Kollaboration

Bei kurzfristigen Störungen ist agiles Handeln gefragt

| Redakteur: Bernd Maienschein

Bei einem Elektrowerkzeughersteller liefert eine App dem Wareneingang eine bessere Vorschau. So lassen sich auch weniger technisierte Lieferanten ganzheitlich integrieren.
Bei einem Elektrowerkzeughersteller liefert eine App dem Wareneingang eine bessere Vorschau. So lassen sich auch weniger technisierte Lieferanten ganzheitlich integrieren. (Bild: Ilan Amith - stock.adobe.com)

Die außergewöhnliche Arbeitskultur beim Aachener Softwarehaus Inform lässt Peter Frerichs, Leiter des Geschäftsbereichs Inventory und Supply Chain, eigenen Worten zufolge „viel kreativen Freiraum für die Entwicklung und Umsetzung von Ideen“. Wir sprachen mit ihm über Planung, über Prognosen und das (un)freiwillige Teilen von Informationen.

Herr Frerichs, Planung ist bekanntlich nur strukturiertes Scheitern. Wenn es überall um Sie herum regnet, Sie aber wochenlang auf dem Trockenen sitzen: Was nützen dann alle Prognosen? Hat man dann nicht mit Zitronen gehandelt?

Peter Frerichs: Wenn ich trotz Planung „auf dem Trockenen sitze“, habe ich an einer ganz anderen Stelle die Hausaufgaben nicht gemacht. Kurzfristige Störungen treten schließlich immer häufiger auf. Wenn beispielsweise ein Containerschiff aus China nicht pünktlich ankommt, erhält der Entscheider seine Handlungsfähigkeit natürlich nicht durch eine gute Beschaffungsplanung oder Absatzprognosen. Just in diesem Moment war auch eine gute Planung nicht genug. Bei kurzfristig und überraschend auftretenden Problemen sind also alternative Strategien nötig. Dies kann ein Aufbau von Sicherheitsbeständen sein, der jedoch oft kostspielig ist. Wirksamere Strategien wären der Aufbau von Plan-B-Lieferanten im Sinne eines Risikomanagements oder moderner Beschaffungskonzepte, die eine agile Handlungsweise und Ad-hoc-Reaktionen ermöglichen. Auf Planung und Prognosen gänzlich zu verzichten, hätte dennoch fatale Folgen. Denn die Intelligenz in Logistik und Supply-Chain-Management besteht ja nicht nur in der spontanen Reaktion auf Ereignisse. Viele Prozesse, wie beispielsweise die Beschaffung, benötigen oft einen großen Planungshorizont: Wenn die Lieferung aus China sechs Wochen benötigt, kann ich nicht erst beim Kundenauftrag aktiv werden. Hier ist die vorausschauende Bedarfsplanung das A und O für Liefertermintreue und gleichzeitig maßgebend für viele weitere Prozesse im Bereich Bestandsmanagement.

Thema Data Sharing: Wenn Daten das neue Gold sind, ist das Thema doch sicher schwierig zu handhaben. Denn wer teilt schon gerne seinen Reichtum?

Frerichs: Dieser Gedanke ist nicht unbegründet, wenn wir die großen Konzerne betrachten, die den Umgang mit unser aller Daten nicht transparent gestalten. Unsicherheit und Angst machen die Umsetzung der Visionen des Data Sharing in der Tat eher schwierig. Aus meiner Sicht müssen daher zwei Voraussetzungen geschaffen werden: Transparenz und Sicherheit durch Technologie. Wir bei Inform sind überzeugt, dass Black-Box-Verfahren die Akzeptanz des Anwenders unserer Software enorm erschweren würden. Daher setzen wir bei unseren Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz auf Nachvollziehbarkeit der Berechnungsergebnisse und eine feste Rolle des Menschen im Prozess. Die Entscheidungsfindung unserer selbstlernenden Algorithmen bleibt zu jedem Zeitpunkt transparent. Darüber hinaus sollte das Prinzip der Sparsamkeit gelten, indem sich der Anbieter einer jeden IT-Lösung auf die Erhebung der Daten konzentriert, die er tatsächlich benötigt, und erklärt, zu welchem Zweck er diese benötigt. Damit sinken automatisch die Bedenken beim Anwender.

