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Swiss Medtech Day 2017 CTI Swiss Medtech Award für Medizintechnik-Innovation

Redakteur: Anne Richter

Auf dem Swiss Medtech Day am 13. Juni 2017 wird der aktuelle CTI Swiss Medtech Award für die beste medizintechnische Innovation verliehen. Nominiert sind: ein Chip mit Potenzial, Tierversuche zu ersetzen, ein Rehasystem für gesichertes Gangtraining und ein Impfprodukt zur Stärkung des Immunsystems gegen Krebs.

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Mit einem neuen Impfprodukt wollen das private Biotech-Unternehmen Maxivax und die Universitätsspitäler Genf wollen mit einem neuen Impfprodukt das Immunsystem von Krebspatienten gegen die eigenen Tumorzellen stärken.
Mit einem neuen Impfprodukt wollen das private Biotech-Unternehmen Maxivax und die Universitätsspitäler Genf wollen mit einem neuen Impfprodukt das Immunsystem von Krebspatienten gegen die eigenen Tumorzellen stärken.
(Bild: KTI)

Die wachsende Schweizer Medizintechnik-Industrie gehört zu den innovativsten Branchen im Land. Doch seit einiger Zeit verspüren die Unternehmen vermehrten Druck – Druck durch ausländischen Wettbewerb, durch Regulatorien und vor allem auf der Kostenseite. Dem entgegen wirken Innovationen, mit denen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil erlangen können. Auf dem Swiss Medtech Day in Bern am 13. Juni 2017 wird deshalb der CTI Swiss Medtech Award 2017 verliehen, der von Bundespräsident Johann N. Schneider-Ammann überreicht wird. Hier die drei vom KTI-Medtech-Expertenteam als Finalisten nominierten F&E-Projekte in Kürze:

Rehabilitationssystem für gesichertes Gangtraining

Nach Verletzungen des zentralen Nervensystems können Menschen oft nicht mehr gehen; ein intensives Training des Bewegungsapparats ist angesagt. Gehhilfen gehen zu wenig auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten ein, behindern sie teilweise in ihrer Bewegung und unterstützen nur eine beschränkte Zahl von Bewegungen. Als Leiter der Forschungsabteilung des Zentrums für Paraplegie an der Uniklinik Balgrist suchte Dr. Marc Bolliger deshalb vor einigen Jahren ein optimiertes System, das in der Therapie die Gehhilfen für Rückenmarkverletzte ersetzte. Zusammen mit Partnern wurde die Idee eines Seilroboters zur Gewichtsentlastung entwickelt. 2012 wird das System the Float zum Patent angemeldet, ein Jahr später ist eine erste Version davon für das gesicherte Gangtraining für neurologische oder orthopädische Patientinnen und Patienten im Einsatz. Die sind über einen Entlastungsgurt mit dem Float verbunden und haben dadurch freie Arme und Beine – und die Therapeuten einen freien Blick auf das Geschehen. Float entlastet je nach Bedarf bis zu 60 Prozent des Körpergewichts, oft Voraussetzung, damit Patienten überhaupt stehen können. Es erkennt, wenn jemand im Begriff ist zu stürzen, und fängt die Person dabei sicher auf. The Float erlaubt das freie Gangtraining im dreidimensionalen Raum und ermöglicht so alltagsrelevante Trainings wie das Treppensteigen. In einem KTI-Projekt wird the Float für den klinischen Betrieb optimiert. Nebst zentraler Optimierungen in der Regelung hat es nun einen Drehsensor, der es ermöglicht, die Orientierung des Patienten kontinuierlich zu erfassen und Einstellungen im Training danach zu richten. Durch eine kabellose Signalübertragung von Sensorsignalen aus dem Bügel kann auf die bisherige störende Kabelführung verzichtet werden.

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Atmender Chip statt Tierversuche

Nach Tests an Zellkulturen und Tieren fallen neun von zehn Wirkstoffen durch. Mit ihrem Lung-on-Chip wollen Prof. Dr. Olivier Guenat, Biomediziningenieur am Artorg Forschungszentrum der Universität Bern, und sein Kollege Dr. Janick Stucki die Lebensbedingungen von Lungenzellen bei In-vitro-Anwendungen möglichst perfekt nachahmen, sodass gewisse Tests der klinischen Phase bereits in der präklinischen Phase erfolgen können. Ein erster einfacher Prototyp wurde mit Unterstützung der Gebert-Rüf-Stiftung entwickelt, in einem KTI-Projekt geht es nun um eine optimierte Version zur industriellen Produktion. Ausgangspunkt für den Chip ist eine Mikrotiterplatte aus Kunststoff, wie sie standardmässig in der Forschung und der Pharmabranche angewendet wird. Auf ihr werden zwölf am Artorg entwickelte Chips platziert, die eine hauchdünne, elastische und poröse Membran aufweisen, auf der die Zellen kultiviert werden. Auf der einen Seite der Membran sind die angesiedelten Zellen der Luft ausgesetzt, auf der anderen einem Nährmedium, das dem Blut entspricht. Über ein Mikrozwerchfell lassen sich die Zellen im Atemrhythmus dehnen, über dünne Schläuche wird Luft zugeführt. «Wir sind weltweit die Einzigen, welche die dünne Luft-Blut-Schranke inklusive der dreidimensionalen Ausdehnung der Atembewegung reproduzieren können», sagt Guenat. Obwohl der Chip komplizierter ist als Mikrotiterplatten, ist er kompatibel mit Standardlaborausrüstungen. Parallel zur Entwicklung eines industriell produzierbaren Lung-on-Chips arbeiten die Forscher an der Validierung. Ziel ist, noch 2017 ein System auf den Markt zu bringen, das neben der Trägerplatte mit den Chips einen Ventilator und die dazu nötige Software umfasst. Auf dem Chip sollen generell Krankheiten simuliert und Medikamente getestet werden. Das würde unzählige Tierversuche überflüssig machen und erst noch die Kosten der Pharmaforschung senken.

