Erfolgreiche Integration von Bumotec und SIP in die Starrag Group J.-D. Isoz: «Wir haben hier wirklich einen guten Spirit»

Von Matthias Böhm 8 min Lesedauer

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Im Rahmen der Integration von Bumotec und SIP in die Starrag Group wurden die beiden WZM-Hersteller 2016 am neuen Standort in Vuadens zusammengeführt. Die Integration und die Zusammenführung von SIP und Bumotec waren zukunftsweisende Schritte zweier Vorzeigeunternehmen. Jean-Daniel Isoz sagt im SMM-Exklusivinterview, wie es dazu kam und welche Bedeutung die Mitarbeitenden am Erfolg von SIP und Bumotec haben.

Die Eigenmotivation unseres Teams ist grossartig. Und damit meine ich wirklich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier in Vuadens. Jean-Daniel Isoz, Managing Director, Starrag Vuadens SA (Bild:  Matthias Böhm)
Die Eigenmotivation unseres Teams ist grossartig. Und damit meine ich wirklich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier in Vuadens. Jean-Daniel Isoz, Managing Director, Starrag Vuadens SA
(Bild: Matthias Böhm)

Wie ist die wirtschaftliche Lage bei SIP und Bumotec?

Rückblickend kann ich sagen, dass wir von der Coronapandemie wenig gespürt haben. 2021/22 hatten wir Rekordjahre. Und 2023 entwickelt sich hervorragend, wir sind auf Kurs.

Auf welche Märkte sind Ihre Werkzeugmaschinen ausgerichtet?

Der wichtigste Markt für Bumotec ist die Luxusindustrie, konkret die Uhren- und Schmuckindustrie. In den letzten 15 Jahren sind die Medizinaltechnik sowie die Luft- und Raumfahrt hinzugekommen. Aufgrund unserer Zielmärkte sind auch unsere Regionen relativ klar definiert. Die Schweiz ist für uns ein sehr wichtiger Markt, insbesondere die Westschweiz. Daneben sind Italien, Frankreich, Deutschland sowie die USA und China bedeutende Absatzregionen.

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Unsere SIP-Hochpräzisions-Bearbeitungszentren kommen aus dem Bereich der Lehrenbohrwerke. Wir entwickeln hier in Vuadens die genauesten Werkzeugmaschinen der Welt. SIP ist breiter aufgestellt als Bumotec. Die Maschinen gehen in alle Märkte, wo höchste Präzision gefragt ist, typischerweise in High-End-Anwendungen wie Luft- und Raumfahrt, Energie, F & E, Spanntechnik.

SIP und Bumotec wurden zeitversetzt in die Starrag Group integriert. Welche Veränderungen haben sich für SIP und Bumotec durch die Integration ergeben?

Mit der Integration haben wir uns internationalisiert, Vertrieb und Service konnten wir über die Starrag-Gruppe hervorragend ausbauen und professionalisieren. Die Integration unter der Dachmarke Starrag hat sich eindeutig als Glücksfall erwiesen.

Gab es im Vorfeld Bedenken, dass man ein Stück Unabhängigkeit verliert?

Natürlich hatten wir Bedenken. Ich komme vom SIP in Genf. SIP gehörte zu Genf, so wie Genf zur Schweiz gehört. Genf und SIP war so etwas wie eine gewachsene Symbiose. Dann wurde SIP 2006 in die Starrag Group integriert, nicht mit dem Ziel, am Standort Genf etwas zu ändern, das war damals noch völlig undenkbar.

Mit der Integration von Bumotec in die Starrag Group hat sich das geändert?

