Oberflächentechnik Gühring eröffnet Schweizer Beschichtungszentrum

Redakteur: Matthias Böhm

>> Einer der grössten deutschen Werkzeughersteller, die Gühring oHG,eröffnete im Juni 2012 ein hochmodernes Beschichtungszentrum in Altdorf (Uri). Unter dem Namen G-Elit wird hier ein Grossteil der von GühringDeutschland hergestellten Zerspanwerkzeuge im PVD-Verfahren beschichtet. Dass die Wahl auf Altdorf führte, liegt nicht zuletzt daran, dass der Standort im europäischen Vergleich als Bester abgeschnitten hat. Für den Werkplatz Schweiz ein hervorragender Entscheid.

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Bernd Schatz (li., Mitglied der Geschäftsleitung der Gühring oHG, D-Albstadt) und Edgar Camenzind (Produktionsleiter G-Elit, Altdorf) vor dem neuen Beschichtungszentrum in Altdorf. Unbürokratisch: Das Gebäude wurde innert kürzester Zeit auf dem Ruag-Gelände erstellt.
Bernd Schatz (li., Mitglied der Geschäftsleitung der Gühring oHG, D-Albstadt) und Edgar Camenzind (Produktionsleiter G-Elit, Altdorf) vor dem neuen Beschichtungszentrum in Altdorf. Unbürokratisch: Das Gebäude wurde innert kürzester Zeit auf dem Ruag-Gelände erstellt.
(Bild: Böhm)

Wenn einer der grössten deutschen Werkzeughersteller in der Schweiz ein High-Tech-Beschichtungszentrum eröffnet, macht das hellhörig. Was zeichnet den gemeinhin teuren Standort Schweiz aus, dass die Wahl auf Altdorf im innerschweizer Kanton Uri fiel? Der SMM hat während der offiziellen Eröffnungsfeier Bernd Schatz (Mitglied der Geschäftsleitung der Gühring oHG, D-Albstadt) und Edgar Camenzind (Produktionsleiter G-Elit, Altdorf) Fragen zum Unternehmen und dem Standort Schweiz gestellt.

SMM: PVD-Beschichtungen gibt es ja seit langem, welche Bedeutung hat Ihr neues PVD-Beschichtungszentrum G-Elit für Gühring?

Bernd Schatz: Die Besonderheit unserer Beschichtungskompetenz liegt nicht nur im Beschichten als solches, sondern dass wir seit 20 Jahren kontinuierlich ein Beschichtungs-Anlagenbau-Know-how aufgebaut haben. Als Werkzeughersteller stellen wir natürlich auch die Werkzeuge her, die beschichtet werden. Wir verfügen somit über eine höchste Fertigungstiefe. Diese Generalkompetenz ist unser Alleinstellungsmerkmal. Ganz besonders möchte ich hervorheben, dass wir die Beschichtungs-Anlagen selbst entwickeln. Damit haben wir den gesamten Prozess im Griff und können unsere Werkzeuge anwendungsspezifisch auslegen. Das neue Beschichtungszentrum widerspiegelt somit unsere Kompetenzführerschaft.

Wie sind Sie zum Anlagenbau im PVD-Beschichten gekommen?

B. Schatz: Beschichtungen sind im Fertigungsprozess das A und O. Deshalb haben wir sehr früh strategisch in fachkundiges Personal investiert. Unsere Beschichtungsanlagen und -verfahren haben wir kontinuierlich weiterentwickelt und verfügen heute über eine Spitzenstellung im Beschichten.

So weit zum Anlagenbau des Werkzeugherstellers Gühring. Jetzt trägt das Know-how des Unternehmens auch in der Schweiz Früchte. Seit Anfang 2012 produziert das Unternehmen G-Elit Präzisionswerkzeuge GmbH in einer neu erstellten Industriehalle auf dem Ruag-Gelände im Industriepark Schächenwald in Altdorf. Die Beweggründe, ein europäisches Kompetenzzentrum für Beschichtungen in der Zentralschweiz zu gründen, sind vielschichtig.

