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Kundengiesserei hält an Standort Schweiz fest Spezialisierung auf Nischenbereich essenziell

| Autor / Redakteur: Luca Meister, Redaktor SMM / Luca Meister

Seit der europäischen Wirtschaftskrise hat die vonRoll casting Gruppe – wie diverse andere Schweizer Giessereien – währungsbedingt an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Aber keine Kunden; diese haben bei ihren Bestellungen zum Teil die Währungsdifferenz selber übernommen. Wie schafft das ein mittelgrosses Unternehmen im Hochlohnland Schweiz?

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«Speiser», welche die Lunkerbildung bei der Erstarrung eines Gussteil verhindern.
«Speiser», welche die Lunkerbildung bei der Erstarrung eines Gussteil verhindern.
(Bild: SMM)

Giessereien haben es im Moment nicht leicht. Je länger die Wirtschaft stagniert, desto schwerer wird das Überleben, temporäre Kurzarbeit ist seit 2008 vielerorts nötig. Widerspiegelt sieht man diesen Trend am kürzlich vom Schweizer Giesserei-Verband veröffentlichten Jahresergebnis 2012 (siehe Online-Beitrag auf www.maschinenmarkt.ch). Die Währungssituation und der negative Konjunkturverlauf fordern die zu 80 Prozent in den Euro-Raum exportierende Industrie stark heraus. Die kostengünstigere Konkurrenz aus Billiglohnländern gewinnt vor allem im Graugussbereich und bei einfachen Bauteilen Aufträge. Einige Giesserei-Kunden verlagerten ihre Produktionen ins Ausland und lassen ihre Teile nun zum Teil auch dort giessen. Einzig die Bahnindustrie verzeichnet einen Anstieg in der Nachfrage nach Gussteilen.

Das Gesamtresultat der Schweizer Giesserei-Industrie – ein Minus von 20 Prozent – kann jedoch ein wenig relativiert werden: Da in Tonnagen gerechnet wird und der Trend zu immer dünnwandigeren Komponenten (wie z. B. im Automobilbau) zunimmt, ist der Rückgang nicht so gross, wie er auf den ersten Blick scheint.

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Einzigartiges Angebot

Obwohl zurzeit auch vonRoll casting den Rückgang beim Auftragseingang spürt, hat man dort keine Angst vor der Zukunft. Die Unternehmensgruppe ist spezialisiert auf komplexe, kernintensive und dünnwandige Gussteile. Am Standort Emmenbrücke werden Komponenten von 2 bis 150 Kilogramm (Klein- bis Grossserien) hergestellt wie z. B. Drehgestellkomponenten, Retarder für hydrodynamische Bremssysteme, Abgaskrümmer für LKWs oder Turbolader-Komponenten für Schiffsdieselmotoren. Für diese Unternehmensgrösse (in Emmenbrücke sind 220 Mitarbeiter beschäftigt) bietet die Kundengiesserei eine für die Schweiz einzigartige Entwicklungsdienstleistung: das «Simultaneous Engineering». Es wird durch das Engineering Center am Standort Emmenbrücke angeboten.

Die Giesserei hebt sich von der Konkurrenz ab, indem sie Gussteile für Kunden von Grund auf konstruiert, entwickelt und simuliert. Die mit «Pro Engineer» und «Catia» entworfenen Teile werden im Engineering Center mittels der Finite-Elemente-Methode berechnet und entwickelt und anschliessend virtuell gegossen (mit der Software «Magma») sowie giesstechnisch optimiert. Anschliessend werden die Giesswerkzeuge, sogenannte Modelle und Kernbüchsen, mit den CAM-Daten aus Catia auf einer der beiden CNC-gesteuerten Fünf-Achs-Fräsmaschinen hergestellt.

Simulation beschleunigt

Über 95 Prozent der «gut simulierten» Teile kommen auch in der Produktion gut heraus. Ein beachtlicher Wert, wenn man in Erinnerung ruft, dass früher die Schlaufe der Verbesserungsprozesse am Gussmodell stets mehrmals wiederholt werden musste. Der oft langwierige und daher kostenintensive Prozess konnte durch die Simulation fast komplett eliminiert werden. Gemäss Danilo Fiato, CEO der vonRoll casting Gruppe, zahlt sich die Dienstleistung aus: «Der zusätzliche Entwicklungs- und Simulationsaufwand zahlt sich durch eine kürzere ‹time to market› locker aus.»