Ja, die Situation hat sich tatsächlich verändert. In Genf hatten wir ein gemietetes Fabrikgebäude mit einer hohen Kosten­struktur. In den Nullerjahren hatten wir 100 Mitarbeitende. Aufgrund der stark schwankenden Auftragslage mussten wir Teilbereiche outsourcen. Als 2012 Bumotec in die Starrag-Gruppe integriert wurde, gab es erste Überlegungen, Bumotec und SIP unter ein Dach zu bringen. Wir haben dies mit dem damaligen Verwaltungsratspräsidenten und immer noch Mehrheitsaktionär Walter Fust diskutiert und schliesslich entschieden, dass ein neuer Standort mit einem neuen Werk gefunden werden müsste.

Wie plant man eine solche Zusammenlegung?

Das war nicht einfach. Bumotec ist ein Wachstumsbereich. SIP ist ein wichtiges Geschäftsfeld für anspruchsvolle Nischenmärkte. Technologisch an der Spitze im WZM-Bau. Die Grösse von Bumotec und die Wachstumsperspektiven waren ausschlaggebend für die Standortwahl. Deshalb haben wir einen neuen Standort in der Nähe der ehemaligen Bumotec gesucht.

Sie haben in Vuadens ein neues Fabrikgebäude erstellt, wo wir heute das Interview führen.

Im Dezember 2016 haben wir das neue Gebäude bezogen. Im Nachhinein ist Vuadens für den Standort Bumotec und auch für SIP optimal gelegen, um die beiden Marken zusammenzuführen und unter der Dachmarke Starrag zu positionieren. Ein markenstrategischer Vorteil ist die Lage direkt an der Autobahn zwischen Bern und Genf. Einen besseren Marketingstandort gibt es nicht und Walter Fust war schon immer ein ausgeprägter Marketingstratege.

Für die SIP-Mitarbeitenden war das sicher kein optimaler Entscheid.

Das stimmt. Vom alten SIP-Standort nach Vuadens sind es leicht über 100 Kilometer. Wir haben allen 40 Mitarbeitern eine Weiterbeschäftigung angeboten, 15 SIP-Mitarbeitende sind mit uns nach Vuadens gekommen. Wir hätten uns mehr gewünscht. Diese 15 Mitarbeitenden arbeiten heute noch bei uns für die SIP.

Welche Personen waren für Sie besonders wichtig, von Genf nach Vuadens zu holen?

Sicherlich die Entwickler und Konstrukteure, aber auch die Schabspezialisten. Schaben ist eine Schlüsseltechnologie, ohne die wir die Präzision auf den SIP-Maschinen nicht realisieren könnten. Ich kann es auf den Punkt bringen: Ohne Schaben keine langfristige Hochpräzision.

Kann man solche Schabflächen heute nicht auch mit Profilschleifmaschinen herstellen?

Bei den SIP-Maschinen besteht die Kunst darin, über die Verfahrwege eine extrem genaue Geometrie rein mechanisch zu erreichen. Das Maschinenbett verformt sich, auch in Abhängigkeit von den Verfahrwegen. Wir wollen ein absolut perfektes und genaues Maschinengestell. Für eine Hochpräzisionsmaschine ist das sozusagen das «µ-Präzision-Fundament», das wir über Jahre garantieren. Das ist eine eigene Welt der Ultrapräzision.

Ob wir das Schaben durch Profilschleifen ersetzen können, diskutieren wir intern immer wieder mit unseren Starrag-Spezialisten in St. Gallen. Ob sich eine solche Investition lohnt, hängt von der Seriengrösse unserer SIP-Maschinen ab: Die ist aber eher klein. Dann sind wir uns darüber hinaus nicht sicher, ob wir wirtschaftlich gesehen mit der Profilschleiftechnologie wirklich die Präzision erreichen, die wir mit der Schabtechnologie erzielen. Ausschuss können wir uns nicht leisten. Mit der langjährigen Erfahrung sind wir beim Schaben zu 100 Prozent prozesssicher und bauen die genauesten Werkzeugmaschinen der Welt. Ich denke, das spricht für das Schaben.

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Für welche Bauteile braucht man eine SIP?

