Swissmem-Präsident Hans Hess im SMM-Exklusivinterview

Innovationen und Bildung sind unser Lebenselixier

| Redakteur: Matthias Böhm

«Viel wichtiger sind die Firmen und ihre Fähigkeit, erfolgreiche Innovationen zu machen. Das ist meiner Ansicht nach der Schlüssel zum Erfolg.» Hans Hess, Präsident Swissmem
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«Viel wichtiger sind die Firmen und ihre Fähigkeit, erfolgreiche Innovationen zu machen. Das ist meiner Ansicht nach der Schlüssel zum Erfolg.» Hans Hess, Präsident Swissmem (Bild: Thomas Entzeroth)

Swissmem-Präsident Hans Hess zeigte sich im SMM- Exklusivinterview modern und ist von der Innovationskultur der Schweizer Industrie hochgradig überzeugt. Vieles geht in die richtige Richtung. Allerdings müsse sich die Industrie erheblich wandeln, um auch in Zukunft für junge Frauen und Männer attraktiv zu bleiben.

SMM: Welche Bedeutung haben Innovationen für die Zukunft des Standortes Schweiz?

Hans Hess, Präsident Swissmem: Innovationen sind das Lebenselixier der Schweizer Industrie. Wir müssen unsere hohen Kosten in der Schweiz durch führende Innovationen, hohe Effizienz sowie beste Qualität kompensieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Grundlagen hierfür sind exzellente Berufsbildung und Hochschulbildung sowie hervorragende Resultate in der Hochschulforschung, die rasch in die Firmen transferiert werden müssen. Es nützt uns nichts, wenn in Hochschulen geniale Erfindungen realisiert werden, sie aber den Weg nicht in die Wirtschaft finden. Am wichtigsten sind aber eine starke Innovationskultur in den Firmen und Kooperationen mit Partnern.

Wo sehen Sie konkret gute Ansatzpunkte?

H. Hess: Aus meiner Sicht haben Institutionen wie Innosuisse, das Inspire, CSEM, EMPA im Technologietransfer eine Vorbildfunktion. Die Fachhochschulen sind ähnlich aktiv. Darüber hinaus spielen Partnerschaften eine wichtige Rolle. Wir haben kürzlich eine Studie mit der Fachhochschule Nordwestschweiz (FNHW) durchgeführt, die klar aufzeigt, dass Firmen, die Partnerschaften eingehen, eine deutlich höhere Innovationsleistung aufweisen als Firmen, die autark agieren. Typische Innovations-Partnerschaften können mit Kunden, Lieferanten, Hochschulen und Unternehmen eingegangen werden.

Warum sind diese Partnerschaften so wichtig?

H. Hess: Die Technologien sind heute dermassen komplex, dass gerade KMU nicht mehr alles selbst leisten können. Deshalb sind sie vermehrt auf Partner angewiesen, die sich auf spezifische Themen fokussiert haben und über eine entsprechende Expertise verfügen. Je mehr man ein Unternehmen als Teil eines Netzwerkes versteht, das etwas Neues erfinden will,
umso erfolgreicher sind die Unternehmen. Das war eines der Ergebnisse der Studie der FHNW.

Ist die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Industrie aus Ihrer Sicht genügend gut strukturiert? Was könnte noch verbessert werden?

H. Hess: Es braucht klar weitere Anstrengungen. Einerseits müssen die Fachhochschulen, Hochschulen und Forschungs­anstalten den Willen haben, mit den Industrie­firmen zusammenzuarbeiten. Andererseits müssen aber auch die Firmen die Notwenigkeit zur Zusammen­arbeit mit Hochschulen und Forschungs­anstalten zu nutzen wissen. Wir liegen bezüglich Kooperation und Vernetzung hinter anderen Ländern, beispielsweise Deutschland, zurück. Es muss uns zudem gelingen, das Wissen noch viel schneller in Produkte umzusetzen und die Innovationszeiten zu halbieren. Die asiatische Konkurrenz fordert uns gerade auf der Zeitschiene massiv heraus.

