Trumpf: Erfolgreiche Zukunftsstrategie Hightech aus dem Bergtal – 4x4 empfohlen

Von Konrad Mücke

Vier wesentliche Aspekte tragen aus Sicht der Trumpf Schweiz AG entscheidend dazu bei, dass Produktionsunternehmen an kostenintensiven Standorten im internationalen Wettbewerb bestehen können. Andreas Conzelmann und Philipp Kuske erläutern die zukunftsorientierte Strategie.

Anbieter zum Thema

Verschwendung minimieren: Digitalisierung in der Produktion trägt dazu bei, alle Abläufe vom Eintreffen eines Auftrags bis zum Abliefern und kaufmännischen Abrechnen eines Produkts wesentlich effizienter zu gestalten.
Verschwendung minimieren: Digitalisierung in der Produktion trägt dazu bei, alle Abläufe vom Eintreffen eines Auftrags bis zum Abliefern und kaufmännischen Abrechnen eines Produkts wesentlich effizienter zu gestalten.
(Bild: Trumpf)

SMM: Herr Conzelmann, welche Kriterien sehen Sie als entscheidend, um beispielsweise in der Schweiz auch weiterhin wettbewerbsfähig produzieren zu können?

Andreas Conzelmann: Für mich sind das die Elemente Maschine, Material, Methode und Mensch. Unter diesen vier Aspekten betrachten wir unsere Wertschöpfungskette sowie die Produktion bei unseren Kunden. Meiner Meinung nach ist die gesamtheitliche Betrachtung dieser Aspekte sowie deren enge Vernetzung sehr wichtig, damit Industrieunternehmen am Denk- und Werkplatz Schweiz auch zukünftig wettbewerbsfähig bleiben.

Beginnen wir gleich mit dem ersten Bereich – Maschine. Was können Sie als Erfolgsfaktoren für wettbewerbsfähige Maschinen nennen?

A. Conzelmann: Während noch vor zehn Jahren unsere Devise war «immer höhere Laserleistung beim Laserschneiden und dadurch höhere Verfahrgeschwindigkeiten», legen wir den Fokus in den letzten Jahren auf mehr Autonomie, höhere Verfügbarkeit, Verkürzung der nichtproduktiven Nebenzeiten und Vermeidung von Problemen im Schneidprozess durch intelligente Sensoren. Beispielsweise reduzieren wir die Gefahr von Kollisionen mit dem Schneidkopf durch die Option Smart Collision Prevention. Die Maschine antizipiert mögliche Kollisionen und wählt die Reihenfolge der Schneidteile und die Verfahrwege so, dass Kollisionen vermieden werden. Ein weiteres wichtiges Element ist die Integrierbarkeit von Maschinen in den Smart Factories unserer Kunden. Hier ist vor allem wichtig, dass Smart Factories meist als Evolution entstehen. Wir begleiten unsere Kunden beim ersten Schritt und gehen gemeinsam die nächsten Schritte bis hin zur Smart Factory.

Bildergalerie

Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung bei Werkzeugmaschinen für die Blechbearbeitung ein?

A. Conzelmann: Wir bewegen uns in einem weiter wachsenden Markt, da intelligente Blechkonstruktionen viele Vorteile bieten und Baugruppen aus Blech im Vergleich zu Zerspanungsteilen weniger Material erfordern. Neben den genannten Produkt- und Prozessinnovationen denken wir auch in neuen Geschäftsmodellen. Derzeit testen wir «Pay per Use» beziehungsweise «Equipment as a Service» als Pilotprojekt mit Laserschneidmaschinen. Dabei lernen wir gemeinsam mit unseren Kunden und können die Verfügbarkeit und den Anteil der Hauptzeit sukzessive steigern. Die Werkzeugmaschine der Zukunft muss performant, autonom und intelligent sowie zusätzlich hochflexibel sein.

Kommen wir zum zweiten Aspekt, dem Material. Herr Kuske, welche Abläufe betrifft der Aspekt Material im Unternehmen und welche Verbesserungspotenziale sehen Sie hier?

Philipp Kuske: Das Thema Ressourceneffizienz steht bei uns im Vordergrund. Zum einen setzen wir bei unserer eigenen Produktion auf einen optimalen Einsatz von Ressourcen und streben zum Beispiel eine autarke Energieversorgung oder das Einbringen unserer Verbrauchsmaterialien – beispielsweise Holzverpackungen – in die Kreislaufwirtschaft an. Aber insbesondere unseren Kunden ermöglichen wir durch unsere Produkte, besonders materialeffizient zu arbeiten. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Möglichkeit der engen Schachtelung mit unserer neuen Technologie der Nanojoints. Damit lassen sich Bauteile direkt nebeneinander auf der Blechtafel schachteln. Die Anwender sparen so Zeit und Material und das bei höherer Prozesssicherheit. Ein Gewinn für Mensch, Umwelt und den Geldbeutel.

