Industrie 4.0 eröffnet neue Chancen für den Hochqualitäts-Produktionsstandort Schweiz. Dafür braucht es zukunftsfähige und praxisbezogene Aus- und Weiterbildungen – wie zum Beispiel den neu ausgelegten Bildungsgang zum Produktionsfachmann/frau und Produktionstechniker/in HF.
Industrie 4.0, Digitalisierung und Automatisierung, flexible Handling-Systeme, One-Piece-Produktion und intelligente Produkte eröffnen neue Chancen für den Hochqualitäts-Produktionsstandort Schweiz.
(Bild: Swissmechanic)
Unsere Schweizer Produktionsfirmen stehen unter grossem Kostendruck. Auch haben sich die Kundenbedürfnisse verändert; der Trend geht zu individualisierten Produkten bis hin zu Losgrösse 1. Daher sind Konzepte gefragt, die es ermöglichen, effizienter, flexibler und kostengünstiger zu produzieren. Wichtige Stichworte in diesem Zusammenhang sind Digitalisierung, Automatisierung und Industrie 4.0. Die Digitalisierung beschränkt sich nicht nur auf den Maschinenpark der Produktion. Vielmehr müssen auch die Prozesse, die dahinterstehen, digitalisiert werden. Dies gilt aber nicht nur im eigenen Unternehmen, sondern auch bei Lieferanten, Partnerfirmen und Kunden. Diese konsequente Digitalisierung und Vernetzung der gesamten Lieferkette kann dann auch grosse Effizienzgewinne bringen.
Das Thema Industrie 4.0 und somit auch die Digitalisierung im gesamten Wertschöpfungsprozess beeinflusst die Ausbildung in technischen Berufen sehr stark. Mit der Ausbildung zum Produktionstechniker/in HF werden diese Themen umfassend behandelt; den Studierenden soll das Rüstzeug gegeben werden, die digitale Transformation im eigenen Unternehmen aktiv mitgestalten und vorantreiben zu können. Neben einem breiten Fachwissen wird auch unternehmerisches Verständnis und Führungskompetenz vermittelt.
Hanspeter Aeschlimann beantwortet nachfolgend vier Fragen zum neu konzipierten Bildungsgang. Er ist Dozent im Fach- und Diplomstudium des Bildungsganges Produktionstechnik HF und verfügt über langjährige Erfahrung in verschiedenen Industriebetrieben in den Bereichen Automatisierung, Robotik und Industrialisierung. Heute ist er als Manager Concept Engineering bei der Rychiger AG in Steffisburg tätig.
An wen richtet sich die neu ausgelegte Weiterbildung zum Produktionsfachmann/frau und Produktionstechniker/in HF?
Hanspeter Aeschlimann: Die Weiterbildung richtet sich hauptsächlich an Berufsleute aus dem Produktionsumfeld, die sich weiterentwickeln und beruflich weiterkommen wollen. Dies können Polymechaniker, Produktionsmechaniker, Metallbauer, Automatiker, Kunststofftechnologen (Frauen und Männer) und Interessierte aus ähnlichen Berufen sein.
Was erwartet die Studierenden? In welchen Modulen werden die Kompetenzen vermittelt, um in einem industriellen Produktionsumfeld nach den Ansätzen von Industrie 4.0 zu arbeiten? Wie wird der Praxisbezug sichergestellt?
H. Aeschlimann: Im Fachstudium werden hinsichtlich Industrie 4.0 in den Wahlmodulen CNC-CAM-Techniken oder Handling-Systeme und speziell im Modul Industrie 4.0 (Basic) umfassende Grundlagen vermittelt. Im weiterführenden Diplomstudium wird dann im Modul Industrie 4.0 (Advanced) das Thema mit Einbezug einer digitalen Musterfabrik (Advanced Factory 4.0) vertieft. In diesem Modul werden verschiedene Produktionsszenarien anhand von praxisorientierten Aufgaben durch die Studierenden erarbeitet, in der «digitalen Fabrik» simuliert und hinsichtlich Kosten und Nutzen beurteilt.
Welche beruflichen Perspektiven ergeben sich mit dem Abschluss zum Produktionsfachmann/frau und zum Produktionstechniker/in? Welche Arbeits- und Tätigkeitsgebiete können die künftigen Produktionsfachleute und Produktionstechniker/innen besetzen?
