Mit fünf Jahren segelte Oliver Heer erstmalig Einhand in der Kempratner Bucht vor Rapperswil. Aus einer Seglerfamilie stammend, machte O. Heer sein Hobby zum Beruf und qualifizierte sich als erster Deutschschweizer für die härteste Segelregatta der Welt: die Vendée Globe, ein 45 000-km-Segelrennen rund um den Südpolarkreis. Am SMM-Kongress am 22. Mai 2025 wird O. Heer über sein 99-tägiges Rennen live berichten und warum ihn ein Durchkentern in einem Qualifikationsrennen nur noch besser machte.
99 Tage, 5 Stunden, 27 Minuten: Oliver Heer ist nach 45 000 km rund um den Südpolarkreis zurück am Ziel in Frankreich und wird von Theresa Heer mit Hund herzlich empfangen.
(Bild: Oliver Heer Ocean Racing)
Matthias Böhm: Seit wann segelst du und wie bist du zum Segeln gekommen?
Oliver Heer: Das erste Mal, als ich auf einem Segelschiff war, war ich ein Jahr alt. Beim ersten Mal, als ich allein segelte, war ich in der Kempratner Bucht vor Rapperswil. Mein Vater gab mir einen Schubs und dann segelte ich los. Ich kam auch tatsächlich wieder zurück. Ich wusste schon mit fünf, wie ich die Segel stellen musste. Vielleicht spürte ich damals bereits die Freiheit, die einem das Segeln vermittelt. Auch meine Eltern haben viel gesegelt, aber ich bin definitiv der Erste in der Familie, der es professionell macht.
Nastassja Neumaier: Wie kommt man als Schweizer dazu, ein professioneller Offshore-Segler zu werden?
O. Heer: Profi-Segler ist nicht die naheliegendste Berufswahl, wenn man in der Schweiz aufwächst, weit weg von den Meeren. Am Zürichsee braucht man sehr viel Geduld, es gibt wenig Wind. Aber genau deshalb lernt man auch eine ganze Menge, wie man mit wenig und ständig wechselndem Wind vorwärtskommen kann. Als ich vor zehn Jahren mit dem professionellen Segeln startete, segelte ich in den Booten privater Schiffeigner unterschiedliche Regatten. Vor einigen Jahren wurde ich Teammitglied des Hugo-Boss-Teams. Es war das bisher erfolgreichste Team der Vendée Globe. Ich erhielt die technische Verantwortung für das gesamte Schiff. Die Vendée Globe ist der absolut höchste Level des Segelns. Nachdem ich das Hugo-Boss-Team verlassen habe, nutzte ich mein Netzwerk und baute ein eigenes Team auf, um die Vendée Globe zu segeln.
N. Neumaier: Warum findest du das Segeln so faszinierend?
O. Heer: Segeln ist ein enorm abwechslungsreicher und fordernder Sport. Man hält sich in einem hochgradig dynamischen Umfeld auf, der Wind und die Wellen verändern sich ständig, die Strömungen sind anders, das Wetter wechselt. Gleichzeitig ist es ein sehr technologischer Sport. Navigation, Wetteranalysen und viele weitere Aspekte. Es ist ein Spannungsfeld zwischen Technologie und Natur pur. Ich habe tausende Tage auf dem Wasser verbracht. Kein Tag ist wie der andere. Mal segelt man allein, mal im Team, mal ist es kalt, mal tropisch, es ist einfach faszinierend.
N. Neumaier: Viele kennen die Vendée Globe nicht. Welche Bedeutung hat die Vendée Globe in Frankreich?
O. Heer: Tatsächlich ist es das bedeutendste Sportereignis in Frankreich. Zwei Wochen vor dem Start wird eine Race-Village eröffnet und in diesen zwei Wochen kommen 1,7 Millionen Besucher und Besucherinnen. Am Start waren fast eine halbe Million Menschen vor Ort.
M. Böhm: Du bist der erste Deutschschweizer, der sich für die Vendée Globe qualifizieren konnte. Kannst du die Strecke der Vendée Globe kurz beschreiben?
