SMM-Exklusiv-Interview mit Dr. Jürg Marti, Direktor Swissmechanic Dr. Jürg Marti: «Swissmechanic-KMU sind verhalten optimistisch.»

Von Matthias Böhm 8 min Lesedauer

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56 Prozent der MEM-Exporte gehen in die EU. Damit ist die EU nach wie vor der wichtigste Absatzmarkt für die Schweizer MEM-Industrie. Entsprechend essenziell ist es, dass der MEM-Industrie ein möglichst hindernisfreier Markzugang in die EU – also eine Fortsetzung des bilateralen Weges – ermöglicht wird. Im SMM-Exklusiv-Interview spricht Jürg Marti, Direktor Swissmechanic Schweiz, über die zukünftigen Herausforderungen am Werkplatz Schweiz.

«In der Quartalsbefragung von Swissmechanic im Januar waren die befragten KMU verhalten zuversichtlich, dass es bald wieder besser wird.» Jürg Marti, Direktor Swissmechanic(Bild:  Matthias Böhm)
«In der Quartalsbefragung von Swissmechanic im Januar waren die befragten KMU verhalten zuversichtlich, dass es bald wieder besser wird.» Jürg Marti, Direktor Swissmechanic
(Bild: Matthias Böhm)

SMM: Der Auftragseingang im dritten Quartal 2022 war laut Branche 20 Prozent schlechter als im Vorjahr. Wie schätzen Sie die Lage derzeit ein? Und wie blicken Sie auf den Verlauf von 2023?

Jürg Marti: Im Winter 2022/23 hat auch in der Schweizer MEM-Branche eine Konjunkturabkühlung stattgefunden. Verantwortlich dafür ist ein Sammelsurium von Belastungsfaktoren wie z. B.: hohe Energiepreise, steigende Zinsen, schwaches aussenwirtschaftliches Umfeld.

Trotzdem waren die in der Quartalsbefragung von Swissmechanic im Januar befragten KMU verhalten zuversichtlich, dass es bald wieder besser wird: Der Swissmechanic-KMU-MEM-Geschäftsklima-Index war im Januar wieder leicht im grünen Bereich nach dem Taucher von Oktober 2022 in den roten Bereich. BAK Economics teilt diesen Optimismus der Unternehmen. Nach der konjunkturellen Abkühlung im Winter 2022/23 ist ab dem zweiten Quartal 2023 auch in der MEM-Branche mit mehr Schwung zu rechnen, weil verschiedene Belastungsfaktoren, wie etwa die Energiepreise, etwas in den Hintergrund treten dürften.

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China als Exportland ist fast immer im Fokus von Wirtschaftsmeldungen. Die EU ist nach wie vor der bedeutendste Absatzmarkt für die Schweizer Industrie. Wie erfolgversprechend sind Ihrer Ansicht nach sich normalisierende bilaterale Verträge mit der EU?

J. Marti: Der EU-Anteil der MEM-Exporte 2022 betrug 56%, der China-Anteil 6,9% (vor Covid/2019: China-Anteil 6,2%). Vor 10 Jahren (2012) belief sich der EU-Anteil auf 56%, der China-Anteil erst auf 5,1%. China wird also wichtiger, aber die EU bleibt für die MEM-Brache auf lange Zeit der bedeutendste Absatzmarkt. Deshalb ist ein möglichst hindernisfreier Marktzugang in die EU – also eine Fortsetzung des bilateralen Weges – für die Schweizer MEM-Branche weiterhin essenziell. Gleichzeitig macht es aber Sinn, die Handelsbeziehungen mit anderen Partnern wie z. B. den USA oder China weiter zu stärken.

Was bedeutet die Übernahme der CS durch die UBS für den Werkplatz Schweiz?

J. Marti: Kurzfristig sind aus Sicht des Werkplatzes v. a. zwei Punkte wichtig: Erstens wurde mit der Übernahme der CS durch die UBS gewährleistet, dass für Unternehmenskunden der CS die Versorgung mit Finanzdienstleistungen uneingeschränkt aufrechterhalten blieb. Zweitens wurde das Risiko einer (internationalen) Bankenkrise deutlich reduziert. Mit einer internationalen Finanzkrise wäre auch ein grösserer Schaden für den Werkplatz entstanden. Wir haben in der letzten Finanzkrise 2008/09 gesehen, wie stark und lange die MEM-Branche durch eine solche Krise in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Welche Auswirkungen die Übernahme für den Werkplatz längerfristig hat, hängt stark von der Ausgestaltung der Details ab, die ja noch nicht alle feststehen. Wir beobachten die Situation derzeit eng.

Wegen der hohen Inflationsraten wurden in verschiedenen Ländern, auch der Schweiz, die Leitzinsen erhöht. Wie schätzen Sie die Situation für den Werkplatz diesbezüglich ein?

