Grosse Umfrage zum Thema Digitalisierung / Industrie 4.0 Industrie 4.0 – Nullnummer oder Segen?

Autor Silvano Böni

Die Begriffe Digitalisierung und Industrie 4.0 schwirren bereits seit langem durch hiesige Werkshallen. Nur, wann kommt der Durchbruch? Welche Potenziale hat die vierte industrielle Revolution und können dadurch sogar Jobs in die Schweiz zurückgeholt werden? Wir haben uns umgehört.

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(Bild: Mimi Potter - Fotolia)

Siegfried Gerlach, CEO Siemens Schweiz
Siegfried Gerlach, CEO Siemens Schweiz
(Bild: Siemens)

Siegfried Gerlach, CEO Siemens Schweiz


SMM: Das Thema Industrie 4.0 ist nun bereits seit Jahren in aller Munde. Wann kommt der Durchbruch?

Siegfried Gerlach: Die Digitalisierung revolutioniert das globale Geschäftsgeschehen: Unternehmen können enger und schneller mit Partnern zusammenarbeiten, direkt mit Endkunden kommunizieren und gezielt auf deren spezifische Anforderungen eingehen. Die Technik ist da, erste Implementierungen sind erfolgt – der Durchbruch findet jetzt statt, das zeigen Beispiele wie die Pilatus Flugzeugwerke in Stans, die ihren neuen Business-Jet mit unserer Simulationssoftware entwickeln, oder auch Stöckli Skis und Schlatter Industries, die dank Digitalisierung ihre Produktivität massiv steigern konnten.

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Welche neuen Geschäftsmodelle und Potenziale sind durch die 4. industrielle Revolution zu erwarten?

S. Gerlach: Industrie 4.0 ermöglicht Wertschöpfung auf Basis von Individualisierung, Interaktion und Hybridität, das heisst ein Mix aus klassischen Fertigungsmethoden und neuen digitalen Anwendungen. Alle drei Phänomene sind in der Logik heutiger Geschäftsmodelle unterrepräsentiert. Grosses Potenzial für Unternehmen liegt in der Digitalisierung der eigenen Wertschöpfungskette als Basis für das «Smart Data to Business»-Prinzip, nach dem Daten in Wissen und Geschäftsmodelle verwandelt werden.

Wenn man von Industrie 4.0 spricht, fällt oft das Schlagwort «Fabrik der Zukunft». Welche Vision haben Sie von der Fabrik 4.0?

S. Gerlach: Die Fabrik der Zukunft wird wie ein «lebendes Internet» organisiert sein, in welchem alles miteinander vernetzt ist: Die Montagearbeitsplätze wissen, welcher Mensch als Nächstes an ihnen arbeiten wird – und kooperative Roboter helfen bei schweren Tätigkeiten.

Viele denken bei der «Fabrik der Zukunft» an menschenleere Werkhallen. Andere schwärmen von den Vorteilen für die Menschen durch die Digitalisierung und davon, dass diese keine Jobs kosten würde. Was sollen wir glauben?

S. Gerlach: In der Fabrik der Zukunft wird ein Arbeiter wohl nur noch durch seine Arbeitskleidung an frühere Zeiten erinnern. Zwar wird er wohl nach wie vor an Montageplätzen arbeiten, doch wird es weder starre Schichten und Produktionsabläufe noch feste Arbeitsplätze mehr geben. In unserem Elektronikwerk in Amberg – welches als Vorzeigewerk für Industrie 4.0 gilt – haben wir beispielsweise 250 verschiedene Arbeitszeitmodelle für die rund 1250 Mitarbeitenden.

Kann durch die Digitalisierung die Produktion wieder in die Schweiz zurückgeholt werden?

S. Gerlach: Die Digitalisierung sollten wir als Chance betrachten. Sie wird dazu beitragen, dass auch in Zukunft hierzulande weiterhin wirtschaftlich produziert werden kann. Wenn es uns gelingt, diesbezüglich eine Vorreiterrolle zu spielen, werden wir dieses Know-how auch international vermarkten können. Es gilt, mit Schnelligkeit die Kostennachteile zu kompensieren.

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