SMM-Exklusiv-Interview mit Reto Adam (CEO) und Taku Ichii (Chief Business Development Officer) Big Kaiser: Schweizerisch- japanisches Erfolgsmodell

Von Matthias Böhm 8 min Lesedauer

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Die Big Kaiser AG in Rümlang wurde 2015 von Big Daishowa (Japan) übernommen. Eine strategische Übernahme, die sich ausgezeichnet auf die Geschäftsfelder der Big Kaiser Präzisionswerkzeuge AG ausgewirkt hat, die nach wie vor auf eine enorme Fertigungstiefe setzt, Hochpräzisionswerkzeuge entwickelt und beim Thema Industrie 4.0 im Ausdrehbereich derzeit einen Meilenstein setzt. Mehr hierzu im SMM-Exklusiv-Interview mit Reto Adam (CEO) und Taku Ichii (Chief Business Development Officer).

Taku Ichii: «Wir ergänzen uns sehr gut. Die japanische und die Schweizer Mentalität sind in spezifischen Bereichen sehr ähnlich.» Reto Adam (li., CEO) und Taku Ichii (Chief Business Development Officer), 
Big Kaiser Präzisionswerkzeuge AG.(Bild:  Matthias Böhm)
Taku Ichii: «Wir ergänzen uns sehr gut. Die japanische und die Schweizer Mentalität sind in spezifischen Bereichen sehr ähnlich.» Reto Adam (li., CEO) und Taku Ichii (Chief Business Development Officer), 
Big Kaiser Präzisionswerkzeuge AG.
(Bild: Matthias Böhm)

SMM: Wie hat sich die Auftragslage in den letzten Monaten aus Sicht von Big Kaiser entwickelt?

Reto Adam: Die Auftragslage hat sich ausgezeichnet entwickelt. Der Schweizer Markt wie auch Italien laufen für uns ausgezeichnet. In Frankreich verzeichnet die Luftfahrtindustrie einen Aufwärtstrend, wovon wir profitieren. Russland ist weggefallen, das ein gutes Marktsegment für uns war, aber wir konnten es ausgleichen. Deutschland, das sich ebenfalls gut entwickelt hat, wird durch unsere Niederlassung betreut.

Wie haben sich die Märkte China und USA entwickelt?

Taku Ichii: Der Markt in China ist derzeit aussergewöhnlich stark. Nach einem ersten Downtrend zu Beginn der Corona-Pandemie kam ein sehr starker und anhal­tender Aufwärtstrend. Die Nachfrage ist derzeit noch sehr hoch und deutlich über dem Niveau der «Vor-Corona-Zeit». Die Kollegen in den USA befinden sich derzeit ebenfalls im Steigflug und haben das «Vor-Corona-Niveau» letztes Jahr, in der zweiten Jahreshälfte, wieder erreicht.

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Thema Elektromobilität, hat diese Entwicklung Einfluss auf Ihr Geschäftsumfeld?

R. Adam: Die Entwicklung der Elektro­mobilität macht sich bei unserer Auftragslage im positiven Sinn bemerkbar. Die aktuelle Generation der Elektrofahrzeuge hat einen relativ hohen Anteil an Fräs­teilen, was sich für unser Fertigungssegment positiv auswirkt. Wir beobachten die Situation aufmerksam.

1948 wurde die Heinz Kaiser AG, 1967 wurde in Japan Big Daishowa gegründet; 1980 der Lizenzvertrag mit Big Daishowa unterzeichnet. 2015 ist Big Kaiser von Big Daishowa übernommen worden. Wie hat sich Big Kaiser in diesen sieben Jahren, seit der Fusion, entwickelt?

R. Adam: Ausgezeichnet. Wir können sehr unabhängig agieren und fokussieren unsere Kompetenzen auf die Bereiche der Entwicklung und Produktion der Ausdrehwerkzeuge. Die Entwicklungsspezialisten unseres Mutterhauses Big Daishowa in Japan entwickeln Werkzeughalter, smarte Werkzeug-Dämpfersysteme, Werkzeuge, Präzisionsspannmittel und Fertigungsmesstechnik.

