Industr Innoteq 2021: Bernexpo realisierte erste Schweizer digitale Industriemesse

Redakteur: Matthias Böhm

Mit der Innoteq Digital lancierte die Bernexpo die erste digitale Schweizer Industriemesse und betrat damit Neuland. Im Interview zeigen David von Büren (Projektleiter Innoteq) und Pascal Blanc (Bereichsleiter Fachmessen, beide Bernexpo) auf, welchen Herausforderungen sich das Projektteam gemeinsam mit den Trägerverbänden, Partnern und Ausstellenden im Rahmen der Innoteq Digital stellen musste, was bereits gut lief und wo nachgebessert wird.

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David von Büren (Projektleiter Innoteq) und Pascal Blanc (Bereichsleiter Fachmessen, beide Bernexpo) im Gespräch mit SMM-Chefredaktor während der ersten digitalen Schweizer Industriemesse.
David von Büren (Projektleiter Innoteq) und Pascal Blanc (Bereichsleiter Fachmessen, beide Bernexpo) im Gespräch mit SMM-Chefredaktor während der ersten digitalen Schweizer Industriemesse.
(Innoteq)

Können Sie ein Fazit der ersten digitalen Industriemesse der Schweiz, der Innoteq Digital, ziehen?

David von Büren: Grundsätzlich sind wir mit vielen Teilbereichen zufrieden, wie die Konferenz- und Ausstellerbühne oder die Präsentation der Ausstellenden und deren Aktivitäten. Der Interaktionsgrad der Teilnehmenden mit den Ausstellenden liegt unter den Erwartungen der Ausstellenden und uns. Am ersten Messetag hatten wir 1600 registrierte Besuchende. Nach zwei Tagen konnten wir 2700 Besuchende verbuchen. Das Format Innoteq Digital läuft noch bis Ende Juni weiter, natürlich mit weniger Interaktionsmöglichkeiten. Aber der Content der Konferenz- und Ausstellerbühne sowie unsere Aufzeichnungen aus dem Live-TV sind für Interessierte jederzeit online verfügbar. Insofern wird weiterhin ein gewisser Traffic realisiert werden.

Wo lagen die Stärken, wo die Schwächen der digitalen Innoteq?

David von Büren: Bei den Aussteller- und Besucherzahlen sind die Quoten unter unseren Erwartungen geblieben. Da werden wir analysieren, woran es lag, und werden entsprechende Lösungen für die anstehenden hybriden Formate in der Zukunft erarbeiten. Die inhaltliche Qualität der Ausstellerprofile, der Konferenz- und Ausstellerbühne sowie des Live-TVs hingegen lassen sich sehen. Ebenso sind wir mit der Produktionsqualität dieser Inhalte grundsätzlich sehr zufrieden. Die Konzeption, Planung, Vorproduktion und Produktion liefen sehr prozesssicher ab. Das ist positiv zu erwähnen. Es gab auch Kritik, dass die digitalen Besucher externe Programme auf ihren Laptop laden mussten, um sich einzuloggen. Das ist sicher suboptimal.

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Pascal Blanc: Gemeinsam mit den Ausstellenden und Partnern haben wir eine Pionier-Rolle eingenommen. Darauf bauen wir auf. Klar gab es noch die ein oder andere Hürde, die wir nehmen müssen für die Zukunft. In Anbetracht dessen, dass wir hier absolutes Neuland betreten haben, konnten wir eine professionelle digitale Plattform realisieren. Das Feedback seitens der Aussteller bezüglich der technischen Umsetzung war, bis auf den Aspekt der Interaktion, durchwegs positiv. Das freut uns natürlich und zeigt, dass wir hier gut aufgestellt sind und professionell agieren.

Damit ein Aussenstehender sich ein Bild machen kann, wie viele Mitarbeiter haben Sie während der Innoteq Digital konkret beschäftigt?

David von Büren: Die hohe Anzahl von ungefähr 60 Mitarbeitenden hat uns im Nachhinein selbst ein wenig überrascht. Als wir im Oktober letzten Jahres den Entscheid gefällt haben, die Innoteq digital durchzuführen, haben wir nicht mit einem solch enormen Personalaufwand gerechnet. Was von aussen so einfach daherkommt, bedingt im Hintergrund einen hohen operativen Aufwand.

Können Sie das mit einer «normalen» Messe vergleichen.

Pascal Blanc: Bei einer Messe in der Grös­senordnung einer physischen Innoteq kommen wir schnell auf 40 bis 60 Mitarbeitende. Der Personalaufwand bei einer digitalen Veranstaltung, wie wir sie hier realisiert haben, ist relativ gesehen höher als bei einer klassischen Messeplattform. Weitaus herausfordernder als die Anzahl der Involvierten sind die neuen Kompetenzen, welche für eine rein digitale Veranstaltung benötigt werden.

Wie viele Aussteller haben Sie konkret gewinnen können?

Pascal Blanc: Wir sind mit 55 Ausstellern überschaubar, jedoch qualitativ hochwertig gestartet und wichtige Player waren dabei. Das ist natürlich nicht vergleichbar mit einer physischen Messe.

