20. Jubiläum: Ostschweizer Symposium in St. Gallen OTS 2021: Industrie im gesellschaftlichen Wandel

Redakteur: Matthias Böhm

Zum 20. Jubiläum und mit 200 Teilnehmern zeigte das Ostschweizer Symposium in St. Gallen, dass es wieder in Richtung Normalität am Werkplatz Schweiz geht. Thema war «Industrie im Spannungsfeld von gesellschaftlichen ökologischen Ansprüchen» und wie Unternehmen auf diese Herausforderungen antworten können.

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Das Thema «Industrie und gesellschaftlicher Wandel» wurde von unterschiedlichen Seiten thematisch ausgezeichnet abgedeckt.
Das Thema «Industrie und gesellschaftlicher Wandel» wurde von unterschiedlichen Seiten thematisch ausgezeichnet abgedeckt.
(Bild: Luca Schmid)

Innovationen seien ein elementarer Bestandteil, um den Werkplatz Schweiz zukunftsfähig zu gestalten, sagt Roland Ledergerber, Mitinitiator des Innovationspark OST, welcher am 2. Sept. 2021 gegründet wurde. Ziel des Innovationsparks ist es, Innovationsprojekte zu ini­tiieren. Innovationen seien ein wesent­licher Treiber, um den Werkplatz Schweiz zukunftsfähig zu machen, der nach wie vor unter einem hohen Kostendruck steht und auf Know-how-getriebene Produktentwicklungen angewiesen ist.

Ostschweizer Projekt: Innovationspark

Die Hochschulen der Ostschweiz sollen in den Innovationspark mit eingebunden werden, um eine Spin-off-Entwicklung zu forcieren. So solle die Grundlagenforschung in die angewandte Forschung übergehen, um erste Produktentwicklungen zu generieren, die im Idealfall schliesslich zur Marktreife geführt werden. Ab 2025 soll der Innovationspark sein volles Leistungsspektrum entfalten.

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Stetiger Wandel in Unternehmen gefordert

Damit Unternehmen innovativ bleiben und damit die Basis ihres Erfolgs garantieren, ist ein stetiger Wandel an die sich verändernden Bedingungen ein mitentscheidender Faktor. Jüngstes offensichtliches Beispiel ist der Wandel in Richtung Elektromobilität, der mittlerweile alle Automobilhersteller erfasst hat, aber auch deren Zulieferunternehmen, die auf den Wandel reagieren müssen.

Prof. Dr. Sibylle Olbert-Bock (OST – Ostschweizer Fachhochschule) ging u. a. der Frage nach, was ein solcher Wandel für die Mitarbeiter in Unternehmen bedeutet. Hier sei es entscheidend, alle Mitarbeitergenerationen an dem Wandel nicht passiv teilhaben zu lassen, sondern sie aktiv einzubinden, um den technologisch-sozial-​ökologischen Wandel zielführend mit­zugestal­ten. Das sei ein äusserst anspruchsvoller Prozess, der spezifisch für die älteren Mitarbeiter-Generationen eine besondere Herausforderung ist. Der Umgang der verschiedenen Generationen mit modernen IT-Technologien sei ein kontinuierlich herausfordernder Prozess.

Druckguss-Technologie setzt auf Wasserkraft

Wie das Spannungsfeld Industrie – Ökologie – sozialer Wandel konkret von Indus­trieunternehmen angegangen wird, zeigte u. a. Andreas Müller (CEO, DGS AG) auf. DGS ist ein weltweit agierender Druckgusshersteller mit hohem Energiebedarf in der Produktion, womit wir beim Thema sind: Um Aluminium als Rohstoff herzustellen, ist zwar ein hoher Energiebedarf nötig, auf der anderen Seite ist Aluminium sehr recycle-freundlich. Laut Aussage von A. Müller seien 75% des seit 1888 hergestellten Aluminiums noch heute im Umlauf.