Mit personalisierter Medizin gegen den Krebs

Die Universitätsspitäler Genf und das private Biotech-Unternehmen Maxivax wollen mit einem neuen Impfprodukt das Immunsystem von Krebspatienten gegen die eigenen Tumorzellen stärken. Die KTI leistete in zwei Projektphasen Unterstützung. Wirkungsverstärker können die Behandlung von Tumoren mit Krebsimpfstoffen optimieren. Die Frage, wie die Booster optimal in den Körper gelangen, schien lange Zeit unlösbar. Prof. Dr. Nicolas Mach vom Hôpitaux Universitaires de Genève (HUG) hatte die Idee, zur Verabreichung des Wirkstoffs genetisch reprogrammierte und verkapselte Zellen einzusetzen. In einem ersten KTI-Projekt werden die zwei biologischen Wirkstoffe für eine Impftherapie entwickelt. Um den Wirkungsverstärker GM-CSF zu produzieren, werden menschliche Zellen genetisch reprogrammiert. Die Zellen werden in eine kleine biokompatible Hohlfaserkapsel abgefüllt, die unter der Haut implantiert wird, den Verstärker kontinuierlich zuführt und die Immunabwehr stärkt. Die Produktion des Wirkstoffs erfolgt am HUG selbst und wurde für den klinischen Einsatz extern zertifiziert. In einem zweiten KTI-Projekt wird die Phase-I-Studie dazu realisiert. An der Studie beteiligen sich 15 Patienten mit verschiedenen Krebsarten in einem fortgeschrittenen Stadium, deren Erkrankung trotz Behandlung mit derzeit verfügbaren Therapien weiter fortschreitet. Die Ergebnisse zeigen, dass die Therapie sicher, gut verträglich und wirksam ist, dies besonders bei Patienten mit einem robusteren Immunsystem. Nun wird das Impfprodukt in einer Phase-II-Studie an 4 bis 5 Spitälern mit 40 Patienten mit Kopf-Hals-Krebs erforscht. «MVX-Onco-1 ist personalisierte Medizin und hat das Potenzial, alle Krebsarten zu bekämpfen», sagt Dr. Dimitri Goundis, CEO von Maxivax. Das Unternehmen verfolgt nun drei Ziele. In der Phase-II-Studie wird geprüft, wie viel länger mit MVX-Onco-1 behandelte Patienten mit Kopf-Hals-Krebs überleben. Zweitens will man mit grossen Pharmaunternehmen die Fortschritte nutzen, welche die Immunonkologie in den letzten Jahren gemacht hat, und eine kombinierte Therapie entwickeln, um mögliche Synergiepotenziale in der Wirkung optimal zu nutzen. Und schliesslich prüft das Unternehmen die Wirkung bei Chordomen, einer seltenen und bisher kaum behandelbaren Krebsart, für die es heute keine zugelassene Therapie gibt.

Entscheidende Zukunftsfragen für die Medtech-Branche

Ausserdem werden auf dem Swiss Medtech Day in fünf Breakout Sessions für die Branche entscheidende Zukunftsfragen durchleuchtet: zum Umgang mit der Digitalisierung, zur Bildung erfolgreicher Partnerschaften, zur Nutzenbewertung von Produkten mit Health Technology Assessments (HTA), zu den neusten Forschungstrends in der Medizintechnik sowie zum Patent- und Markenschutz. Im Zentrum stehen Fragen, wie Industrie 4.0 die Medtech-Industrie verändert und deren Einfluss auf Schweizer KMU. Hinzukommt die Gestaltung von Partnerschaften, um gemeinsam mehr Wachstum und Innovationen zu generieren. Eine wichtige Frage ist auch, inwieweit HTAs die Entwicklung neuer Medizinprodukte beeinflussen und wie sie von Herstellern bereits in der Entwicklungsphase eingeplant werden müssen. Weiter werden die Potenziale von Nanotechnologie, innovativer Prozesse und bahnbrechender Biomaterialien auf die Entwicklung neuer, wirksamer und effizienter Behandlungsmethoden diskutiert. Und natürlich geht es auch um den Schutz von geistigem Eigentum. Als eines der Highlights wird Serge Bernasconi, CEO Medtech Europe, über die Schweizer Medtech-Industrie aus der europäischen Perspektive referieren. Gedankenanstösse zur Überbrückung von Finanzierungslücken gibt schliesslich Erik Amble, Präsident von Neomed, einer Venture-Capital-/Investment-Firma mit Sitz in Jersey. Der Swiss Medtech Day ist der grösste Schweizer Branchenevent und wird in diesem Jahr zum zweiten Mal von Medical Cluster und Fasmed (neu ab 12. Juni Swiss Medtech) gemeinsam mit der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) durchgeführt. -ari- SMM

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