David von Büren: Diejenigen die mitgemacht haben, sind sich darüber bewusst, dass es sich nicht um ein reines Investment in die Innoteq Digital handelt, sondern dass sie zugleich in die digitale Vermarktung und Weiterentwicklung ihres Unternehmens investiert haben. Wir gehen davon aus, dass sich insbesondere Fachmessen in eine hybride Zukunft bewegen. Diesbezüglich konnten alle involvierten Partner viele wertvolle Erfahrung sammeln.

Ursprünglich planten Sie im März die physische Innoteq, mussten sie wegen Corona canceln und setzten voll auf das digitale Messeformat. Welche Herausforderungen ergaben sich für Sie in diesem Zusammenhang?

Pascal Blanc: Messeveranstalter sind stark eingeschränkt in ihren Kerntätigkeiten und reagieren darauf unterschiedlich. Einige Veranstalter pausieren und haben zu 100% auf Kurzarbeit und die Zukunft mit rein physischen Messen gesetzt. Andere wiederum hätten ihr Business gerne weiterentwickelt, konnten diese aus Ressourcenengpässen jedoch nicht realisieren. Eine dritte Gruppe, zu der die Bern­expo gehört, hat die Zeichen der Zeit schon vor der Pandemie erkannt und entsprechende Digitalkonzepte angedacht. Corona hat als Beschleuniger gewirkt, um eine digitale Alternative zu rein physischen Messen zu entwickeln. Der Weg ist weiterhin sehr herausfordernd und die Lernkurve steil. Wir sind diesen Weg gegangen mit dem entsprechenden Risiko. Über 50 Unternehmen sind mit uns diesen Weg gemeinsam gegangen: Auch sie sind dieses Risiko mit uns eingegangen. Das muss ich hier klar betonen, das ist alles andere als selbstverständlich, und für dieses uns entgegengebrachte Vertrauen bedanken wir uns ganz herzlich.

Sie sagen, dass Sie mit der Innoteq Digital seitens der Bernexpo Neuland betreten haben. Welchen Stellenwert würden Sie digitalen Messeformaten zukünftig zuschreiben?

David von Büren: Mit der digitalen Innoteq haben wir gezwungenermassen einen Sonderweg beschritten. Die rein digitale Durchführung ist eine Etappe auf dem Weg in die Zukunft, die sicher hybrid sein wird. Wir suchen also eine intelligente und möglichst perfekte Symbiose zwischen digitalen und physischen Elementen, um Ausstellenden und Besuchenden ein neuartiges und attraktives Format bieten zu können.

Aus Ihren ersten Erfahrungen mit der Innoteq Digital: gibt es digitale Formate, die aus Ihrer Sicht sehr gut performen und zukünftig strategisch weiterentwickelt werden sollten?

David von Büren: Unsere ersten Erfahrungen und Erkenntnisse zeigen, dass konferenzartige Formate wohl einfacher rein digital durchgeführt werden können als Messen. Diese leben vom persönlichen Kontakt, dem Networking, den Ausstellungsbereichen und Sonderzonen mit Exponaten und damit dem emotionalen Gesamterlebnis. Dieses lässt sich ganz offensichtlich nicht oder zumindest nur teilweise digitalisieren. Aber wie gesagt: die digitale Durchführung sehen wir als wichtigen Zwischenschritt auf dem Weg in die gemeinsame hybride Messezukunft.

Pascal Blanc: Die Inhaltsformate, die wir auf der Innoteq geboten haben, waren durchweg relevant. Aus unserer Sicht geht es klar in Richtung hybride Messekonzepte, wo die Ausstellenden und Besuchenden sich auf die jeweilig für sie nutzbringenden Formate fokussieren. Das wird dann entsprechend individuell austariert. Mitentscheidend ist aber, dass wir als Messe­veranstalter in enger Zusammenarbeit mit unseren Ausstellenden und Partnern in der Lage sind, solche vielschichtigen Messe- und Kommunikationskonzepte inklusive Leadgenerierung nutzbringend zu realisieren. Physische Messe können wir seit Jahrzehnten und jetzt haben wir gezeigt, dass wir auch digitale Veranstaltungskonzepte realisieren können. Die Zukunft wird klar hybrid sein.

Die nächste physische Messe, die vor der Tür steht, ist die Sindex. Wie stehen die Zeichen?

David von Büren: Die Sindex 2021 findet statt – live und digital. Wir freuen uns!

Pascal Blanc: Für die Sindex Ende August werden wir dann die Formate entsprechend anpassen und umsetzen. Wir werden eine Ausstellerbühne, Konferenzbühne und Sindex-TV als integrativen Bestandteil der Sindex lancieren, sowohl live auf der Messe als auch als digitales Medium. Wir sehen für die Industrie ein grosses Potential in diesem Bereich, zukünftig dann für die Innoteq 2023, die Sindex 2021 als auch die Ble.ch 2022. SMM

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