Denkfehler unterlaufen der SMM-Redaktion immer wieder. So auch in diesem Interview mit Jean-Philippe Kohl, Vizedirektor und Leiter Wirtschaftspolitik Swissmem, der der SMM-Redaktion Rede und Antwort steht. Welche Energiestrategie Swissmem für zukunftsfähig hält, wie junge Menschen für die Industrie begeistert werden können und wie ein EU-Rahmenabkommen realisiert werden kann, das erfahren Sie in diesem Interview, und natürlich auch, warum der SMM-Chefredaktor einen fatalen Denkfehler begeht.
«Das Epizentrum der Fertigungstechnik liegt nicht in den USA oder China. Es befindet sich in Deutschland und der Schweiz.» Jean-Philippe Kohl, Vizedirektor und Leiter Wirtschaftspolitik Swissmem
(Bild: Swissmem)
SMM: Auf Ihrem nächsten Swissmem-Industrietag steht das Thema Energie im Fokus. Wie positioniert sich Swissmem diesbezüglich, auch betreffend erneuerbare, moderne Energien, Speicherszenarien und deren Ausbau?
Jean-Philippe Kohl: Die Schweizer Tech-Industrie (Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie sowie verwandte Technologiebranchen) ist nicht nur Energieverbraucher. Sie ist auch die entscheidende Branche, um langfristig eine sichere und nachhaltige Energieversorgung sicherzustellen. Die Tech-Industrie entwickelt und produziert technologische Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, d. h. von der Energieerzeugung, -übertragung, -umwandlung bis zur -speicherung. Zudem hat sie mit der Entwicklung und dem Export energieeffizienter Maschinen und Geräte einen bedeutenden Hebel zur Reduktion des weltweiten Energieverbrauchs.
Kernenergie ist keine nachhaltige Energieform, u. a. wegen der nicht gelösten Entsorgung des Atommülls, 50% der Kernbrennstäbe kommen aus Russland (Stichwort Erpressbarkeit), zuletzt ist Kernenergie risikobehaftet (Reaktorunfall ist nicht versicherungsfähig). Wie steht Swissmem zu dieser Lösung? Ist Kernenergie aus Ihrer Sicht zukunftsfähig?
J.-Ph. Kohl: Sie vertreten da eine sehr deutsche und damit international ziemlich isolierte Sichtweise auf die Kernenergie. Immerhin hat die EU in ihrer Taxonomie die Atomkraft unter bestimmten Voraussetzungen für nachhaltig erklärt. Die Stromnachfrage wird künftig aufgrund der Dekarbonisierung deutlich steigen. Diesen Bedarf sicher, nachhaltig und zu wettbewerbsfähigen Preisen decken zu können, ist eine grosse Herausforderung. Es ist nicht sinnvoll, eine Technologie – sei es Erdwärme, Wasserstoff, Windkraft oder Kernenergie – von vorneherein auszuschliessen. Die Kernenergie kann Teil der Lösung sein. Auch diese Technologie entwickelt sich weiter.
Dr. Stefan Brupbacher sagt in diesem Zusammenhang: «Der Ausbau von Produktionskapazitäten (Energie) unter der Bedingung der Technologieoffenheit und der Nachhaltigkeit gehört zu den Forderungen, welche wir auch nach dem Jahreswechsel vehement vertreten werden.» Beinhaltet diese Forderung indirekt auch die Forderung nach Offenheit zur Kernenergie?
J.-Ph. Kohl: Das tragische Beispiel Deutschland zeigt, dass man nicht gleichzeitig aus fossilen und nuklearen Energieträgern aussteigen kann. Kohlekraftwerke werden in unserem Nachbarland nun forciert betrieben, weil aus ideologischen Gründen ein Weiterbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke partout einfach nicht sein darf. Das ist eine Bankrotterklärung für den Klimaschutz. Deshalb müssen die Schweizer Kernkraftwerke am Netz bleiben, solange sie sicher betrieben werden können. Idealerweise, bis alternative Quellen für eine sichere und nachhaltige Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen vorliegt.
Wie stellen Sie sich die Umsetzung dieser Forderungen vor?
J.-Ph. Kohl: Swissmem steht für Technologieoffenheit. Deshalb müssen bestehende Technologieverbote aufgehoben werden. So kann in allen Energieformen geforscht und entwickelt werden.
Im SMM-Exklusiv-Interview SMM 08/2022 sagte Wirtschaftsprofessor Dr. Tobias Straumann (Universität Zürich), dass der Trend weg von Industrieberufen am gesellschaftlichen Wandel läge, die Industrieberufe hätten ein schlechtes Image in der Gesellschaft. Woran liegt das und was kann die Industrie dagegen tun?
