KOF-Prognosetagung Herbst 2016

Die Schweiz ist abhängig vom Ausland

| Redakteur: Sergio Caré

KOF Herbstprognosetagung 2016 in der ETH Zürich
KOF Herbstprognosetagung 2016 in der ETH Zürich (Bild: KOF ETHZ / Tom Kawara)

VDie Wirtschaft der Schweiz wächst wieder und die Inflation ist niedrig. Die «Governance» der Eurozone gibt aber weiterhin zu denken. Die Wirtschaft hier zu Lande ist abhängig von ihr. Lösungen sind jedoch keine in Sicht. Dies das Resümee der diesjährigen Prognosetagung des KOF in Zürich.

Zürich – Die Gewerkschaften in der Schweiz hatten sich einen guten Moment ausgesucht, um ihre Lohnforderungen zu platzieren. Just an dem Tag, an dem die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich ein moderates Wachstum für die Schweizer Wirtschaft vorhersagte. Es sei zwar kein Boom, wie KOF-Direktor Jan-Egbert Sturm das Ganze auf einen Satz runterbrach, aber dennoch gehe es mit der Schweiz bergauf (siehe Kastentext).

Transithandel stützt die Schweiz

Nun sind das ja schon mal gute Nachrichten, wenn es der Schweiz wirtschaftlich besser geht. Wenn der Leser über die Tatsache hinwegsehen kann, dass der Grosshandel bzw. der Transithandel einen beachtlichen Anteil dazu beitrug. Beim Transithandel geht es um Waren, die von der Schweiz aus weltweit gehandelt werden, wie zum Beispiel Öl, ohne dass die Ware inländischen Boden berührt. Während der Transithandel derzeit floriert, hat die MEM-Industrie mit Problemen zu kämpfen. Die KOF hatte bisher angenommen, dass die Industrie ihre Produktion steigern wird. Die Preisentwicklungen mit niedrigeren Margen bekämpfte. Diese Ansicht musste die KOF im Nachhinein revidieren. De facto verringerte die Industrie das BIP um 0,2 Prozent.

Die Schweiz wird real günstiger

Die zweite gute Nachricht am Veranstaltungsabend: Die Schweiz wird dank der schwachen Inflation gegenüber der Welt günstiger. Dies wirkt sich auf den Exportpreis aus. Die Inflation (oder Teuerung) beschreibt einen Anstieg des allgemeinen Preisniveaus während aufeinanderfolgender Quartale bzw. Jahre. Während die Inflation im wichtigen Exportmarkt Deutschland dieses Jahr etwa 1,7 und nächstes Jahr 1,6 Prozent beträgt (Quelle: Statistisches Bundesamt), entwickelte sie sich in der Schweiz 2016 mit –0,4 respektive 0,2 Prozent im nächsten Jahr. Während also im EU-Raum die Waren teurer werden, bleiben die Schweizer Produkte stabil. Zugegeben, das macht «den Braten nicht feiss», aber jede Hilfe wird von Seiten der Exportwirtschaft dankend angenommen. Insbesondere die MEM-Industrie ist froh um diese Schützenhilfe.

Makroökonomische Divergenz

Nachdem Sturm seine Prognose für die Schweiz beendet hatte, trat der Gastreferent und Präsident vom ifo Institut für Wirtschaftsforschung von der Universität München Clemens Fuest ans Rednerpult. Sein Fokus lag auf der «Zukunft der Europäischen Währungsunion». Interessant an Fuests Vortrag war dessen Fokus auf die makroökonomische Divergenz – also die Meinungsverschiedenheit, ob jetzt nun zu viel oder zu wenig Austerität in der EU herrscht – und den Zerfall der Governance der Eurozone – den Vertrauensverlust in das «politische Establishment». Nachdem die Finanz- und Verschuldungskrise im Euroraum zum Einbruch des Wirtschaftswachstums geführt haben, erholt sie sich nur langsam. Erst im vergangenen Jahr war die Wirtschaftsleistung auf Niveau des Vorkrisenjahres 2008. Unter den Mitgliedstaaten sind die Entwicklungen sehr unterschiedlich. Während sich Deutschland vergleichsweise schnell erholt hat und schon im Jahr 2011 die Wirtschaftsleistung des Jahres 2008 wieder übertraf, sind andere Mitgliedstaaten noch weit davon entfernt. Das Bruttoinlandsprodukt Italiens liegt heute 7 Prozent unterhalb des Niveaus des Jahres 2008 und nicht höher als bei Einführung des Euros. Erhebliche Anpassungen hat es bei den Leistungsbilanzdefiziten gegeben. Im Laufe der Krise ist die Staatsschuldenquote im Euroraum insgesamt von 65 Prozent des BIP im Jahr 2007 auf knapp 95 Prozent im Jahr 2014 angestiegen. Die laufenden Budgetdefizite, die in der Krise sehr stark angestiegen waren, wurden in vielen Ländern bis zum Jahr 2014 teils erheblich reduziert. Die Bereitschaft, diesen Kurs fortzusetzen, schwindet aber. Politiker wie der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi sprechen sich öffentlich immer wieder für eine Kehrtwende hin zu einer höheren Neuverschuldung des Staates aus. Mit den Vorgaben der europäischen fiskalpolitischen Regeln ist das nicht vereinbar.

Europäischer Fiskalpakt

Der im Jahr 2012 zusammen mit dem Rettungsschirm ESM beschlossene Europäische Fiskalpakt sieht ebenfalls vor, dass die Mitgliedstaaten für ausgeglichene Staatshaushalte im Sinne der Begrenzung des strukturellen Haushaltsdefizits auf höchstens 0,5 Prozent des BIP sorgen. In den Jahren seit der Gründung der Währungsunion haben fast alle Mitgliedstaaten systematisch gegen die Verpflichtung zu ausgeglichenen Staatshaushalten verstossen und auch die Höchstgrenze für Budgetdefizite von 3 Prozent des BIP immer wieder überschritten. Seit dem Jahr 1999 wurde diese Grenze 159-mal überschritten. 50 dieser Überschreitungen waren durch eine Rezession verursacht, also durch das Sinken des Bruttoinlandsprodukts. In 109 Fällen gab es keine solche Rechtfertigung. Trotzdem wurden nie Sanktionen verhängt. Wenn einzelne Mitgliedstaaten Zusagen nicht einhalten, hat das bis heute praktisch keine Konsequenzen. Und eine Kursänderung ist nicht in Sicht. -sc- SMM

Ergänzendes zum Thema
 
Zurück zu moderatem Wachstum – auch in der MEM-Industrie
Laut der Konjunkturforschungsstelle KOF erholt sich die Schweizer Wirtschaft. Es wird mit einem BIP-Wachstum von 1,6 Prozent dieses Jahr gerechnet. Allerdings zeigen die Zahlen nun, dass die Industrie wesentlich stärker unter dem starken Franken gelitten hat. Der Druck bleibt auch 2017 und 2018 bestehen.

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