Interview: Rolf Muster, CEO Schaublin Machines SA

Rolf Muster spricht Klartext

| Redakteur: Böhm

Douglas Spieser, Verkaufsleiter Schaublin Machines SA: «Flexible Fertigung, 24 Stunden, sieben Tage die Woche bei mannarmer Bedienung ist das Ziel. »
Douglas Spieser, Verkaufsleiter Schaublin Machines SA: «Flexible Fertigung, 24 Stunden, sieben Tage die Woche bei mannarmer Bedienung ist das Ziel. » (Bild: Thomas Entzeroth)

Schaublin Machines steht stellvertretend für Schweizer Qualität und Präzisions-Werkzeugmaschinenbau. Im Rahmen der neuen Währungssituation sagt Schaublin-CEO und Mitinhaber Rolf Muster und Douglas Spieser (Verkaufsleiter) im SMM-Exklusivinterview, wohin die Reise geht. Nach R. Muster verhält sich der Bundesrat viel zu passiv und realisiert nicht, was derzeit auf dem Spiel steht: ein Ausverkauf des Werkplatzes Schweiz.

SMM: Herr Muster, zuerst Gratulation zum 100. Aber Sie hatten sich sicher ein anderes Geburtstagsgeschenk gewünscht als das vom 15. Januar.

Rolf Muster: Die Wechselkursfreigabe des Schweizer Frankens ist kein Geschenk, es ist eine Katastrophe. Ich arbeite seit 35 Jahren in der WZM-Industrie. Ich sehe zum ersten Mal schwarz für die Zukunft. Und ich habe schon einige Krisen miterlebt. Aber die Kumulierung der Ereignisse ist unser Problem. Das fing mit der Krise in 2009/2010 an. Dann gab es für die Schweiz den zweiten Einschnitt in 2011, als der Euro von 1.60 auf 1.20 fiel.

Die 2009er- und 11er-Einschnitte hat der Werkplatz aber verkraftet.

R. Muster: Das sieht so aus. Aber wenn Sie die Schweizer MEM-Industrie mit der deutschen Industrie vergleichen, erkennen Sie, dass die deutsche Industrie massiv zugelegt hat. Die Schweizer Industrie hat sich zwar erholt, aber in 2014 hat sie gerade einmal das Umsatzvolumen von 2002 erreicht. Das ist kein Wachstum, das ist Stillstand. Gleichwohl die beiden Einschnitte in 2009 und 2011 haben wir dank Umstrukturierungen, Prozessoptimierungen und Bearbeitung neuer Märkte verkraftet, aber wir hätten uns mit einem anderen Wechselkurs massiv besser entwickelt. Jetzt kommt mit der Aufhebung des Euro-Franken-Wechselkurses ein weiterer Einschnitt hinzu. Uns allen steht das Wasser bis zum Hals, und das ist noch positiv formuliert.

Wie hat die neue Währungs-Situation die MEM-Industrie getroffen?

R. Muster: Aus der Sicht unseres Unternehmens Schaublin Machines SA und aus der Sicht vieler mir bekannter Unternehmer hat die Wechselkursfreigabe ein Erdbeben für die MEM-Industrie verursacht. Bei den einen ist die Stärke des Bebens vielleicht bei 2, bei anderen bei 8. Bei uns ist es im oberen Bereich. Die WZM-Industrie ist besonders stark betroffen. Wir haben seit dem 15. Januar zwei Drittel an Auftragseingang verloren gegenüber der Vorjahresperiode. Ursache: die Wechselkurs-Freigabe des Schweizer Frankens. Im Juni/Juli war es zum Glück wieder etwas besser. Hier liegt der Grund in der besseren Währungssituation der Länder China, USA und Russland

Warum ist es aktuell so schwierig?

R. Muster: Wir müssen eine Stärkung des Frankens von 1.60 auf 1.05 zum Euro in 4 Jahren verkraften. Das ist ein zu kurzer Zeitraum, um sich als exportorientiertes Unternehmen darauf einzustellen. Was mich in diesem Zusammenhang besonders ärgert, der Bund und die Kantone kümmern sich überhaupt nicht um unsere Industrie. Wir sprechen von über 500 000 Beschäftigten, die in der Industrie tätig sind. Allein bei den Swissmem-Mitgliedfirmen sind es 330 000 Mitarbeiter. Die Industrie ist der grösste Arbeitgeber der Schweiz. Aber wenn es so weitergeht, werden wir tausende Stellen streichen können.

