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Europa Forum Luzern Licht- und Schattenseiten der Globalisierung

Das Europa Forum Luzern hatte seine Herbsttagung dem Thema Offene Märkte gewidmet. Der Tenor der Redner war eindeutig. Offene Märkte sind notwendig für Wohlstand und Wohlfahrt einer Gesellschaft. Doch braucht freier Handel auch Regeln, damit alle davon profitieren können.

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Bundesrat Johann N. Schneider-Ammann wies auf die Wichtigkeit offener Märkte für die Schweiz hin.
Bundesrat Johann N. Schneider-Ammann wies auf die Wichtigkeit offener Märkte für die Schweiz hin.
(Bild: Bruno Näpflin/Akzent Media GmbH)

«Die Schweizer Wirtschaft wird immer exportabhängiger: 2003 gingen 33 % der Waren ins Ausland, 2013 waren es bereits 55 %, deshalb sind die traditionellen Handelspartner Europa und Amerika unverzichtbar.» erläuterte Monika Rühl, CEO von Economiesuisse die Situation der Schweizer Aussenwirtschaft.

Sie bilanzierte die Erkenntnisse des Tages mit der Feststellung, dass die EU für längere Zeit Handelspartner Nummer eins bleibe, deshalb gebe es für die Schweizer Wirtschaft keine Alternative zu den Bilateralen Abkommen.

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Einen tiefen Einblick in die Zusammenhänge des Freihandels, die Wichtigkeit von bilateralen und multilateralen Abkommen für die Schweizer Wirtschaft und den Wohlstand der Bevölkerung, aufstrebende Märkte und lukrative Produktionsstandorte in aller Welt, die Agrarsituation in der Schweiz als Handelshemmnis sowie Gewinner und Verlierer der Globalisierung erhielten die rund 250 Teilnehmer aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Wissenschaft am Herbst-Forum 2014 des Europa Forum Luzern.

China, Afrika, Indien und Brasilien als Wachstumstreiber?

Ein differenziertes Bild der BRIC-Staaten als einstige Hoffnungstreiber zeigten verschiedene Experten auf. Jörg Wuttke, Chefrepräsentant BASF China und Präsident der Europäischen Handelskammer in China, erläuterte den chinesischen Markt: «Die Zeiten von jährlichen zehnprozentigen Wachstumsraten in China sind vorbei. Und die chinesischen Unternehmer werden immer konkurrenzfähiger. Ausländische Unternehmen leiden mehr und mehr unter Extra-Regulatorien, höheren Rohstoffpreisen und steigenden Infrastrukturkosten. Der grosse Auszug ausländischer Unternehmen hat aber noch nicht begonnen. Am Markt mit einem wachsenden Mittelstand und rund 1,3 Mia. Menschen kommen multinationale Firmen nicht vorbei.»

NZZ-Afrikakorrespondent Markus M.Häfliger erläuterte die Situation in Afrika. Die Urbanisierung auf dem Kontinent schreite voran und es bilde sich eine Mittelschicht. In gewissen Ländern sei der Konsumboom auch anhand blühender Supermarkt-Ketten, neuen Autos, Mobiltelefonen und afrikanischen Touristen in Afrika sichtbar. Dabei hätten sich China, Brasilien und die Türkei als Handelspartner in gute Positionen gebracht. Dennoch würden noch viele Firmen vor Investitionen in Randregionen zurückschrecken. Dies nicht zuletzt aufgrund von strukturellen Gewaltausbrüchen, der hohen Kriminalität, einer hohen Kapitalflucht sowie der mangelnden Berufsbildungsmöglichkeiten.

Sony Kapoor vom Think Tank ReDefine aus London zeichnete ein pessimistisches Bild von Indiens Wirtschaft. Das Land müsse zuerst lernen, die innerstaatlichen Handelshemmnisse abzubauen, bevor an Handelspartnerschaften mit dem Ausland gedacht werden könne. So verbringe ein Lastwagenfahrer heute noch mehr als 50 Prozent seiner Zeit an innerstaatlichen Zollkontrollen. Zudem hemmten strukturelle Engpässe in der Elektrizität und im Strassenbau die Wirtschaft. Indiens neue Regierung habe viele Hausaufgaben zu lösen, damit die jährlich 10 Mio. jungen Menschen auf dem Arbeitsmarkt einen Job finden.

Eine aktuelle Analyse Brasiliens Wirtschaft präsentierte der in Brasilien lebende Unternehmer Herbert Schmid. Dem riesigen Binnenmarkt mit 114 Mio. Menschen mit steigender Kaufkraft, hoher Agrarproduktion und vielen Bodenschätzen stehe die brasilianische Bürokratie, eine enorme Korruption und Kriminalität sowie mangelnde Infrastruktur entgegen. Es werde sich nun zeigen, welche Reformen die wiedergewählte Regierung mit welchen Köpfen einleiten werde. Dennoch sehe er in Brasilien durchaus noch Marktchancen, die es zu nutzen gelte.

