Für die MAN Energy Solutions ist die Energiewende in Richtung erneuerbare Energien ein potenzielles Geschäftsfeld, das sich hervorragend entwickeln kann. Im kommenden Herbst wird die weltgrösste Wärmepumpe in Betrieb gehen, die eine 100 000-Einwohnerstadt klimaneutral mit Wärmeenergie versorgt, «made in Switzerland». Patrik Meli (Managing Director) zeigt sich im Interview sehr optimistisch über die Zukunft des Standorts Zürich und die Herausforderungen im Rahmen der Energiewende und er spricht über die Entwicklung einer Du-Kultur im Unternehmen.
«Wir müssen aus 1 + 1 nicht 2, sondern 3 machen.» Patrik Meli, Managing Director von MAN Energy Solutions AG Schweiz AG
(Bild: Matthias Böhm)
SMM: MAN Energy Solutions gehört zum VW-Konzern. Wo positioniert sich MAN ES innerhalb dieser Konzernstruktur.
Patrik Meli: Wir haben zwar noch das «MAN» in unserem Firmennamen, aber sind nicht mehr an die MAN-Nutzfahrzeugsparte angegliedert. Wir rapportieren direkt an die VW-Konzernzentrale. Mit Automotive haben wir direkt keine Synergien, indirekt insofern, dass wir Technologielösungen entwickeln, um die Energiewende zu ermöglichen. VW bietet Lösungen für die Mobilität und wir im Bereich der grossen industriellen Anwendungen. Die MAN-Standorte, wo Turbosysteme hergestellt werden, liegen neben Zürich in Bangalore, Berlin, Changzhou und Oberhausen.
Apropos Technologien, Sie entwickeln Radialkompressoren. Können Sie uns eine Grössenordnung angeben?
P. Meli: Es sind Industrieanwendungen in der Megawatt-Klasse. Die Drücke bewegen sich von wenigen bis zu 700 bar, je nachdem, wie die Anforderungen sind. Ein Kompressor-System kann bis zu 150 Tonnen auf die Waage bringen.
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Bei 150 Tonnen wird die Logistik relativ anspruchsvoll sein?
P. Meli: Die Logistik ist definitiv eine enorme Herausforderung. Als Corine Mauch (Stadtpräsidentin in Zürich, Anm. d. Red.) uns erstmalig besuchte, fragte sie, wie die Stadt Zürich uns unterstützen könne. Wir haben tatsächlich als ersten Punkt die Logistik erwähnt, da wir mit diesen grossen Maschinen auf die Strasse müssen.
In welche Märkte gehen Ihre Anlagen?
P. Meli: Aktuell finden unsere Hochleistungskompressoren Anwendung in der Förderung, dem Transport und der Speicherung von Gas sowie in der Chemieindustrie und Papierherstellung. Um Gas zu fördern, gibt es unterschiedliche Technologien. Unsere jüngste Entwicklung, weltweit einzigartig, ist eine Subsea-Kompressor-Anlage, die auf dem Meeresgrund das Gas aus der Kaverne saugt und es nachfolgend mittels Druck durch die Pipeline befördert. Mit dieser Technologielösung kann unser Kunde Gasrückgewinnungsraten und Effizienz steigern, während gleichzeitig der CO2-Fussabdruck reduziert wird. Die Installation des Systems in der Nähe des Gasreservoirs am Meeresgrund reduziert den jährlichen Energieverbrauch um etwa 40 bis 60 Prozent, da der Druckabfall in den Rohrleitungen geringer ist. Diese Kompressor-Systeme sind hermetisch gekapselt und daher komplett leckagefrei und arbeiten autonom. Hier sind wir mit unseren hochdigitalisierten HOFIM-Unterwasser-Kompressoren in einer technologischen Poleposition.
Welche Rolle spielt Gas, um den Energiewandel zu fördern?
P. Meli: Wir sehen Gas als eine Brücken-Technologie, die einen wichtigen Beitrag leistet auf dem Weg hin zu einer klimaneutralen Energiezukunft. Wenn der Energiebedarf vermehrt aus Sonne und Wind gedeckt wird, benötigt man für eine Übergangszeit Energiespeicher-Lösungen, die eventuelle Schwankungen im Stromversorgungssystem prozesssicher ausgleichen können.
Apropos erneuerbare Energien, welche Chancen ergeben sich hier?
P. Meli: Grundsätzlich können wir den Energiebedarf mit den «Erneuerbaren Energien» decken. Das ist letztlich eine technologische Herausforderung. Stichwort Speichersysteme: Wir können einen Teil der Lösung bieten. Von der Energiemenge her ist die Energieversorgung über erneuerbare Energien völlig unkritisch. Kritisch dagegen sind die Schwankungen, die sich durch sich verändernde Wetterbedingungen (Solar/Wind) ergeben. Um diese Stromschwankungen auszugleichen, müssen vermehrt Energiespeicher-Technologien zum Einsatz kommen, welche CO2-neutral funktionieren.
An welche Speichertechnologien denken Sie?
