Stürmische Zeiten für die Medizintechnikbranche

Redakteur: Anne Richter

>> Das Erfolgsmodell Schweizer Medizintechnikbranche ist in Gefahr. Zu diesem Fazit kommen die Autoren der aktuellen Kurzstudie zur Schweizer Medizintechnik in ihrem Zwischenbericht. Die weltweite Konsolidierung der Branche führt dazu, dass vor allem kleine und mittlere Betriebe in der Wertschöpfungskette weiter nach hinten gedrängt werden.

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Mit der diesjährigen Ausgabe wird sich die Medisiams neu positionieren auf reine Mikrofertigung in der Medizin.
Mit der diesjährigen Ausgabe wird sich die Medisiams neu positionieren auf reine Mikrofertigung in der Medizin.
(Bild: Medisiams)

Bisher kannte die Schweizer Medizintechnikbranche nur eine Entwicklungsrichtung – nach oben. Mit teilweise zweistelligen Wachstumsraten wurde die Branche verwöhnt und ist eins der Erfolgsmodelle der Schweizer Exportwirtschaft. Diese Entwicklung scheint nun gestoppt, denn stürmische Zeiten stehen bevor. Dies zeigen die Autoren des Branchenreports der Schweizer Medizintechnikindustrie (SMTI) «Swiss Medical Technology Industry 2011» Beatus Hofrichter und Patrick Dümmler von Medtech Switzerland im November 2011 in einem Zwischenbericht.

Während im Jahr 2010 die Unternehmen der Medizintechnikbranche im Durchschnitt noch von einem Umsatzwachstum in 2011 von zwölf Prozent ausgingen, rechnen sie jetzt mit einem Nullwachstum, d. h. mit Stagnation. Und es sind nicht mehr in erster Linie die sogenannten Triple Challenges aus Kosten- und Preisdruck und höherem Wettbewerb, die den Unternehmen Sorgen bereiten, sondern vor allem strategische Herausforderungen. Dabei steht die Verfügbarkeit von Fachkräften sowohl bei Herstellerfirmen als auch bei Zulieferunternehmen an erster Stelle des Sorgenbarometers. Insbesondere aus den Bereichen Marketing und Vertrieb sowie der Regulatorien fehlen den Unternehmen Fachleute. Verschärfte regulatorische Anforderungen und marktgetriebene Veränderungen erschweren dieses Problem. Zusätzlich hat der starke Franken einen limitierenden Einfluss auf das Umsatzwachstum.

Insgesamt sind das technische Know-how und die Qualität der Medizinprodukte «Swiss Made» aber auf einem sehr hohen Niveau. Auch gelten Schweizer Medizintechnik-Unternehmen trotz hoher Löhne als qualitativ hochstehende Fertiger und sie zählen zu den effizientesten Standorten, denn in den letzten Jahren haben sie sehr viel Energie in die Optimierung von Technologie und Prozessen investiert. Darüber haben allerdings die meisten Unternehmen eine strategische Neuausrichtung verpasst. «Wir sehen, dass eine Konsolidierung des Marktes eintreten wird», erläutert Beatus Hofrichter und warnt gleichzeitig: «und Schweizer Unternehmen sind ungenügend darauf vorbereitet.»

Eigensicht behindert strategische Neuausrichtung

Der Trend geht dahin, dass sich die grossen Global Players hin zu Vollsortimentanbietern bzw. zu «Package-Tender/Konsortium-Anbietern» entwickeln. Diese Unternehmen sind in der Lage, ganze Spitäler oder Spitalbereiche komplett auszustatten. Zudem sind solche Hersteller bemüht, durch strategische Zukäufe ganze Therapiefelder oder hohe Marktanteile dieser für sich langfristig zu sichern. In der Folge fallen Unternehmen in der Wertschöpfungskette weiter nach hinten – vormalige Hersteller werden so zu Zulieferern und vormalige Zulieferunternehmen ersten Ranges werden zweit- oder drittrangig. Die betroffenen Unternehmen unterliegen dadurch einem grösseren Kostendruck und haben weniger Entscheidungsspielraum. «Hier haben die Schweizer Hersteller sich zu sehr auf ihre angestammten Segmente konzentriert und es verpasst, sich strategisch neu auszurichten. Firmen denken primär aus der Eigensicht und vernachlässigen dabei, darüber nachzudenken, wo es sinnvoll wäre, Allianzen einzugehen oder dazuzukaufen», erläutert Beatus Hofrichter. So wird beispielsweise aufgrund der Frankenstärke eher darüber nachgedacht, mit der Produktion ins Ausland zu gehen als als eine Strategierevision bzgl. Produkten und Sortimenten anzustossen oder neue Geschäftsmodelle in Betracht zu ziehen.

Schwere Rahmenbedingungen

Eine weitere Entwicklung in der Medizintechnikbranche, die Unternehmen vor Herausforderungen stellt, ist eine Zunahme an regulatorischen Massnahmen, vor allem in aufstrebenden Ländern und Wachstumsmärkten wie Brasilien. Das führt zu wesentlich höheren Hürden beim Markteintritt. Zusätzlich bedingt der gestiegene Anspruch an Qualitätsmanagementsysteme und die Datenqualität höhere Investitionen in kostenaufwändige Dokumentation und Datengenerierung. Vor allem für kleine und mittlere Betriebe stellen hier die entsprechend höheren Prozesskosten eine Herausforderung dar. Auch ist es für diese Unternehmen schwieriger, gut ausgebildete Fachkräfte zu rekrutieren. Ein anderer Entwicklungstrend geht dahin, dass bei der Produktzulassung ein «Clinical Utility»-Nachweis erbracht werden muss, das heisst, Neuerungen müssen einen höheren/optimierteren systemischen Nutzen gegenüber bestehenden Produkten und/oder Dienstleistungen erbringen, um eine Zulassung zu erhalten. «Damit greifen zukünftige Me-too-Strategien nicht mehr», erklärt Beatus Hofrichter.

Strategien für die Zukunft

Trotz der gegenwärtigen Krisenstimmung sehen die Autoren der Studie gute Möglichkeiten und Chancen für die Schweizer Medizintechnikindustrie. Da es den Schweizer KMUs an der kritischen Grösse fehlt, notwendige Investitionen in Forschung und Entwicklung aus eigener Kraft durchzuführen, müssen diese demnach geeignete Allianzen eingehen, um die Grössennachteile zu kompensieren und um auch ein breiteres Angebotsspektrum anbieten zu können. Ausserdem empfehlen die Autoren noch stärkeren Fokus auf Innovationen und auf regulatorische Aspekte zu legen. Vor allem sind proaktive Strategien zur Personalbeschaffung notwendig, um dem gravierenden Fachkräftemangel und den stürmischen Zeiten zu begegnen. <<

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