«Wissen, wie <br/>Engineering gemacht wird»
Stryker Osteonics in Selzach, Hersteller von medizinischen Implantaten, ist ein hochproduktives Unternehmen in einer innovativen Branche. Im Interview äussert sich Geschäftsführer Thomas Wahl über die Lean Philosophie, nach der im gesamten Konzern gearbeitet wird und über die Bedingungen des Werkplatzes Schweiz aus Sicht eines internationalen Konzerns.
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SMM: Wie schätzen Sie die Standortbedingungen des Werkplatzes Schweiz ein?
Thomas Wahl: Wir sind davon überzeugt, dass die Schweiz hervorragende Standortbedingungen bietet. Das beginnt mit einem sehr guten Ausbildungssystem als Basis. Die duale Berufsbildung und die weiterführenden Einrichtungen mit Polytechnika, Hochschulen und Universitäten in der Schweiz sind exzellent. Ein weiterer Faktor, der für den Standort Schweiz spricht, ist die liberale und flexible Arbeitsgesetzgebung. Das ermöglicht ein schnelles Agieren um Kapazitäten den schwankenden Bedürfnissen anzugleichen.
Sind das die einzigen Faktoren oder gibt es noch weitere Gründe, die für den Werkplatz Schweiz sprechen?
Wahl: Es sind die Schweizer Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, die den Standort Schweiz zusätzlich attraktiv machen. Jeder kann sich darauf verlassen, dass Zeitpläne und Vereinbarungen eingehalten werden. Das sind die sogenannten weichen Faktoren. Die Schweiz ist ein wunderschönes Land mit intakter Natur wo wir auch unseren ausländischen Mitarbeitern, den sogenannten Expats eine gute Lebensqualität bieten. Selbstverständlich spielen auch die politisch stabilen Verhältnisse immer eine wichtige Rolle, wenn es um Standortentscheidungen geht.
Wo gibt es Optimierungspotential wenn es um den Werkplatz Schweiz geht?
Wahl: Optimierungspotential gibt es selbstverständlich überall. Wir stehen im internationalen Wettbewerb, beispielsweise auch um die Arbeitskräfte. Momentan haben wir Expats aus aller Welt, die haben auch Familie. Die Kinder brauchen internationale Schulen. Dieses Angebot ist hier noch ausbaufähig. Auch die Partner unserer Mitarbeiter wollen sich beschäftigen und arbeiten. Das ist leider auch etwas schwierig.
Wie sieht es generell mit der Verfügbarkeit von Arbeitskräften aus?
Wahl: Vor zwei Jahren hatten wir verschiedene Engpässe bei Fachkräften. Quer durch alle Berufsgruppen haben Mitarbeitende gefehlt, vom Polymechaniker bis zum Ingenieur. Die Lage hat sich zwar etwas entspannt, aber die Medizintechnik ist nicht vergleichbar mit dem allgemeinen Maschinenbau. Hier sind ganz spezielle Fachkenntnisse gefordert.
Wie schätzen Sie die Zukunft des Werkplatzes Schweiz ein?
Wahl: Ich sehe ein sehr gutes Zukunftspotential für den Werkplatz Schweiz. Die Innovationsrate ist sehr hoch auch wegen der guten Bildungsstätten, den Universitäten und Fachhochschulen. Das Problem sind die Kosten. Ein Unternehmen muss auch einen Mehrwert generieren können. So sehe ich für alle nicht automatisierbaren Prozesse und Handmontagen die Zukunft nicht in der Schweiz. Ausserdem holen Wettbewerber aus osteuropäischen Ländern wie Polen, Rumänien, Tschechien und die Slowakei auf. Hier ist schon viel Know-how vorhanden, auf das aufgebaut werden kann.
Sie haben die Kostenfrage angesprochen. Wie schafft es Stryker Osteonics in Selzach in einem Hochlohnland so profitabel zu arbeiten?
Wahl: Wir zeigen, dass wir unsere Kostenreduktionsabläufe wirklich einbinden und dass es nicht nur Lippenbekenntnisse sind. Unsere Produktion arbeitet 24 Stunden und das an sieben Tagen in der Woche. Aber nicht nur bei uns, sondern auch in Deutschland arbeiten unsere Werke produktiv. Wir (die Medtech-Branche - Anmerkung d. Red.) begeben uns in dieselbe Richtung wie die Automobilindustrie: flexibel aber hocheffizient. Es geht dabei um das Wissen wie Engineering gemacht wird, um das Wissen rund um das gesamte Ingenieurwesen. Das ist in beiden Ländern sehr gut etabliert.
Ein Grund für die hohe Produktivität des Werkes ist die Lean Philosophie nach der im Konzern gearbeitet wird. Wie kam es zu der Entscheidung?
Wahl: Es sind nicht nur wir in Selzach, die nach der Lean Philosophie arbeiten. Es wurden damals weltweit alle Stryker-Werke auf Lean umgestellt. Wir haben gesehen, dass wir etwas tun mussten, um unsere Produktivität zu erhöhen.
So eine Umstellung funktioniert aber nicht von heute auf morgen. Wie lange benötigt man dafür?
Wahl: Ja, das ist eine komplette Kulturänderung. Sie dauert zwischen zwei und drei Jahren. Wir haben erst Testteams gebildet und geschaut, wie sie sich entwickeln. Die ganze Verantwortung ging an die Teams. Und die Mitarbeiter müssen sich, ihre Arbeit und die Ergebnisse auch messen lassen. Das ist eine enorme Umstellung.
