Interview mit Nicola Tettamanti Am Puls der Situation zum Nutzen der Mitglieder

Von Anne Richter 8 min Lesedauer

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Seit Oktober 2022 ist Nicola Tettamanti Präsident von Swissmechanic, führender Schweizer Verband für KMU der MEM-Branche. SMM-Redaktorin Anne Richter besuchte N. Tettamanti in Mezzovico, am Sitz seines Familienunternehmens Tecnopinz, und sprach mit ihm über die Herausforderungen, die er als neuer Präsident von Swissmechanic angehen will.

Nicola Tettamanti (rechts) im Gespräch mit seinem Werkstattleiter der Fertigung bei Tecnopinz in Mezzovico.(Bild:  Anne Richter, SMM)
Nicola Tettamanti (rechts) im Gespräch mit seinem Werkstattleiter der Fertigung bei Tecnopinz in Mezzovico.
(Bild: Anne Richter, SMM)

SMM: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl als Swissmechanic-Präsident. Das ist eine grosse Herausforderung in einer Zeit, in der die gesamte Gesellschaft verschiedene Krisen bewältigen muss. Wie gehen Sie damit um?

Nicola Tettamanti: Vielen Dank für die Glückwünsche. Für mich persönlich ist die Aufgabe als Verbandspräsident eine grosse Freude. Nach acht Jahren Arbeit im Vorstand bringe ich eine gewisse Erfahrung mit, die ich in den verschiedenen Krisen der letzten Jahre gesammelt habe. Schon bei meiner Wahl auf der Delegiertenversammlung habe ich gesagt, dass ich das Vertrauen in mich als Vertreter der jüngeren Generation sehr schätze. In solch einer schwierigen Zeit mit hohen Spannungen und Dynamiken ist es entscheidend, dass man agil und koordiniert reagiert und sich rasch an neue Situationen anpassen kann. Das müssen wir als Verband genauso machen wie die einzelnen Unternehmen.

Was ist dabei die grösste Herausforderung für den Verband Swissmechanic?

N. Tettamanti: Swissmechanic ist als Verband besonders, da wir mit 15 Sektionen föderalistisch organisiert sind. Die grösste Herausforderung, auf die wir uns strategisch einstellen müssen, ist die Geschwindigkeit der Krisen und Veränderungen. Das meine ich auch im positiven Sinne. Alles ist sehr viel schneller geworden. Das war so mit Corona und das ist auch jetzt so bei den gegenwärtigen geopolitischen Spannungen. Als Verband müssen wir einen Weg finden, auf eine schnelle und dynamische Weise die Interessen unserer Mitglieder effizient und effektiv zu vertreten. Wir müssen die Kapazität haben, uns national auf Basis fundierter Daten rasch positionieren zu können.

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Können Sie dazu ein Beispiel bringen?

N. Tettamanti: Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit ist die mögliche Energiemangellage. Hier haben wir schon mit einer Dynamik gearbeitet, die mir sehr gefallen hat. Wir haben sofort eine Umfrage bei unseren Mitgliedern erhoben und wir waren innerhalb einer Woche in der Lage, ein aussagekräftiges Bild unserer Branche abzubilden. Um sich ein fundiertes Bild der Lage zu verschaffen, muss man mit den digitalen Instrumenten von heute so arbeiten. Es reicht nicht mehr, im kleinen Kreis Informationen telefonisch zu sammeln. Wir werden mit dieser neuen Arbeitsweise auch näher an unseren Mitgliedern sein, weil wir den Puls in der jeweiligen Situation so besser fühlen können.

Was werden Ihre ersten konkreten Schritte sein?

N. Tettamanti: Die werden die Strategie betreffen. Um uns bestmöglich zu entwickeln, geht es darum, als Verband eine klare Strategie zu haben und diese in Jahresziele umzusetzen. Meine Hauptarbeit besteht im Moment darin, eine neue Vision zu definieren und den Verband für die Zukunft zu positionieren. Die ersten wichtigen Schritte nach meiner Wahl im Oktober 2022 sind schon gemacht und im Verlauf des Jahres 2023 wird es eine Konkretisierung geben, die wir dann auch an die Öffentlichkeit kommunizieren werden.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage von Schweizer KMU der MEM-Branche ein?

N. Tettamanti: Rein wirtschaftlich betrachtet ist das Jahr 2022 für die Branche positiv verlaufen. Aber es ziehen immer mehr Wolken am Horizont auf. Vor allem im ersten Halbjahr 2022 war die Auftragslage aufgrund der Corona-Nachholeffekte sehr gut. Doch im Verlauf des Jahres kamen neue, unerwartete und von uns nicht beeinflussbare Veränderungen hinzu. Dazu gehören die Entwicklung der Energie- und Rohstoffpreise, die Inflation und die Sanktionen. Hinzu kommen die immer noch anhaltenden Probleme bei den Lieferketten, der Wechselkurs und der Mangel an Arbeits- und Fachkräften. Das stellt uns vor grosse Herausforderungen. Gleichzeitig stehen wir vor einer möglichen Energiemangellage und viele Mitglieder erleben die steigenden Energie- und Rohstoffpreise wirtschaftlich als sehr problematisch. Die MEM-Industrie ist energie­intensiv vor allem in Bezug auf Strom und wir erlebten dieses Jahr eine Verzehnfachung oder sogar Verfünfzehnfachung der Einkaufspreise für Energie.