Montierte Baugruppen

Ein typischer Konstruktions- und Entwicklungsauftrag kam z. B. vor sechs Jahren von der Stadler Rail AG: Für den Schienenfahrzeughersteller hat vonRoll casting damals ein erstes Getriebegehäuse entwickelt, worauf drei weitere Getriebegehäuse folgten. Der Entwicklungsabteilung in Emmenbrücke wurden die vorherrschenden Kräfte und Lastfälle übermittelt, darauf wurden diese in die FE-Analyse integriert und das Getriebegehäuse entsprechend ausgelegt. Dieses komplexe Bauteil wird in der Verantwortung der vonRoll casting mechanisch bearbeitet, lackiert und einbaufertig für die Getriebemontage beim Kunden angeliefert.

Generell wird bei vonRoll casting konsequent versucht, bestehende Komponenten der Baugruppe im Engineering Center neu zu konzipieren, damit diese von teureren Werkstoffen auf kostengünstigere Eisenguss-Werkstoffe umgestellt werden können. Die Unternehmensgruppe liefert heute je länger je mehr fertig bearbeitete Gussteile, bis hin zu vormontierten Baugruppen, die direkt an die Montagebänder der Kunden geliefert werden. Dazu Fiato: «Das Angebot an komplett bearbeiteten bis hin zu vormontierten Baugruppen bringt uns zusätzliche Wertschöpfung und stärkt die Kundenbindung.»

Hohe Teilequalität

Allgemein erlaubt das eigene Design auch engere Toleranzen respektive eine bessere Teilequalität. Das Komplettangebot vom Engineering bis zur Montage macht die Kundengiesserei auch international wettbewerbsfähig. Langjährige Kunden aus dem Ausland wissen diese Vorteile zu schätzen, wie Fiato erklärt: «Die Kunden bestellen bei uns, weil sie wissen, dass wir ihre Vorgaben zuverlässig einhalten und nehmen dafür tendenziell höhere Preise in Kauf. Unsere Kunden machen allerdings auch die Erfahrung, dass durch unsere Prozess-Sicherheit die Gesamtkosten, trotz höherem Gussteilepreis, schliesslich tiefer liegen.» Sie seien sogar bereit, die Währungsdifferenz selber zu begleichen, die seit der Euro-Krise respektive dem stärker gewordenen Franken existiert. Fiato ergänzt: «Je schwieriger und komplexer die Teile, desto besser für uns. Diese qualitativ hochwertig herzustellen, darin liegt unsere Stärke. Wir suchen auf der ganzen Welt komplexe Bauteile und spüren so Neukunden und neue Verkaufs-Chancen auf.»

Doppelspurig fahren

Bereits vor vielen Jahren wurde der Geschäftsführung der vonRoll casting Gruppe bewusst, dass man sich mit der bisherigen, gut laufenden Produktion nicht auf den Lorbeeren ausruhen konnte. Typisches Produkt von damals waren die in Emmenbrücke in Grossserie produzierten Hydranten und die im Jura produzierten Schachtdeckel. Solche Teile mit eher einfacheren Geometrien können Giessereien aus Billiglohnländern mittlerweile in ebenbürtiger Qualität herstellen. Um sich langfristig auf dem Markt durchzusetzen, musste man sich also neu ausrichten. Dies hat die vonRoll casting Gruppe geschickt realisiert: In der Innerschweiz konzentriert sie sich hauptsächlich auf dünnwandige Teile, in der Westschweiz am Standort Delémont vor allem auf Teile mit vielen Hohlräumen, die Formen mit vielen Sandkernen abverlangen (z .B. Zylinderköpfe mit 24 Kernen). Nach der geschäftlichen Umorientierung tragen die Hydranten und der Bauguss heute nur noch knapp acht Prozent zum Umsatz der Gruppe bei.

Neue Formanlage statt Auslandverlagerung

Seit einem halben Jahr ist am Standort Emmenbrücke eine neue Formanlage inklusive Peripherie für 19 Millionen Schweizer Franken in Betrieb. Auf die Frage, wieso man aufgrund der schwierigen Situation eine teilweise Verlagerung, beispielsweise nur des Giessprozesses, nicht in Betracht zieht, antwortet CEO Fiato skeptisch: «Die Nähe von Entwicklung und Produktion bringt viele Vorteile mit sich. Gerade bei komplexen Teilen sind der Austausch und die enge Zusammenarbeit zwischen dem Engineering Center und den Fertigungsabteilungen enorm wichtig. Nur so ist unserer Meinung nach sichergestellt, dass wir die nötige Prozess-Sicherheit von der Entwicklung bis zum fertigen Bauteil garantieren können.» Ausserdem stellt die Übertragung des Know-hows ein Problem dar: Zu einem grossen Teil steckt das im Giessprozess selber. Und dieses Wissen will man nicht streuen. <<

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