Interview, Walter Börsch, CEO Starrag AG Industrielle Wertschöpfung wichtig für den Wohlstand

Redakteur: Anne Richter

Mit dem 15. Januar hat sich der Preisdruck für die Schweizer MEM-Industrie erheblich erhöht. In einem SMM-Interview erklärt Walter Börsch, CEO der Starrag Group, die Konsequenzen sowohl für den Werkplatz Schweiz als auch für Starrag als Hersteller von Werkzeugmaschinen.

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Starrag ist führend bei Entwicklungen für die effiziente Bearbeitung von Blisks und Turbinenschaufeln.
Starrag ist führend bei Entwicklungen für die effiziente Bearbeitung von Blisks und Turbinenschaufeln.
(Bild: Starrag)

SMM: Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die SNB war für viele Unternehmen in der Schweiz ein Schock. Was bedeutet dieser Schritt für die Schweizer Starrag-Standorte?

Walter Börsch: Die Freigabe und die aktuell massive Überbewertung des Schweizer Frankens bedeutet für die MEM-Industrie und somit auch für die Starrag eine deutliche Verschlechterung ihrer Wettbewerbssituation. Zwar sind wir im Industrievergleich Wechselkursschwankungen unterdurchschnittlich ausgesetzt. Dennoch liegen die in Franken anfallenden Kosten mit rund 24 % über dem entsprechenden Umsatzanteil von 22 %.

Inwieweit ist Starrag direkt oder indirekt davon betroffen?

W. Börsch: Da wir bei all unseren Produkten auch mit Mitbewerbern aus dem Euroraum in Konkurrenz stehen, wird sich der Preisdruck erheblich verschärfen. Das für unsere Kunden gewohnte Verhältnis von Preis zu Leistung und Qualität wird sich jedoch nicht verschlechtern. Es muss auch in Zukunft attraktiv sein, bei Schweizer Firmen zu kaufen.

Was sind kurzfristige Massnahmen von Starrag an den einzelnen Standorten, um Verluste oder Ausfälle zu kompensieren?

W. Börsch: Es gibt grundsätzlich nur zwei Möglichkeiten, auf eine solche Situation zu reagieren: Preisanpassungen, wo es das Wettbewerbsumfeld erlaubt, und Kostensenkungen bei Material, Personal und Betrieb. Wir haben umgehend Gespräche mit unseren Schweizer Lieferanten aufgenommen, um Kosteneinsparungen zu erzielen und so einen Teil der Frankenaufwertung zu kompensieren. Wir wollen weiterhin grundsätzlich auch in der Schweiz einkaufen, allerdings können wir dies nur zu wettbewerbsfähigen Gesamtkonditionen. Darüber hinaus haben wir auch in Abstimmung mit der Belegschaft temporäre Arbeitszeitverlängerungen eingeführt.

Wie wird Starrag langfristig auf einen starken Franken reagieren? Planen Sie eventuelle Produktionsverlagerungen oder organisatorische Veränderungen?

W. Börsch: Dass wir auch langfristig an den Produktionsstandort Schweiz glauben, zeigt unsere Entscheidung, in Vuadens im Kanton Freiburg ein neues Werk für Bumotec und SIP zu bauen. Unabhängig davon optimieren wir natürlich unsere Kostenbasis permanent; das gehört zu den unternehmerischen Daueraufgaben. Wir gehen auch davon aus, den Beschaffungsanteil in Euro weiter zu erhöhen.

Hat die Frankenentwicklung Einfluss auf Ihre Strategie zur Entwicklung neuer Maschinen und Technologien?

W. Börsch: Innovative, kundenorientierte Lösungen sind schon heute unabdingbar, um auf dem Werkplatz Schweiz bestehen zu können. Die Messlatte ist jetzt nochmals höher gelegt worden. Dem stellen wir uns auch in Zukunft.

Wie stellt sich die Situation für Ihre Schweizer Kunden dar? Haben Sie da schon Rückmeldungen bekommen?

W. Börsch: Wir spüren bei vielen Kunden eine starke Investitionszurückhaltung. Geplante Anschaffungen wurden verzögert oder sogar gestoppt, da sich plötzlich eine für die Wirtschaftlichkeitsrechnung relevante Grösse geändert hatte. Parallel geben wir natürlich die Vorteile, die wir durch unsere Beschaffung im Euroraum haben, an unsere Kunden weiter.

Was sind aus Ihrer Sicht Möglichkeiten für Schweizer Unternehmen, auf den starken Franken zu reagieren?

W. Börsch: Sehen wir doch auch den positiven Aspekt: Der Vorteil einer harten Währung ist, dass Sie permanent gezwungen sind, die Effizienz in allen wertschöpfenden Bereichen zu verbessern, noch stärker kundenorientierte Lösungen anzubieten und den Kunden mit faszinierenden Produkten und Serviceleistungen zu begeistern. Daraus leiten sich die Chancen ab: Produkt- und Prozessoptimierungen stehen eindeutig im Vordergrund.

