Werkplatz Schweiz: Quo vadis? SMM-Exklusivinterview mit Tanja Vainio (CEO, Schneider Electric Schweiz) «Swiss made ist und bleibt ein erstklassiges Gütesiegel»

Von Matthias Böhm 6 min Lesedauer

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Mit 650 Mitarbeitenden – Feller verfügt über 420 Mitarbeitende – bildet Schneider Electric Schweiz ein klassisches KMU, das Teil eines weltweit agierenden Konzerns ist. Tanja Vainio (CEO, Schneider Electric Schweiz) zeigt auf, welche Bedeutung Smart Grids in der zukünftigen Energieversorgung haben und warum sich Schneider Electric als explizit multilokal aufgestelltes Unternehmen definiert.

Tanja Vainio, CEO, Schneider Electric Schweiz AG: «Die Schweiz ist ein hervorragender Wirtschaftsstandort, der sich mit einem guten Ruf, hohem Bildungsniveau und einer starken Innovationskraft im internationalen Wettbewerb behauptet.»(Bild:  Schneider Electric)
Tanja Vainio, CEO, Schneider Electric Schweiz AG: «Die Schweiz ist ein hervorragender Wirtschaftsstandort, der sich mit einem guten Ruf, hohem Bildungsniveau und einer starken Innovationskraft im internationalen Wettbewerb behauptet.»
(Bild: Schneider Electric)

SMM: Frau Vainio, seit rund zwei Jahren leiten Sie als Country President Schneider Electric Schweiz. Wie bei allen grossen Konzernen ist es auch bei Schneider Electric für Aussenstehende nicht ganz einfach, sich auf den ersten Blick ein Gesamtbild zu machen. In welchen wichtigen Sektoren positioniert sich Schneider Electric Schweiz?

Tanja Vainio: Es mag etwas komplex wirken, aber wir sind auch ein grosser Konzern. Grundsätzlich lässt sich unser Portfolio an Hardware, Software und Services nach den Zielmärkten clustern, in denen wir aktiv sind. Das sind Gebäude, Industrie, Infrastruktur bzw. Energieinfrastruktur und Rechenzentren. Für all die unterschiedlichen Kunden in diesen Bereichen haben wir jeweils eigene Technologie-Sortimente und Serviceleistungen entwickelt. Und die sind natürlich auch für Schweizer Unternehmen verfügbar. Wir verstehen uns dabei übrigens nicht als globales, sondern als explizit multilokal aufgestelltes Unternehmen. Das heisst, wir betreiben in allen Teilen der Welt eigene Produktions- und Verwaltungsstandorte und sind immer sehr eng mit den lokalen Märkten verwoben. Auch hier in der Schweiz pflegen wir ein dichtes Netz an Partnerunternehmen, die auf unsere Technologien geschult sind. Mit Feller haben wir zudem schon vor vielen Jahren ein echtes Schweizer Traditionsunternehmen aus dem Bereich der Elektroinstallation in den Konzern integriert. Auch das hat unsere Unternehmenskultur hier vor Ort massgeblich geprägt.

Über wie viele Mitarbeitende und Standorte verfügt Schneider Electric Schweiz und wie viele sind davon im Bereich der Industrieautomation aktiv?

T. Vainio: Schweizweit betreiben wir fünf Standorte, auf die sich unsere insgesamt rund 650 Mitarbeitenden verteilen. 420 davon entfallen auf die Feller AG. Für die Industrieautomation selbst haben wir keinen bestimmten Standort in der Schweiz. Als Teil der DACH-Organisation arbeiten wir in diesem Bereich aber natürlich eng mit unseren Kolleginnen und Kollegen in Deutschland und Österreich zusammen. Abgesehen vom Feller-Sortiment für den Wohnbau sind nahezu sämtliche unserer Lösungen immer auch DACH-weit verfügbar.

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Wo liegen die grössten Kompetenzfelder im Bereich der Industrieautomation bei Schneider Electric?