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Wo liegt das Innovationspotenzial bei den KMU?

H. Hess: Ich sehe es primär in der Prozess­innovation. KMU können es beispielsweise ihren industriellen Kunden möglichst einfach machen, sich mit ihnen auszutauschen. Verschiedene Firmen haben deshalb ihr Frontend neu gestaltet und sogar digitalisiert. Daneben können die KMU aber auch ihre Fertigungsprozesse innovieren, um schneller, agiler und effizienter zu werden.

Eine Grundsatzfrage, die eigentlich an den Anfang gehört hätte: Wann ist eine Innovation eine Innovation?

H. Hess: Ich würde sagen, eine Innovation ist dann eine Innovation, wenn sie einen messbaren zusätzlichen Kundennutzen erzielen kann. Wenn die neue Entwicklung dem Kunden hilft, ein Problem schneller, günstiger, oder auch einfacher zu lösen. Das kann auf einer Produkt-, Prozess- oder aber auch Geschäftsmodellbasis beruhen.

Welche Industriesektoren in der Schweiz entwickelten sich in den letzten Jahren besonders gut?

H. Hess: Es ist schwierig, einen Unterschied zwischen den einzelnen Sektoren zu finden. Das lässt sich nicht pauschalisieren. Es hängt auch mit der weltweiten Konjunkturlage zusammen. Viel wichtiger sind die Fähigkeiten der Firmen, erfolgreiche Innovationen zu machen. Das ist meiner Ansicht nach der Schlüssel zum Erfolg. Das hängt auch nicht unbedingt von der Grösse der Firmen ab. Zuliefer-KMU haben natürlich weniger Möglichkeiten zur Produkt-Innovation und müssen umso mehr an der Prozess-Innovation, Effizienz und Kundennähe arbeiten. Es gibt viele Schweizer KMU, die in der Nische zu den Toplieferanten der Welt gehören. Die Strategie der Firma, die Führung der Firma ist oftmals genauso entscheidend wie der Wechselkurs des Schweizer Frankens.

Gleichwohl haben einige Werkzeugmaschinenhersteller die letzten drei Jahre gelitten, auch wegen des Schweizer Frankens.

H. Hess: Werkzeugmaschinen gehören zu den typischen Investitionsgütern. Und gerade in diesem Bereich ist es so, dass es ein starkes Konkurrenzumfeld in Europa und Asien gibt. Wenn man als Schweizer WZM-­Hersteller trotz der starken Währung keine Umsätze verlieren will, dann muss man hochgradig innovativ sein. Einige haben das umgesetzt und sind heute besser aufgestellt als noch vor dem 15. Januar 2015. Das liegt aber auch daran, dass sie auf die Markt-Veränderungen richtig reagiert haben.

Sie sprachen in einem Interview mit der Aargauer Zeitung davon, dass Bildung der Rohstoff der Schweiz von morgen sei. Was bedeutet das konkret für den Schul-, Berufsschul- und Hochschulstandort der Schweiz?

H. Hess: Neben der Innovation ist auch die Bildung das Lebenselixier der Schweiz. Unsere gute Schweizer Bildung ist ein Differenzierungsfaktor. Mittelfristig ist tatsächlich die Bildung ein Schlüsselfaktor zum Erhalt der Innovationsfähigkeit. Die Firmen brauchen Fachleute auf allen Bildungsstufen, welche den Anforderungen von morgen gerecht werden. Das fängt mit der Grundbildung in der Schule an. Der Lehrplan 21 bringt mehr MINT-Ausbildung, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Das ist eine ausgezeichnete Entwicklung. Sehr wichtig ist darüber hinaus die Berufsbildung, denn die Berufsfachleute sind heute engstens in sogenannten «cross-functional teams» in den Innovationsprozess eingebunden und müssen den Prozess und die Methoden kennen sowie anwenden können. Ganz wichtig ist aber auch die permanente Weiterbildung, ein lebenslanges Lernen oder gar die formelle Umschulung in ein neues Berufsfeld im Verlauf eines Berufslebens.