Welchen Einfluss haben die derzeitigen Versorgungsengpässe auf Ihre Produktion?

Ph. Kuske: Die aktuelle Situation auf dem Lieferantenmarkt stellt uns täglich vor grosse Herausforderungen. Wir leisten täglich einen enormen Zusatzaufwand, um in einem schwierigen Umfeld unsere Kunden bestmöglich zu bedienen. Hier können wir auf die hohe Leistungsbereitschaft unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die gute Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten vertrauen. Dafür sind wir sehr dankbar und dies ist eine der Stärken unseres Standorts. Auch deswegen sind wir – nicht nur in schwierigen Zeiten wie diesen – sehr wettbewerbsfähig.

International ist zurzeit ein Decoupling in der wirtschaftlichen Entwicklung der USA und Chinas zu beobachten. Trumpf ist allerdings international sehr weitreichend engagiert. Wie beeinflusst diese weltweite Situation Ihre Produktionsstrategie und Ihre Supply Chain?

Ph. Kuske: Trumpf hat sich schon vor den Disruptionen in der Supply Chain autark in der Triade Amerika, Asien und Europa aufgestellt. Dies hilft auch in der aktuellen Situation, spezifischer auf lokale Veränderungen reagieren zu können. So zu handeln und unsere Geschäftsabläufe zu strukturieren werden wir beibehalten und an der einen oder anderen Stelle noch weiter vorantreiben.

Welche Methoden sollten moderne Unternehmen der Maschinenindustrie beherrschen, und was zeichnet Trumpf hinsichtlich der Methoden aus?

Ph. Kuske: Lean Management ist zwar ein Klassiker, der aber an Aktualität nie verliert. Wir nennen dies bei Trumpf Synchro und setzen dies seit 1998 um. Wesentlich ist, dass wir nicht nur eine Prozessexzellenz anstreben. Dies ist sozusagen die Pflicht: die konsequente Umsetzung der Grundprinzipien Pull, Takt, null Fehler, Fliessen. Gleichwertig in der Wichtigkeit ist aber auch die Managementexzellenz – also Transparenz und Visualisierung, Führen auf dem Shopfloor und das Arbeiten mit Zielzuständen – sowie die Verhaltensexzellenz. Unser Anspruch ist es, dass alle unsere Mitarbeitenden Verschwendungen erkennen und eliminieren und konsequent Probleme lösen. Dazu gehört auch, dass wir Mitarbeitende aller Hierarchieebenen konsequent weiterentwickeln.

Welche Rolle spielt die Automatisierung bei der Montage Ihrer Maschinen und Laser?

Ph. Kuske: Automatisierung setzen wir so ein, dass sie uns einen Mehrwert bietet – dies, weil wir die Prozesssicherheit erhöhen können oder Effizienz erzielen. Beispielsweise setzen wir in der Montage unserer Optiken bei den Markierlasern auf automatisierte Klebeprozesse. Hier haben wir ein eigenes Betriebsmittel entwickelt, das die Prozesssicherheit in der Montage und die Qualität des Produkts enorm verbessert und die Produktivität deutlich erhöht.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Welche weiteren Methoden sind für Trumpf und für Ihre Kunden wichtige Erfolgsfaktoren?

Ph. Kuske: Die Digitalisierung unserer Prozesse ist der nächste konsequente Schritt bei der Weiterentwicklung unseres Produktionssystems. Wir haben unseren Begriff für Lean daher erweitert um das «d» für Digitalisierung: d+Synchro. Ergänzt haben wir das mit der konsequenten Kundenorientierung und dem konsequenten Denken der Prozesse von der Inbetriebnahme unserer Produkte durch den Kunden rückwärts bis zur Erteilung des Kundenauftrags – also Ende-zu-Ende. Wie hat es Taiichi Ohno einmal sinngemäss formuliert: Alles, was getan werden muss, ist, auf den Zeitpunkt zu schauen, wann der Kunde uns einen Auftrag erteilt, bis zu dem Zeitpunkt, wann wir unser Geld erhalten, und alle Verschwendung, die dazwischenliegt, zu entfernen. Der Satz ist unschlagbar in seiner Einfachheit, aber unglaublich schwer in der Umsetzung in der täglichen Arbeit. Die Digitalisierung bietet hier enorme Chancen, einen neuen Quantensprung zu setzen. Daher arbeiten wir hier ebenfalls jeden Tag daran, ein Stück besser zu werden.