SIP-Maschinen brauchen Sie immer dann, wenn Sie 100-prozentig sicher sein wollen, dass das erste Bauteil ein Gutteil ist. SIP-BAZ sind für alle Bauteile im Ultrapräzisionsbereich sowie Bauteile mit einer hohen Kostenstruktur die perfekte Lösung. Die Welt von SIP ist sehr exklusiv.

Nun haben Sie SIP und Bumotec seit 2016 hier vereint, welche Vorteile bringt das?

Für Bumotec ist SIP eine hervorragende Referenz. Wenn uns Kunden besuchen, beginnen wir den Rundgang in der SIP-Montagehalle, die voll klimatisiert ist. Im «Atelier Grande Précision» haben wir auch eine 3D-SIP-Messmaschine. Die SIP-WZM sind wirklich beeindruckend. Diese Kompetenz überträgt sich natürlich auch auf die Bumotec-Maschinen. Auch bei diesen Maschinen werden Schlüsselkomponenten geschabt, um die Geradheit, die Rechtwinkligkeit und Parallelität im µ-Bereich zu gewährleisten.

In der Anwendung bedeutet dies, dass unsere Werkzeugmaschinen rund um die Uhr höchste Präzision mit höchster Wiederholgenauigkeit garantieren. Das sind die Grundanforderungen an uns als Hersteller von Werkzeugmaschinen.

Wo liegen die Wurzeln der Schweizer Präzisionskultur?

Wir haben in der Schweiz eine «Kultur der Feinmechanik» entwickelt. Ein Beispiel: Als ich meine Lehre gemacht habe, wurde mir beigebracht, dass eine Feile neben den Messmittel nichts zu suchen hat. Wenn man in den USA oder in Asien ist, ist der Umgang mit Fertigungsmitteln ein anderer als bei uns. Wenn man dieses Bewusstsein nicht von der Pike auf vermittelt bekommen hat, dann fehlt etwas, um perfekt zu sein. Perfektionismus ist etwas, das wir in der Schweiz manchmal etwas zu sehr zelebrieren. Trotzdem werden wir in solchen Details geschult, dafür braucht es eine Mentalität, die auf solche Details achtet und an die junge Generation weitergibt.

Das heisst, in der Berufsausbildung in der Schweiz wird eine gute Basis gelegt.

Die Berufsbildung vermittelt diese Grundlagen wirklich gut. Es ist aber auch so, dass die Polymechaniker von heute sehr gut CAM programmieren müssen. Gleichzeitig müssen sie lernen, wie sich die Materialien beim Zerspanen verhalten. Ich denke, es ist nach wie vor sehr wichtig zu spüren, wie sich die Metalle bearbeiten lassen, wie viel Widerstand sie bieten. Das kann man nicht nur an einer CNC-Maschine lernen. Heute in unserem modernen Produktionsumfeld ist es extrem wichtig, sowohl die Mechanik zu erfahren als auch voll in die digitale Welt frühzeitig einzutauchen. Hier ist eine Balance gefragt, die sich heute sicherlich in einer stärkeren Betonung der CNC-Ausbildung niederschlägt.

Wie sieht die Konkurrenzsituation bei Bumotec aus?

Mit Bumotec haben wir allein im Bereich der Bauteilgrösse relativ viele Mitbewerber. Aber im Hochpräzisionsbereich gibt es nur noch zwei Mitbewerber. Einen sehr guten in der Schweiz und einen in Deutschland, den wir aber in den letzten Jahren immer weniger spüren. Die grossen Hersteller versuchen, in unsere Märkte einzudringen, sie haben einen gewissen Erfolg, aber es fehlt ihnen die langjährige Erfahrung.

Was bedeutet das?