O. Heer: Es ist ein Solo-Segelrennen nonstop um die Welt mit 45 000 km. Gestartet wird in Westfrankreich in Les Sables d'Olonne. Nach dem Start geht es im Atlantik Richtung Süden über den Äquator in den Südatlantik. Wenn wir an Südafrika vorbeigekommen sind, drehen wir «links» ab. Dann geht es mit einem definierten Abstand rund um die Antarktis, an Australien und Neuseeland vorbei. Dann geht’s Richtung Kap Hoorn (Südamerika) und dann wieder «links» Richtung Äquator, um schliesslich in den Atlantik Richtung Norden und zurück in den Start-/Ziel-Hafen einzukehren. Im Durchschnitt dauert es 90 Tage. Die Entfernung zum Südpol wird über ein Eislimit definiert. Die Rennleitung kann Eisberge via Satellit verfolgen und gibt entsprechende Anweisungen an die Teilnehmer.
M. Böhm: Heisst das, ihr segelt so nah am Eis wie möglich?
O. Heer: Vor dem Rennen wird eine Linie um die Antarktis festgelegt. Eigentlich wollen wir Segler so südlich wie möglich um den Südpol segeln, weil die Distanz kürzer wird. Ich segle beispielsweise 5 km von der gezogenen Grenze im Zickzackkurs entlang.
N. Neumaier: Und da bist du komplett auf dich allein gestellt während des Rennens?
O. Heer: Ja, man ist sehr allein. Die mir am nächsten stehenden Personen sind die Astronauten von der ISS über mir (400 km).
M. Böhm: Welche Kurse segelt man typischerweise?
O. Heer: Das ist der Grund, warum die Regatta von West nach Ost gesegelt wird. Man segelt sozusagen mit dem Wetter. Somit kommen der Wind und die Wellen fast immer von hinten, also auf Vorwindkurs. Aber am Polarkreis ist es verdammt kalt, für vier bis fünf Wochen. Teilweise schneit es, man hat Eis auf dem Schiff, während fünf Wochen hatte ich eine Durchschnittstemperatur von unter zehn Grad.
N. Neumaier: Bist du nie krank geworden während der Vendée Globe?
O. Heer: Nein, eigentlich nicht. Man hat ja auch keinen Kontakt zu anderen Menschen und ist somit keinen Viren ausgesetzt. Deshalb hatte ich keinen Schnupfen, keine Grippe usw. Eigentlich der perfekte Ort, um Erkältungskrankheiten aus dem Weg zu gehen. Wenn man die ersten Tage nicht krank wird, dann bleibt das in der Regel auch so. Anders sieht es mit bakteriellen Infektionen und Verletzungen aus.
M. Böhm: Wie viel Swiss Technology hast du auf dem Boot?
O. Heer: Tatsächlich sehr wenig. Wir haben das Boot gebraucht (Occasion) erworben und wir konnten da nicht auf Swiss-Komponenten den Fokus legen. Es gibt noch einen Schweizer Spezialisten, der die Wanten und Stage aus Carbonfasern entwickelt, aber aufgrund der Vorschriften der Veranstalter sind wir verpflichtet, die Stage und Wanten eines französischen Herstellers zu nutzen.
Stand vom 30.10.2020
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N. Neumaier: Aber du hattest erwähnt, dass du einen Sensor für Meeresdaten auf dem Schiff hast. Was misst der Sensor und wer nutzt diese Daten?
O. Heer: Wir messen unterschiedliche Meeresdaten für die ETH, EPFL und die Universität Bern. Finanziert wird das vom Swiss Polar Institute. Wir messen die Temperatur, den ph-Wert, den Salzgehalt, den CO2-Wert und den Chlorophyllgehalt des Wassers. Das Südpolarmeer speichert sehr viel CO2, es ist eine Art Kühlaggregat für unser Weltklima. Die Forschungsinstitute benutzen spezifische Berechnungsmodelle und können mit den Daten, die der Sensor auf meiner Strecke misst, die Modelle sozusagen füttern.
