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Wie passt hier die US-amerikanische Marke Usach Technologies mit Sitz in USA (Elgin, IL) in die Gruppe?
U. Baumgartner: Usach wurde 2012 Teil der HGG. Usach ist wie Tschudin im Geschäft mit kundenspezifischen Systemlösungen aktiv. Während Tschudin auf Kleinteile konzentriert ist und in der Vergangenheit relativ fokussiert auf Aussenschleifanwendungen im Bereich der Einspritztechnologie agierte, ist Usach wesentlich breiter aufgestellt und bedient in den USA verschiedene Industrien im Aussen- und im Innenrundschleifen aktiv. Ein Alleinstellungsmerkmal liegt in hochintegrierten Systemen mit über 1,5 Metern Spitzenweite und im Bereich Simultanschleifanwendungen. Wir gehen aktuell bis zu fünf Meter Spitzenweite. Durch eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Kellenberger Biel und Usach im Bereich Systeme soll in den beiden Hauptmärkten USA und Europa und über beide Produktbereiche von den Kompetenzen von Tschudin und Usach profitiert werden können.
Fehlt noch Jones & Shipman. Welche Strategie verfolgen Sie mit Ihrem englischen Tochterunternehmen?
U. Baumgartner: Der wichtigste Punkt für die Akquisition von Jones & Shipman im 2010 war, dass dadurch das Kellenberger Portfolio im Universalrundschleifen gut ergänzt wurde. Einige Maschinen sind im Einstiegsbereich gelegen aber trotzdem hochgenau. Hinzu kommt die Kompetenz im Flach-, Profil- und Tiefschleifen. Doch der Hauptfokus bei Jones & Shipman liegt eindeutig beim Rundschleifen.
Die Integration all dieser Unternehmensteile ist sehr anspruchsvoll. Wie gehen Sie hier vor und was sind für Sie die Knackpunkte?
U. Baumgartner: Die einzelnen Unternehmen haben alle ihre eigene Geschichte, ihre eigene Kultur und ihre Positionierung im Markt. Sie haben Mitarbeiter die zum Teil schon sehr lange dabei sind und sich mit den Produkten identifizieren und diese unter Umständen auch innerhalb der Gruppe favorisieren. Die unterschiedlichen Positionen zusammenzubringen ist sicherlich ein besonderer Knackpunkt. Ausserdem streben wir innerhalb der Gruppe im Bereich Rundschleifen eine Konsolidierung in Form von Plattformen an. Das betrifft alle Bereiche. Jones & Shipman ist hier genauso eingebunden wie Kellenberger und Usach. Dies hat Einfluss auf die Produkteplatte der einzelnen Brands. Die Herausforderung hierbei ist es, eine gemeinsame Strategie zu finden und alle Bereiche zusammen ins Boot zu bringen.
Um welche Plattformen handelt es sich dabei?
U. Baumgartner: Die oberste Plattform betrifft das Premium-Segment, das vor allem mit der Varia von Kellenberger abgedeckt wird. Die mittlere Plattform betrifft das Value-Segment. Hier können wir mehrere Maschinentypen ablösen. Von dieser Vereinfachung profitiert schlussendlich auch der Kunde. Bei diesen Segmenten ist Swissness ein wichtiges Kriterium, wobei Kellenberger trotz amerikanischem Mutterhaus als Schweizer Hersteller automatisch mit Swissness in Verbindung gebracht wird. Und schliesslich wird mit der Economy Plattform das Einsteigersegment vor allem mit Produkten von Jones & Shipman abgedeckt. Dieses Segment ist besonders preissensitiv.Für uns ist hier wichtig ist, im europäischen Raum angesiedelt zu sein.
Können Sie auf dem Gebiet der Steuerung Synergieeffekte innerhalb der Kellenberger-Gruppe nutzen?
U. Baumgartner: Ziel ist es, eine weitgehend einheitliche Bedienoberfläche zu entwickeln, unabhängig davon, ob im Hintergrund eine Heidenhain oder Fanuc-Steuerung arbeitet. Mit dem Aufbau der bereits erwähnten Plattformen verfolgen wir das gleiche für die beiden anderen Segmente. Hier liegt für uns ein grosses Einsparpotential, vor allem im Engineering und in der Betreuung und Pflege. Auch im Kundendienst ist der Aufwand mit einer einheitlichen Bedienung wesentlich geringer.
Sie haben Swissness angesprochen. Was ist für Kellenberger entscheidend, um am Werkplatz Schweiz erfolgreich sein zu können?