T. Vainio: Eine unserer ganz grossen Stärken ist, dass wir nicht nur einzelne Technologien, sondern wirklich ganzheitliche Portfolios für Prozess- und Fertigungsindustrie sowie den Maschinenbau anbieten können. Das umfasst die klassische Mess- und Regelungstechnik, SPS-Steuerungen und Controller sowie auch die komplette Bandbreite an intelligenten Softwarelösungen. Insbesondere auch mit unseren Marken «Aveva» und «ProLeiT». In Kombination mit unseren Service- und Consultingangeboten sind wir dann in der Lage, jeweils sehr individuelle Lösungen selbst für ganz spezifische Anforderungen zu finden. Wir agieren somit wirklich als enger Partner unserer Kunden und stellen so die Umsetzung eines Projekts in-time und in-budget sicher. Ausserdem schreiben wir in all unsere Technologien Eigenschaften wie Offenheit und herstellerunabhängige Skalierbarkeit ein. Damit wenden wir uns zwar mittelfristig vom branchenüblichen, proprietären Systemdenken ab, machen den Einsatz digitaler Technologien aber natürlich deutlich attraktiver für unsere Kunden. Und für die Umsetzung einer nachhaltigen und klimafreundlichen Industrie ist das eine entscheidende Voraussetzung.

Sie haben kürzlich eine Partnerschaft mit Birr Machines AG geschlossen. Welchen Nutzen hat die Partnerschaft für Schneider Electric?

T. Vainio: Solche Partnerschaften haben wirklich höchsten Stellenwert für uns und unser Selbstverständnis. In fast allen Segmenten und Regionen arbeiten wir eng mit lokalen Partnern wie Systemintegratoren oder Serviceprovidern zusammen, die uns am Markt unterstützen und unsere Lösungen zu den Endkunden bringen. Unsere Partner werden speziell von uns geschult und wissen damit bestens Bescheid, welchen Mehrwert unsere Lösungen für die Endkunden bringen. Dabei kann es um detaillierte technische Fragen gehen oder um den langfristigen Return on Investment. Die Birr Machines AG wurde vor Kurzem «EcoXpert»-Servicepartner für unsere «Altivar»-Produktlinie. Das heisst, sie unterstützen uns mit Vor-Ort-Services, wie Inbetriebnahme, Beratungen oder Dimensionierungen. Aber auch beim Ersatzteil-Management. Die Anwender unserer Frequenzumrichter und Softstarter erhalten so eine hervorragende Betreuung und es ist sichergestellt, dass ihre Projekte in-time und in-budget umgesetzt werden können.

Stichwort Energietechnik. Welche Wachstumschancen sehen Sie in diesem Bereich und welche Felder kann konkret Schneider Electric hier besetzen?

T. Vainio: Energietechnik ist bereits seit mehr als 20 Jahren ein Kernelement unserer gesamten Unternehmensentwicklung. Heute decken wir technologisch praktisch alles ab, was die Demand-Seite betrifft. Also alles ausser der Energieerzeugung. Von der Hoch- bis zur Niederspannung haben wir für die digitalisierte Energieverteilung ein umfassendes Portfolio und eine enorme Expertise aufgebaut, sei es für Steckdosen, Schaltanlagen oder Energie- und Lastmanagement im Prosumer-Haushalt. Neben Themen wie Netzqualität, Verfügbarkeit oder Sektorenkopplung geht es dabei immer auch um Energieeffizienz. Es geht also um die Frage, wie ich das Beste aus den mir zur Verfügung stehenden Ressourcen mache. Die europaweite Energiekrise hat etwas Bewegung in das Thema gebracht, aber grundsätzlich sehen wir hier noch unglaublich viel ungenutztes Potenzial. Bei unseren Kunden, aber auch in unseren eigenen Werken haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich oft schon mit relativ niedrigschwelligen Lösungen grosse Einsparungen in puncto Energie erzielen lassen. Meist reicht im ersten Schritt schon die transparente Darstellung von individuellen Verbräuchen und Zusammenhängen aus. Dies macht Optimierungen möglich, die sich beim ökologischen Fussabdruck und selbstverständlich auch bei den Betriebskosten auszahlen.