P. Meli: Es müssen unterschiedlichste Lösungen entwickelt werden. Ausbau Pumpspeicherkraftwerke, Speicherbatterien, E-fuels, Wasserstoff, bis hin zu thermischen Wärme-Kältespeichern. Bei Letzterem arbeiten wir derzeit an einer Inbetriebnahme, unser erstes ETES-Heat-Pump-System (Electro-Thermal Energy Storage) wird demnächst in Esbjerg (Dänemark) in Betrieb gehen.
Können Sie Ihr erstes Wärmepumpe-Projekt in Esbjerg kurz umreissen?
P. Meli: Das System verfügt über eine Gesamtwärmeleistung von 50 MW. Es handelt sich um ein Wärmepumpen-Fernwärmekraftwerk, das jährlich rund 100 000 Einwohner mit etwa 235 000 MWh Wärme versorgt. Die hafennahe Lage in Esbjerg ermöglicht den Einsatz von erneuerbarem Strom aus nahe gelegenen Windparks sowie die Verwendung von Meerwasser als Wärmequelle, die von der Wärmepumpe genutzt wird. Die neue Anlage wird ein Kohlekraftwerk ersetzen, das bislang etwa die Hälfte des Fernwärmebedarfs in Esbjerg deckt und im Rahmen der Inbetriebnahmen des ETES-Heat-Pump-Systems stillgelegt wird.
Mit dem System in Esbjerg können Sie aber keinen Strom erzeugen?
P. Meli: Richtig, aber in seiner vollständigen Technologieausstattung bietet die ETES-Technologie neben der Wärmeerzeugung und -speicherung auch die Möglichkeit zur Rückumwandlung in Elektrizität. Das ist der Grund, warum unser System als Tri-Generation-Energiemanagement-Lösung nutzbar ist. Generell ist es so, dass aus überschüssigem Strom dank unserer Wärme/Kälte-Speichersystemen ein 50%-Wirkungsgrad erzielt wird, um aus der gespeicherten Wärme/Kälte-Energie wieder Strom zu produzieren.
Nochmals zur Verdeutlichung, warum ist das System klimaneutral?
P. Meli: Weil wir dabei den Strom aus Windenergie nutzen und über die 50-MW-Wärmepumpe im industriellen Massstab Wärme produzieren. Dank des Wärmepumpenkonzepts können wir um den Faktor 3 mehr Wärme produzieren, als elektrische Energie dem System zugeführt wird. Diese zusätzliche Energie wird dem Meerwasser entzogen, das wir thermisch in höhere Temperaturbereiche «pumpen».
Stand vom 30.10.2020
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Nehmen wir an, es gibt einen Stromüberschuss im Netz.
P. Meli: Wenn viel Wind vorhanden sein sollte, aber kein Strombedarf gegeben ist, können wir die überschüssige Energie – im Rahmen der Leistung der Anlage – nutzen und sie in Wärme- und Kälteenergie wandeln, die in den Wärme-Kälte-Speichern gespeichert wird. Das heisst, wir können mit unseren Systemen eine Glättungsfunktion im Stromnetz übernehmen und damit das Stromnetz stabilisieren. Unsere Wärmepumpe kann enorm schnell, innerhalb von Sekunden, reagieren, insofern ist das eine sehr interessante Lösung im Zusammenhang mit der Umstellung auf erneuerbare Energien. Wie gesagt, wir reden hier über Megawatt-Anlagen.
Wie geht es weiter in Esbjerg?
P. Meli: Letzten Sommer wurden die Maschinen hier in Zürich erfolgreich einem Testlauf unterzogen. Im Mai wird die Anlage in Esbjerg installiert sein, im Sommer wird sie eingefahren und in der nächsten Heizperiode ab September/Oktober muss sie starten.
Wie sieht das mit der Wirtschaftlichkeit aus?
P. Meli: Generell ist im Norden der Windenergie-Anteil sehr hoch. Das heisst, dass es sich hier lohnt, insbesondere überschüssige Windenergie, die vom Netz nicht benötigt wird, zu nutzen, um die Wärme/Kälte-Speicher zu füllen. Je nach Höhe des Gaspreises, womit die Wärme typischerweise produziert wird, sind unsere Anlagen überwiegend wirtschaftlich zu betreiben, aber vor allem sind unsere Anlagen dank der Windenergie klimaneutral.
Aus Strom Wärme/Kälte zu produzieren, ist dann tatsächlich wirtschaftlicher, als Wärme mit Gas zu produzieren?
P. Meli: Die grosse Herausforderung bei erneuerbaren Energien ist, dass wir funktionierende, CO2- und kostenneutrale Speichersysteme brauchen. Wir bieten hierfür eine intelligente Lösung. Das ist das spannende unserer Speichertechnologie, wir agieren mit völlig unkritischen Medien: Wasser und im geschlossenen Kreislauf toxikologisch unbedenkliches CO2 als Kältemittel. Noch dazu betreiben wir unsere Anlagen in einem relativ unkritischen Temperaturniveau, 80–150 °C und wenige Grad unterhalb des Gefrierpunktes von Wasser. Es ist ein Riesenvorteil, dass sämtliche Arbeitsmedien und Komponenten des Systems einfach zu handhaben und absolut unkritisch sind.