T. Ichii: Big Daishowa und Big Kaiser haben generell nur geringe Produktüberschneidungen, aber wir sind in identischen Märkten aktiv. Big Daishowa ist in ihren Produktsegmenten generell auf grössere Serien ausgelegt. Wir konzentrieren uns auf kleinere und mittlere Seriengrössen und verfügen am Standort in Rümlang über ein enorm flexibles – allerdings auch hochkomplexes – Fertigungsportfolio.

Wenn Sie kaum Überschneidungen haben, wo ergeben sich dann die Synergien?

R. Adam: Die Synergien ergeben sich im Vertrieb, aber nicht nur. Je nach Produkt prüfen wir, wo es sich am wirtschaftlichsten entwickeln und produzieren lässt. Zu den produktspezifischen Überschneidungen: Die gibt es beispielsweise im Bereich der ATC-15-Schnittstelle, die im Bereich der Uhrenindustrie eine bedeutende Rolle spielt. Hierbei handelt es sich um eine «Nische», die für unsere japanischen Kollegen eher uninteressant ist, für unseren Schweizer Standort sind die ATC-15-Systeme ein interessanter – Schweiz-spezifischer – Absatzmarkt.

T. Ichii: Big Kaiser verfügt über die Flexibilität, diese eher geringen Losgrössen wirtschaftlich zu fertigen. Für unsere japanischen Kollegen sind sie eher uninteressant, weil ihre Produktion auf Gross­serien ausgelegt ist.

Bis 2015 konnte Big Kaiser eigenständig über die strategische Ausrichtung entscheiden. Wie entwickelt sich die strategische Weiterentwicklung mit Ihrem japanischen Mutterhaus?

T. Ichii: Wir haben seit dem Zusammenschluss in der Entwicklung eine erheblich engere Zusammenarbeit. Interessant ist: «Covid» hat unsere Entwicklungskooperation sogar optimiert. Dies deshalb, weil wir infolge der spezifischen Begebenheiten Online-Konferenzen konsequent gepflegt und ausgebaut haben.

R. Adam: Wir geniessen spezifische Benefits, insbesondere bei den Ausdrehwerkzeugen, nicht zuletzt, weil wir in diesem Segment über enormes Know-how verfügen, das mittlerweile auch in den Bereich der App- und Softwareentwicklung geht, um sogenannte «Closed-loop-Prozesse» zu realisieren, dazu später.

Gibt es Unterschiede, Gemeinsamkeiten in der Schweizer und der japanischen Mentalität?

R. Adam: Ja, sicher, so unterschiedlich wir sind, es gibt Gemeinsamkeiten: Verantwortungsbewusstsein, Qualität, Termintreue, Ausbildungssystem, ausgeprägte Technikaffinität, Perfektionismus: All diese Aspekte werden auf einem gleich hohen Niveau gelebt.

T. Ichii: Wir ergänzen uns sehr gut. Die japanische und die Schweizer Mentalität sind in spezifischen Bereichen sehr ähnlich. Der Perfektionismus ist auf beiden Seiten stark ausgeprägt. Vielleicht könnte man noch die Diplomatie hervorheben, die in beiden Gesellschaften einen hohen Stellenwert hat.

Wie hat sich der Austausch zwischen Japan und der Schweiz entwickelt, auch in Anbetracht der Covid-Situa­tion?

R. Adam: Vor «Covid» hatten wir vier Mal jährlich Delegationen mit 10–15 Personen, um einen Know-how-Transfer zu fördern. Während Covid ist dieser physische Austausch durch Online-Meetings ersetzt worden. Der physische Austausch ist wichtig und wird gerade wieder ausgebaut.

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Warum ist der physische Austausch so entscheidend?

R. Adam: Wir tauschen uns über Entwicklungsprojekte, aber auch Produktionsprojekte aus. Nehmen wir unsere automatisierte und flexible Fehlmann-Goodj-Anlage hier in Rümlang. Es ist eine hochflexible Fertigungsinsel, die ihrer Zeit voraus war und in dieser Art vor fünf Jahren erstmalig in der Schweiz installiert wurde. Da haben wir Pionierarbeit geleistet. Das Know-how geben wir gerne weiter an unsere japanischen Kollegen.