J. Marti: Höhere Leitzinsen bedeuten, dass die Kreditzinsen und damit die Finanzierungskosten für die Unternehmen zunehmen. Die MEM-Branche ist davon gleich doppelt betroffen: Zum einen investieren die Kunden der MEM-Unternehmen weniger, wenn es sich aufgrund der höheren Zinsen weniger rentiert, was tendenziell die Auftragseingänge bremst. Zum anderen bedeutet es aber auch für die MEM-Unternehmen selbst höhere Finanzierungskosten. Letzteres kostet Marge und kann in bestimmten Fällen auch dazu führen, dass wichtige Zukunftsinvestitionen ausbleiben – was möglichst verhindert werden sollte.

Insgesamt zeigt der Swissmechanic-Wirtschaftsbarometer, dass finanzielle Res­triktionen momentan noch nicht das grosse Problem sind: Nur 14% der Unternehmen zählten «finanzielle Restriktionen» im Januar 2023 zu den grössten Herausforderungen; allerdings ist gegenüber Januar vor einem Jahr (10%) ein leichter Anstieg feststellbar.

Man muss sich dabei aber auch vergegenwärtigen, dass die Zinserhöhungen letztlich eine Normalisierung darstellen und die Leitzinsen in der Schweiz auch künftig moderat ausfallen dürften.

Technologisch verfügt der Werkplatz Schweiz über eine absolute Spitzenstellung. Ist die Ausbildung, die Hochschulen, auf der Höhe der Zeit?

J. Marti: Die Schweizer Universitäten sind im internationalen Vergleich gerade in MINT sehr gut positioniert und können mit der technologischen Entwicklung nicht nur Schritt halten, sondern gestalten sie aktiv mit. Die Fachhochschulen mit ihrem hohen Praxisbezug spielen eine wichtige Rolle, dass das technologische Know-how in die Unternehmen fliesst.

Das duale Bildungssystem ist weiterhin ein zentrales Element, um eine breite Basis von gut ausgebildeten Arbeitskräften im Werkplatz zu haben. Das duale Bildungssystem in der Schweiz ist hervorragend und im internationalen Wettbewerb einzigartig. Die Durchlässigkeit, welche das Bildungssystem bietet, ist zudem ein grosser Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Ländern.

Stichwort Fachkräftemangel: Welche Möglichkeiten sehen Sie, den Fachkräftemangel mittel- und langfristig zu beheben?

J. Marti: Wir müssen die Jungen für technisch-mechanische Berufe begeistern und ihnen vermitteln, dass es in unserer Branche um Hightech-Berufe in Hightech-Produktionshallen mit modernen und zukunftsgerichteten Arbeitsplätzen geht. Und wir müssen den gesellschaftlichen Nutzen unserer Produkte besser bekannt machen. Mit dem/der Produktionstechniker/in HF haben wir einen neuen Lehrgang zur Weiterbildung entwickelt, der zur Attraktivitätssteigerung der Berufe in unserer Branche beiträgt.

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Wir streben nicht nur eine fundierte Erstausbildung und die Weiterbildung innerhalb eines bestimmten Berufsfeldes an, sondern unterstützen auch alle Umschulungsmodelle und -massnahmen, die einen Berufswechsel auf allen Beschäftigungs- und Altersstufen ermöglichen (berufliche Mobilität auch für ältere Arbeitskräfte). Heute ist für viele Arbeitskräfte Teilzeit eine Option. Auch hier müssen wir ansetzen. Zudem bin ich überzeugt, dass die technologische Entwicklung einen Beitrag im Kampf gegen den aktuellen Fachkräftemangel leistet.

Bei jedem Industriegipfel wird darüber gesprochen, dass mehr Frauen für die Industrie begeistert werden müssten. Die Beziehung von Frauen zur Industrie entspricht in etwa der von Hund zu Katze. In der Produktion sind Frauen absolut unterrepräsentiert. Gäbe es aus Ihrer Sicht Strategien, die Industrie spezifisch für Frauen attraktiv zu machen, wenn ja, wie sehen die aus?

J. Marti: Im Rahmen unserer Berufsmarketingmassnahmen ist Swissmechanic sehr stark engagiert, den Nutzen der MEM-Berufe für die Gesellschaft, den Wohlstand und die Wirtschaft aufzuzeigen. Wir wissen aus wissenschaftlichen Studien, dass Frauen bei der Berufswahl auf andere Kriterien achten als Männer. Es gilt also, beide Geschlechter besser anzusprechen.

Bei der Anzahl Mitarbeiter der MEM-Industrie stützt man sich auf die Zahlen des Bundesamtes für Statistik. Aktuell liegt diese bei ca. 320 000 Mitarbeitern. Werden bei diesen Statistiken die Swissmechanic-​Mitgliedsfirmen mitgezählt?

J. Marti: Gemäss der Statistik der Unternehmensstruktur des BFS arbeiteten 2019 in der gesamten MEM-Branche (inkl. Medizintechnik) 320 000 Personen. Heute sind es gemäss Schätzungen rund 1% weniger, weil die Beschäftigungsreduktionen während Covid noch nicht ganz wettgemacht werden konnten. Swissmechanic zählt als führender Arbeitgeberverband und mit seinen 14 Ausbildungszentren als führender Berufsbildungsverband der KMU-MEM rund 1250 Mitgliedsfirmen. Diese Mitgliedsfirmen beschäftigen zwischen 65 000 und 70 000 Mitarbeitende. Diese Zahl ist in der Zahl des BFS enthalten.