Können Sie es prozentual quantifizieren, wie viele Mitarbeiter aus welchen Ausbildungsbereichen die Industrie der Zukunft benötigt?

H. Hess: Wir brauchen zirka 8 % ETH-Absolventen, 15 % FH-Abgänger. Aber: Zwischen 80 und 90 % aller Mitarbeitenden haben als Basis eine gute Berufsbildung und bilden sich im Rahmen ihrer Arbeit fortlaufend fort. Die Berufsbildung müssen wir dementsprechend attraktiv halten.

Sind die Fachhochschulen und die Hochschulen richtig positioniert, um den «Rohstoff Bildung» für die Zukunft inhaltlich und thematisch im Sinne der Industrie in die richtige Richtung zu lenken?

H. Hess: Grundsätzlich schon. Sie müssen für die Industrie aber genügend und richtig qualifizierte Fachleute hervorbringen. Wir haben mit der ETH und EPFL zwei hochkarätige Hochschulen. Auch unsere Fachhochschulen sind ausgezeichnet. Es gibt aber in der Schweiz Mangelberufe wie Ingenieure oder Informatiker. Es muss uns deshalb gelingen, junge Menschen durch gute Information und hohe Attraktivität in diese Mangelberufe zu lenken. Gleichzeitig müssen wir auch Leuten aus anderen Berufen die Möglichkeit geben, sich auf diese Mangelberufe umzuschulen.

Ist das duale Ausbildungssystem den erhöhten Anforderungen an die zukünftigen Berufsbilder gewachsen?

H. Hess: Das ist ohne Zweifel der Fall. Es ist völlig falsch, zu glauben, Innovation werde primär über die Hochschulabgänger realisiert. Wir müssen aber den Berufsleuten das Wissen mitgeben, wie sie in einem Innovationsprozess optimal mitarbeiten können, sei das als Mitarbeitende, als Kunden, als Lieferanten oder als Partner.

Thema Fachkräftemangel «1»: Die Industrie beklagt nachhaltig Fachkräftemangel. Wo sehen Sie die wichtigsten Ursachen für diesen Befund?

H. Hess: Ich sehe zwei Hauptgründe. Einerseits die starke Konjunktur und daraus folgend die Bereitschaft der Firmen, mehr Leute einzustellen sowie mehr zu investieren. Andererseits wird der demographische Wandel zunehmend sichtbarer, das heisst, es gehen drei- bis viermal mehr Leute in Pension als aus dem Nachwuchs nachkommen. Zudem wird politisch die Zuwanderung von Fachleuten aus dem Ausland begrenzt, obwohl die MEM-Industrie nur für vielleicht 5 % der Zuwanderung verantwortlich war und ist.

Typischerweise verdient ein kaufmännischer Auszubildender mehr als ein Auszubildender im technischen Bereich. Da muss sich die Industrie doch nicht wundern, wenn sie keine Fachkräfte bekommt, oder sehen Sie das anders?

H. Hess: Ja, das sehe ich anders. Technische Berufsleute können heute sehr gute Löhne erhalten. Zudem sind die Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten bei technischen Berufen vielfältiger als bei einer kaufmännischen Grundausbildung. Viele CEOs unserer Industriefirmen haben eine Berufslehre absolviert und verdienen heute am meisten in ihren Firmen. Zudem macht es auch viel Spass, an Dingen zu arbeiten, welche die Gesellschaft wirklich weiterbringen. Fast alle Lösungen für Themen wie Mobilität, Energie, Klima, Wasser, Essen, Gesundheit etc. werden von der Industrie erdacht und umgesetzt.

Thema Fachkräftemangel «2»: Frauen machen nach wie vor nur wenige Prozente im Bereich des Ingenieurwesens, aber auch in technischen Berufsfeldern aus, woran liegt das aus Ihrer Sicht?