T. Ichii: Per «Teams» ist eine solche komplexe Fertigungsinsel nicht zu vermitteln, das geht nur face-to-face und über Besichtigung vor Ort. Ganz ähnlich sieht das in vielen anderen Fertigungsbereichen aus.

Neben Ihren Swiss-made-Werkzeugen vertreiben Sie Spannmittel, Werkzeughalter und Werkzeuge von Big Daishowa. Wo liegen die Vorteile dieser Vertriebskooperation?

R. Adam: Dadurch, dass wir die Werkzeug-Schnittstellen, Spannmittel und Werkzeuge von Big Daishowa in der Schweiz vertreiben können, erweitert sich unser Technologiespektrum erheblich. Mit den Ausdrehköpfen befinden wir uns definitiv in einer Nische.

Wie wichtig ist es für Sie, dass Entwicklung und Produktion an einem Standort sind?

T. Ichii: Unbedingt, der gegenseitige Austausch ist ein riesiger Benefit. Für Konstrukteure ist es hochanspruchsvoll nicht nur produkt-, sondern auch produktionsoptimiert die Komponenten zu entwickeln. Gerade die enge Zusammenarbeit zwischen Konstruktion/Entwicklung und Produktion wirkt sich positiv auf folgende Aspekte aus: Produktentwicklung, den Time-to-market-Aspekt, die Produktionszyklen und letztlich die Kostenstruktur.

Neben Entwicklung und Konstruktion setzen Sie auf eine hohe Fertigungstiefe.

R. Adam: Praktisch alle Fertigungsverfahren realisieren wir inhouse, Fräsen, Dreh-​Fräsen, Rund- und Unrundschleifen, Hartdrehen, Profilschleifen usw. Wir haben extrem hohe Qualitätsansprüche. IT5-Toleranzen sind bei uns eher die Regel als die Ausnahme. Das heisst: wir beherrschen unseren Job, nicht zuletzt, weil wir ihn seit Jahren in Perfektion machen.

Welchen Stellenwert wird Ihre Produktion hier in Rümlang in Zukunft haben?

R. Adam: Unser Produktionsstandort Rümlang wird in Zukunft, wie in der Vergangenheit, einen sehr hohen Stellenwert haben.

Sie haben 2016 den Prodex-Award für den elektronischen EWE-Ausdrehkopf erhalten, ein Schritt in Richtung Industrie 4.0. Welche Rolle nehmen Ihre Ausdrehköpfe heute im Bereich Industrie 4.0 ein?

R. Adam: Der EWE-Ausdrehkopf mit Bluetooth-Funktion war praktisch unsere initi­ale Entwicklung in Richtung Closed-Loop-​Prozess. Unsere heutigen EWA-Ausdrehköpfe stehen unmittelbar vor der Markteinführung und sind ein integrierter Bestandteil von Industrie-4.0-Prozessen. Er wurde bereits bei einigen WZM-Herstellern integriert. Mit dem EWA-Kopf wird feingebohrt, in der Maschine wird die Bohrung automatisiert vermessen, anhand des Messwerts der Ausdrehkopf per Stellmo­tor über die CNC nachgeführt. Schliesslich wird die Bohrung im Sollmass gefertigt. Derzeit läuft unser EWA-Ausdrehprozess bereits auf den wichtigsten Werkzeugmaschinen, bei den meisten noch über einen Industrie-PC, den wir integrieren. Einige WZM-Hersteller haben unsere Zyklen bereits direkt in ihre CNC übertragen.

Welche Herausforderungen ergeben sich bei solchen steuerungstechnischen Integrationen in WZM?

R. Adam: Tatsächlich ist die Integration anspruchsvoll. Wir müssen enge Partnerschaften mit den WZM-Herstellern entwickeln, die ein Interesse daran haben, den EWA-Ausdrehkopf zu integrieren. Vorsichtig sind wir, wenn wir Maschinen nachrüsten sollen. Dann müssen wir das gemeinsam mit dem WZM-Hersteller realisieren.