Um wie viel konnten Sie dadurch Ihre Produktivität steigern?
Wahl: Die Produktivitätssteigerung liegt zwischen fünf und zehn Prozent, zudem wird auch eine fünf- bis zehnprozentige Kostenoptimierung angestrebt.
Was bedeutet es generell für ein Unternehmen nach der Lean Philosophie zu arbeiten?
Wahl: In erster Linie bedeutet es Verantwortung abzugeben. Das Prinzip der Inselfertigung - was zur Lean Philosophie gehört - funktioniert so, dass in den einzelnen Teams entschieden wird, wie die Arbeit organisiert wird. Das geht soweit, dass die Teams entscheiden, welche Maschinen angeschafft werden sollen. Für die Mitarbeiter bedeutet es, sich und ihre Arbeit messen zu lassen. Die Führung funktioniert über Kenngrössen. Faktoren wie Qualität, Durchlaufzeiten und Liefertreue werden über Kenngrössen gemessen. Natürlich darf man nie mit dem zufrieden sein, was man erreicht hat. Nur so ist man auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig - auch in einem Hochlohnland.
Was macht dabei die Besonderheit der Medizintechnik aus?
Wahl: In der Medizintechnikbranche geht es um Menschen, deshalb ist der Medtec-Markt auch hochregulativ. Die Gesundheitsbehörden, das europäische Medizinische Produktegesetz (MDD) und vor allem die amerikanische FDA haben die Macht, im schlimmsten Fall sogar ein Importverbot zu veranlassen. Das wäre eine Katastrophe für jedes Unternehmen. Und auch die Gesundheitsbehörden anderer Länder wie Brasilien und Japan wollen ihre Regularien durchsetzen. Der Einstieg in die Medizintechnik ist deshalb für ein Unternehmen sehr anspruchsvoll, vor allem wenn es auf dem globalen Markt aktiv sein will.
Was bedeutet das konkret?
Wahl: Jeder Schritt muss beschrieben und dokumentiert sein - sonst ist er nicht gemacht. Jede Änderung muss aufgezeichnet sein und das über die gesamte Lieferkette hinweg. Hinzu kommt, dass auch das Rek-lamationswesen einwandfrei funktionieren muss. Bei einem beanstandeten Produkt muss genau untersucht werden, was der Grund des Problems ist und ob eine Systematik dahintersteckt oder ob der Fehler zufällig aufgetreten ist.
Was bedeutet es für Ihre Zulieferer, dass Sie nach der Lean Philosophie arbeiten?
Wahl: Für uns ist wichtig, dass Zulieferer ihre Prozesse stabil beherrschen. Nach welcher Philosophie sie produzieren ist nebensächlich. Die gesetzlichen Anforderungen müssen eingehalten werden - bezüglich der Qualität lassen wir nichts offen. Wenn man in dieser Branche als Global Player mitspielt, darf man sich keine Fehler erlauben - das wissen auch unsere Zulieferer.
Wo sehen Sie die Zukunft der Medizintechnik?
Wahl: Insgesamt geht es um immer bessere und optimale Behandlungsmethoden für die Patienten, um schnellere Heilung und weniger Nebenwirkungen. Potentiale sehe ich beispielsweise in funktionalen Oberflächen. Durch Fortschritte in der Nanotechnologie gibt es hier ganz neue Möglichkeiten. So sind zum Beispiel Infektionen immer noch ein Thema in den Kliniken. Ein anderes Thema sind die sogenannten «smart» Implants. Hier geht es darum, genau erkennen zu können, ob und wie der Heilungsprozess mit einem Implantat im Patienten voranschreitet.
Welche Materialien werden in Zukunft eine Rolle spielen?
Wahl: Eine Anforderung, die aus der Praxis kommt, sind kleinere Implantate. Dafür müssen die Titanlegierungen fester werden, was natürlich wieder Einfluss auf die Bearbeitung der Materialien hat. Eine andere Entwicklung geht in Richtung nickelfreie Stähle, um eventuell auftretenden allergischen Reaktionen vorzubeugen. Beide Werkstoffe, sowohl Titan als auch Stahl, werden dabei weiterhin eine Rolle spielen, je nach Land und nach Chirurgen werden die Präferenzen aber verschieden sein.
Wie entwickeln Sie neue Produkte und Innovationen? Was sind die Prioritäten?
Wahl: Wir machen diese Arbeit nicht im Alleingang. Wir arbeiten weltweit mit Ärzten zusammen, denn aus der Praxis kommen die Anforderungen und die Bedürfnisse. Und natürlich spielt die Zusammenarbeit mit den Polytechnika eine grosse Rolle, mit der ETH und den Universitäten. Aber wir haben nicht nur eine Abteilung Forschung und Entwicklung wir greifen auch Innovationen von Mitarbeitenden auf. Für die beste Innovation verleihen wir unseren hauseigenen Innovations-Award, dabei spielt es keine Rolle aus welcher Abteilung der Mitarbeitende kommt.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anne Richter, Redaktion SMM
InformationStryker Osteonics SANiederlassung SelzachDr. Homer Stryker Strasse 12545 SelzachTel. 032 641 69 50Fax 032 641 69 55www.stryker.ch
