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Für Deutschlands Maschinenbauer gibt es zumindest einen schwachen Trost: Die Speerspitze der Jobaussteiger bilden Arbeitnehmer aus der Bauwirtschaft – was naheliegt, da die Arbeit auf dem Bau wegen des vergleichsweise geringen Automatisierungsgrads dieser Branche körperlich sehr herausfordernd ist. Das schöne Beispiel des Dachdeckers, der 45 Arbeitsjahre auf seinem im wahrste Sinne des Wortes kaputten Buckel hat, wurde ja von den Verfechtern der abschlagsfreien Rente in der Vergangenheit hinreichend bemüht, um dem Anliegen einen gewissen emotionalen Touch zu verleihen.
Schneller Ersatz kaum zu beschaffen
Aber selbst in einer Technologiebranche wie dem Maschinenbau, wo angesichts intellektuell recht anspruchsvoller Tätigkeitsprofile heute weniger die körperliche als die geistige Fitness zählt, weckt die Möglichkeit, dem Job mit 63 den Rücken zu kehren, natürlich Begehrlichkeiten. Davon kann beispielsweise der Koordinatenmessmaschinen-Hersteller Wenzel aus Wiesthal ein Liedlein singen, für den die Rente mit 63 im Hinblick auf die Personalplanung nicht nur eine organisatorische, sondern auch eine finanzielle Herausforderung darstellt. „Die Rente mit 63 hat unser Unternehmen kalt erwischt. Unsere Personalplanung gerät damit gründlich durcheinander“, berichtet Personalleiter Daniel Eisler. „Erfahrene Mitarbeiter verlassen das Unternehmen nun früher als gedacht.“
Umgekehrt war die Ausbildung der Nachfolger zum Zeitpunkt des Ausscheidens ihrer Vorgänger noch nicht abgeschlossen. So konnten frei werdende Positionen nicht nahtlos besetzt werden, klagt Personaler Eisler. Folglich musste sich der in Unterfranken beheimatete Mittelständler nach Ersatz für fünf Produktionsmitarbeiter und einen Vertriebsmann umschauen – angesichts der angespannten Arbeitsmarktlage in den sogenannten MINT-Berufen kein einfaches Unterfangen. Auch kostenmässig schlug die Aktion gehörig zu Buche. Rund 5500 Euro je Stelle an Such- und Verwaltungskosten, dazu je 18.750 Euro für den Arbeitsausfall während der Einarbeitungszeit sowie rund 25 % weniger Umsatz durch den abgängigen Vertriebler. Das alles summiert, wie Personalchef Eisler vorrechnet, auf 350.000 Euro an Ersatz- und Einarbeitungskosten für die fünf Mitarbeiter.
Viele Frühpensionäre sind Fachkräfte
Auch Dr. Reinhold Festge, in Personalunion Präsident des Maschinenbauverbandes VDMA und Gesellschafter der Haver & Boecker in Oelde, die sich mit Maschinenbau und Drahtweberei beschäftigt, schmerzt die Tatsache, dass es offenbar überwiegend Fachleute aus dem Produktionsbereich sind, die infolge der neuen Rentenregelung ihr Unternehmen verlassen. Wie eine Trendumfrage des VDMA vom Herbst 2014 zeige, so Festge, müssten 74 % der vorzeitigen „Ausscheider“ der Gruppe der Facharbeiter und Meister zugerechnet werden.
„Wir laufen also in einem Herzstück der Produktion auf eine schwierige Situation zu“, mutmasst der VDMA-Präsident. Dabei sei weniger das Ausscheiden dieser erfahrenen Mitarbeiter als solches das Problem, so Verbandspräsident und Unternehmer Festge, als die Tatsache, dass die Rente mit 63 die Unternehmen seiner Branche geradezu überfallartig getroffen und die Personalplanungen durcheinandergewirbelt habe. Besondere Schwierigkeiten sieht Festge auf den Osten der Republik zukommen, wo die Alterspyramide in den Maschinenbauunternehmen besonders „ungünstig“ ist.
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