Am 29. Februar 2024 fand in Zürich die Jahresmedienkonferenz von Swissmem statt. Es wurden die Jahreszahlen 2023 der Schweizer Tech-Industrie präsentiert und ein Ausblick auf das laufende Geschäftsjahr gegeben. Swissmem-Direktor Stefan Brupbacher im SMM-Interview über die kommenden Herausforderungen und Chancen.
Dr. Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem: «Nun heisst es verstärkt, Themen wie Digitalisierung, Automatisierung und den Einsatz von neuen Technologien wie KI so voranzutreiben, dass sie auch einen Beitrag zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme wie Dekarbonisierung leisten.»
(Bild: Swissmem)
SMM: In der Jahresmedienkonferenz von Swissmem hiess es, dass Maschinen künftig hierzulande produziert werden könnten statt in Deutschland, wenn die Schweiz das Freihandelsabkommen mit Indien noch vor der EU abschliesst. Welche Rolle spielt Indien in diesem Szenario?
Stefan Brupbacher: Dies ist nur ein Beispiel von vielen, wie solche Verlagerungen stattfinden können, wenn die Rahmenbedingungen in der Schweiz vorteilhafter sind als im Ausland. Die USA und Europa betreiben viel Industriepolitik, aber das muss auch bezahlt werden. Für eine gewisse Zeit geht das über Schulden, irgendwann steigen aber die Steuern massiv, denn Schulden von heute sind Steuern von morgen. Deshalb sagen wir: «Lieber tiefe Steuern für alle als Subventionen für wenige.» Es gibt eine Vielzahl dieser Rahmenbedingungen, die zu einer Verlagerung in die Schweiz führen können – aber es gibt auch eine Vielzahl von Bedingungen, die zu einer Abwanderung aus der Schweiz führen können. Wenn wir das Freihandelsabkommen mit Indien haben, wird die Zolldifferenz zu Deutschland 22 Prozent betragen, was für einige produzierende Unternehmen durchaus ein Faktor für eine Standortverlagerung sein kann. Das Gleiche geschah schon mit dem Freihandelsabkommen mit China. Im Einzelfall kann ein Freihandelsabkommen also der Grund für eine Standortverlagerung sein, es ist aber immer die Summe der besseren Rahmenbedingungen, die es ausmacht.
Anmerkung der Redaktion: Der Abschluss des Freihandelsabkommens mit Indien ist inzwischen am 10. März 2024 erfolgt.
Welche Auswirkungen hätte eine solche Produktionsverlagerung für die Schweiz – auch in Hinblick auf Deutschland und die EU als wichtigster Handelspartner?
S. Brupbacher: In der Schweiz haben wir 9 Mio. Einwohner, die EU hat 450 Mio., von daher muss sich die EU keine Sorgen um eine Deindustrialisierung durch Abwanderung in die Schweiz machen. Das viel gefährlichere Szenario für Europa ist die Deindustrialisierung der Basisindustrie durch Abwanderung nach Amerika. Mit der Überregulierung durch Lieferkettengesetz, Taxonomie, Green Deal etc. macht sich Europa kaputt. Das ist eine Gefahr, die auch uns betrifft – auch wenn wir wohlgemerkt Ziele wie Netto-Null mittragen. Denn mit einem Exportanteil von 57 Prozent in die EU und insbesondere sehr vielen Exporten nach Deutschland, wo wir enge Partner haben, ist es uns gar nicht recht, wenn es Europa nicht gut geht. Uns geht es gut, wenn es Europa gut geht.
Europa geht es auch aufgrund des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine nicht gut. Vergangenen Monat jährte er sich zum zweiten Mal. Im vergangenen Jahr sagte Jean-Philippe Kohl, Vizedirektor und Bereichsleiter Wirtschaftspolitik bei Swissmem, im SMM-Interview: «Abgesehen von der durch den Krieg verursachten Energiekrise halten sich die wirtschaftlichen Konsequenzen für die Schweizer Tech-Industrie in Grenzen.» Wie hat sich die Situation für die Schweizer Tech-Industrie seither entwickelt?
S. Brupbacher: Jean-Philippe Kohl bezog sich speziell auf die Exporte nach Russland und nicht auf das generelle Umfeld. Da Russland und die Ukraine kleine Märkte für die Schweiz sind, ist die Tech-Industrie nicht vom Pferd gefallen. Aber der Krieg ist politisch und vor allem sicherheitspolitisch sehr schlecht für uns und eine grosse Herausforderung für die europäische Gesellschaft. Wir werden in den nächsten Jahren viel mehr in die Verteidigung und in die Dekarbonisierung investieren müssen, was wiederum bedeutet, dass wir irgendwo anders sparen müssen. Es ist keine einfache Frage, wie unsere Gesellschaften sparen und an der richtigen Stelle investieren können, nachdem die Party seit 1990 leider vorbei ist.
Und auf die Energiekrise bezogen: Dieses Jahr gab es keine Energiekrise. Warum? Weil das Wetter mitspielte. Wie schon im vergangenen Jahr hatten wir einfach klimatisches Glück. Vor dem Hintergrund der Dekarbonisierung und der Probleme beim Netzausbau in Europa bleibt die Gefahr einer Energiekrise jedoch bestehen. Nur durch die im Vergleich zu China oder den USA höheren Energiepreise ist sie in gewisser Weise heute schon da. Unsere Unternehmen sind zwar grösstenteils nicht sehr energieintensiv, aber vor allem unsere Stahl- und Aluminiumwerke werden durch die hohen Preise geschwächt.