Wird aufgrund des Euro-Franken-Kurses auch Ihre Einkaufspolitik in Zukunft anders werden?

R. Muster: Ich habe keine andere Wahl. Aufgrund des starken Frankens – und ich gehe davon aus, dass er noch stärker wird – muss ich meine Einkaufspolitik überdenken. Ich muss günstiger produzieren. Das ist eine Katastrophe für den Werkplatz Schweiz. Die KMU sind wichtig für die Schweizer Wirtschaft. Unsere Regierung wird das aber erst merken, wenn die MEM-Industrie viele Stellen weniger hat. Das Schlimme ist, unser Know-how geht verloren. Es wird ein technologisches Wissensdefizit geben. Die KMU, die verschwinden werden, werden auch keine Lehrlinge mehr ausbilden. Man macht den Industrieplatz Schweiz komplett kaputt, wie in Frankreich. Unsere Regierung und die Kantone sehen aktuell keinen Handlungsbedarf. Einige Nationalräte sind sich dessen bewusst, aber unser Bundesrat ist viel zu weit weg von der Industrie mit Ausnahme von Herrn Bundesrat Burkhalter, der einen super Job für unsere Industrie gemacht hat.

Aber der Schweizer Regierung wird im Allgemeinen Wirtschaftsnähe nachgesagt.

R. Muster: Dann muss sie es aber professionell machen. Schauen Sie sich die Entscheidung zum Gripen an. Zum ersten Mal hat das Schweizer Volk gegen eine solche Entscheidung gestimmt. Aber sie haben nicht gegen den Gripen gestimmt. Sie haben gegen eine sehr «schlechte Kommunikation» gestimmt. Ich verstehe das Schweizer Volk, dass es nein gestimmt hat. Man muss Mehrheiten gewinnen. Das geht aber nur über verbindliche Persönlichkeiten im Bundesrat, die die Mehrheit in der Bevölkerung vertreten. Wir haben im Bundesrat Vertreter, die zu stark polarisieren. Aber es ist so, wie es ist: Wir müssen mit unserer Regierung und den Kantonen leben.

Sehen Sie für die Zukunft der Schweizer MEM-Industrie Parallelen zu England und Frankreich, die einmal eine sehr starke Industrie hatten?

R. Muster: England und Frankreich verfügten über einen hervorragenden WZM-Bau. Heute existiert dieser Sektor in England und Frankreich praktisch nicht mehr. Deren Regierung und die Gewerkschaften haben die Industrie kaputtgemacht. Die waren ausgezeichnet aufgestellt. Aber mit einer 35-Stunden-Woche ist man international nicht konkurrenzfähig als Unternehmen. Peugeot lässt seine Fahrzeuge in Rumänien und Tschechien fertigen.

Und wie sieht es mit der französischen Zulieferindustrie aus?

R. Muster: Ich habe vor kurzem eine Anfrage für bestimmte Zuliefer-Komponenten in Frankreich gestellt. Die waren teurer als meine Schweizer Zulieferanten. Da kann doch etwas nicht stimmen am System. Französische Unternehmen werden massiv besteuert. Das ist schade für den Standort Frankreich. Deshalb wünsche ich mir, dass die Schweizer Regierung und Kantone nicht in die gleiche Richtung gehen wie die französische Regierung. Aber mit dem starken Schweizer Franken geht es genau in diese Richtung.

Was könnte denn die Regierung aus Ihrer Sicht machen?

R. Muster: Ich erwarte keine Subventionen, aber Begleitmassnahmen. Erstens: Technische Berufsschulen kaufen günstige Maschinen aus dem asiatischen Raum. Die Schulen sollten Mittel erhalten, dass sie in hochwertige Schweizer Werkzeugmaschinen investieren. Zweitens: Der Staat sollte Unternehmen unterstützen, die klar in die Ausbildung investieren. Drittens: Wenn wir Kurzarbeit machen müssen, dann sollten Bereiche wie Konstruktion und Entwicklung voll durcharbeiten können bei entsprechender Auszahlung aus der Arbeitslosenkasse. Viertens: Schweizer Unternehmen sollten bei ausländischen Messen unterstützt werden, ähnlich wie unsere europäischen Nachbarn. Fünftens: In den 70er Jahren hat unsere Regierung Entwicklungsländer Investitionsgüter für deren Bildungszentren zur Verfügung gestellt, wie WZM von Tornos, Mikron, Agathon usw. Heute werden Blankochecks ausgestellt, mit denen in Investitionsgüter anderer Staaten investiert wird.

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