Welche speziellen Herausforderungen sehen Sie für die KMU der MEM-Branche? Inwieweit kann Swissmechanic hier seine Mitglieder unterstützen?

N. Tettamanti: Hier sehe ich zwei wesentliche Elemente. Zum einen ist es die Energieproblematik mit den hohen Energiepreisen. Als Verband setzen wir uns dafür ein, dass wir die Kommunikation mit den verschiedenen Akteuren vorantreiben. Mittels Lage-Monitoring wollen wir fundierte Aussagen treffen können, die als Grundlage für politische Entscheidungen dienen und damit die Interessen unserer Mitglieder verteidigen. Die zweite Problematik betrifft den Wechselkurs. Der Wechselkurs hat starken Einfluss auf die KMU-Betriebe. International aufgestellte Betriebe können mit der Währungsproblematik anders umgehen als KMU, die ihre Fertigung zu hundert Prozent in der Schweiz haben. Als Verband schauen wir, dass wir die Politik zu diesem Thema mit klarem Monitoring und klaren Aussagen sensibilisieren. Es darf auf keinen Fall vergessen gehen, dass die Schweiz und die Schweizer Industrie sehr stark vom Export leben.

Sie hatten es gerade schon angesprochen. Worin liegen die Unterschiede der Herausforderungen für KMU im Vergleich zu Grossunternehmen?

N. Tettamanti: Ein Grossunternehmen mit mehreren internationalen Niederlassungen kann sich strategisch mit seiner Fertigung so aufstellen, dass gewisse geo­grafische oder monetäre Risiken minimiert werden. So können exportorien­tierte Schweizer Unternehmen mit der Produktion im Euroraum die Währungsproblematik umgehen. Ein Swissmechanic-Mitglied fertigt normalerweise in der Schweiz. Bei einer Fakturierung in Euro liegt das Wechselkursrisiko hundertprozentig beim KMU. Ausserdem haben KMU eine andere Verhandlungsstärke als Grossunternehmen und sie sind den Richtlinien und Konditionen der Grosskunden viel stärker unterworfen. Dieser Nachteil geht aber mit einem wichtigen Vorteil zusammen. Wegen der kleineren Hierarchien ist bei den KMU die Fähigkeit, sich anzupassen, sehr viel ausgeprägter. KMU haben eine enorme Wandlungsfähigkeit und Anpassungs­bereitschaft, sie können sich sehr schnell mit neuen und besseren Lösungen am Markt präsentieren.

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Wo sehen Sie den Verband Swissmechanic als Vertreter der KMU innerhalb der Schweizer Wirtschaft positio­niert?

N. Tettamanti: Wir spielen hier eine Schlüsselrolle, da wir unseren Fokus ganz klar auf die KMU der MEM-Industrie legen. Unsere Kommunikation ist aufgrund der Umfragen, die wir erheben, sehr aussagekräftig. Mit unseren schnellen Reaktionen auf Veränderungen sind wir immer am Puls der Zeit. Damit können wir der Schweizer Wirtschaft eine Dienstleistung bringen und ein klares Lagebild unserer Zielgruppe bzw. Zielbranche zeichnen. Wir können schnell und fundiert Aussagen treffen, die für die kleinen und mittleren Betriebe unserer Branche wichtig sind, sei es für die Bildung, die Wirtschaft oder Poli­tik.

Stichwort Fachkräftemangel. Für KMU ist viel schwerer, Fachkräfte und auch Lehrlinge zu finden, als für grössere namhafte Hersteller. Wie können die KMU hier unterstützt werden? Welche Möglichkeiten gibt es?

N. Tettamanti: Als Berufsverband müssen wir die Grundlagen schaffen, dass wir die Lernenden auf dem höchstmöglichen Niveau ausbilden können. Die Qualität unserer Fachkräfte ist die Basis unserer Wettbewerbsfähigkeit. Mit einer guten Aus­bildung schafft man gute Berufsleute. Das stärkt die Branche, macht sie attraktiv und es erhöht sich die Chance, neue, junge Berufs­leute zu finden. Schon heute ist Swissmechanic in der Bildung führend. Die Grundbildung ist dabei eine extrem wichtige Säule. In allen unseren Sektionen haben wir eigene Ausbildungszentren. Gleichzeitig engagieren wir uns in der für die Branche wichtigen Berufsreform. Die Reform ist eines unserer wesentlichsten Projekte in den nächsten Jahren. Wir haben zusammen mit anderen Verbänden eine führende Position in der Gestaltung und der Koordination. Es geht dabei um einen neuen, an die Erfordernisse der heutigen Zeit angepassten Aufbau der Grundausbildung der Berufe in der MEM-Industrie. Die Berufe sollen sich auch für die neue Generation innovativ präsentieren.

