«Nischenstrategie hat sich bisher bewährt», Michael Hauser, Präsident CECIMO

Redakteur: Susanne Reinshagen

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Michael Hauser, CEO der Tornos SA: «Die EMO ist ein wichtiges Sprungbrett für Werkzeugmaschinenunternehmen, um Aufträge zu generieren.» (Bild: GF AgieCharmilles)
Michael Hauser, CEO der Tornos SA: «Die EMO ist ein wichtiges Sprungbrett für Werkzeugmaschinenunternehmen, um Aufträge zu generieren.» (Bild: GF AgieCharmilles)

Interview mit Michael Hauser, Präsident CECIMO Biel/Brüssel

SMM: Viele Unternehmer wittern grosse Geschäfte in China. Wie beurteilen Sie die Geschäftschancen für die Schweizer MEM-Industrie in China?

Michael Hauser: China hat sich in den letzten zehn Jahren zum grössten Werkzeugmaschinenverbraucher der Welt entwickelt, was den meisten westlichen Unternehmen volle Auftragsbücher bescherte. Viele Unternehmen haben inzwischen einen Exportanteil nach China, der bei über 20% liegt. Auf der anderen Seite gehen inzwischen 4 von 10 weltweit installierten Maschinen in einer chinesischen Fabrik ans Stromnetz, das sagt ja eigentlich alles, oder? D.h. westliche Unternehmen sollten mindestens 40% ihres Umsatzes in China machen, was derzeit bei den meisten Firmen aber nicht zutrifft. Zudem sind wir leider nicht mehr in der komfortablen Lage, diesen Markt allein aus dem Westen zu bedienen. Niedergelassene ausländische Unternehmen, aber auch die chinesischen Hersteller selbst haben enorm aufgeholt und produzieren inzwischen gute Maschinen insbesondere für die lokalen Privatkunden, welche den stärksten Wachstumssektor darstellen. Wir werden uns also anstrengen müssen, um unsere Position zu halten bzw. nicht noch mehr in die Nische gedrängt zu werden. Auf der anderen Seite wird der Bedarf nach Präzisions- und Qualitätsprodukten enorm steigen, was uns wieder zugute kommen wird, da wir hier die entsprechenden Lösungen anbieten können. Die Nischen- bzw. Spezialitätenstrategie hat sich bisher für die Schweizer Unternehmen bewährt. Direkter Kontakt und Nähe zum Kunden, Problemlösungsverständnis sowie mühelose Überwindung von sprachlichen und kulturellen Barrieren waren bisher die entscheidenden Erfolgsfaktoren. Einige dieser Erfolgsfaktoren können wir in China leider nicht ausspielen, was uns zum Umdenken zwingt. Entscheidend wird deshalb sein, ob es den Schweizer Unternehmen gelingt, ein dem Markt angepasstes Geschäftsmodell zu entwickeln, das sich von den lokalen Wettbewerbern unterscheidet. Der chinesische Kunde muss bereit sein, Premiumpreise für Schweizer Produkte und Dienstleistungen zu bezahlen, ansonsten haben wir langfristig keine Chance.

Alle sprechen von China. Welche weiteren Länder im Fernen Osten bieten sich zudem als Exportland oder Produktionsstätte Ihrer Meinung nach an und weshalb?

M. Hauser: Wir dürfen natürlich auch die anderen asiatischen Märkte nicht vernachlässigen. Indien gilt als ein Favorit bei den sog. Emerging Markets. Derzeit laufen intensive Verhandlungen bzgl. Freihandelsabkommen zwischen Europa und Indien. Die aktuellen Einfuhrzölle Indiens stellen nämlich ein wesentliches Hemmnis für westliche Exporteure dar. Ob Indien jedoch jemals die gleiche Dynamik wie China entwickeln wird, bleibt fraglich. Das politische System und die Infrastrukturen haben bis heute einfach nicht die gleiche Effizienz.

Was raten Sie Unternehmern, die in China Fuss fassen wollen? Welche Chancen und welche Risiken erwarten Sie?

M. Hauser: Interessant ist zunächst einmal die Tatsache, dass sich heute kaum mehr ein Unternehmen die Frage stellt, ob, sondern v.a wie man in China Fuss fassen soll. Das war vor zehn Jahren völlig anders. Unternehmen, welche früh in China investiert haben, stehen heute natürlich vor ganz anderen Herausforderungen wie diejenigen, welche noch gar nicht begonnen haben. Während sich die erste Gruppe vor allem mit heiklen Themen wie Gewinnausschüttung bzw. Verwendung der dort erwirtschafteten Gelder beschäftigen darf, stellt sich bei der zweiten Gruppe eher die Frage, wie sie noch auf den schnell fahrenden Zug aufspringen können. Viele Unternehmen machen zudem leider oftmals die gleichen Fehler, was sehr bedauerlich ist. So werden immer wieder Produkte, die eigentlich für den westlichen Markt und dessen Zuliefererstruktur entwickelt wurden, nach China verlagert, in der Hoffnung, dass diese dann 30–40 % günstiger vor Ort produziert werden können, was selten der Fall ist. Hohe Kosten und letztlich Misserfolg entstehen häufig auch dann, wenn zu stark auf westlichen Standards bestanden wird oder zu viele Expats zum Einsatz kommen. Beim Kauf eines chinesischen Unternehmens ist auf alle Fälle darauf zu achten, dass man behutsam mit den erworbenen Firmen umgeht. Gedanken zum Schutz des geistigen Eigentums, vor allem im F&E-Bereich, Mitarbeiterbindungsprogramme, inkrementale Verbesserungsmassnahmen bei bestehenden Produkten und effiziente Vertriebssteuerungsprogramme sollten dabei im Fokus stehen. Neben den Produkten und der Produktion sollten wir uns vor allem mehr auf den Bereich Marketing konzentrieren. Wir müssen sicherstellen, dass auch der chinesische Kunde Premiumpreise insbesondere für unsere lokalisierten Produkte bezahlt. Dies geht nur über den Aufbau einer entsprechenden Markenstrategie. Chancen sehe ich zudem auch im Bereich Service und Dienstleistung, der in China in grossen Teilen noch nicht richtig entwickelt ist.

Ökonomen warnen immer wieder vor einer Überhitzung der chinesischen Wirtschaft und befürchten eine Blase, die bald platzen wird. Wie beurteilen Sie diese Gefahr?

M. Hauser: Bei der Dynamik des enormen Wirtschaftswachstums ist klar, dass Gedanken einer Überhitzung bzw. das Entstehen einer Blase aufkommen müssen, v.a wenn man die Entwicklung der Immobilienpreise, Lebenshaltungskosten und Löhne in den Ballungszentren Chinas betrachtet. Die chinesische Regierung versucht mit allen Mitteln gegenzusteuern, was ihr aber nicht immer gelingt. Auf der anderen Seite ist der Nachholbedarf Chinas enorm. Rund 1 Mia. der insgesamt 1,4 Mia. Menschen streben nach einem gehobenen Lebensstandard und werden dafür alles geben und dabei den Konsum vorantreiben, was letztlich wieder der Investitionsgüterindustrie helfen wird.

Mehr Sorgen macht mir die künftige Rohstoff- und Energieversorgung. Während wir im Westen von einem Austritt aus der Atomenergie sprechen, gibt es in China enorme Expansionspläne auf diesem Gebiet. Die gemeinsame Bewältigung dieser ehrgeizigen Pläne stellt die eigentliche Herausforderung dar.

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