H. Hess: Die Mädchen und Frauen sind das grösste für die Industrie noch brachliegende Potenzial an zusätzlichen Fachkräften. Ich sehe vor allem zwei Hauptgründe, warum es in der Industrie in den technischen Berufen noch deutlich zu wenige Frauen hat. Erstens haben wir kein frauenfreundliches Image, obwohl sicher 90 % der Jobs in der Industrie genauso gut von Frauen erledigt werden könnten. Zweitens bieten die Industrieunternehmen noch zu wenig frauen­freundliche Arbeitsmodelle an, also zu wenig Teilzeit oder Flexibilität für berufstätige Mütter und übrigens auch Väter.

Wo müsste man aus Ihrer Sicht ansetzen, damit sich in Zukunft mehr Frauen für die Industrie-Berufe und ein technisches Studium entscheiden?

H. Hess: Es muss uns einerseits gelingen, mehr Mädchen für technische Berufe zu interessieren, damit sie eine technische Berufslehre oder Hochschulausbildung machen und danach auch tatsächlich in der Industrie arbeiten. Es muss uns aber auch gelingen, Frauen in technische Berufe umzuschulen. Man muss den Frauen mehr Mut machen. Sie können das genauso gut wie Männer und wir brauchen sie auch dringend. Es ist extrem wichtig, dass wir bei der Förderung von Mädchen und Frauen in der Industrie aktiv werden.

Die Vernetzung zwischen klassischem Maschinenbau, Informatik und Elektronik wird sicher weiter zunehmen. Was bedeutet das für die zukünftigen Berufsbilder der Industrie?

H. Hess: Die technischen Berufe im Maschinenbau werden mehr Kompetenzen im Bereich Elektronik und Informatik benötigen. Das kann man durch Anpassung der Inhalte in der Berufslehre erreichen, aber auch durch entsprechende Weiterbildung an höheren Fachschulen oder Fachhochschulen. Die Berufslehre muss sich dem technologischen Wandel ständig anpassen. Das ist enorm wichtig. Aber auf der anderen Seite muss es auch für ältere Arbeitnehmer Möglichkeiten der Weiterbildung geben, damit sie die neuen technologischen Herausforderungen bewältigen können und arbeitsmarktfähig bleiben. Diese Menschen haben 30 bis 40 Jahre Erfahrung. Dieses Erfahrungspotenzial inklusive neuer Kompetenzaneignung ist unersetzbar für Unternehmen.

Wenn Sie die gesellschaftliche und soziale Modernität der Schweizer Industrie mit 1–10 benoten sollten. Wo stünde die Schweizer Industrie?

H. Hess: Ich würde der Schweizer Industrie eine 8 vergeben, also richtig gut. Aber wenn es darum geht, die Industrie in Richtung der sozialen und gesellschaftlichen Modernisierung zu bewerten, sieht es nicht so gut aus. Wir sind heute nach wie vor eine männerdominerte Vollzeitindustrie. Um auch für mehr Frauen attraktiv zu sein, müssen wir flexible Arbeitszeiten und frauengerechte Arbeitsplätze anbieten. Und hier würde ich eher sagen, sind wir auf der Skala bei einer «2». Das ist jetzt vielleicht ein wenig streng bewertet und trifft sicher nicht auf alle Industrieunternehmen zu. Aber die Industrie muss ihr gesellschaftliches Image modernisieren. Das ist aber nicht so einfach. Es braucht zusätzliche Anstrengungen und Systeme. Und es benötigt neue Denkansätze. Wenn wir den gesellschaftlichen Wandel aber nicht ernst nehmen, dann werden die jungen Frauen und Männer nicht mehr in die Industrie kommen, sich Frauen generell noch weniger für die Industrie interessieren und die älteren Mitarbeiter sich zunehmend frühpensionieren lassen. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir das packen werden und in Zukunft für alle Menschen in der Schweiz ein hoch attraktiver Arbeitgeber sein können.

Apropos Modernisierung: Sie sind heute ohne Krawatte zum Interviewtermin gekommen. Sind das die ersten Zeichen einer «Legerisierung»?