Konsequenter Leichtbau-Trend

Die Trends im Automotive-Sektor gehen konsequent in Richtung Leichtbau wie auch Elektromobilität, der Druck zu CO2-neutraler Produktion wächst. Aufgrund der geringen Dichte von Aluminium bei guten Festigkeitskennwerten ist das Material ausgezeichnet für Leichtbau geeignet. Um Aluminium auf der anderen Seite im Druckgussverfahren CO2-neutral zu produzieren, hat DGS konsequent auf Energie aus Wasserkraft gesetzt, so konnte laut Aussage von A. Müller der CO2-Ausstoss in der DGS-Produktion innerhalb von vier Jahren um 93% reduziert werden.

Kunststoffindustrie mit hohem Energie­bedarf

Zweiter Erfahrungsbereich aus einem Unternehmen: Aus der Sicht des kunststoffverarbeitenden Unternehmens Corvaglia Mould wurde aufgezeigt, wie staatliche Regularien sowohl bezüglich CO2-Neutralität als auch Reduktion von Rohstoffen strategisch realisiert werden können. Der Kunststoffhersteller Corvaglia – Spritzgussmaschinen mit hohem Energiebedarf – ist auf eine hohe Strommenge ange­wiesen, um seine Produktion aufrecht­zuerhalten. Hier besteht zum einen die Möglichkeit, die Temperaturprozesse (Aufwärmen – Abkühlen) der Kunststoffspritzformen zu optimieren, um energieeffizientere Spritzgussprozesse zu realisieren.

Zum Zweiten kann – analog zu der DGS AG – auf CO2-neutrale Stromproduktion, wie Wasserkraft, gesetzt werden. Mit einem 100-prozentigem Bezug von CO2-​neutralem Strom konnte die Produktion von Kunststoffkomponenten entsprechend klimaneutral realisiert werden.

Vorstellung neuer Entwicklungs­projekte

In drei Parallelsessions am OTS 2021 wurden Technologien und Entwicklungsprojekte diskutiert, die im Folgenden dargestellt werden.

Prof. PhD Stefan Bertsch (OST Ostschweizer Fachhochschule) zeigte auf, welchen Anteil industrielle Prozesswärme am gesamten Energievolumen der Schweiz hat. Industriell genutzte Prozesswärme lässt sich mittels Prozessintegration sowie des Einsatzes von industriellen Wärmepumpen in der Art generieren, dass weniger CO2 produziert wird. Wärmepumpentechnologie kann somit eine sinnvolle technologische Lösung sein zur Verringerung von CO2-Emissionen in der Industrie.

Personal Regionen-spezifisch akquirie­ren

Simone Strauf (Internat. Bodensee-Hochschule IBH) ging auf den Fachkräftemangel in der Bodenseeregion ein. Die Region verfüge zwar über eine gute Hochschuldichte, doch viele Absolventen verlassen nach dem Studium die Region. Hier zeigt sich, dass karriereorientierte Studierende tendenziell in urbane Zentren abwandern. Die Bodenseeregion kann dagegen Persönlichkeiten anziehen, die eine Symbiose von hohem Freizeitwert und anspruchsvollem Berufsprofil bevorzugen. Potentielle Arbeitnehmer, die über ein solches Ideal verfügen, sollten verstärkt von den Unternehmen konkret angesprochen werden und würden sich als zukünftige Leistungsträger für die Bodenseeregion auszeichnen.

Agri-Photovoltaik: Solarzellen auf landwirtschaftlichen Flächen

David Ziegler (Insolight) referierte über einen potentiellen Megatrend: Agri-Photovoltaik. Hierbei handelt es sich um die Nutzung der Photovoltaik auf grossräumigen landwirtschaftlichen Flächen. Aktuell stünden die europäischen Länder noch ganz am Anfang dieses neuen Megatrends in der Photovoltaik. D. Ziegler wies in seinem Vortrag darauf hin, warum Photovoltaik-Module mit spezifisch angepasster Abschattung vorteilhaft für landwirtschaftlich genutzte Flächen sind und welche technologischen Voraussetzungen an diese Photovoltaik-Technologie gestellt werden. Klassisch hergestellte Photovoltaik-​Technologie würde sich nicht eignen, da die Abschattung zu stark sei. Die von Insolight produzierten Systeme können dage­gen genau auf die spezifischen Anforder­ungen in der Landwirtschaft hin abgestimmt werden.

