SMM Kongress 2020 Mit schlanken Prozessen effizienter produzieren

Redakteur: Silvano Böni

Mit dem immer grösser werdenden Konkurrenzdruck und Veränderungen im wirtschaftlichen Umfeld sind die Themen Produktivität und Prozessoptimierung aktueller denn je. Wie mit schlanken Prozessen effizienter produziert werden kann, zeigte sich am SMM Kongress 2020, welcher wegen der Corona-Pandemie erstmals rein digital stattfinden musste.

Daniel Renfer, Hauptabteilungsleiter Qualitätsmanagement bei Fritz Studer, gab den Teilnehmern einen exklusiven Einblick in die Fliessmontage bei Studer.
Daniel Renfer, Hauptabteilungsleiter Qualitätsmanagement bei Fritz Studer, gab den Teilnehmern einen exklusiven Einblick in die Fliessmontage bei Studer.
(Bild: SMM)

Ein immer noch ungewohntes, aber dennoch mittlerweile vertrautes Bild zeigte sich am SMM Kongress 2020: Rein digital durch den Bildschirm begrüssten Matthias Böhm und Abetare Cakiqi die Teilnehmer des diesjährigen SMM Kongress und des parallel stattfindenden FertigungsForum. Durch die neuen Anweisungen des Bundesamts für Gesundheit musste die Veranstaltung in letzter Minute doch noch von der physischen in die virtuelle Welt transferiert werden – und das klappte wunderbar. Nach kurzer Einführung des Vogel-Teams begrüsste bereits Martin Wirth, Geschäftsführer von Brütsch Rüegger, die zahlreichen Teilnehmer des ersten virtuellen SMM Kongress.

Alles dreht sich um die Messbarkeit

Die Schweiz hat momentan mit schwierigen Rahmenbedingungen zu kämpfen, einerseits bereits länger durch den starken Franken, andererseits jetzt auch noch durch die Corona-Krise. «Gerade in einer solchen Situation ist Lean Manufacturing eine echte Chance für Schweizer KMUs», so Martin Wirth. Durch Steigerung der Effizienz erreicht man Kosteneinsparungen, und dank den heutigen Werkzeugen sind diese Verbesserungen klar messbar und nachhaltig. Früher musste alles «manuell» gemessen werden. Durch modernste Technologien, beispielsweise einen «digitalen Zwilling», hohe Rechnerleistungen und bezahlbare Datenspeicher sind die Möglichkeiten nun ein Vielfaches grösser. Dies belegte Martin Wirth auch anhand von Kundenreferenzen und zahlreichen beantworteten Fragen aus der Praxis.

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Blick direkt in die Fabrik

«Heute erwartet jeder Kunde, seine bestellten Waren am liebsten sofort zu bekommen.» Genau hier setzt QRM (Quick Response Manufacturing) an, so Robert Ulrich von der Wertfabrik. QRM ist eine Strategie, welche die Zeit absolut in den Fokus stellt. Und zwar nicht nur die reine Produktionszeit, sondern die gesamte Zeit ab Bestellung bis Lieferung. Dank massiven Reduzierungen der Gesamtdurchlaufzeit und damit der Lieferzeit werden gegenüber dem Wettbewerb unschlagbare Vorteile erarbeitet, die zu nachhaltigem Wachstum führen. QRM sei eine «ganzheitliche Unternehmensstrategie und eine perfekte Ergänzung zu Lean», so Ulrich abschliessend.

Gerade in der jetzigen Situation mit starkem Franken und der Corona-Pandemie ist Lean Manufacturing eine echte Chance für Schweizer KMUs

Martin Wirth, Geschäftsführer von Brütsch Rüegger

Vom Büro direkt in die Fabrik, das geht nur digital! Thomas Wengi, Managing Director bei GF Machining Solutions, und Stefan Werner, COO der Paoluzzo AG, begrüssten die Teilnehmer direkt aus der Produktion. Die beiden gaben einen spannenden Einblick auf das, was bei Paoluzzo in den vergangenen Wochen so geschah. Innerhalb eines Monats wurden 13 Maschinen, davon einige Neuinstallationen, komplett vernetzt. Rekordverdächtig. Aber warum das? Auch hier bestimmt der Lean-​Ansatz: Höchste Qualität und niedrigste Durchlaufzeit, als Resultat somit niedrigere Kosten.

Mit simplen Werkzeugen zur Smart Factory

Wie man bereits mit einfachen Mitteln den Weg zur intelligenten Fabrik beschreiten kann, zeigten die AWK Group und der Schraubenspezialist Bossard, genauer gesagt André Schmid und Urs Güttinger, anhand zweier simpler, aber genialer Beispiele der Smart-Factory-Logistics-Systeme von Bossard. «SmartBin» sind Boxen mit integriertem Gewichtssensor. Anwender haben damit stetig den Überblick über die Lagerbestände. Die Nachfrage wird automatisch identifiziert und Nachschub automatisch ausgeliefert. Das «Smart­Label» ist hingegen ein E-Paper-Display, welches an jedem beliebigen Lagerort befestigt werden kann. Das Label zeigt alle relevanten Produktinformationen, den Bestellstatus sowie das Lieferdatum in Echtzeit an.

