Wenn Wissen und Erfahrung in Pension gehen

Mit den Fachkräften geht auch das Know-how

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Dort könnte das sehr hohe Durchschnittsalter der Belegschaften zum Problem werden, ist Reinhard Pätz, Geschäftsführer des VDMA Ost, überzeugt. „Eine 45-jährige Berufstätigkeit ist hier keine Seltenheit“, meint der VDMA-Mann. Besonders ärgert Pätz, dass die von den Maschinenbauunternehmen in Ostdeutschland bereits seit Längerem betriebenen Aktivitäten, dem demografischen Wandel zu begegnen, durch die Rente mit 63 konterkariert werden könnten. So habe man in den vergangenen Jahren in weiser Voraussicht verstärkt ausgebildet, berufsbegleitende Fort- und Weiterbildungsmassnahmen eingeführt, Personalentwicklungskonzepte für Nachfolgeregelungen erarbeitet, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf organisiert sowie allerlei Aktivitäten im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements in die Wege geleitet. Alles das könnte durch den massenhaften Abgang von Anspruchsberechtigten zur ;Makulatur werden, befürchtet man beim VDMA Ost.

Valide Zahlen gibt es noch nicht

Pätz sieht deshalb die Rente mit 63 für die Maschinenbauer in den Ostländern ganz klar als Rückschlag, vor allem für die kleineren Unternehmen. „Ihre intensiven Bemühungen werden ausgehebelt“, schimpft der Landesverbands-Geschäftsführer – vor allem dann, wenn ein erfahrener Mitarbeiter vorzeitig in den Ruhestand geht und der für die Nachfolge geplante Kollege seine Ausbildung noch nicht abgeschlossen hat. 60 % der VDMA-Mitglieder in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen rechnen deshalb mit Problemen. Bis dato aber ist der ganz grosse Run auf die Rente mit 63 in diesen Regionen ausgeblieben.

Wie stark das neue Gesetz ein Unternehmen trifft, hängt von vielen Parametern ab, auch von seiner Grösse. Anders als im überwiegend mittelständisch strukturierten Maschinenbau begegnet man in der Grossindustrie, wo häufig über den eigenen Bedarf hinaus ausgebildet wird oder auf eine „Reservearmee“ von Zeitarbeitskräften und Aushilfen zurückgegriffen werden kann, dem Problem eher gelassen – beispielsweise bei Bosch. So geht Bosch-Personalentwicklerin Heidi Stock davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren rund ein 1 bis 2 % der Belegschaft nach den Regelungen zur abschlagsfreien Rente mit 63 gehen könnten. „Das ist bei mehr als 100.000 Mitarbeitern in Deutschland relativ wenig“, meint die Leiterin der Abteilung Mitarbeiterentwicklung des Automobilzulieferers.

Wirklich valide Zahlen über das Problem „Rente mit 63“ im Maschinen- und Anlagenbau gibt es derzeit nicht. Die VDMA-Trendumfrage kann bestenfalls ein Schlaglicht auf diesen Sachverhalt werfen. Im Laufe dieses Jahres werde man ein wirklich belastbares Zahlenwerk vorlegen können, verspricht Verbandspräsident Festge.

Firmen müssen aktiv gegensteuern

Eher pessimistisch beurteilt man die Lage in der bayerischen Wirtschaft, die sich durch die Rente mit 63 stärker belastet sieht. Jedes zweite Unternehmen im Freistaat kämpft mit den negativen Auswirkungen des vorgezogenen Ruhestands, ist beim Bayerischen Industrie- und Handelskammertag zu erfahren. „Der Ansturm auf die Rente mit 63 verschärft den Fachkräftemangel zur Unzeit und durchkreuzt in vielen Firmen die Personalplanungen“, beklagt BIHK-Präsident Eberhard Sasse. Weil die Regelung so plötzlich gekommen sei, hätten die Betriebe keine Zeit, Nachfolgelösungen oder geordnete Übergaben vorzubereiten, sagt Sasse und verweist auf eine Umfrage des BIHK.

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