H. Hess: Das sind tatsächlich Merkmale, die nach aussen wirken. Vor nur fünf Jahren war das komplett anders. Es gab einen ungeschriebenen Krawattenzwang in unserer Branche. Heute ist der Krawattenzwang zunehmend verschwunden. Auch das sind Zeichen, dass sich die Industrie modernisiert. Ich glaube zudem auch, dass sich das Management ändert. Die jungen Manager wachsen in einer anderen Gesellschaft auf. Das «Bosshafte» ist nicht mehr gefragt. Hierarchien wird es auch in Zukunft geben, aber die Hierarchien werden in Zukunft kooperativer ausgeübt werden. Das ist kein Widerspruch. Vorgesetzte müssen sich noch mehr zurücknehmen. Wir brauchen einen Kulturwandel im Generellen als auch einen Kulturwandel im Bereich der Mitarbeiterführung.

Nochmals zurück zum Thema Innovationen. Wie hat sich die Anzahl der Patentanmeldungen über die letzten Jahre in der Maschinenindustrie entwickelt?

H. Hess: Das lässt sich nicht so einfach sagen, weil es kaum abgrenzbar ist, was ein Patent der Maschinenindustrie ist und was nicht. Es werden sehr viele Querschnittstechnologien eingesetzt und die Produkte und Prozesse kombinieren Technologien aus den unterschiedlichsten Bereichen. Hier ein Beispiel für ein Zuordnungsproblem: Mit Siliziumoxid kann eine Gasbarriere auf Kunststoff aufgebracht werden. Den Prozess entwickelt und patentiert hat ein Unternehmen der glas­verarbeitenden Industrie. Ein Verpackungsmaschinenhersteller integrierte das Verfahren in eine PET-Streckblas­maschine, damit ein Unternehmen der Lebensmittelindustrie Bier in PET-Flaschen abfüllen kann. Welcher der drei Branchen rechnet man jetzt richtigerweise das Patent zu?

Wenn man sich die Patentlandkarte der Schweiz anschaut, dann werden besonders viele Patente durch die Schweizer Pharma-Industrie und konkret durch ABB angemeldet.

H. Hess: Aus meiner Sicht ist die Anzahl Patente kein hinreichender Massstab für die Innovationsaktivität oder -qualität. Grosse Unternehmen setzen Patente auch oft ein, um Wettbewerber zu blockieren, um Cross-Licensing zu initiieren oder eigene, starke Patente weiträumig abzusichern. So entstehen ganze Sammlungen von Patentfamilien, die jedoch nicht in Marktleistungen umgesetzt werden, also nicht einem Innovationszweck dienen. Grosse Unternehmen verfügen zudem über die notwendigen Ressourcen, um mögliche Patentverletzungen zu monitoren und juristisch zu verfolgen. Sie können sich das leisten, weil der Markt für solche patentbasierten Innovationen genügend gross ist.

Sind die kleineren KMU – das eigentliche Rückgrat der Schweizer Industrielandschaft – bezüglich Innovationspotenzial aus Ihrer Sicht benachteiligt?

H. Hess: KMU sind in der Regel in Nischen tätig, welche das notwendige Volumen für solche Patentstrategien nicht hergeben. In den Nischen ist eine Schutzstrategie basierend auf Vertraulichkeit in der Regel sinnvoller als in grossen umkämpften Märkten. Und wenn man einen Zulieferer betrachtet, dann stellt er die Bauteile her, die vom OEM angefordert werden. Neuentwicklungen finden hier eher im Bereich der Prozessoptimierung statt, die sich nicht im Patentwesen niederschlägt.

Was schliessen Sie daraus?

H. Hess: Ich bin nicht patengläubig und glaube nicht, dass Patentanmeldungen der beste Innovationsindikator unserer Industrie sind. Ein viel aussagekräftigerer Indikator ist beispielsweise der Umsatzanteil mit Produkten, die weniger als fünf Jahre alt sind. Dazu gibt es Studien, die zeigen, dass hier die KMU in der MEM-Industrie durchaus mit den Grossunternehmen mithalten können. Aber die KMU müssen die für ihren Markt und ihre Kernkompetenzen richtige Schutz- und Innovationsstrategie finden und konsequent umsetzen.