Die IT-Architektur ist die Grundlage für den Erfolg der intelligenten Fabrik

André Schmid, Head of Manufacturing AWK Group

Auch wieder im Duo stellten David Stein­egger und Christian Schatt von Bucher Hydraulics ihre «Cindy» vor. Das Senkbremsventil, welches hauptsächlich für grosse Mobilkrane oder auch Bagger eingesetzt wird, ist Lean Manufacturing vom Feinsten. Auf einer Linie wird das Ventil in vier Baugrössen, mit 25 unterschiedlichen Funktionen und so in 3500 verschiedenen Ausführungen produziert – und das auf Wunsch auch in Losgrösse 1. Dabei wird jedes Ventil auch auf Funktion und Sicherheit geprüft.

Die Rychiger AG kennt nicht jeder, die Produkte, welche die Sondermaschinen aus Steffisburg herstellen, aber schon, wie Peter Dähler, Vice President Operations, mit einem Schmunzeln erwähnte. Das Unternehmen ist mit einem Anteil von 40 Prozent Weltmarktführer für Hochleistungsmaschinen für Kaffeekapseln. Bei Rychiger wird Lean nach folgendem Grundsatz eingesetzt: Einfachheit. Denn «Einfachheit ermöglicht Begeisterung, und Begeisterung ist die Voraussetzung für den Erfolg», so Peter Dähler und zeigte das gleich anhand zahlreicher Beispiele aus dem eigenen Haus.

Abschluss der Lean-Management-Karriere

Den «krönenden Abschluss seiner Lean-​Management-Karriere» nannte Daniel Renfer, der neu Hauptabteilungsleiter Qualitätsmanagement bei Fritz Studer wird, sein Referat am SMM Kongress. Er gab spannende Einblicke in das Lean-Management-Engagement bei Studer. So bekomme beispielsweise jeder neue Mitarbeiter eine 5S-Schulung, das geht hoch bis zur Geschäftsführung. Bei Studer läuft das alles unter dem Motto und der Unternehmensphilosophie PuLs – Präzision und Leidenschaft. Dabei wird der «Lean-Gedanke» gelebt und nach ständiger Optimierung gestrebt. Bestehendes wird konsequent in Frage gestellt und Änderungen forciert. Das sei das Erfolgsgeheimnis des Unternehmens, so Daniel Renfer und schloss sein Referat mit einer passenden Aussage: «Lean mit dem Ansatz von schlanken und verschwendungsfreien Prozessen ist die Grundlage und Voraussetzung für die Industrie 4.0 und einer zielführenden Digitalisierung».

Produktivität und Prozessoptimierung stand auch beim Referat von Rolf Jauch, Newemag, und Beat Baumgartner, Triag International, im Vordergrund. Um auch weiterhin in der Schweiz produzieren zu können, müsse er laufend raffinierter und produktiver fertigen. Das bedeute «schnellere Maschinen, optimierte Abläufe und ein steigender Automatisierungsgrad», so Rolf Baumgartner. Als Beispiel nannte er ein vertikales 5-Achsen-Hochleistungsbearbeitungszentrum aus dem japanischen Hause Matsuura. Dieses ersetzte damals zwei dreiachsige und eine vierachsige Maschine, erhöhte den Ausstoss wie auch den Automatisierungsgrad und ist seither rund um die Uhr im Einsatz, inklusive mannloser Schichten.

Auch bei Christoph Andris von Heller stand die Produktivität im Fokus. Dies präsentierte er anhand einiger Beispiele, eines bei Goodj Automation in Sargans. Das Ziel: Reduzierung der Stückkosten, grös­sere Flexibilität, Teilebevorratung <72 h und somit eine mannlose Fertigung. Die Lösung: Ein 4-Achs-Bearbeitungszentrum H 2000 mit Palettenwechsler und 406 Werkzeugen von Heller inklusive Roboter für Vorrichtungswechsel und Teilebeladung. Das Resultat: Reduzierte Nebenzeiten, eine gesteigerte Flexibilität, eine bestens ausgelastete Maschine und eine höhere Produktivität.

Weltneuheit aus dem Herzen von Zürich

Den krönenden Abschluss des ersten digitalen SMM Kongress lieferte Patrik Meli, Managing Director bei MAN Energy Solutions Schweiz AG, mit der Präsentation des weltweit ersten Unterwasser-Turbokompressors – entwickelt und produziert im Herzen von Zürich, direkt am ehrwürdigen Escher-Wyss-Platz. Mittlerweile sind zwei solcher Anlagen in Norwegen in 300 Metern Tiefe im Dauereinsatz, seit fünf Jahren, ohne Unterbruch. Eine wahrliche Meisterleistung, welche den perfekten Ausklang zum SMM Kongress 2020 darstellte. SMM

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