Die Art, wie Tesla konstruiert, hält Einzug in der chinesischen Autoindustrie: Immer mehr Hersteller setzen auf die riesigen Druckguss-Maschinen, mit denen Tesla arbeitet – damit kann eine Karosserie aus nur noch wenigen Teilen gefertigt werden.
Druckguss-Maschinen der Superlative sollen künftig für den Bau des Model Y von Tesla auch in Deutschland zum Einsatz kommen.
(Bild: Otto)
Tesla bezieht seine „Giga Press” getauften Druckguss-Maschinen bei dem Maschinenbauer LK Technology in Hongkong. 2019 gab Elon Musk dort die damals weltweit grösste Maschine dieser Art in Auftrag. Er sagte, sie habe „die Grösse eines kleinen Hauses”. Mit einer einzigen Druckguss-Maschine dieser Grösse kann der hintere „Body” eines E-Autos aus einem einzigen Teil gegossen werden, womit eine Vielzahl an Teilen eingespart werden kann.
Nun haben bereits sechs chinesische Autohersteller solche Druckguss-Maschinen bestellt, sagt der Gründer von LK Technology, Liu Siong Song, in einem Interview mit der New York Times:
Zusätzlich zu Tesla wird LK bis Anfang 2022 ähnliche, riesige Gussmaschinen an sechs chinesische Firmen liefern, weil mehr Autohersteller Teslas Art adoptieren, Autos zu machen.
Damit hat in der chinesischen Autoindustrie der Siegeszug einer Konstruktionsweise begonnen, die in Kreisen traditioneller OEM noch immer mit Misstrauen beäugt wird.
Sowohl der vordere als auch der hintere Unterboden des Model Y werden in einem Stück gegossen – auf einer riesigen Druckguss-Maschine aus Hongkong.
(Bild: Otto)
Was passiert, wenn einzelne Teile repariert werden müssen, etwa nach einem Unfall, fragen die Gegner der von Tesla eingeführten Konstruktionspraxis unter anderem. Doch Tesla hat sich nie beirren lassen, ist von den Vorzügen seiner in Hongkong hergestellten 6000-Tonnen-Giga-Press, mit der das E-Auto „Model Y“ produziert wird, und der 8000-Tonnen-Giga-Press für seinen neuen Cybertruck überzeugt. Weltweit soll Tesla Medienberichten zufolge schon mindestens 14 der Monster-Maschinen im Einsatz haben.
Der Maschinenbauer LK Technology aus Hongkong hilft Elon Musk dabei, wie der Amerikaner es selbst ausgedrückt hat, „ausgewachsene Autos so zu machen, wie Spielzeug-Autos gemacht werden”. Und das ist wörtlich zu verstehen, denn LK Technology, 1979 in Hongkong gegründet, hatte erst mit Maschinen zur Herstellung der kleinen „Matchbox“-Autos aus Aluminium begonnen.
Der heute 69jährige Unternehmensgründer Liu Siong Song ist ein in Indonesien geborener ethnischer Chinese, der schon im Alter von zehn Jahren in der Werkstatt seines Vaters ganze Autos zusammen geschraubt hat:
Ich liebe Arbeiten mehr als Reisen oder Unterhaltung. Es gibt Nichts, was mich mehr erfüllt, als die Konstruktion einer Maschine.
Liu in einem Interview mit Foundry Planet
Nach Druckguss-Maschinen für Spielzeugautos und Uhrengehäusen begann er, immer grössere Konstruktionsteile zu drucken, etwa Karosserien für Motorräder. Doch der grosse Durchbruch für LK Technology kam erst, als der Kunde Elon Musk anklopfte. Mehr als ein Jahr lang hat Liu eigenen Aussagen zufolge mit den Ingenieuren von Tesla kooperiert, bis die erste Maschine fertig war. Das Ergebnis ist, was Musk selbst „eine Revolution in der Konstruktion von Auto-Karosserien” nennt.