Wie beurteilen Sie vor dem Hintergrund gestiegener Energie- und Rohstoffpreise die Möglichkeiten von KMU im Vergleich zu Grossunternehmen, an ihren Kosten­strukturen zu arbeiten?

N. Tettamanti: Wir sind eine sehr resiliente Branche. Was mich immer wieder staunen lässt und wovor ich grossen Respekt habe, ist die Fähigkeit der KMU-Unternehmer, ihre Betriebe in grosser Geschwindigkeit je nach Problemlage zu optimieren. Jeder Unternehmer versucht, Lösungen zu finden, die genau auf sein Geschäftsmodell am besten passen. Das hat 2015 mit dem starken Schweizer Franken funktioniert, genauso wie 2019 mit der Automobilindustrie. Auch während der Corona-​Pandemie mussten die KMU schnell und dynamisch Lösungen finden. Alle diese Situationen haben die KMU allein gelöst und sind gestärkt aus den Krisen herausgekommen. Das wird meiner Meinung nach jetzt passieren.

Im Jahr 2021 hat die Schweiz die Verhandlungen zum Rahmenabkommen mit der EU beendet. Wie beeinflusst das die KMU der MEM-Branche? Was erwarten Sie in dieser Beziehung von der Politik?

N. Tettamanti: Im Jahr 2021 haben wir uns gegen das Rahmenabkommen ausgesprochen, weil wir unsere Demokratie gefährdet sahen. Trotzdem ist die Zusammenarbeit mit Europa für uns ein sehr wichtiges Element für den Erfolg des Werkplatzes Schweiz. Dazu brauchen wir gute Beziehungen und gute bilaterale Abkommen. Diese müssen aber von der Politik geführt werden. Für Swissmechanic ist es einfach wichtig, dass wir unsere Unabhängigkeit aufrechterhalten können. Das muss auch in einem Rahmenabkommen zum Ausdruck kommen. Die politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen müssen berücksichtigt werden. Das waren sie aus unserer Sicht bisher nicht.

Werden sich die Aufgaben des Verbandes in Zukunft ändern? Wie schätzen Sie die Situation ein?

N. Tettamanti: Es wird sicher eine Entwicklung geben. Wir werden aber unsere Arbeit, die wir als Vorstand seit Jahrzehnten machen, nicht radikal ändern. Doch genauso wie sich unsere Mitglieder entwickeln und den Herausforderungen der Zeit anpassen, werden auch wir uns weiterentwickeln. Aber die wichtigen Säulen unseres Verbandes mit Wirtschaft, Bildung und politischer Stellungnahme werden bleiben. Als Verband mit unserer föderalistischen Struktur wollen wir auf den drei Säulen aufbauen und mit einer Zukunftsvision und aktuellen Instrumenten in unserer Arbeit noch besser werden. Das erwarten unsere Mitglieder. Sie möchten einen starken Verband und sie wollen den Mehrwert einer Verbandsmitgliedschaft erkennen.

Sie sind Inhaber und CEO von Tecnopinz, ein Zulieferunternehmen für Präzisionsmechanik und Hersteller von Spannzangen. Tecnopinz wirbt mit dem Spruch: «Die Welt besteht aus Ungenauigkeiten, wähle die geringste». Können Sie das auf Ihre Arbeit bei Swissmechanic übertragen? Und wenn ja, wie?

N. Tettamanti: Tecnopinz ist ein Familienbetrieb, den ich zusammen mit meinem Bruder Claudio seit 2010 weiterführe. Wir sind Lohnfertiger. Für uns ist es normal, Produkte mit höchster Qualität zu fertigen. Doch nichts ist perfekt, eine gewisse Ungenauigkeit bleibt immer. Als Fertigungsunternehmen versuchen wir, die Unge­nauigkeiten so weit wie möglich zu minimieren. Diese Philosophie lässt sich auch auf Swissmechanic übertragen. Wir leben in einer Welt mit vielen und teilweise sehr grossen Ungenauigkeiten. Wenn wir als Verband dynamisch und engmaschig mit den Sektionen, der Politik und der Wirtschaft zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen, dann können wir diese Ungenauig­keiten verringern. SMM

Über Tecnopinz
Kurzporträt

Tecnopinz ist ein Tessiner Familienunternehmen im Bereich Präzisionsmechanik und wird in zweiter Generation von den Brüdern Nicola und Claudio Tettamanti geführt. Bekannt ist das Unternehmen für die Entwicklung und Herstellung hochpräziser Spannsysteme und kundenspezifischer mechanischer Komponenten. Technisches Know-how auf dem höchsten Niveau und der Einsatz modernster Produktions- und Messtechnik ermöglichen einen schnellen, flexiblen und effizienten Service. Rund 50 Mitarbeiter sind bei Tecnopinz beschäftigt.

Weitere Informationen:
tecnopinz.ch

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