J.-Ph. Kohl: Tatsächlich wird die Arbeit in der Industrie noch oft mit Lärm, dreckigen Händen und schwerer physischer Arbeit in Verbindung gebracht. Das entspricht schon lange nicht mehr der Realität. Aber wie die Geschlechterrollen sind gewisse Bilder nur sehr schwierig aus den Köpfen zu vertreiben. In der Industrie arbeiten die Menschen gemeinsam an den Lösungen der Probleme unserer Zeit mit. Das ist sinnstiftend. Deshalb wollen wir folgende Botschaft vermitteln: Die Dekarbonisierung wird nicht durch die Politik umgesetzt, sondern durch die Tech-Industrie. Kommt und arbeitet in unseren Unternehmen!
Zurück zu den obigen Inputs Richtung moderner Energieformen: Wenn Sie als Industrieverband junge, moderne Menschen ansprechen wollen, setzen Sie mit Kernenergie auf das falsche Pferd?
J.-Ph. Kohl: Sie machen einen fatalen Denkfehler. Man sollte nie auf ein einziges Pferd setzen, z. B. nur auf die Erneuerbaren. In diesem Sinne steht Swissmem für Technologieoffenheit. Um bei Ihrem Bild zu bleiben, setzen wir auf verschiedene Pferde, denn jede Form der Stromerzeugung hat ihre Vor- und Nachteile. In unserer Mitgliedschaft gibt es zahlreiche Firmen, die sich in allen traditionellen und neuen Formen der Energieerzeugung, -übertragung, -umwandlung und -speicherung engagieren. Es gilt, sämtliche Optionen offenzuhalten. Dafür setzen wir uns ein.
Thema Frauen und Industrie: Welche Gründe sehen Sie, dass der Frauenanteil konkret in industriellen Berufen (Polymechanikerin, Ingenieurin usw.) so niedrig ist?
J.-Ph. Kohl: Die traditionellen Geschlechterrollen sind noch sehr stark in der Gesellschaft verankert. Darin liegt einer der wichtigsten Gründe. In der Schule, in Familie und Umfeld werden die jungen Frauen zudem zu wenig ermutigt, einen technischen Beruf zu erlernen.
Was kann die Industrie aus Ihrer Sicht machen, technische Berufe für junge Frauen attraktiver zu machen?
J.-Ph. Kohl: Es gibt auch in der Schweiz viele Frauen, die mit viel Erfolg und Freude ihren Weg in der Industrie verfolgen. Doch diese Vorbilder sind noch zu wenig sichtbar. Daran arbeiten wir – zum Beispiel mit der nächsten Ausgabe unseres Magazins «involved», in der wir ausschliesslich Frauen in Industrieberufen porträtieren. Darüber hinaus bieten wir für Frauen in der Branche Netzwerkplattformen wie den SwisswoMEM-Club an und wir beteiligen uns seit dem letzten Jahr am Diversity Benchmarking der Universität St. Gallen.
Gibt es soziopsychologische Studien, die untersuchen, warum Frauen weniger stark ausgeprägt zu technischen Berufen tendieren? Wenn nein, wäre es nicht eine Aufgabe der Industrieverbände, solche Studien in Auftrag zu geben?
J.-Ph. Kohl: Auf diesem Themengebiet wird vielerorts rege geforscht. Dies ist nicht unsere Aufgabe als Verband.
Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine jährte sich im vergangenen Monat. Wie hat sich die Situation für die Schweizer Industrie seither entwickelt (Stichwort Lieferketten, Sanktionen, Niederlassungen in Osteuropa)? Wie positioniert sich Swissmem in diesem Konflikt?
J.-Ph. Kohl: Swissmem hat den Angriff Russlands auf die Ukraine nach dem 24.2.2022 umgehend und mit klaren Worten verurteilt. Wir tragen die Sanktionen vollumfänglich mit. Abgesehen von der durch den Krieg verursachten Energiekrise halten sich die wirtschaftlichen Konsequenzen für die Schweizer Tech-Industrie in Grenzen. Der Exportanteil Russlands betrug vor 2022 lediglich 1,1 Prozent und die Firmen waren nicht in grosser Anzahl vor Ort präsent. Für einige wenige Firmen können die Sanktionen allerdings einschneidend sein.
Sie setzen sich für den «bilateralen Weg» und damit den offenen Marktzugang zur Europäischen Union ein. Welche Entwicklungen finden derzeit statt? Welche Chancen und Risiken ergeben sich jeweils daraus?