In den letzten Jahren haben Schweizer Unternehmen schon sehr viele Schritte hinsichtlich Effizienz- und Produktivitätssteigerung getan. Sehen Sie auf diesem Gebiet noch mehr Möglichkeiten?

W. Börsch: Eindeutig ja, allerdings haben alle unsere Mitbewerber ausserhalb der Schweiz diese Möglichkeiten ebenfalls. Deshalb müssen wir sie mit noch mehr Nachdruck als andere ausschöpfen.

Wo sehen Sie Möglichkeiten von Starrag, dabei den Unternehmen Unterstützung zu bieten?

W. Börsch: Unser Anspruch ist es, in allen Marktsegmenten, in denen wir tätig sind, den Kunden die für sie profitabelste Lösung zu bieten. Wie dies dann konkret ausgeprägt ist, hängt von den jeweiligen Rahmenbedingungen ab. In Ländern wie der Schweiz, in denen die Betriebe gut bezahltes, hoch qualifiziertes Personal in allen Produktionsbereichen haben, gibt es zwei Möglichkeiten: hocheffiziente Einzelmaschinen, die ihre volle Leistungsfähigkeit in Verbindung mit dem Programmierer und Bediener entwickeln, oder intelligent automatisierte Systeme, die wenig Bedienpersonal erfordern.

Was ist auf technischer und technologischer Seite zu erwarten. In welche Richtung geht hier die Entwicklung bei Starrag?

W. Börsch: Im Fokus steht zusehends die Gesamtlösung für die Kunden mit dem Endresultat tiefster Kosten pro gefertigtem Werkstück. Das bestimmt auch unsere Entwicklungsstrategie, bei der immer eine Gesamtlösung im Vordergrund steht. Diese umfasst also nicht nur den klassischen Werkzeugmaschinenbau, sondern ebenso Bearbeitungsprozesse, Werkzeuge, Vorrichtungen, Softwarelösungen und Automatisation. Dieser Fokus wirkt sich auch auf das Geschäftsmodell als Ganzes aus, wo die Entwicklung immer mehr vom reinen Maschinenverkauf hin zu einer langfristigen technologischen Partnerschaft geht.

Starrag ist seit Jahren führend in der Entwicklung von Bearbeitungssoftware für die effiziente Fertigung von Blisks und Turbinenschaufeln. Welche Trends sind auf diesem Gebiet noch zu erwarten?

W. Börsch: Unsere Entwicklungen spiegeln die Kundenanforderungen wider. Neben den Bestrebungen für kürzere und günstigere Bearbeitungen entwickeln wir Lösungen für die neuen Materialien und Geometrien dieser Werkstücke. Hervorzuheben sind hier die adaptiven Bearbeitungsmöglichkeiten für präzisionsgeschmiedete Schaufeln und reibgeschweisste Blisks. Dabei wird für jedes Werkstück individuell ein neues NC-Programm für optimale Ergebnisse erstellt. Zudem bieten wir Systeme an, mit denen sich die Programmierzeit drastisch reduzieren lässt.

Dieses Jahr ist EMO-Jahr. Welche Neuheiten kann der Besucher von der Starrag erwarten?

W. Börsch: Die Besucher werden in der Tat Neuheiten zu sehen bekommen wie zum Beispiel eine neue Produktbaureihe. Sie wird mit der zugehörigen Technologie die Profitabilität unserer Kunden im Vergleich zu den heute im Markt befindlichen Lösungen nochmals deutlich verbessern. Mehr möchte ich jetzt noch nicht verraten.

Das Jahr 2015 hat sehr turbulent begonnen. Was erwarten Sie für Ihr Unternehmen hinsichtlich geschäftlicher Entwicklung?

W. Börsch: Aufgrund des turbulenten Beginns und der noch immer bestehenden Unsicherheit bezüglich der weiteren Frankenbewertung ist es unser – allerdings anspruchsvolles – Ziel, die finanziellen Eckwerte des letzten Jahres in etwa zu halten.

Wenn Sie einen Wunsch haben: Was müsste getan werden, um das Geschäftsklima auf dem Werkplatz Schweiz zu verbessern?

W. Börsch: Ich bevorzuge es, selber initiativ zu werden statt anderen zu sagen, was sie tun sollten, damit es besser wird. Immerhin wünsche ich mir, dass die industrielle Wertschöpfung auch in der breiten Bevölkerung als wichtig und notwendig für den Wohlstand unserer Bevölkerung angesehen wird. Dies würde helfen, ein noch besseres wirtschaftspolitisches Umfeld für erfolgreiche unternehmerische Tätigkeit zu schaffen, was letztlich dem ganzen Land dient.

Vielen Dank für das Gespräch. <<

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