Medizintechnik Gebr. Bräm AG Präzisionsmechanik: Künstliches Hüftgelenk für einen Tiger
>> Weltweit erstmals wurde einem Tiger ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt. Die Gebr. Bräm AG aus Dietikon stellte das massgeschneiderte Implantat und die entsprechenden Instrumente her – basierend auf einem System der Zürcher Firma Kyon.
Anbieter zum Thema

Die acht Jahre alte malaysische Tigerdame Girl aus dem Zoo in Halle litt am rechten Hüftgelenk unter Arthrose, wie Dr. Peter Böttcher von der Kleintierklinik der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig sagt. Ausgangspunkt war eine schmerzhafte Lahmheit seit Frühling 2010. Rund sechs Monate dauerten die Vorabklärungen, wie der Tigerdame geholfen werden könnte. Dann ging alles sehr schnell: Vom Entscheid zum Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenkes bis zur dreistündigen Operation dauerte es nur acht Wochen. In dieser Zeit mussten massgeschneidertes Implantat und Werkzeug erstellt werden.
Patente im Bereich Knie- und Hüftoperationen
Eine langjährige Partnerschaft verbindet die zwei Firmen: Kyon aus Zürich und Gebr. Bräm AG aus Dietikon. Kyon entwickelt Instrumente und Implantate für den veterinärmedizinischen Bereich der Orthopädie und Traumatologie. Jährlich werden weltweit mit diesem System rund 1000 Hüftoperationen und 12 000 Knieoperationen gemacht. Kyon ist weltweit führend in diesem Bereich. Sie entwickelt und hält Patente von vollverschraubten Hüftschaft-Implantaten, Pfannen mit funktionaler Geometrie des Innenbereichs sowie Platten und Schrauben für Kniebänder-Operationen. Lahmheit bei Hunden aufgrund von überstrapazierten und degenerierten Bändern im Kniebereich stellt die weitaus häufigste Operationsursache dar.
Das System Kyon wurde auch auf den Menschen übertragen: Scyon, an der Gebr. Bräm AG eine Beteiligung hält, entwickelt Implantate und Instrumente für den humanmedizinischen Bereich der Orthopädie. Die Hüft-Endoprothesen werden auch beim Menschen eingesetzt, der Hund war in diesem Fall Vorreiter für den Menschen.
Hochpräzisionsfertigung für Medizintechnik und Uhrenindustrie
Gebr. Bräm AG ist im Bereich Hochpräzisionsfertigung tätig. Die Hart-/Feinstbearbeitung von metallischen Werkstoffen und Keramik bedingt laufende Investitionen in neue Infrastruktur. «Wir haben einen regelrechten Investitionsschub hinter uns. Mikrofräsen, Ausbau Laserabteilung, neuste automatisierte Polierverfahren und das Mikroerodieren machen uns zu einem interessanten Partner für die Medizin- und neu auch für die Uhrenindustrie. Wir haben uns auch zu einem absoluten Kompetenzzentrum für die Bearbeitung von kleinsten, genausten Bohrungen entwickelt», sagt Geschäftsführer Martin Bräm. Neben den speziellen Bearbeitungstechnologien ist die Entwicklungsabteilung der Gebr. Bräm AG das stark verbindende Glied zu Kyon. Seit Beginn der Partnerschaft wurden gemeinsame Lösungen entwickelt und produziert. Genau dieses «Miteinander» schätzt Dr. Slobodan Tepic, CEO von Kyon, so sehr. Er kann, ohne Termine koordinieren zu müssen, bei Gebr. Bräm in die Fabrikation oder Entwicklungsabteilung reinkommen und direkt Anliegen besprechen. So war es auch nicht verwunderlich, dass das Projekt Tiger zusammen realisiert wurde. Prototypen und Einzelfertigung gehören bei Bräm zur Tagesordnung. Die Erfahrung mit den Kyon-Teilen machte die notwendigen Anpassungen einfach.
Zwei Exemplare mit zusätzlicher Motivation
«Die involvierten Mitarbeiter konstruierten und fertigten mit einer zusätzlichen Motivation: Sie wussten genau, dass die Patientin eine malaysische Tigerdame namens Girl ist. Das ist etwas ganz anderes als einfach ein hochgenaues Werkstück zu fertigen. Es nahmen alle echt Anteil am Gesundheitszustand von dieser Raubkatze, von der es in freier Wildbahn nur noch 500 Exemplare gibt», führt Martin Bräm weiter aus.
Vom Hüftgelenk wurden sicherheitshalber zwei Exemplare gefräst, das Instrumentarium wurde in Einfach-Ausführung hergestellt. Alles war ein wenig grösser als bei Hunden, aber vom Grundprinzip her gleich. Das Team der Uni Leipzig wurde unterstützt vom italienischen Kleintierspezialisten Dr. Aldo Vezzoni, der weltweit über die grösste Erfahrung mit dem Einsatz dieser Protheseart bei Hunden verfügt. Die Operation verlief erfolgreich, die Gefahr lag aber in den ersten sechs Wochen nach der Operation. Die Tigerdame wurde, zurück im Zoo Halle, in einem speziellen Innengehege gehalten, das für Besucher nicht einsehbar war und somit die nötige Ruhe bot. Das Ausrenken der operierten Hüfte durch wilde Bewegungen wäre für den Heilungsverlauf denkbar schlecht gewesen. Aber auch diese Zeit verlief problemlos und Girl ist mittlerweile wieder im Aussengehege zu besichtigen. Die Chancen stehen gut, dass das künstliche Hüftgelenk bis zum Tod der Raubkatze den Dienst erfüllt. Grosskatzen haben eine Lebenserwartung von rund 20 Jahren.
(ID:29960660)