Die Kehrseite der Medaille

Über die Schattenseiten der Globalisierung sprach Silvia Liebrich, Wirtschaftsredakteurin der Süddeutschen Zeitung und Buchautorin. Die Menschen in Deutschland diskutierten inzwischen bereits so emotional über TTIP, dem Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA, wie die Schweizer über das Zuwanderungsthema.

Obwohl viele in Deutschland von der Globalisierung profitieren würden, sehe man, dass die Schere zwischen Arm und Reich auseinandergehe. Die Politik habe lange Ungerechtigkeiten unterschätzt. Von der Globalisierung profitiere in armen Ländern nur eine kleine Schicht. Rund 30 Mio. Menschen lebten in moderner Sklaverei. Näherinnen in Bangladesch arbeiteten für Hungerlöhne, damit das T-Shirt in Europa für fünf Franken zu kaufen sei. Aus Sicht der reichen Länder schade die Globalisierung im Fiskalbereich: Die neusten Enthüllungen bezüglich der grossen Steuerverschiebungen multinationaler Unternehmen schlage grosse Wellen. Starbucks beispielsweise mit einem Umsatz von 130 Mio. Euro zahle praktisch keine Steuern. Dieses Geld fehle dem Staat zur Finanzierung von Gesundheitskosten, Renten und Investitionen in die Bildung. Zudem wachse zwar die Wirtschaft in der EU, aber die Einkommen der Menschen nicht. Zum Schluss mahnte sie, dass freier Handel regeln brauche, sonst gebe es am Ende nur Verlierer.

«Keine Alternativen»

«Die Welt hat sich grundlegend verändert. Internationale Unternehmen wie Clariant stehen im globalen Wettbewerb, in dem derzeit ein grenzenloser Wettbewerb mit enormem Tempo stattfindet», erläuterte Hariolf Kottmann, CEO von Clariant International AG, die Notwendigkeit offener Märkte. Weiter meinte er, dass die Schweiz mehr denn je auf bilaterale Verträge angewiesen sei. Der Arbeitsmarkt sei international geworden. Nicht die Nationalität, sondern die Qualifikation sei heute entscheidend. Verschiedene Referenten wiesen besorgt darauf hin, dass ein gefährliches Spiel mit dem errungenen Wohlstand in der Schweiz gespielt werde. Die anstehenden Volksinitiativen könnten die Wirtschaft empfindlich beeinträchtigen. Dies treffe nicht zuletzt die Schweizer Arbeitnehmenden. Die Reaktionen seien kurzfristig nicht spürbar. Aber der Ansiedlungstrend von internationalen Firmen in der Schweiz sei bereits rückläufig. Länder wie Deutschland, Irland, Luxemburg oder Holland seien starke Standortmitbewerber. KMU-Vertreter Josef Maushart mahnte, dass kleine und mittlere Unternehmen vor anderen Herausforderungen stünden als multinationale Unternehmen. KMU erwirtschaften 80 % ihres Umsatzes in der Schweiz und in der EU. Als grösste Arbeitgeber im zweiten Sektor benötigten sie Planbarkeit in ihren wichtigsten Absatzmärkten. Und sie seien auf einen stabilen Wechselkurs angewiesen, damit sie wettbewerbsfähig blieben. Deshalb dürfe der Spielraum für die Nationalbank auf keinen Fall eingeschränkt werden.

Handelsabkommen werden zentraler

Die Anzahl von Handelsabkommen zwischen zwei Ländern, sog. Präferenzielle oder bilaterale Abkommen, seien seit 1990 explosionsartig angestiegen. Die Schweiz verfüge derzeit über 36 Abkommen, der WTO-Durchschnitt liege bei zwölf. Im Zentrum der Abkommen stehe der freie Warenaustausch, Zollabbau und die Vereinfachung der Administration. Dies beinhalte in der Regel die gegenseitige Anerkennung von Herstellerzertifikaten, den Schutz des geistigen Eigentums sowie die Einsetzung einer Schlichtungsstelle, erläuterte Alexander Keck von der WTO in Genf. Und Manfred Elsig vom World Trade Center der Universität Bern ergänzte, dass in den Verträgen immer mehr auch Themen wie Arbeits- und Menschenrechte sowie umweltgerechte Produktionsmethoden geregelt würden.

Welche Auswirkungen das noch geheime Abkommen TTIP zwischen den USA und der EU auf die Schweizer Wirtschaft haben werde, sei ungewiss. Der Schweizer Botschafter Didier Chambovey zeigte sich zuversichtlich, dass für die Schweizer Exporteure dieselben Bedingungen eingehandelt werden könnten. Die tiefen Zölle in den USA seien nicht das Hauptproblem. Aber die Konformität von Zertifizierungs-Dokumenten und deren gegenseitige Anerkennung seien wichtig. Der Bereich Landwirtschaft sei sehr heikel. Im Gegensatz zur Landwirtschaft in der EU sei die Schweizer Landwirtschaft weniger wettbewerbsfähig. Der Ausgang der Verhandlungen sei noch ungewiss. Über einen allfälligen Vertrag entscheiden müssten am Ende der Bundesrat und das Parlament. <<

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