Assistenzroboter in der Pflege

Ein spezifisches Thema, das das Spannungsfeld Mensch–Roboter nochmals verschärft, ist der Einsatz von Robotern in der Pflege von Menschen. Michael Früh (F&P Robotics) betonte, dass es sich bei Assistenzrobotern in der Pflege um ein sensibles Thema handle und entsprechend seriös angegangen und in die Pflegebetriebe integriert werden müsse.

Aus technologischer Sicht können moderne «Pflege-Roboter» Aufgaben übernehmen und die Mitarbeiter zum Teil erheblich entlasten. Die F&P Robotics AG entwickelt Roboter, die in diesem Spannungsfeld agieren und zum Ziel haben, das Leben von Menschen zu vereinfachen und die Selbständigkeit zu erhöhen, ohne menschliche Kontakte zu ersetzen. M. Früh zeigte auf, welche Robotertechnologien bereits im Einsatz sind und wie die Akzeptanz dieser Roboter in diesem sensiblen Anwendungsbereich gefördert werden kann.

Dank Nachhaltigkeit erfolgreicher wirtschaften

Chantale Calame (Swiss Triple Impact STI) präsentierte ein Programm, wie Unter­nehmen unterstützt werden können, Nachhaltigkeit in die Firmenphilosophie zu inte­grieren und letztlich durch spezifische Geschäftsmodelle zu entwickeln, die Nachhaltigkeitsprozesse involvieren, dabei zukunftsfähig sind bei gleichzeitig positiver Wirkung auf Gesellschaft und Umwelt. Anhand von Praxisbeispielen wurde aufgezeigt, wie Nachhaltigkeit als Treiber für Innovation und den Aufbau neuer Geschäftsfelder funktionieren kann.

Netzwerkorganisation macht Unternehmen agiler

Damit Unternehmen auf den stetigen und schneller werdenden gesellschaftlichen Wandel besser reagieren können, sind sie darauf angewiesen, als Organisation flexibler zu werden. Patrick Besserer und Christian Goritschnig (Noventa AG, Goritschnig AG) thematisierten diese Trends und welche Auswirkungen sie für Unternehmen haben. Sie gingen vor allem der Frage nach, wie ein Unternehmen von der klassischen hierarchischen – seit Jahrzehnten gelebten – Struktur sich zu einer Netzwerkstruktur wandeln kann. Ein aus­serordentlich anspruchsvoller Prozess, der die Mitarbeiter mitnehmen muss und sie verstärkt in eine eigenverantwortliche Rolle hebt, allerdings ohne dabei gänzlich auf Führungsstrukturen verzichten zu können. Eine Netzwerkstruktur bringe ein offeneres Betriebsklima, um Veränderungsprozesse zu initiieren, die notwendig sind, Unternehmen agiler und zukunftsfähiger zu machen.

Innovationen machen zukunftsfähig

In eine ähnliche Stossrichtung argumentierte Anja Förster in ihrem Vortrag. Sie zeigte auf, wie Unternehmen zukunftsfähig bleiben können. Sei dies durch eine Innovationskultur oder aber dadurch, sich stetig dem Wandel der Gesellschaft anzupassen. Wobei beides Hand in Hand gehen kann. Anhand von Beispielen wurde offensichtlich, was es heisst, Innovationen in Unternehmen zu fördern, wie die Entwicklung von Ideen kultiviert werden kann und welche Möglichkeiten bestehen, die Mitarbeiter am kontinuierlichen Wandel des Unternehmens nicht nur teilhaben zu lassen, sondern wie sie als aktive Gestalter diesen Wandel konkret vorantreiben.

Fazit

Mit der 20. Austragung hat sich das OTS zu einem der besten Treffpunkte der Schweizer Industrie entwickelt. Es wurde erstmalig in diesem Jahr von Theo Thalmann erfolgreich organisiert und von den Partnerunternehmen des Produktionstechnischen Verbandes PTV und den Hochschulen unterstützt. SMM

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