Die Massnahmenwirkungen und Reduktionsziele bis 2030 im Rahmen des CO2-Gesetzes und das gesetzlich verankerte Netto-Null-Ziel bis 2050 «zwingen zu pragmatischen Lösungen», so Jean-Philippe Kohl. Was bedeutet das konkret?
S. Brupbacher: Unsere Mitglieder haben die CO2-Emissionen um 55 bis 58 Prozent reduziert. Das Ziel für 2040 lag bei 40 Prozent. Damit ist die Tech-Industrie bereits auf einem guten Kurs. Wie haben wir das geschafft? Ganz wesentlich durch das sogenannte Zielerreichungssystem. Gemeinsam mit der Energieagentur der Wirtschaft haben wir uns reformiert, Strom gespart, CO2 reduziert und sind deshalb von der CO2-Abgabe befreit worden. Wenn wir das Ambitionsniveau der Zielvereinbarungen erhöhen, werden wir weitere dieser «low hanging fruits» ernten können. Das bewährte Instrument ist also: von der Industrie für die Industrie.
Das neue Gesetz, das im Juni 2023 verabschiedet wurde, enthält Emissionsreduktionspläne, also Fahrpläne für die Dekarbonisierung. Wenn diese jetzt umgesetzt werden, zum Beispiel mit der Energieagentur durch Zusammenarbeit von Wissenschaft und betroffenen Unternehmen, können wir noch viel erreichen.
Stand vom 30.10.2020
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Das Thema Ihres nächsten Industrietags am 25. Juni in Bern lautet «NextGen Industry – Traditionen, Trends Technologien». Geben Sie uns einen Ausblick: Wie sieht die «NextGen Industry» der Schweiz aus?
S. Brupbacher: Das wird ein spannender Industrietag – ich will noch nicht zu viel verraten. Wir haben schon 500 Anmeldungen. Ich lade alle Branchenvertreter ein, dabei zu sein!
Die Industrie hat schon immer den technologischen Wandel mitgestaltet. Nun heisst es verstärkt, Themen wie Digitalisierung, Automatisierung und den Einsatz von neuen Technologien wie KI so voranzutreiben, dass sie auch einen Beitrag zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme wie Dekarbonisierung leisten. Wir können bei solchen Problemen den Kopf nicht in den Sand stecken, gleichzeitig ist «Verteuern und Verbieten» auch keine Lösung. Der einzige Weg ist Technologie. Und wer macht die Technologie? Das ist die Tech-Industrie.
Das effektiv Neue daran ist, dass uns neue Technologien auch neue Möglichkeiten eröffnen. So können beispielsweise neue Materialien eingesetzt werden, sei es bei der Herstellung von Batterien oder in anderen Bereichen. Unsere Industrien, unsere Werkzeugmaschinen, unsere Elektronik liefern die Lösungen für jede Herausforderung.
Welche Rolle wird KI in der «NextGen Industry» spielen?
S. Brupbacher: Klar ist: KI wird viel verändern und entwickelt sich derzeit enorm schnell. Aber KI ist auch ein Buzzword. Es wird aktuell gehypt, danach kommt das Tal der Tränen und dann die Realität. Die Realität ist, dass KI im Grundsatz eine viel bessere Verwertung von Daten bedeutet und daher eigentlich eine Fortschreibung von dem, was viele unserer Firmen bereits machen. KI wird aber die Effizienz rund um Maschinen und interne Prozesse massiv steigern und das verlangt Anpassungen. Für kleine und mittlere Firmen ist dieser technologische Wandel eine grosse Herausforderung. KI wird neue Skills verlangen – aber auch das ist nichts Neues für die Industrie. Besonders gefordert ist die Forschung und Entwicklung: Hier müssen sich die Unternehmen mehr in Richtung kollaborative Innovation bewegen, was wiederum eine Anpassung der Unternehmenskultur verlangt. Gemäss unseren Studien haben die Schweizer KMU hier noch Optimierungspotential und wir von Swissmem eine Aufgabe.
Wie stellen Sie sich dieser Aufgabe?
S. Brupbacher: Um ein Ökosystem des Zusammenarbeitens zu unterstützen, bieten wir beispielsweise die Plattform «Industrie 2025» an. Diese Initiative, die bald einen neuen Namen erhält, fördert die Unternehmen hinsichtlich ihrer Digitalisierungsstrategien. Sie können sich dort über «Best Practices» austauschen und mit externen Partnern aus Wirtschaft und Universitäten vernetzen. Auch unterstützen wir die Firmen bei Projekten mit Innosuisse im Rahmen von Horizon Europe.
Die Industrie ist zudem Träger von Inspire, der strategischen Plattform der ETH Zürich für den Wissens- und Technologietransfer auf dem Gebiet der Produktionstechnik. Hier können Unternehmen sich und ihre Projekte mit Hilfe der Forschung weiterentwickeln. Und speziell hinsichtlich KI arbeiten wir mit der EPFL, eine der besten Adressen in Kontinentaleuropa, zusammen.