U. Baumgartner: Wir müssen uns von unseren internationalen Mitbewerbern durch innovative Lösungen abheben. Themen wie Industrie 4.0 oder Digitalisierung nehmen wir ernst und wollen uns da auch aktiv in der Umsetzung einbringen. Wir müssen uns aber auf das konzentrieren, was wir hier in der Schweiz besser können als mit externen Lieferanten. So machen wir praktisch alle Schleifarbeiten im Haus. Hier liegt unser spezielles Know-how. Die Rundschleifoperationen erfolgen übrigens alle auf eigenen Maschinen. Nur die grosse Flachschleifmaschine für die Maschinenbetten ist von Waldrich Coburg. Diese Kompetenz wollen wir neben Montagearbeiten, Engineering und Kundenbetreuung klar im Hause hier in der Schweiz behalten.
Welche Rolle spielt hierfür der Einfluss des steigenden Wechselkurses zum Schweizer Franken?
U. Baumgartner: Wir haben mit der Auslagerung der Fertigung von Standardkomponenten wie Gussbetten oder Elektroschränke schon sehr frühzeitig begonnen und bauen dies wo sinnvoll schrittweise aus. Neben der Beschaffung von Bauteilen ist die Beschaffung von Baugruppen ein Thema, dies baut langfristigen Beziehungen und Partnerschaften mit den Lieferanten auf und verlangt vorab einen sorgfältigen Make-or-Buy Entscheid. Diese Entwicklungen haben wir unabhängig von der Wechselkursentwicklung initiiert, mit dem starken Franken haben wir diese Entwicklungen aber intensiviert und einen grösseren Fokus darauf gelegt. Doch wir geben nicht alles a priori in den EU-Raum. Wir haben viele lokale Partner in der Schweiz. Wenn wir Preis und Leistung vergleichen, dann sind viele Schweizer Zulieferer konkurrenzfähig. Daneben spielt bei uns seit mehreren Jahren das gruppenweite Projekt «HIPEx» (Hardinge Incorporated Performance Excellence, welches die Themen Six-Sigma und kontinuierliche Verbesserungsprozesse beinhaltet, eine gewichte Rolle zur Reduktion interner Kosten, Verbesserung von Prozessen, Strukturen und Produkten resp. Dienstleistungen.
Wie hat Kellenberger die Entwicklung des Wechselkurses getroffen?
U. Baumgartner: Auch wir mussten erhebliche Margeneinbussen hinnehmen. Veränderungen ergaben sich nicht nur beim CHF-EUR-Wechselkurs, sondern auch bei anderen für uns relevanten Währungen. Kostenseitig hatte sich die Situation aufgrund der hohen Wertschöpfung in der Schweiz zu Kellenberger‘s Ungunsten verschoben. Doch grundsätzlich sind wir mit dem Geschäftsjahr 2015 unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen sehr zufrieden. Das hängt aber mit unserer sehr globalen Aufstellung zusammen und mit der Tatsache, dass sich für uns nicht alle Märkte gleich entwickelt haben.
Wie erklären Sie sich, dass viele Schweizer Zulieferanten trotz des starken Frankens konkurrenzfähig im Vergleich zu Zulieferern aus dem EU-Raum sind?
U. Baumgartner: Das liegt zum Teil sicher daran, dass diese Schweizer Anbieter sich in Bereichen bewegen, in denen sie mehr bieten können z.B. bezüglich Spezialanwendungen, Gesamtlösungen, kleine Serien und Einzelteile mit der notwendigen Genauigkeit, der kurzen Reaktionszeit und gleichem Verständnis punkto Qualität, etc. Wenn zum Beispiel an einem Bauteil mehrere Operationen wie Drehen, Fräsen und Härten durchgeführt werden müssen, dann hat ein Gesamtanbieter mit allen Operationen im eigenen Haus einen Vorteil punkto Preis und Lieferzeiten gegenüber einem Lieferanten, der einen Auftrag wegen Teiloperationen noch zu Unterlieferanten schicken muss.
Welche Rolle spielen Innovationen für Kellenberger in Bezug auf die Kunden?
U. Baumgartner: Früher war die Schleifkompetenz vorrangig beim Kunden und der Kunde hat auch die Schleiflösung erarbeitet. Kellenberger hat dazu die mechanisch hochpräzise Maschine geliefert. Inzwischen sind unsere Kunden meistens nicht mehr nur an einem Maschinenkauf interessiert, sondern an Bearbeitungslösungen, die zum Teil auch über das Schleifen hinausgehen. Wir übernehmen die Verantwortung für den Gesamtprozess – je nach dem was gefordert ist – mit automatischer Beschickung, mit dem Messprozess oder anderen Operationen. Unter diesen Umständen sind Innovationen bei den Plattformen, den Optionen, dem Handling des Systems und Teilen davon absolut notwendig, denn es geht darum Prozesse zu entwickeln. Es geht beispielsweise darum aktuelle Fertigungszeiten zu reduzieren. Ein Lösungsansatz kann das Simultaneous Grinding sein, bei dem zwei Schleifoperationen gleichzeitig ohne Umspannen und dadurch in kürzerer Zeit und mit höherer Genauigkeit ausgeführt werden, was direkten Einfluss auf die Stückkosten des Kunden hat.
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