Peter Frerichs: „Aus meiner Sicht müssen zwei Voraussetzungen geschaffen werden: Transparenz und Sicherheit durch Technologie.“
Peter Frerichs: „Aus meiner Sicht müssen zwei Voraussetzungen geschaffen werden: Transparenz und Sicherheit durch Technologie.“ (Bild: Inform)

In den meisten (vorwiegend) produzierenden Unternehmen herrscht immer noch das Inseldenken vor. Braucht es neue Manager für eine offenere Kultur oder reicht dafür ein neues Mindset in den Führungsetagen?

Frerichs: Ein „neues Denken“ ist auf jeden Fall zwingend notwendig, um zukunftsfähige Prozesse umzusetzen. Ein Fall von Change-Management in einer Großbrauerei gibt dafür ein sehr gutes Beispiel ab. Dort wurden die Supply-Chain-Verantwortlichen dann als gut erachtet, wenn sie schnell gute Lösungen für plötzliche Probleme fanden. Sie waren also alle hervorragende Feuerwehrleute. Jedoch fehlte ihnen der heute so wichtige Vernetzungsgedanke. Denn das Ziel sollte nie nur darin bestehen, zu reagieren. Sondern vielmehr darin, durch abteilungsübergreifende Integration sowie Kollaboration Probleme und Störungen schon zu beseitigen, bevor sie überhaupt entstehen. Dazu ist eine Abkehr vom Inseldenken nötig, aber mindestens genauso wichtig ist die richtige Unterstützung auf Seiten der IT.

Herr Frerichs, selbst wenn Sie es schaffen, dass mehr oder weniger alle in einem Unternehmen an einem Strang ziehen – spätestens an der Rampe ist aber Schluss mit der Kollaboration …

Frerichs: Obgleich dies in einigen Unternehmen möglicherweise noch der Realität entspricht, so widerlegen dennoch viele bereits in der Praxis umgesetzte Projekte diese Annahme. Beispielsweise wurde in einem konkreten Projekt bei einem Elektrowerkzeughersteller eine App entwickelt, die dem Wareneingang eine bessere Vorschau liefert. Dies geschieht, indem der Lieferant an seiner Rampe die Auftrags- und Versandinformationen scannt und die Übermittlung einer sogenannten „Advanced Shipping Notice“, also die Information über die gestartete Verschiffung, sehr einfach ermöglicht. Selbst wenn der Schein mit den Informationen beschädigt ist, kann die App die noch verfügbaren Daten zusammensetzen und alle wichtigen Infos übermitteln. Eine häufig getroffene Aussage lautet: „Auf der Welt gibt es mehr Smartphones als Zahnbürsten.“ Schenkt man ihr Glauben, so ist eine App ein Mittel, welches auch kleine oder weniger technisierte Lieferanten in einen ganzheitlichen Ansatz integriert. Der Implementierungsaufwand ist hier nämlich sehr gering. Neben einer solchen grenzüberschreitenden Informationsvermittlung entlang der Supply Chain ist aber auch die Planung über Rampengrenzen hinaus eine bereits praktizierte Lösung. Cloud-Lösungen machen die Bestellvorschau vom Kunden zum Lieferanten auf eine sehr einfache und vor allem sichere Art und Weise möglich. Das Ergebnis ist nachvollziehbar effizient: Weiß der Lieferant bereits, was der Kunde voraussichtlich in Zukunft bestellt, wird seine Planung daraufhin ebenso um ein Vielfaches stabiler – und je mehr seiner Kunden ihm diese Information übermitteln, desto robuster wird die gesamte Kette.

Herr Frerichs, vielen Dank für dieses Interview!

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