Entscheidend in dieser Branche ist der sogenannte Footprint eines Bearbeitungszentrums. Wenn man in der Schweiz in die Hallen der Uhren- und Medizinaltechnik schaut, erkennt man sofort das Platzproblem. Konkret: Aus jeder Maschine kommt ein faustgrosses Bauteil heraus. Angenommen, die Teile werden alle in der gleichen Qualität hergestellt, aber wir haben den kleinsten Footprint, dann haben wir ein Alleinstellungsmerkmal. Dank unserem Knowhow sind wir in der Lage, eine Produktionsmaschine mit einem so kleinen Footprint und einem so präzisen Output zu entwickeln. Aber da sind wir wieder bei der engen Zusammenarbeit mit unseren Kunden hier in der Schweiz. In den Jahrzehnten der engen Zusammenarbeit sind wir mit ihren Herausforderungen gewachsen und unsere Maschinen sind «geschrumpft».

Welche Faktoren sind sonst noch entscheidend?

Unsere Gesamtleistung rund um den Fertigungsprozess ist ein weiterer entscheidender Faktor, sie muss überdurchschnittlich sein, die Maschine muss mehr als zuverlässig laufen. Wir müssen in der Lage sein, die Kundenwünsche in vielen Anwendungsfällen zu erfüllen. Im Luxusbereich kommen Gold und Platin auf die Maschine. Da wird das Spänemanagement plötzlich zu einem der wichtigsten Parameter. Unsere Kunden wollen Fertigungsauftrag-bezogen wissen, wie viel Material zerspant wird, wie viel Spanvolumen aus dem System resorbiert wird. Es dürfen keine Späne in der Maschine verbleiben, hier geht es wirklich um das einzelne Gramm. Solche Prozesse gehören bei Bumotec zum Alltag und genau darin liegt unsere Chance.

Welche Rolle werden Closed-Loop-Prozesse zukünftig spielen?

Das ist ein spannendes Thema, technisch machbar, wir haben solche Prozesse schon realisiert. Jetzt kommt das grosse «ABER». Das Closed-Loop-Konzept ist aufgrund der hohen Prozessstabilität und Wiederholgenauigkeit heutiger Werkzeugmaschinenkonzepte schlicht nicht notwendig. Das Closed-Loop-Konzept ist von der Idee her zwar eine Traumlösung, aber die Kostenstruktur macht es in den meisten Fällen unwirtschaftlich. Bei SIP sowie Bumotec konnten wir vor einiger Zeit ein Closed-Loop-Konzept realisieren, aber die Nachfrage war nicht so, wie wir es uns erhofft hatten.

Stichwort Frauen und Polymechanikerinnen, wie sieht die Mitarbeiterinnen-Situation in der Fertigung bei Ihnen aus?

Wir haben keine Polymechanikerinnen in der Produktion, wir würden sie aber gerne einstellen. Insofern würden wir uns freuen, wenn sich Frauen für diese Stellen bei uns bewerben würden. Zurzeit stellen wir auch Mitarbeitende ein, die artverwandte Berufe erlernt haben und bilden diese intern gezielt weiter. Dazu haben wir einen Integrationsprozess entwickelt. Diese Mitarbeitenden werden von einem Coach begleitet, bis sie selbständig arbeiten können. Wir finden wirklich gute Mitarbeitende, die motiviert sind, nicht zuletzt, weil wir mit der neuen Gebäudestruktur sehr gute Arbeitsbedingungen bieten.

Sie sagten zu Beginn, es laufe ausserordentlich gut. Woran liegt das?

Wir stellen herausragende Werkzeugmaschinen für Wachstumsmärkte her. Die Dynamik unseres Unternehmens wird aber durch unsere Mitarbeiter/-innen geprägt. Sie sind hoch motiviert, dass es einfach Spass macht, hier zu arbeiten. Die Eigenmotivation unseres Teams ist grossartig. Und damit meine ich wirklich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier in Vuadens. Wir haben hier wirklich einen guten Spirit. Ich würde sagen, Bumotec und SIP lebt von seinen Mitarbeitenden und wird durch sie erfolgreich in die Zukunft geführt. -böh- SMM

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