Welches Potenzial sehen Sie in solchen Projekten?
P. Meli: Das Potenzial ist enorm – für Anbieter von grossindustriellen Wärmepumpen inkl. District Heating kann es ein sehr grosses Geschäft werden. Wir haben bereits mehrere Anfragen für unsere Heat-Pump-Systeme, u. a. aus Estland, Dänemark, Deutschland, Schweden, Finnland. Wenn das Esbjerg-Projekt im Herbst zum Laufen kommt, wird das Interesse stark zunehmen.
Das hört sich nach Wachstum an. Welche Herausforderungen ergeben sich für Sie in diesem Zusammenhang, um qualifiziertes Personal zu bekommen?
P. Meli: Qualifiziertes Personal ist der Schlüssel für unseren Erfolg. Wir bekommen sehr gute Mitarbeitende, und da hilft definitiv der Standort Zürich. Ich denke, wir haben ein Alleinstellungsmerkmal; wir entwickeln und produzieren Hightech mitten in der pulsierenden Stadt Zürich.
Bei derart komplexen Maschinen, wie Sie sie herstellen, ist der Austausch zwischen Produktion, Montage sowie Konstruktion/Entwicklung sicher enorm wichtig, wie stellen sie diesen Austausch sicher?
P. Meli: Richtig, wir haben «Künstler» in allen Bereichen. Im CAD können Sie 5-Tonnenbauteile mit der Maus um 360 Grad drehen, am Bildschirm hat das kein Gewicht. In der Produktion/Montage kommt die Masse aber voll zum Tragen, dann müssen die MitarbeiterInnen Komponenten mit IT6-Toleranzen produzieren respektive zusammenfügen. Und da spielen dann viele Faktoren eine Rolle, ob das überhaupt machbar ist. Die Nähe zwischen Produktion und Konstruktion hilft da enorm. Wir haben Plattformen und einfache Prozesse geschaffen, um diese Zusammenarbeit zu erleichtern. Dabei ist mir immer wichtig, dass die Mitarbeitenden mehr Verständnis füreinander haben und sich in die jeweiligen Bereiche reindenken können.
Günstig ist der Standort sicher nicht, im Umkehrschluss heisst das, sie müssen Produkte mit hoher Wertschöpfung produzieren.
P. Meli: Absolut, dessen muss man sich bewusst sein, wenn man hier in Zürich mit diesem Spitzenpersonal produziert, müssen wir uns im Hightech-Sektor bewegen, der eine hohe Wertschöpfung generiert. Wir müssen aus 1 + 1 nicht 2, sondern 3 machen.
Sie haben in Ihrem Unternehmen eine Du-Kultur eingeführt. Was waren die Beweggründe?
P. Meli: Ich baue auf Vertrauen und ich denke, eine Du-Kultur passt in einem Unternehmen, das auf starke Werte wie Vertrauen und gegenseitigen Respekt setzt. Wichtig ist; ich habe die Du-Kultur nicht eingeführt, sondern ohne jeglichen Zwang angeboten. Ich biete das Du an, unsere Mitarbeitenden können es annehmen, sie müssen aber nicht.
Welche Vorteile sehen Sie?
P. Meli: Ich verspüre einen offeneren Zugang. Die Hürden, mit den Vorgesetzten offen zu sprechen, sind tatsächlich geringer geworden, auch mir gegenüber. Ich bin auch mit den Lernenden per Du. Alte Hierarchien werden so abgebaut, das hat einige Vorteile in lernenden Organisationen, die in Zukunft anpassungsfähiger und agiler sein wollen. Das «Du» löst nicht alle Probleme, aber es ist ein kleines Puzzleteil in dieser Transformation.
Die Industrie versucht, Frauen als Arbeitskräfte für die Industrie zu gewinnen, was machen Sie bei MAN Energy Solutions, um Mitarbeiterinnen für die technischen Berufe zu begeistern?
P. Meli: Im Idealfall müssen wir in den Schulen vor der eigentlichen Berufswahl den jungen Frauen vermitteln, dass sie einen spannenden Beruf bei uns erlernen können, auch in der Produktion und Montage. Aus diesem Grund unterstützen wir Initiativen wie die Meitli-Technik-Tage von IngCH und ermöglichen bei uns regelmässig Schnuppertage für Schülerinnen der Sekundarstufe. Sehen wir es positiv: Wir haben hier ein enormes Potenzial, das wir bisher nicht ausgeschöpft haben.
Für ein in der Schweiz produzierendes Unternehmen ist es immer eine Frage, wie hoch die Fertigungstiefe sein kann. Wie bedeutend ist für Sie die Produktion hier am Standort Zürich und für wie zukunftsfähig halten Sie sie?
P. Meli: Ohne unsere Produktion vor Ort wären wir nicht da, wo wir heute stehen, davon bin ich fest überzeugt. Wir haben unter anderem einen schnelllaufenden Hochleistungselektromotor entwickelt, an dem namhafte Unternehmen gescheitert sind. Wir haben ihn hier in Zürich entwickelt und produziert. Ich bin überzeugt: Ohne Produktion vor Ort wäre das nicht möglich gewesen. -böh- SMM