Prof. Tobias Straumann (Uni ZH) sagte dem SMM gegenüber: der Werkplatz verliert an Akzeptanz, weil infolge des gesellschaftlichen Wandels die Wertschätzung der Metallberufe abgenommen habe. Das sei Ausdruck einer veränderten Werthaltung. Was schliessen Sie aus dieser These?

J. Marti: Ich frage mich gerade, was Prof. Straumann mit «Metallberufe» meint: Spezifisch nur die Metallindustrie oder die gesamte MEM-Branche? Ebenso frage ich mich, was er mit «gesellschaftlichem Wandel» meint: Demographie, Wohlstand, technologischen Fortschritt / Digitalisierung oder Werte? Falls Prof. Straumann sich auf die gesamte MEM-Branche bezieht und mit dem gesellschaftlichen Wandel unter anderem den Wertewandel hin zu mehr Nachhaltigkeit meint, der insbesondere bei der jüngeren Generation ausgeprägt ist, dann bin ich der Meinung, dass es wichtig ist, in den Köpfen zu verankern, dass die Schweizer MEM-Branche nicht Teil des Problems ist, sondern ein Teil der Lösung.

Denn erstens sind die Produkte der MEM-​Branche notwendig dafür, dass die Energiewende erfolgreich vollzogen werden kann (zum Beispiel: emissionsärmere Energieproduktion durch Solaranlagen, Windkraftwerke, Elektromotoren und Batterien; effizientere Maschinen und Installationen; Carbon Capture). Und zweitens sind die Umweltstandards in der Schweiz höher als vielerorts im Ausland; eine Produktion am Werkplatz Schweiz macht also auch aus dieser Sicht Sinn.

Thema Energie und sich verändernde gesellschaftliche Wertehaltung: inwieweit setzt sich Swissmechanic für die Entwicklung erneuerbarer Energien ein?

J. Marti: Eine zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung ist ein zentraler Wettbewerbsfaktor. Wir brauchen eine solide Energieversorgung, die sich aber konsequent in Richtung CO2-neutrale Erzeugung bewegen muss. Swissmechanic fordert eine technologieoffene Energiepolitik und verschliesst sich nicht gegenüber Kernkraftwerken der neuen Generation.

In der ganzen Klima- und Energiediskussion ist die MEM-Industrie ein wichtiger Teil der Lösung, nicht zuletzt, weil sie Energiesysteme entwickelt und produziert. Um diese Schlüsselrolle wahrzunehmen, setzt sich Swissmechanic für ein der Forschung, Entwicklung und Innovation förderliches wirtschaftspolitisches Umfeld ein.

Aktuell läuft eine Welle durch unsere Branche; immer mehr Unternehmen installieren Solarpanels auf ihren Industriedächern und decken einen nicht unerheblichen Teil ihres Energieverbrauchs. Das sind durchaus positive Entwicklungen.

Welche Rolle werden zukünftig automatisierte Prozesse spielen und welche Auswirkungen hat das auf die Anforderungsprofile der MitarbeiterInnen?

J. Marti: Die Automatisierung (Digitalisierung, Industrie 4.0) wird die MEM-Branche stark verändern und stellt für die Schweizer MEM-Branche eine grosse Chance dar, weil sie sehr gut darauf vorbereitet ist, in diesem Bereich führend zu sein. Stichworte sind: hohe Innovationskraft, gut ausgebildete Fachkräfte, attraktiv für talentierte ausländische Fachkräfte, florierende ICT-​Branche vor Ort.

Diese Entwicklung wird praktisch alle Arbeitsbereiche in MEM-Unternehmen betreffen und somit auch einen Einfluss auf das Gros der Anforderungsprofile haben – sei es in der Produktion, Logistik, Forschung und Entwicklung oder im Büro. Natürlich äussern sich die neuen Anforderungen nicht überall gleich. Um einige Beispiele zu nennen: In der Produktion werden Mitarbeitende z. B. verstärkt komplexere computergesteuerte Maschinen bedienen; in der Forschung und Entwicklung werden Ingenieure bspw. zunehmend Artificial-Intelligence-Lösungen einsetzen; im Büro wird z. B. der kompetente Umgang mit ERP-Lösungen eine wichtigere Rolle spielen. Ich bin aber überzeugt, dass die technologische Entwicklung auch einen Beitrag im Kampf gegen den aktuellen Fachkräftemangel leistet. Im Rahmen der laufenden Weiterentwicklung unserer Erwachsenenbildungsangebote zum/zur Produktionsfachmann/frau und zum/zur Produktionstechniker/in HF hat Swissmechanic neue Module wie Industrie 4.0, Handling Systems, Fertigungsoptimierung und Anlagenmanagement eingeführt mit dem Ziel, technologieaffine und datenorientierte Führungskräfte für die MEM-Branche auszubilden. -böh- SMM

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