N. Neumaier: Wie sieht es denn mit den Stürmen im Südpolarkreis aus und wann ist ein Sturm ein Sturm?
O. Heer: Bei mir fängt ein Sturm bei 70 km/h und Windböen bis 100 km/h an. Es gibt am Südpolarkreis ständig Stürme, dort hat es keine Erdmassen, über denen sich die Stürme in der Regel abschwächen.
N. Neumaier: Und was machst du, wenn ein Sturm aufzieht?
O. Heer: Wie gesagt, verfügen wir über weitreichende und komplexe Wetterdaten, mit denen wir sehr vorausschauend agieren und handeln können. Ein Wettersystem bewegt sich im Nordatlantik mit bis zu 14 Knoten, das sind etwas mehr als 20 km/h. Im Südpolarkreis sind sie schneller, bis zu 18 Knoten. Wenn ich auf dem Wetterradar sehe, dass ein Sturmwirbel kommt, versuche ich, mich mit dem Boot so zu positionieren, dass ich ideal positioniert bin und nicht ins Auge des Sturms gerate. Das geht bei einem normalen Schiff, bei dem man mit 5 Knoten unterwegs ist, definitiv nicht. Das Besondere an unseren Schiffen ist, dass wir aufgrund unserer hohen Geschwindigkeiten einem Sturm mehrheitlich ausweichen können. Oder wir können uns so positionieren, dass der Wind von hinten kommt.
N. Neumaier: Wie gefährlich ist es, in dieser Region zu segeln?
O. Heer: Man kann nicht 24 Stunden am Tag Ausschau halten. Ich brauche regelmässig Schlafphasen. Zwei Stunden Wachphase, 30 Minuten Schlafphase oder so ähnlich. Tatsächlich hat mich die Rennleitung alarmiert. Sie sagten mir, ich befinde mich in einer Strömung, die vom Süden aus der Antarktis kommt, und es könnte sein, dass ich auf einen Eisberg treffe. Ich aktivierte daraufhin alle Alarmsysteme und tatsächlich wurde ich mitten in der Nacht um 2 Uhr geweckt. Das war sehr stressig. Mein Puls ging von 68 auf 175. Ich habe alle Luken geschlossen und konnte am Eisberg vorbeisegeln. Der war ca. 300 m lang, 200 m hoch, da hätte ich nicht dagegen segeln dürfen.
M. Böhm: Hättest du noch eine Motorunterstützung im Notfall?
O. Heer: Wir haben zwar einen Notfallmotor an Bord, aber der hat erstens kaum Leistung und mit 80 Litern Diesel komme ich vielleicht 80 km weit. Das ist keine Distanz in diesen Gebieten. Und: Die Antriebswelle ist plombiert. Sobald ich ihn nutze, bin ich disqualifiziert.
N. Neumaier: Dann ergibt der Motor eigentlich keinen Sinn.
O. Heer: Also, wenn man geborgen wird, dann ergibt der Motor insofern Sinn, als ich manövrieren kann. Aber die 80 Liter Diesel sind für den Generator gedacht, um Strom für die elektronischen Geräte bereitzustellen.
M. Böhm: Wie hoch ist denn der Stromverbrauch im Durchschnitt?
O. Heer: Wir haben ein 24-V-System an Bord, der durchschnittliche Verbrauch liegt bei 240 Watt pro Stunde. Hierfür stehen zwei sogenannte Hydrogeneratoren zur Verfügung, die jedoch nicht vollumfänglich ausreichen zur Stromversorgung, deshalb benötige ich zusätzlich den Generator.
M. Böhm: Wenn du so viele elektronische Geräte an Bord hast, was heisst das denn, wenn du aus gemässigten Klimazonen startest und den Südpol als Zwischenstation hast?
O. Heer: Ich durchsegle mehrere Klimazonen, angefangen im gemässigten Bereich durch die Subtropen und den tropischen Bereich bis in die Arktis. Für die elektronischen Systeme ist das sehr anspruchsvoll, diese Temperaturunterschiede. Deshalb sind sie sehr robust konzipiert und müssen reparabel sein.
N. Neumaier: Du musst somit auch ein technisches Allroundtalent sein?
O. Heer: Ja, absolut. Ich muss ein Grundwissen von allen Materialien und Systemen auf dem Schiff haben. Idealerweise sollte ich von einem Loch im Rumpf bis zu den elektronischen Systemen alles reparieren können.
