Besser Simulieren als Herumprobieren

Worauf es bei der Spritzgiesssimulation ankommt

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Konkrete Vorteile des Simulationseinsatzes

«Ein wesentlicher Vorteil des rechtzeitigen Einsatzes von Simulationsprogrammen ist insbesondere die Verkürzung der Entwicklungszeit», verrät T. Wittmann. Dabei sei der Vorteil in der Regel umso grösser, je früher in der Designphase damit begonnen werde. In diesem Zusammenhang habe ein Kunde – Leiter Simulation bei einem global agierenden Tier-1-Zulieferer – kürzlich erwähnt, dass man für jede in der Konstruktionsphase investierte Stunde Simulationszeit rund 30 Stunden Werkzeugänderungen in der Reifmachungsphase einsparen könne.

Konkrete Sparpotenziale ergeben sich auch aufgrund der Optimierung des Artikeldesigns mithilfe präziser Simulationsberechnungen. Eine besondere Rolle spielt hierbei das Auffinden bzw. die Vermeidung unnötig hoher Wanddicken. Wanddickenverringerungen wirken sich gleich zweifach positiv aus, einmal mit Blick auf die Materialkosten und zusätzlich auch aufgrund der zugleich möglichen Verkürzung der Produktionszyklen. So könne man z.B. für ein branchentypisches mittelständisches Unternehmen annehmen, dass dieses im Jahr mit 50 Spritzgiesswerkzeugen jeweils 100 000 Teile mit einer durchschnittlichen Zykluszeit von 40 Sekunden produziert. Geht man von einem Maschinenstundensatz von 35 Euro pro Stunde aus und gelingt es durch Einsatz der Spritzgießsimulation, die Zykluszeit pro produziertem Teil um 15 Prozent auf 34 Sekunden zu verkürzen, so summiert sich die jährliche Einsparung auf beachtliche 300 000 Euro.

Vergleichbare Vorteile sind auch in anderen Bereichen wie z.B. Materialeinsatz und Formenhaltbarkeit erzielbar, so dass der Gesamtvorteil des Einsatzes von Simulationsprogrammen schnell zu beachtlichen Grössenordnungen aufsummiert. Kumuliert können diese Vorteile schon innerhalb weniger Jahre auf Beträge im mittleren bis oberen sechsstelligen Bereich anwachsen.

Ein weiterer wesentlicher, aber nicht leicht quantifizierbarer Effekt betrifft die Begrenzung von Risiken schon vor der Abgabe eines Angebots. Dank des Einsatzes von Simulationsprogrammen ist es vielfach möglich, Machbarkeiten und mögliche Risiken vorab abzuklären und so unangenehme Überraschungen einzugrenzen.

Was wann simulieren?

«In der Prozesskette, die sich vom Erhalt einer Anfrage bis zur laufenden Produktion erstreckt, gibt es vier Phasen, in denen der Einsatz von Simulationsprogrammen zu empfehlen ist», weiss T. Wittmann. Die erste ist die Angebotsphase, in der man die Simulation zur Risikoabschätzung (und gegenüber dem Kunden zum Imagegewinn) einsetzen kann. Von entscheidender Bedeutung ist nach Auftragserhalt dann die Designphase: Solange die Geometrie des Teils noch nicht endgültig festgelegt ist, kann man hier durch geeignete Einflussnahme die Besonderheiten des Herstellprozesses – Stichwort «Product by Process» – optimal berücksichtigen. Durch die prozessgerechte Anpassung der Teilegeometrie lassen sich hierbei besonders hohe Kostensenkungspotenziale erschliessen. In dieser Phase werden zudem auch der Werkstoff und die grundlegende Prozessführung festgelegt.

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Fakten aus der Praxis I

- Beim Spritzgiessprozess sind 90 Prozent aller Mängel auf ungeeignete Wanddickenverhältnisse des Bauteils zurückzuführen.

- Eine um 1 °C erhöhte Werkzeugwandtemperatur verursacht eine Verlängerung der Kühlzeit um 2 Prozent.

Dennoch werden bisher Temperiersysteme in weniger als 30 Prozent der Moldflow-Simulationen analysiert und optimiert.

Die nächste Phase ist dann das Werkzeugdesign, in welcher die Werkzeugeinflüsse, das Anbindungssystem und die Formtemperierung festgelegt werden. Hier werden Kenngrössen wie Schliesskraftbedarf, Zykluszeit und Werkzeuglebensdauer definiert, die wesentliche Auswirkung auf die Wirtschaftlichkeit des Produktionsprozesses haben.

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Fakten aus der Praxis II

«Wir fahren die Maschine immer mit 4000 Tonnen Schliesskraft, auch wenn das nicht benötigt wird» (Eine Firma, die sich wunderte, dass nur rund 50 Prozent der anvisierten Werkzeuglebensdauer erreicht wurde. Laut Moldflow-Analyse hätten jedoch 2300 Tonnen gereicht).

Folgen laienhaft durchgeführter Simulationsberechnungen: «Das Bauteil verzieht sich – das sagt auch die Moldflow-Analyse, die unser Lieferant in China durchführen liess. Wir haben schon alles versucht – die nächste Änderung muss erfolgreich sein, sonst steht das Band – was können wir ändern? (Diese Firma hatte bereits 100 000,- € für mehrere Werkzeugänderungen in Verbindung mit einem Zeitverlust von 4 Monaten verbuchen müssen. Man hatte übersehen, dass:

  • der Verzug in der amateurhaft durchgeführten externen Moldflow-Analyse 100 Prozent invers war zu dem, was die vorliegenden Praxisteile zeigten
  • der Siegelpunkt laut Musterungsprotokoll sich mit 7 Sekunden deutlich von der Simulation unterschied, in der eine theoretisch wirksame Nachdruckdauer von 24 Sekunden ermittelt worden war)

Eine letzte Simulationsphase kann nach der Abmusterung erfolgen, um den gefundenen Prozess ggf. noch weiter zu optimieren und im Rahmen einer Fehleranalyse mögliche Massnahmen zur Beseitigung von Restmängeln virtuell zu überprüfen.

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