H. Aeschlimann: Nach dem Abschluss des Studiums zum Produktionstechniker/in eröffnen sich neue berufliche Möglichkeiten wie z. B. die Übernahme einer Führungsfunktion in einem Produktionsunternehmen. Dies kann die Leitung einer Produktions- oder Montagegruppe sein, aber auch die Leitung einer Produktionsabteilung. Im Weiteren ist die Übernahme einer Kaderposition in der Produktionsplanung und Steuerung oder eine Tätigkeit als Projektleiter denkbar.
Wie sehen Sie künftige Schulungen? Welche (neuen) Unterrichtsformen wird es Ihrer Meinung nach in Zukunft geben?
H. Aeschlimann: Meiner Meinung nach wird sich eine Mischform zwischen Präsenzunterricht und E-Learning etablieren. In unserer Ausbildung gibt es Module, die zwingend vor Ort gemacht werden müssen, um die Effektivität des Unterrichts sicherzustellen. Learning 4.0 wird jedoch in Zukunft ein wichtiger Faktor werden, denken wir an Themen wie künstliche Intelligenz, digitale Zwillinge von Produktionssystemen, Produktionssimulation in der digitalisierten Fabrik usw. Die geeignete Kombination zwischen physischem und digitalem Unterricht wird ein wichtiger Erfolgsfaktor in der Ausbildung werden.
Der neu konzipierte Diplomlehrgang wird diesen Herbst anlaufen. Das neu ausgelegte Fachstudium hat hingegen bereits gestartet. So fand die erste Schulung «Handling Systems» vor einem Jahr in Luzern statt. Dieses Modul kann im Rahmen des erwähnten HF-Bildungsganges oder als Einzelkurs besucht werden. Was sind die ersten Erfahrungen? Gemäss Dozent René Baumann waren die Studierenden überrascht darüber, wie viele Varianten von Handling-Systemen es gibt bzw. wie viele Einsatz- und Anwendungsmöglichkeiten bereits angeboten und erfolgreich umgesetzt werden. Vonseiten der Studierenden wird betont, dass das Modul sehr abwechslungsreich und breit gestaltet ist. Weiter wird positiv hervorgehoben, dass diverse Fachspezialisten aus der Industrie ihre topaktuellen Erfahrungen und Erkenntnisse eins zu eins vermitteln. Ein Student beschreibt den Nutzen des Moduls wie folgt: «Dank diesem Wissen konnte ich mich bereits in diversen Automatisierungsprojekten gewinnbringend einbringen.»
Stand vom 30.10.2020
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Auch die Rückmeldungen aus Arbeitgebersicht sind durchwegs positiv. So spricht Philip Howis, Geschäftsführer der Jossi AG in Islikon TG, von einer Win-win-Situation: «Einerseits haben die Weiterbildungen stets einen positiven Einfluss auf die Zufriedenheit und Motivation des Mitarbeitenden. Anderseits kommt so auch frisches Wissen in die Firma selbst, durchbricht ein wenig die ‹Betriebsblindheit› und fördert die Verbesserung der internen Abläufe und Prozesse.» Weiter betont Howis, dass die Mitarbeitenden sich nicht nur fachlich, sondern auch persönlich weiterentwickeln.
Werkplatz Schweiz zukunftsfähig machen
Wie eine konsequente Digitalisierung und Vernetzung aussehen kann, zeigt ein Projekt der Krefatec Solutions AG und der Pamatool AG. Geplant ist eine hochautomatisierte, flexible und vernetzte Fertigungsstrasse mit zwei Bearbeitungszentren für die mannlose Kleinserien- und Einzelteilherstellung, Werkstückvermessung inklusive. Gemäss Pamatool-Geschäftsführer René Baumann sei es entscheidend, dass die Anlage komplett fertig bearbeitete Werkstücke produziert, Messprotokoll inklusive. Das sei aufgrund des diversifizierten Bauteilspektrums, den kleinen Losgrössen und den hohen Anforderungen an die Präzision und Termintreue eine enorme Herausforderung.
Das Projekt zeigt zum einen, wie das Potenzial von Industrie 4.0 ausgeschöpft werden kann. Zum anderen wird deutlich, dass es am Standort Schweiz dank seiner gebündelten Kompetenz möglich ist, eine Fertigungsstrategie zu entwickeln, die technologisch und wirtschaftlich Weltspitze ist. Dazu braucht die Industrie aber topqualifizierte Mitarbeitende wie beispielsweise Produktionstechniker/innen, die eine Schlüsselposition in innovativen Unternehmen der Industrie 4.0 besetzen und einen Beitrag leisten, dass Industrie-4.0-Lösungen umgesetzt werden können. SMM