M. Böhm: Und die Segelknoten beherrschst du auch?
O. Heer: Klar, die Schiffsknoten musst du natürlich kennen.
M. Böhm: Zur Qualifikation der Vendée Globe bist du die New York Vendée von Frankreich nach New York gesegelt und dabei 2000 Seemeilen vor New York gekentert. Was ist da passiert und wie kritisch war die Situation für dich?
O. Heer: Das war fast ein Worst-Case-Szenario, viel schlimmer geht es nicht. Ich bin im Nordatlantik gesegelt, zwischen den Azoren und Neufundland. Es hatte ziemlich viel Wind, 80 km/h Windgeschwindigkeit und 100 km/h Windböen, grosse Wellen. Ich hatte zu viel Segelfläche und bin ein zu grosses Risiko eingegangen. Mein Autopilot steuerte mein Schiff mit 10 Hz, das ist eine eher hohe Frequenz. Das Schiff liest den Wind und der Autopilot reagiert zehnmal pro Sekunde und korrigiert und steuert entsprechend. Dann hatte es eine halbe Sekunde falsche Winddaten, der Autopilot reagierte falsch; infolgedessen wurde ich von einer Welle erwischt.
N. Neumaier: Und dann?
O. Heer: Ich kenterte komplett durch mit dem Mast nach unten, Kiel nach oben. Das gesamte Boot wurde geflutet, ich hatte etwa 5000 Liter an Bord. Meine Batterien wurden mit Salzwasser geflutet und zerstört. Ich hatte keinen Strom mehr, keine Elektronik, kein Licht. Es war nachts bei drei bis vier Grad Wassertemperatur und Luft bei sechs Grad, es war dunkel und ich war komplett nass. Ich befand mich etwa 200 km nördlich von dem Punkt, wo die Titanic gesunken ist. Dank des Kiels richtete sich das Boot wieder auf. In einer solchen Situation positiv zu bleiben und nach vorne zu denken, ist sehr anspruchsvoll.
N. Neumaier: Und wie ging es weiter ohne elektronische Hilfsmittel?
O. Heer: Jetzt kam mir meine Ausbildung in England zugute. Dort lernten wir das klassische Segeln, Navigieren per Sextant und Kompass. Man schätzt seine Geschwindigkeit und macht traditionelle Kartennavigation. Ich bin bereits mit Sextant ohne elektronische Hilfsmittel über den Atlantik gesegelt. Das kam mir in dieser Situation absolut zugute.
N. Neumaier: Wusste dein Team, dass du eine Havarie hattest?
O. Heer: Wir haben ein umfangreiches Emergency-Equipment, u. a. einen Tracker mit autarker Batterie, und ich hatte ein Satellitentelefon mit integrierter Batterie. Diese beiden elektronischen Hilfsmittel standen mir – zum Glück – noch zur Verfügung.
M. Böhm: Und wie weit warst du von New York entfernt?
O. Heer: Es waren noch 2000 km bis zum Ziel. Ich wollte unbedingt das Ziel erreichen. Das hat mich vermutlich aufgebaut. Ich musste das Schiff 18 Stunden am Tag steuern, der Autopilot funktionierte wie gesagt nicht mehr. Die Kleidung war nass. Das war mehr als ungemütlich.
N. Neumaier: Und wie lange braucht man für 2000 km?
O. Heer: Wenn alles passt, kann ich das auf der Vendée Globe in zwei Tagen segeln. Doch in dieser Situation war alles anders. Ich benötigte zehn Tage für die 2000 km. Während meiner Schlafphasen liess ich mich einfach driften, Segel runter und fertig. Es war extrem schwierig. An der kanadisch-nordamerikanischen Küste gab es sehr viel Schiffsverkehr, zudem viel Nebel. Ich hatte keine Navigationslichter, kein Radar, kein elektronisches Identifikationssystem. Ich war blind, die anderen Schiffe sahen mich nicht; ich musste mich teilweise auf das Gehör verlassen.
