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Norbert Renz, Geschäftsführung Schweiz, Bosch Rexroth AG
SMM: Das Thema Industrie 4.0 ist nun bereits seit Jahren in aller Munde. Wann kommt der Durchbruch?
Norbert Renz: Industrie 4.0 ist ein evolutionärer Prozess, der bereits begonnen hat. Bosch Rexroth fertigt beispielsweise auf Multiproduktlinien hunderte von Varianten ohne Umrüstzeiten. In unseren Werken ertüchtigen wir aktuell bereits installierte, ältere Maschinen und binden sie mit geringem Aufwand in vernetzte Strukturen ein. Diese Anwendungserfahrungen fliessen direkt in unsere Automationslösungen ein und Anwender können schon heute mit Standard-Hard- und Software von Rexroth ihre Fertigung vernetzen. Der begonnene Prozess Industrie 4.0 wird uns die nächsten Jahre, vielleicht Jahrzehnte begleiten.
Welche neuen Geschäftsmodelle und Potenziale sind durch die 4. industrielle Revolution zu erwarten?
N. Renz: Aktuell sind alle noch in einer sehr frühen Phase des Probierens. Aber es gibt auch schon ganz konkrete Dienstleistungsangebote, die kommerziell erfolgreich sind. Beispielsweise steigert Bosch Rexroth datenbasiert die Verfügbarkeit von Grossanlagen in Stahlwerken, Zucker- oder Papierfabriken. Dazu werden die Anlagen mit einer Vielzahl von Sensoren ausgestattet und die Daten an einen sicheren Server gesendet. Dort wertet selbstlernende Software die riesigen Datenmengen aus und erkennt Verschleiss, bevor er zu einem Stillstand führt.
Wenn man von Industrie 4.0 spricht, fällt oft das Schlagwort «Fabrik der Zukunft». Welche Vision haben Sie von der Fabrik 4.0?
N. Renz: Mensch und Maschine arbeiten künftig Hand in Hand. Die realen Maschinen verschmelzen dort mit der virtuellen Welt der Software, und zwar nicht nur innerhalb der Fabrikmauern, sondern über den gesamten Wertschöpfungsprozess hinweg. Gleichzeitig können die Hersteller den Trend zu immer individuelleren Produkten erfüllen. Ein Ziel von Industrie 4.0 ist die Herstellung der Losgrösse 1 zu Serienkosten. Damit es soweit kommt, müssen für die Vernetzung aber zwei Grundvoraussetzungen erfüllt sein: Alle Maschinen und Stationen müssen eine eigene Intelligenz besitzen und sie müssen über offene Standards Informationen austauschen.
Viele denken bei der «Fabrik der Zukunft» an menschenleere Werkhallen. Andere schwärmen von den Vorteilen für die Menschen durch die Digitalisierung und davon, dass diese keine Jobs kosten würde. Was sollen wir glauben?
N. Renz: Industrie 4.0 zielt eindeutig nicht auf menschenleere Fabriken. Die Erfahrungen in unseren eigenen Werken zeigen vielmehr, dass der Mensch gerade in der vernetzten Fabrik eine zentrale Rolle spielt. Aber die Arbeitsinhalte und die notwendigen Qualifikationen werden sich ändern. Digitale Assistenzsysteme unterstützen die Mitarbeiter besser als je zuvor und stellen in Echtzeit alle relevanten Informationen zur Verfügung. Dadurch können Menschen schneller fundierte Entscheidungen treffen.
Kann durch die Digitalisierung die Produktion wieder in die Schweiz zurückgeholt werden?
N. Renz: Industrie 4.0 steigert die Wettbewerbsfähigkeit produzierender Unternehmen gerade in Hochlohnstandorten wie der Schweiz. Unternehmen mit vernetzter Fertigung stellen ihre Produkte kostengünstiger her und sie können schneller auf individuelle Kundenwünsche reagieren. Die Frage ist nicht ob, sondern wann und wie schnell Schweizer Unternehmen Industrie 4.0 einführen.
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