Welche Rolle hat der Schweizer Franken?

H. Hess: Das ist eine einfache Frage, aber die Antwort ist widersprüchlich und komplex. Der starke Franken hat die Margen kaputt gemacht, sie sind zusammengeschmolzen. Selbst 2017 waren noch 15 % der Swissmem-Unternehmen im Verlustbereich und 29 % hatten eine Ebit-Marge unter 5 %. Das ist fast die Hälfte aller Swissmem-Unternehmen. Das heisst natürlich auch, dass diese Unternehmen weniger Entwicklungsbudgets haben. Das wird sich langfristig bemerkbar machen. Aber die Kehrseite der Medaille ist, dass die Unternehmen zum Teil radikal umdenken mussten, um die 20 % Preisnachteil durch die Währung auszugleichen. Viele Firmen haben das gemacht und stehen heute gut da. Also hat der starke Schweizer Franken zwei Seiten einer Medaille. Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass die Unternehmen ihre Anpassungen ohne den Frankendruck im gleichen Mass hätten durchziehen können.

Wie sieht es aktuell in der Branche aus?

H. Hess: Seit 2017 erfahren wir einen Boom in der Nachfrage und der Schweizer Franken hat sich in Richtung Kaufkraft­parität von rund 1.20 zum Euro entwickelt. Ich gehe davon aus, dass die Firmen 2018 wieder bessere Margen schreiben. Das hängt aber auch von anderen Faktoren ab. Aktuell hat der Schweizer Franken einen Kurs von 1,16. Das ist nicht wirklich zufriedenstellend. Das grosse Vertrauen der Investoren in die Schweizer Währung ist nachteilig für die Schweizer Industrie. Auf der anderen Seite ist die Schweizer Industrie eines der wichtigsten Standbeine des Wirtschafts-­Standortes Schweiz. Dessen muss man sich auch bewusst sein.

Welche Gefahren sehen Sie noch für die Industrie?

H. Hess: Eine mögliche Gefahr ist ein Handelskrieg. Der hat in Ansätzen bereits begonnen. Das ist absolut kontraproduktiv und nützt keiner Volkswirtschaft etwas. Das, was Trump macht, geht völlig in die falsche Richtung. Was der Weltwirtschaft helfen würde, wäre, Handelshemmnisse abzubauen und Handel zuzulassen. Der Welthandel ist hochgradig verflochten. Viele US-Unternehmen beziehen Komponenten und Systeme von Lieferanten und Sublieferanten aus Europa. Die lassen sich nicht einfach durch US-Komponenten ersetzen, weil sie schlicht nicht existieren. Was passieren wird: Deren Kosten gehen hoch. Wenn Trump glaubt, er könne durch die Massnahmen eine Re-Industrialisierung in die Wege leiten, da bin ich überzeugt, das wird nicht gelingen. Zur Industrialisierung braucht es vieles, vor allem gut ausgebildete Leute. Und: Moderne Industrialisierung geht nicht ohne Digitalisierung. Das Internet of Things braucht neben dem Internet eben auch Things. Im Bereich der digitalen «Things» sind wir Schweizer und Europäer ausgezeichnet. Im Bereich des Internets sind die Amerikaner jedoch besser. Aber es braucht beides. Deswegen passen wir auch so gut zusammen. Aber da muss man zusammenarbeiten wollen.

Wie sind Ihre Zukunftsprognosen?

H. Hess: Generell bin ich sehr optimistisch für den Industriestandort Schweiz. Wir hatten 2003 308 000 Mitarbeitende, 2008 waren wir bei 350 000. Aktuell liegen wir bei 325 000. Langfristig gesehen entwickeln wir uns positiv. Meine Motivation als Präsident von Swissmem ist, dass die Schweizer Industrie Rahmenbedingungen hat, die es ihr erlauben, auch in Zukunft erfolgreich zu bleiben. SMM

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