise Mechanismen und robuste Gehäuse verwendet werden. «Unser Partner konnte unsere Erkenntnisse aus dem Projekt bereits in verbesserte Herstellungsprozesse einfliessen lassen», sagt Neels.
Zuverlässige Mechanismen für Satelliten
Das an Bord der ISS und an der Empa gewonnene Wissen fliesst aber auch zurück in den Weltraum. Nebst ihren irdischen Einsatzgebieten eignen sich metallische Gläser auch für Anwendungen an Bord von Raumschiffen und Satelliten. Ihre Elastizität und Widerstandsfähigkeit ermöglichten etwa die Konstruktion von zuverlässigen Mechanismen, die über lange Zeit wartungsfrei funktionieren. In einem zweiten Projekt mit der ESA setzen die Empa-Forschenden Materialproben den rauen Bedingungen im Weltall aus.
Der entsprechende Versuch namens «SESAME» flog im November 2024 zur ISS und wurde im Dezember an der Aussenseite des europäischen Labormoduls «Columbus» installiert. Er umfasst zahlreiche Materialproben von 15 europäischen Forschungsinstitutionen. Nach rund einem Jahr im Weltall sollen die Proben wieder zur Erde zurückkehren und analysiert werden – darunter auch das metallische Glas des Empa-Teams. «Wir können einzelne Bedingungen aus dem Weltall auf der Erde simulieren, etwa Temperaturschwankungen, Vakuum oder Strahlung – aber nicht alles miteinander», erklärt Neels. «Wir wollen wissen, ob ein längerer Aufenthalt unter Weltraumbedingungen die Struktur des Materials verändert. Denn die Struktur definiert die Materialeigenschaften», ergänzt Terebenec.
Stand vom 30.10.2020
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Die Versuche auf der ISS laufen in verschiedenen Phasen ab. So sind weitere Experimente mit flüssigen metallischen Gläsern der Empa an Bord der ISS für nächstes Jahr geplant. «Beide Projekte werden wohl bis zum Ende der ISS im Jahr 2030 laufen», so Neels. Im – und für den – Weltall gibt es nämlich noch viel zu lernen. Die Projekte werden im Rahmen des ESA-PRODEX-Programms (Programme de Développement d'Expériences Scientifiques) durchgeführt und vom Swiss Space Office (SSO) sowie dem PRODEX Office unterstützt.
Von Dübendorf ad astra
Raumsonden stehen an der Spitze der Ingenieurskunst. Sie müssen leicht und kompakt sein, den Vibrationen beim Raketenstart standhalten, und danach jahrelang ohne jegliche Wartung funktionieren – unter extremen Bedingungen, etwa Vakuum, starke Strahlung und grosse Temperaturschwankungen. Jedes Bauteil der hochkomplexen Sonden hat höchste Anforderungen zu erfüllen.
Empa-Ingenieure aus der Forschungsabteilung Fügetechnologie und Korrosion pflegen seit über 20 Jahren eine Partnerschaft mit der Universität Bern, bei der sie Komponenten für Messinstrumente für Raumsonden unterschiedlicher Raummissionen der Europäischen Weltraumorganisation ESA herstellen. Dabei geht es oft um das hochpräzise Verlöten von Metall und Keramik im Hochvakuum. Eine Mission mit Komponenten aus Dübendorf ist bereits erfolgreich abgeschlossen, drei sind derzeit im All unterwegs und zwei weitere befinden sich in Vorbereitung.