Deutlich weniger Einzelteile in der Model-S-Karosserie
Dank der strukturellen Innovation könne das „Tesla Model Y insgesamt 370 Teile und Komponenten einsparen“, schreibt die chinesische Autozeitung Weilai Qiche Ribao. Damit werde das Auto um 10 Prozent leichter, was seine Reichweite bei gleicher Batterieleistung um 14 Prozent vergrössere. Klar, dass auch die Kosteneinsparungen beträchtlich sind.
Dank der Innovation könne das „Tesla Model Y insgesamt 370 Teile und Komponenten einsparen.
(Bild: Otto)
Im vergangenen Jahr hat Tesla erstmals den gesamten hinteren Karosserie-Teil des Model Y in einem einzigen Stück gefertigt, inklusive der Stossstange. „Damit sind erfolgreich 70 verschiedene in nur noch zwei Teilen integriert worden,“ schreibt die chinesische Autozeitung.
Das Verfahren ermögliche die Produktion von grösseren Serien in kürzerer Zeit, berichten chinesische Fachmedien. Die grossen Druckguss-Maschinen „vereinfachen den Schweiss- und Klebeprozess, was nicht nur die Produktionskosten stark reduziert, sondern auch die Zeit verkürzt, bis das Fahrzeug von der Produktions-Linie rollt,“ schreibt Weilai Qiche Ribao.
Traditionelle OEM setzen nach wie vor auf das Stanzen, Schweissen, Beschichten und dann die Endmontage einer grossen Zahl von Karosserie-Teilen. Manche Hersteller wie BMW, Audi oder Cadillac fertigen zwar Karosserie-Teile aus Aluminium, bisher aber nicht „Body-Teile“ von der Grösse, wie Tesla sie verbaut.
Chinas Autobauer auf der Überholspur
Chinesische Autohersteller sehen in dem Verfahren eine Chance, die traditionellen Autobauer aus Deutschland, den USA und anderen Ländern „in der Kurve zu überholen“, heisst es in den Berichten. Will sagen: Während im Zeitalter der E-Mobilität die Karten ingesamt neu gemischt werden, bieten solche Innovationen den chinesischen Mitbewerbern wichtige Wettbewerbsvorteile.
Stand vom 30.10.2020
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Nun springen immer mehr Autobauer in China auf diesen „Giga-Press-Zug“ auf. Im Mai dieses Jahres habe LK Technology sieben Druckguss-Maschinen ausgeliefert. Ein Teil davon ging an Tesla, ein anderer Teil an Wecan, einen chinesischen Zulieferer des chinesischen E-Auto-Startups NIO, berichtete das chinesische Nachrichtenportal Sina.
Sprungbrett für chinesische Zulieferer
Die Art und Weise, wie bei Tesla Autos gebaut werden, setze „die traditionellen Autohersteller unter grossen Druck”, wird Liu von LK Technology in der New York Times zitiert. Tesla spiele daher jetzt für die chinesische Automobil-Industrie gerade eine ähnliche Rolle, wie sie Apple mit seinen Bestellungen bei innovativen Zulieferern in China für die dortige Handy-Industrie gespielt hat, analysiert die New York Times.
Tesla etabliere neue Technologien in der Volksrepublik, die dann chinesischen Konkurrenten der etablierten Autohersteller ebenfalls zum Durchbruch verhelfen könnten. Ähnlich sei es mit Handy-Herstellern wie Xiaomi oder Vivo gewesen, die mit den Zulieferern von Apple zu arbeiten begannen, und die nun in Europa und Asien mit ihren Handys sehr erfolgreich sind.
„China ist auf dem Weg, eine grosse Kraft im Bereich Elektrofahrzeuge zu werden und Tesla und einige E-Auto-Startups helfen den Firmen des Landes dabei, noch wettbewerbsfähiger zu werden,” schreibt die New York Times.
* Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.