Einige davon sind wirtschaftspolitischer Natur, wie Bernd Schatz während der offiziellen Eröffnungsfeier betonte. Der Kanton Uri biete beste Möglichkeiten und vor allem kurze Verwaltungswege sowie äusserst attraktive wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die international im Spitzensegment angesiedelt seien. Dass auch steuerliche Aspekte von Bedeutung sind, ist klar, wird aber nicht in den Vordergrund gestellt.

Gühring ist ein urdeutsches Unternehmen. Wie kommt es, dass Gühring in der Schweiz eine Niederlassung eröffnet, warum nicht in Ungarn oder Rumänien?

Edgar Camenzind: Hier sind mehrere Seiten zu sehen. Wir produzieren Hochleistungswerkzeuge. Die Beschichtung der Werkzeuge ist massgebend für die Standzeit und Produktivität. Beim Beschichten ist vor allem das Anforderungsniveau an die Prozesse sehr hoch. Wenn wir unsere Werkzeuge in der Schweiz beschichten lassen, ist das für unser Image hervorragend, weil der Schweizer Produktionsstandort einen ausgezeichneten Ruf hat.

Wie sieht es mit der Schweizer Wirtschaftlichkeit aus?

B. Schatz: Das Lohnniveau ist in der Schweiz höher als in Deutschland. Auf der anderen Seite sind die Arbeitszeiten länger, die Ferien kürzer und die Fehlzeiten geringer. Das wirkt sich positiv auf die Gesamtwirtschaftlichkeit aus. Wenn wir dann drei Schichten fahren, ggf. auch am Wochenende, dann ist die Schweiz aus betriebswirtschaftlicher Sicht weltweit Spitze. Insbesondere, wenn es um einen solch anspruchsvollen Arbeitsprozess geht.

Fachkräfte wesentlicher Aspekt

Ein weiterer Aspekt sind die Fachkräfte, die für ein High-Tech-Beschichtungszentrum wie G-Elit benötigt werden. Auch unter diesen Aspekten hat sich der Innerschweizer Standort als gute Wahl erwiesen. Die knapp 40 Mitarbeiter konnten relativ schnell gewonnen werden. Hierzu erklärt Bernd Schatz: «Im Rahmen des intensiven Evaluationsprozesses für einen Standort haben uns die Stärken von Uri als Wirtschaftsstandort und die konkurrenzfähigen Standortparameter überzeugt.»

Die landschaftliche Umgebung von Altdorf ist sensationell. Gibt es da nicht einen Ansturm Ihrer deutschen Gühring-Kollegen auf G-Elit?

E. Camenzind: Das ist sicher auch ein ganz grosser Vorteil des Standortes Schweiz. Sicher hätten einige unserer deutschen Gühring-Mitarbeiter Interesse, aber das ist nicht unser Ziel gewesen. Denn es gibt natürlich ausgezeichnetes Personal in der Umgebung von Altdorf, dem müssen wir den Vortritt lassen. Auf unsere lokalen Stelleninserate hatten wir 100 Bewerbungen. Allerdings sind die qualifizierten Stellen schwieriger zu besetzen. Insbesondere auch deshalb, weil G-Elit ein komplett neues Unternehmen hier in der Schweiz ist. G-Elit muss sich erst etablieren und seine Wirtschaftsleistung unter Beweis stellen. Gleichwohl sind wir sehr zufrieden, dass wir bereits 36 Mitarbeiter gewinnen konnten. Die Produktion läuft seit Januar auf Hochtouren.

Wird G-Elit auch die Vertriebszentrale werden, wenn hier der Grossteil der Gühring-Werkzeuge beschichtet werden?

E. Camenzind: Vorerst werden wir unser Zentrallager in Berlin, von dem aus der weltweite Versand gesteuert wird, beliefern. In einem zweiten Schritt werden wir dann die Direktlieferungen an die Gühring-Niederlassungen übernehmen.

Wie sich an diesem Beispiel zeigt, ist der Werkplatz Schweiz attraktiv selbst für europäische Unternehmen, von denen man glauben sollte, aus deren Perspektive die Schweiz alles andere als ein Niedriglohnstandort ist. Die Vorteile, die der Standort Schweiz bietet, sind letztlich vielschichtiger Natur und sollten erheblich stärker seitens der Verbände und Politik nach aussen getragen werden. <<

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