T. Ichii: Wir sind überzeugt, dass unsere Technik zukünftig als Standard in den Steuerungen integriert sein wird.

Themenwechsel: Die beiden grossen Verbände Swissmechanic und Swissmem versuchen, der MEM-Industrie durch Umbenennung in Techindustrie ein moderneres Image zu vermitteln. Das kann ja nur ein erster Schritt sein, letztlich sind Sie als Unternehmen gefordert. Wie positioniert sich Big Kaiser, um als Arbeitgeber zukunftsfähig zu bleiben?

T. Ichii: Ich denke, dass, wenn wir neue elektromechanische Produkte entwickeln, wir natürlich auch unser Kompetenzspektrum erweitern, was letztlich auch die Anforderungen an die potentiellen Mitarbeiter erhöht.

R. Adam: Aus unserer Sicht werden wir damit für hoch qualifizierte Mitarbeitende, die aus der Softwareentwicklung kommen, ein interessanter Arbeitgeber. Noch dazu macht die Nähe zur Produktion das Umfeld absolut vielschichtig. Interessanter geht es kaum.

Was kann die Industrie machen, um Frauen anzusprechen für ihre berufliche Zukunft?

R. Adam: Wir haben Frauen als Mitarbeitende in der Administration, Montage und im Marketing. Aber in der Produktion sind sie klar unterrepräsentiert. Es gibt wenig Bewerbungen von Frauen für die Polymechaniker-Ausbildung. Laut einer Studie würden junge Frauen ein anderes Interessespektrum haben als junge Männer. Frauen tendieren zu Berufen, wo sie sich entfalten können. Männer sind eher an einer Karrie­re interessiert, wo sie hohe Gehälter erzielen. Vielleicht ist das eine der Ursachen.

Wie hat sich das Berufsbild bei Big Kaiser verändert, auch wenn man sich die Entwicklungen im Bereich der jüngsten elektronischen Ausdrehwerkzeuge vergegenwärtigt?

R. Adam: Ich bin seit 2015 dabei, damals hatten wir einen Elektroniker. Heute haben wir einen Softwareentwickler, einen App-​Entwickler, drei Elektroingenieure. Es entstehen neue Themen, wie Softwarelizenzierungen, das sind Dinge, die kannten wir bisher nicht. Das sind definitiv Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen durch die neuen Geschäftsfelder, die sich für uns aufgetan haben.

Das heisst, die Fachkräfte-Rekrutierung wird vielschichtiger?

R. Adam: Vielschichtiger in jedem Fall und dadurch alles andere als einfacher. Wie dem auch sei, wir sehen es positiv, die Schweiz ist sehr international aufgestellt, was sich in unserer Belegschaft widerspiegelt. Das ist sicher ein ganz grosser Vorteil am Standort Schweiz, dass er attraktiv für ausländische Mitarbeitende ist, die über eine gute Qualifikation verfügen. Auch aus sprachlich-internationaler Sicht ist das nicht unwichtig, das kommt unserem internationalen Geschäftsumfeld zugute. Die Ausbildungs- und Hochschullandschaft ist in der Schweiz wirklich gut, sie bilden die richtigen Leute aus.

Zurück zu Ihrer Fusion von Big Daishowa und Big Kaiser, es sieht so aus, als sei alles richtig gemacht worden.

R. Adam: Das ist definitiv der Fall. Wir arbeiten seit 1980 in enger Partnerschaft zusammen. Wir ergänzen uns ausgezeichnet. Wir sind ein Schweizer Unternehmen, bleiben sehr unabhängig. Sie lassen uns nahezu alle Freiheiten. Aber wir nutzen die Freiheiten, um uns weiterzuentwickeln. Ein wirklich grosser Vorteil ist, dass sie uns sehr, sehr viel Freiraum lassen. Das liegt vielleicht auch daran, dass sie merken, dass wir uns als Unternehmen ausgezeichnet entwickeln und besser performen als unsere Mitbewerber.

T. Ichii: Der bekannte Claim «Think global, act local» wird von unserem japanischen Mutterhaus mehr als gelebt. Da haben wir grosses Glück, aber wir müssen uns dieser Verantwortung stellen, und das machen wir auch. SMM

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