J.-Ph. Kohl: Die EU ist mit Abstand der wichtigste Handelspartner. Die Tech-Industrie braucht deshalb den möglichst barrierefreien Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Gleiches betrifft die Forschungszusammenarbeit. Die Tech-Industrie differenziert sich durch Innovation und nicht durch Kosten. Das Epizentrum der Fertigungstechnik liegt nicht in den USA oder China. Es befindet sich in Deutschland und der Schweiz. Wir sind auf den Wissenstransfer aus den europäischen Hochschulen angewiesen. Um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, brauchen wir den Wiederanschluss an Horizon Europe. Zudem wird der Abschluss eines Stromabkommens immer dringender. Aus den Medien konnten wir entnehmen, dass in den Sondierungsgesprächen ermutigende Fortschritte erzielt wurden. Deshalb fordert Swissmem, dass der Bundesrat möglichst bald ein Verhandlungsmandat verabschiedet und die nachfolgenden Verhandlungen mit der EU bis Mitte 2024 abschliesst. Nur so kann das Verhältnis zur EU auf eine neue, verlässliche Basis gestellt werden.
Stand vom 30.10.2020
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Das Gesetzgebungsverfahren der neuen EU-Maschinenverordnung ist fast abgeschlossen. Welche Konsequenzen hat diese Verordnung für die Schweizer Industrie? Was sind die nächsten Schritte zur Umsetzung der neuen Verordnung?
J.-Ph. Kohl: Die neue EU-Maschinenverordnung tritt voraussichtlich in diesem Frühjahr in Kraft. Die Übergangsfrist dürfte 42 Monate betragen, so dass sie ab Herbst 2026 für die Unternehmen anwendbar sein wird. Somit bleibt den Schweizer Industriefirmen Zeit für die Vorbereitungsarbeiten.
Ohne Aktualisierung des MRA wird der Export in die EU für die betroffenen Firmen deutlich aufwändiger und somit teurer. Für Produkte, für die eine Drittzertifizierung erforderlich ist, muss dies ohne Aktualisierung des MRA zwingend durch eine benannte und von der EU anerkannte Stelle mit Sitz in der EU erfolgen. Dabei handelt es sich vor allem um Produkte, die ein gewisses Gefahrenpotenzial aufweisen. Davon dürften weniger als 10 Prozent der Swissmem-Mitgliedfirmen betroffen sein. Bei den Produkten, welche keine Drittstellenprüfung erfordern, kann das Konformitätsbewertungsverfahren wie bisher durch Hersteller aus Drittstaaten – also auch der Schweiz – erfolgen.
Zudem brauchen Hersteller aus Drittstaaten einen sogenannten Wirtschaftsakteur in der EU. Das ist entweder eine vom Hersteller beauftragte Person oder der Importeur. Erforderlich ist, dass ein solcher Wirtschaftsakteur in der EU niedergelassen ist. Somit kann der Schweizer Hersteller dessen Pflichten nicht selbst erfüllen. Diese Person muss auch auf dem Produkt angegeben werden, was bei Massenprodukten zu einem erheblichen Mehraufwand führt.
Wie schätzen Sie die Auswirkungen für die Schweizer Industrie ein, die durch die Fusion von UBS und CS entstehen können?
J.-Ph. Kohl: Die Unternehmen der Tech-Industrie brauchen Banken für Kreditlimiten, den Zahlungsverkehr, Kapitalmarktfinanzierungen und Fremdwährungsabsicherungen. Bisher hat der Wettbewerb zwischen den Banken gut funktioniert. Nun fällt ein grosser Mitbewerber weg. Für die Firmen führt das zu einem Mehraufwand. Ähnlich wie bei Lieferantenbeziehungen braucht es auch im Verkehr mit den Banken eine gewisse Diversifizierung. Unternehmen, die vor allem mit der CS und der UBS gearbeitet haben, müssen nun aktiv werden und geeignete Alternativen suchen. Zudem ist noch unklar, wie sich die Konditionen für die Bankdienstleistungen ändern werden. Weniger Konkurrenz führt in der Regel nicht zu besseren und kostengünstigeren Leistungen.
Die CS war ein wertvoller Akteur in der Exportfinanzierung. Das ist eine wichtige Dienstleistung für die stark exportorientierte Tech-Industrie, welche die UBS bisher weniger gepflegt hat. Für die Exportindustrie ist es eminent wichtig, dass die hochprofessionelle Exportfinanzierungsabteilung der CS in die UBS übernommen wird, damit auch künftig anspruchsvolle Exportfinanzierungsgeschäfte über eine schweizerische Bank getätigt werden können.