Die Schweizer MEM-Industrie und ihre Partner in den EU-Nachbarregionen

Ein einzigartiger «Alpine Industry Cluster»

| Autor / Redakteur: Michael Grass, BAK Economics / Silvano Böni

Die EU ist der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt der MEM-Unternehmen. Zwei von drei Exportfranken kommen hierbei direkt aus den vier Anrainerstaaten, und einer von drei Exportfranken kommt aus den unmittelbar angrenzenden 12 EU-Nachbarregionen.
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Die EU ist der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt der MEM-Unternehmen. Zwei von drei Exportfranken kommen hierbei direkt aus den vier Anrainerstaaten, und einer von drei Exportfranken kommt aus den unmittelbar angrenzenden 12 EU-Nachbarregionen. (Bild: BAK)

Fast 80 Prozent der Erlöse der MEM-Industrie stammen aus dem Auslandsgeschäft. Der Zugang zu ausländischen Märkten ist deshalb ein kritischer Erfolgsfaktor. Den unmittelbar angrenzenden EU-Nachbarregionen kommt hierbei eine besondere Schlüsselrolle zu, wie eine Studie von BAK Economics zeigt.

Die Schweiz gehört heute zu den reichsten Volkswirtschaften der Welt. Verdient wurde dieser Wohlstand durch den überaus erfolgreichen Verkauf von Waren und Diensten im Ausland. Was ist die Erfolgsformel für den Aufstieg der Schweiz zur wohlhabenden Nation? Wirtschaftshistoriker nennen hier den Pionier- und Unternehmergeist, insbesondere in der Phase der Industrialisierung. Auch der ausgeprägte Erfindergeist (heute spricht man von Innovationskraft) hat dazu beigetragen. Und nicht zuletzt auch die geographische Lage. Die Schweiz hat in den vergangenen 250 Jahren immer auch von seinen Nachbarn und deren Nachfrage nach Schweizer Gütern profitiert.

Die Nachbarn sind auch heute noch wichtig, das gilt in besonderem Ausmass für die MEM-Industrie. Die Europäische Union (EU) ist mit einem Anteil von 60 Prozent aller Exporte der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt der MEM-Unternehmen. Zwei von drei Exportfranken kommen hierbei direkt aus den vier Anrainerstaaten, und einer von drei Exportfranken aus der EU kommt aus den unmittelbar angrenzenden 12 EU-Nachbarregionen. Es handelt sich dabei um Baden-Württemberg, Bayern, Vorarlberg, Nord- und Südtirol, die Lombardei, das Piemont, das Aostatal sowie die angrenzenden französischen Départements Ain, Savoyen, Franche-Comté und Elsass.

Zwischen diesen Regionen und der Schweizer MEM-Industrie bestehen vielschichtige Beziehungen und Verflechtungen, die weit über die Funktion eines Absatzmarktes hinausgehen und im Mittelpunkt der Studie von BAK Economics stehen.

Bedeutung als Absatzmarkt

Jeder dritte Exportfranken aus der EU kommt von Kunden aus den Nachbarregionen. Insgesamt handelt es sich um einen Warenwert von 13,4 Milliarden Franken. Damit sind die EU-Nachbarregionen als Absatzmarkt in etwa so wichtig wie die beiden Länder USA und China zusammen (13,7 Milliarden Franken). Zum Vergleich: Was die Bevölkerung angeht, sind die USA und China zusammen 38 Mal grösser, flächenmässig sind sie sogar 88 Mal so gross wie die Nachbarregionen.

Mit dem Absatz in den Nachbarregionen sind auch substanzielle volkswirtschaftliche Effekte verbunden: So generieren die Aufträge aus den Nachbarregionen in der Schweizer MEM-Industrie eine Wertschöpfung von rund 6,6 Milliarden Franken und beschäftigen 45 000 Mitarbeitende. Das entspricht rund 14 Prozent der gesamten MEM-Industrie.

Bedeutung als Beschaffungsmarkt

Die EU-Nachbarregionen sind nicht nur ein wichtiger Absatzmarkt, sondern auch ein zentraler Beschaffungsmarkt der Schweizer MEM-Industrie. Insgesamt importieren die MEM-Unternehmen Waren im Wert von 32 Milliarden Franken. Die Warenimporte aus den Nachbarregionen betragen 8,4 Milliarden Franken. Das entspricht rund 26 Prozent der gesamten Warenimporte. Zum Vergleich: Die gesamte Schweizer Wirtschaft importiert im Durchschnitt lediglich 18 Prozent aus den Nachbarregionen.

Bedeutung als Arbeitsmarkt

Dass die MEM-Industrie stärker als die Gesamtwirtschaft mit den Nachbarregionen verflochten ist, zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt. Insgesamt arbeiten in der MEM-Industrie rund 30 000 Grenzgänger aus den EU-Nachbarregionen.

