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Wobei wir wieder bei den Rahmenbedingungen wären. Wie wichtig sind in Zukunft technische Berufe, für die eine Lehre notwendig ist?
H. Hess: Die duale Ausbildung wird auch in Zukunft ein Schlüsselfaktor sein für die MEM-Industrie. Dafür sollte aber endlich auch an den Volksschulen an die zunehmende Digitalisierung gedacht werden. Im Interesse unserer Kinder muss der Lehrplan 21 so schnell wie möglich umgesetzt werden. Wir sind nicht mehr im Pestalozzi-Zeitalter. Wer sich hier dem entgegenstellt, beeinträchtigt die Zukunftschancen der nächsten Generation.
Seit geraumer Zeit haben einige Unternehmen die Arbeitszeit auf 45 Stunden pro Woche verlängert ohne Lohnerhöhung. Was sind da die Rückmeldungen von den Betrieben?
H. Hess: Knapp 15 Prozent der Mitglieder hatten diesen Schritt für nötig gehalten. Jedes dritte Unternehmen davon hat aber wieder Normalarbeit eingeführt und teilweise sogar die Mehrarbeit den Mitarbeitern ausbezahlt. Grundsätzlich ist aber der Druck für längere Arbeitszeiten da. Laut GAV wird in der MEM-Industrie 40 Stunden pro Woche gearbeitet. Aber effektiv sind es im Durchschnitt 42 Stunden. Dies muss sicher noch diskutiert werden.
Zurück zu Digitalisierung: Das Schlagwort Losgrösse 1 fällt immer wieder. Sind individuelle Kundenlösungen die Zukunft?
H. Hess: Individuelle Lösungen und Kleinserien sind bereits heute eine Stärke der Schweizer Industrie. Hier wurden schon immer kleine Stückzahlen produziert, in denen die Kundenbedürfnisse berücksichtigt und somit spezielle Lösungen gefertigt wurden. Im Gegensatz zu China – die haben kein Interesse an Losgrösse 1. Die wollen Millionen von Produkten in Grosschargen herstellen.
Sie bezeichnen die digitalisierte Fertigung als Chance. Wird sie denn auch genutzt?
Die Schweiz ist Innovativ und hat einen hohen Automatisierungsgrad. Sie besitzt eine gute IT-Infrastruktur und gut ausgebildete Leute. Es gibt viele Faktoren, die für die Digitalisierung der Industrie in der Schweiz günstig sind, damit die Schweiz diese Chance packen kann.
Wird diese Chance aber auch gepackt?
H. Hess: Wir sind unterwegs. Wir sind sicher nicht so gut unterwegs und sicher nicht dort, wo wir sein sollten, insbesondere bei den kleinen Firmen noch nicht. Aber, wir sind auch nicht nirgends. In einer Studie von Roland Berger [R. B. ist ein internat. Consulting-Unternehmen] über die Digitalisierung der Produktion zeigt sich, dass die Schweiz zu den Top 5 gehört, zusammen mit Deutschland, Schweden und Finnland. Wir liegen nicht abgeschlagen zurück.
Warum gibt es aber dann noch MEM-Unternehmen, die sich nicht für Industrie 4.0 interessieren?
H. Hess:. Wir haben noch nicht das angestrebte Verständnis der Industrie 4.0 innerhalb der MEM-Industrie. Firmen wollen praktische Beispiele, um zu sehen, was machbar ist. Aus diesem Grund wurde eben die Plattform Industrie 2025 lanciert. Ich bin davon überzeugt, dass wir damit weiterkommen. Aber, es gibt in der Tat Firmen, die Industrie 4.0 betreiben, dies aber nicht unter diesem Label tun. Die finden, dass ihre Maschinen intelligenter werden müssen, und bauen Sensoren ein, identifizieren sie, damit sie im Internet der Dinge sichtbar werden. Die machen das alles, nennen es einfach nicht Industrie 4.0.
Wo sehen Sie für KMUs Einsatzmöglichkeiten innerhalb der digitalisierten Industrie?
H. Hess: Die Digitalisierung bietet sehr unterschiedliche Entfaltungsmöglichkeiten. Je mehr Beispiele es geben wird, desto mehr können andere Betriebe davon profitieren. Die einen schauen mehr die Produkte an, andere eher die Prozesse oder ihr gesamtes Geschäftsmodell kommt auf den Prüfstand.
Was erwarten Sie von den Unternehmen diesbezüglich?
H. Hess: Ich erwarte, dass sich die KMUs aktiv mit der Thematik auseinandersetzen und herausfinden: Wo haben wir Möglichkeiten innerhalb der Industrie 4.0? Jedes Unternehmen wird einen anderen Weg finden. Die Lösungsansätze sind bereits jetzt sehr unterschiedlich, es gibt keine Standardlösung. Als Produzent muss man am Ball bleiben und sich mit der Thematik aktiv auseinandersetzen. Dort, wo man die Chancen sieht, sollen die Betriebe anfangen und Geld investieren.
Es gibt aber auch Skeptiker gegenüber der Digitalisierung und dass dabei Arbeitsplätze verschwinden werden.
H. Hess: Das mag in anderen Branchen möglich sein, z.B. im Finanzumfeld, nicht aber in der MEM-Industrie. Wir sind bereits hoch automatisiert. Wahrscheinlich werden schon einige Arbeitsplätze verloren gehen, aber die werden durch neu geschaffene Jobs ersetzt. In der Summe werden auf der arbeitsmarktlichen Seite in der MEM-Branche weniger Arbeitsplätze verlorengehen. Die gut ausgebildeten Leute werden auch in Zukunft gebraucht. Maschinen müssen auch weiterhin weiterentwickelt werden. Mit der Industrie 4.0 geht alles schneller und effizienter. <<
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