Kommen wir zum vierten Punkt – wie wichtig ist der Faktor Mensch?

A. Conzelmann: Aus meiner Sicht sind unsere Mitarbeitenden das wichtigste Element – gerade in den Smart Factories der Zukunft. Wir benötigen Mitarbeitende aller Ausbildungs- und Hierarchiestufen. Neben den Fachkompetenzen werden Elemente wie Sozialkompetenz, vernetztes Denken und Lernfähigkeit immer wichtiger. Es wird zunehmend schwieriger, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Das liegt vor allem daran, dass die MINT-Berufe – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – von einer Vielzahl anderer Berufe und Studienrichtungen konkurrenziert werden.

Wie wirkt sich der Standort Grüsch auf den Erfolg Ihrer Suche nach Fachkräften aus, ist er eher ein Vor- oder eher ein Nachteil?

A. Conzelmann: Der Standort mitten im Bergtal ist Vor- und Nachteil zugleich. Je nach Studienrichtung müssen wir um Studierende aus Zürich oder Lausanne aktiv werben, wobei auch die Fachhochschulen in der Region die technischen Studiengänge ausgebaut haben. Für Mitarbeitende, deren Familien gerne Sport treiben oder einfach gerne in unserer wunderschönen Bergwelt unterwegs sind, gibt es keinen besseren Standort. Grüsch liegt inmitten mehrerer attraktiver Ski- und Tourengebiete und im Winter beginnt eine Langlaufloipe wenige Meter von uns entfernt. Wir arbeiten da, wo andere Ferien machen. Da wir zu den grössten und wichtigsten Arbeitgebern in Graubünden zählen, sind wir mit Politik und Bildung sehr gut vernetzt. Unsere Anliegen finden Gehör und die Zusammenarbeit mit dem Kanton Graubünden und den Hochschulen ist hervorragend.

Welchen Stellenwert hat die Ausbildung in Ihrem Haus?

A. Conzelmann: Die Ausbildung geniesst seit Gründung der Trumpf Schweiz AG vor 59 Jahren einen sehr hohen Stellenwert. Wir bilden Lernende in zehn unterschiedlichen Berufen aus und mittlerweile haben über 400 Lernende ihre Berufsausbildung bei Trumpf absolviert. Über die Ausbildung sichern wir unseren eigenen Nachwuchs an Fachkräften. Ein weiterer Erfolgsfaktor zur Bewältigung der vorher genannten Herausforderungen bei der Gewinnung von Lernenden oder Fachkräften ist die Durchführung von MINT-Camps. Gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule und weiteren Firmen der Region bieten wir jährlich MINT-Camps an, bei welchen Schülerinnen und Schüler der Primarschule für eine Woche zu uns kommen und ein Hochtechnologie-Unternehmen kennenlernen. Das Programm ist natürlich auf die Kinder zugeschnitten und wir arbeiten hier mit spielerischen Methoden, um die Anwendung unserer Maschinen und Laser zu vermitteln.

Wie hat sich die Arbeitswelt in den letzten Jahren verändert und wie sehen Sie die Zukunft?

A. Conzelmann: Ein wichtiges Element ist die Flexibilität. So bieten wir seit vielen Jahren Teilzeit an, was von über 20 Prozent der Mitarbeitenden genutzt wird. Auch die Modernität und Ergonomie der Arbeitsplätze ist uns ein grosses Anliegen. So haben wir bereits vor der Covid-19-Pandemie den sogenannten Future Workplace eingeführt, mit der Möglichkeit, mit modernen Softwaretools mobil zu arbeiten. Während der Pandemie war das ein riesiger Vorteil, ohne grossen Aufwand konnten hunderte Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten. Trotzdem kommen unsere Mitarbeitenden seit Aufhebung der Homeofficepflicht wieder gerne zurück ins Büro. Meine Überzeugung ist, dass wir zukünftig das Beste aus beiden Welten nutzen werden. Mobiles Arbeiten wird bereits heute selbstverständlich genutzt. Trotzdem hat die Präsenz im Unternehmen grosse Vorteile, wenn es um die Vernetzung von Teams geht, die Integration neuer Kolleginnen und Kollegen und gemeinsame Innovation. Gute Zusammenarbeit entsteht auch dadurch, dass Menschen zusammen arbeiten.

Herr Conzelmann und Herr Kuske, vielen Dank für diese Informationen. SMM

(ID:48207684)