Unter 100 Mitarbeitern sind damit im Durchschnitt zehn Grenzgänger zu finden. Im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt sind es lediglich sechs.

Anders als bei den Grenzgängern findet bei den Entsendungen ein bedeutender Austausch in beide Richtungen statt. Eine Nachfrage bei Swissmem-Mitgliedern ergab: 39 Prozent der Unternehmen entsenden Mitarbeitende ins Ausland. Von diesen entsendet die Mehrheit (23 Prozent) auch Mitarbeitende in die Nachbarregionen. Umgekehrt ist es so, dass bei 28 Prozent der Unternehmen Entsendete aus dem Ausland arbeiten. In 17 Prozent der Unternehmen arbeiten Entsendete aus den Nachbarregionen.

Produktionsnetzwerk

Neben den Marktbeziehungen bestehen darüber hinaus weitergehende Verflechtungen, beispielsweise auf der institutionellen Ebene. 40 Prozent der Unternehmen geben an, im Ausland eine Betriebsstätte zu haben. Mehr als jedes zweite von diesen Unternehmen hat eine Betriebsstätte in einer der Nachbarregionen. Zudem gibt es auch im Bereich der Produktion Verflechtungen: So gibt jedes dritte Unternehmen an, im Herstellungsprozess mindestens einmal Zwischenprodukte mit Betriebsstätten in den Nachbarregionen auszutauschen, bis das Endprodukt des Unternehmens fertig ist. Bei Unternehmen mit einer eigenen Betriebsstätte in den Nachbarregionen gibt jedes zweite Unternehmen an, dass es ein Unternehmen aus den Nachbarregionen in die eigene Wertschöpfungskette integriert hat.

Forschungsnetzwerk

Schliesslich beleuchtet die BAK-Studie noch die Netzwerkeffekte im Bereich Innovation. Diese ist das Lebenselixier der MEM-Industrie und die Grundlage für ihre Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit. Wie die Studie zeigt, spielen auch hier die Nachbarregionen eine Schlüsselrolle. So hat beispielsweise mehr als jedes zweite Unternehmen, welches eine internationale Forschungskooperation betreibt, auch einen Forschungspartner in den Nachbarregionen.

In der Spitzenforschung zeigt sich die Forschungsverflechtung mit den Nachbarregionen ebenso deutlich. Dies bestätigt eine Analyse der Weltklassepatente der Schweizer MEM-Industrie: Bei jedem zweiten Schweizer MEM-Patent mit Beteiligung eines ausländischen Forschers stammt dieser Forschende aus den Nachbarregionen.

Auch für die am EU-Forschungsprogramm «Horizon 2020» beteiligten MEM-Unternehmen ist die Bedeutung der EU-Nachbarregionen für die MEM-Industrie hoch. Um an diesem Programm teilnehmen zu können, braucht es einen Kooperationspartner aus der EU. Im Falle der MEM-Industrie konnten wir feststellen, dass in 58 Prozent der Fälle mindestens eine Partnerinstitution aus den Nachbarregionen beteiligt ist.

Insgesamt profitierten im vergangenen Jahr 138 MEM-Unternehmen von diesem Programm. Es wurden 233 Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 109 Millionen Franken gefördert. Dies entspricht circa 3 Prozent der totalen F&E-Ausgaben der Schweizer MEM-Industrie. Noch wertvoller als die finanzielle Förderung dürfte dabei der Know-how-Transfer oder die Möglichkeit der Entwicklung strategischer Partnerschaften sein.

Synthese

Die Netzwerkanalyse belegt zunächst eindrucksvoll die Bedeutung der Nachbarregionen als Absatzmarkt. Sie sind als Absatzmarkt so gross wie China und die USA, und jeder dritte Exportfranken aus der EU kommt aus den Nachbarregionen.

Eine noch wichtigere Erkenntnis ist aber, dass es darüber hinaus zahlreiche weitere Verflechtungen gibt, welche die Beziehung zu den Nachbarregionen im Vergleich zu fernen Absatzmärkten so wertvoll machen:

Neben dem Austausch von Waren kommt die Vernetzung auch in der betrieblichen Verflechtung und dem beidseitigen Personen- und Wissensaustausch zum Ausdruck.

Aufgrund der verschiedenen Netzwerkbeziehungen ist die Bedeutung der EU-Nachbarregionen noch höher einzuschätzen, als es die ohnehin schon beeindruckende Analyse der Wertschöpfungs- und Arbeitsplatzeffekte der Exporte ausdrückt.

Es ist also nicht übertrieben zu sagen: Die Schweiz und die EU-Nachbarregionen stellen ein grenzüberschreitendes MEM-Produktions- und Forschungsnetzwerk im Herzen Europas dar, das für die Unternehmen und Beschäftigten auf beiden Seiten der Grenze einen hohen Wohlstand generiert. SMM

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