M. Böhm: Aber das war das Qualifikationsrennen?
O. Heer: Das war eines der Qualifikationsrennen für die Vendée Globe. Man muss sich über drei Jahre qualifizieren. Wenn ich es nicht geschafft hätte, wäre ich vermutlich nicht qualifiziert worden. Aber das hat mir die Energie gegeben, es fertig zu segeln.
N. Neumaier: Gab es ein Zeitlimit?
O. Heer: Ja, aber ich hatte noch weitere fünf Tage Zeit, um an Land zu segeln.
N. Neumaier: Habt ihr nach der Erfahrung etwas am Boot geändert?
O. Heer: Ich bin ein positiver Mensch. Das war zugegebenermassen nicht ganz einfach in einer solchen Situation, aber ich habe mir bereits im Kopf eine Liste gemacht. Beispielsweise haben wir jetzt neue robustere Batterien, die wiederum in einen wasserdichten Behälter integriert sind. Darüber hinaus habe ich eine manuelle Pumpe zum Entwässern integriert.
N. Neumaier: Hast du dich danach sicherer gefühlt?
O. Heer: Absolut, weil ich die Erfahrung gemacht habe, die 2000 km selbst im Worst-Case-Szenario sicher an Land zu segeln. Im Südpolarmeer sind es maximal 3000 km, die man von Land entfernt ist.
M. Böhm: Wie bereitest du dich mental auf die Vendée Globe, eine 45 000-km-Reise, vor?
Die Regeln sind sehr klar. Wenn ich den Fuss an Land setze nach dem Start, wenn ich etwas ans Schiff nehme, wenn ich Hilfe von aussen annehme, bin ich disqualifiziert. Das heisst, man muss alles auf dem Schiff haben, wenn man startet. Es ist eine Kombination aus physischer und psychischer Vorbereitung. Ich habe eines der ältesten Schiffe, ich hatte ein eher kleines Budget. Wir haben circa 25 000 Stunden in das Schiff investiert. Man muss körperlich fit sein.
M. Böhm: Welche Geschwindigkeiten erreichen die Segeljachten, die an der Vendée Globe teilnehmen?
O. Heer: Mit meinem Boot komme ich auf einen Topspeed von 60 km/h, die Foil-Boote erreichen 80 km/h. Unser Ziel ist es jedoch, eine hohe mittlere Geschwindigkeit zu erreichen. Topspeed ist kritisch. Die Schiffslage auf den Foils ist nicht unkritisch, wenn bei einem Topspeed der Rumpf ins Wasser knallt, entstehen enorme Kräfte und dadurch entstehen die meisten Defekte.
N. Neumaier: Als du ins Ziel gekommen bist, muss der Kontrast doch enorm gewesen sein. Drei Monate allein und dann ein Riesenempfang?
O. Heer: Mein Abstand zum Erstplatzierten (64 Tage) lag bei 35 Tagen. Ich war 99 Tage auf See. Tatsächlich ist es so, dass auch der letzte Segler gebührend gefeiert wird. Der Weg ist das Ziel. Als ich ins Ziel kam, waren circa 3000 Menschen, die mich gebührend empfingen, das war schon bemerkenswert. Dann hatte ich eine 2-stündige Pressekonferenz, während der nächsten fünf Tage wurde ein Medientermin nach dem anderen angesetzt. Das ist ein enormer Kontrast zu drei Monaten Einhandsegeln in den Weltmeeren.
N. Neumaier: Du bist ja während deiner Segelregatten die personifizierte Form der Resilienz. Hast du einen Tipp, wie man sich auch als Unternehmen resilient aufstellen kann?
O. Heer: In der «radical acceptance» (Radikalen Akzeptanz), das heisst, wenn etwas schiefläuft, muss man akzeptieren, dass man in einer schlechten Situation ist. Wenn man versucht, sich Dinge schönzureden, dann kommt man aus einer kritischen Situation nicht heraus. Ein anderer Ansatz ist, das Richtige zu tun, statt Dinge zu tun, um beschäftigt zu sein. Ein weiterer Aspekt ist die «power of now» (Kraft der Gegenwart): im Moment leben, im Jetzt sein Bestes zu geben, dann kommt es auch in Zukunft gut.