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Welche Rolle werden zukünftig «Smart Grids» spielen und wo sehen Sie Schneider Electric in diesem Segment positioniert?

T. Vainio: Über alle Sektoren hinweg brauchen wir eine umfassende Elektrifizierung, um die Schweizer Klimaziele für 2050 zu erreichen. Somit ist der konsequente Ausbau erneuerbarer Energien Pflicht. Und genau hier kommt Smart Grids, also digitalisierten und flexiblen Energienetzen, eine Schlüsselrolle zu.

Nur mit ihnen lässt sich adäquat auf eine dezentrale und schwankende Netzeinspeisung reagieren und nur mit ihnen ist ein erzeugungs- und bedarfsgerechtes Lastmanagement zwischen Erzeugern, Verbrauchern und Speichermedien im Sinne der Sektorenkopplung möglich. Wenn wir also auf der einen Seite mehr Strom erneuerbar erzeugen möchten und auf der anderen Seite eine stabile, zuverlässige Energieversorgung benötigen, dann brauchen wir auch intelligente Netze. Ausserdem hilft uns die Datentransparenz, die Smart Grids bieten, bei Planung und Ausbau weiterer Netze, was Investitionssicherheit schafft. Und zu guter Letzt haben digitalisierte Netze auch einen indirekt positiven Effekt auf unserem Weg zum Klimaschutz. Denn sie schaffen starke Anreize für private Investitionen in die grüne Energieerzeugung. Eingebunden in ein digitalisiertes Netz kann ich meine überschüssig erzeugte Energie viel einfacher und gewinnbringender in das öffentliche Netz einspeisen und so den Return on Investment meiner PV-Anlage um ein Vielfaches steigern.

Schneider Electric Schweiz ist Teil des global aufgestellten französischen Mutterkonzerns. Welchen Impact kann der Standort Schweiz aus technologischer Sicht bieten?

T. Vainio: Als Hightech-Land in vielen kleineren Industriezweigen ist die Schweiz für uns ein wichtiger Standort, an dem wir Kenntnisse und Erfahrungen sammeln, von denen wir auch über die Schweiz hinaus profitieren. Ein gutes Beispiel ist die Wasserwirtschaft. Hier arbeiten wir in der Schweiz zum Beispiel mit dem Genfer Systemintegrator Amics zusammen und konnten erst kürzlich die digitale Vernetzung einer kompletten Abwasseraufbereitungsanlage in Yverdon gemeinsam realisieren. Von den Frequenzumrichtern über die SPS-Steuerungen bis hin zur Software ist hier wirklich die gesamte Bandbreite unseres Portfolios im Einsatz. Da wir das Projekt im Sinne unseres Kunden sehr eng begleiten, erhalten wir natürlich auch permanent Feedback in Form von Verbesserungsvorschlägen oder Bestätigung. Und das können wir dann in diesem Fall zum Beispiel nutzen, um unser Portfolio für kritische Infrastrukturen kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Sie sind zuvor bei ABB als Country Managerin in der Tschechischen Republik, der Slowakei und in Ungarn tätig gewesen. Nach fast zwei Jahren bei Schneider Electric Schweiz: Welche Stärken hat der Werkplatz Schweiz aus Ihrer Sicht und wie schätzen Sie die zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklungen für den Werkplatz Schweiz für Ihr Unternehmen?

T. Vainio: Die Schweiz ist ein hervorragender Wirtschaftsstandort, der sich mit einem guten Ruf, hohem Bildungsniveau und einer starken Innovationskraft im internationalen Wettbewerb behauptet. Swiss made ist und bleibt ein erstklassiges Gütesiegel. Sicherlich gibt es Herausforderungen wie das hohe Lohnniveau oder die demografische Entwicklung, doch mithilfe von Digitalisierung, Automatisierung und KI lässt sich hier auch künftig effektiv gegensteuern und De-Industrialisierung verhindern. Unsere Feller-Fertigung in Horgen ist hierfür übrigens ein Paradebeispiel. In den Standort wurde viel investiert und mit den digitalen Technologien von Schneider Electric eine hocheffiziente, flexible Produktion aufgebaut. Rund 60 000 individuelle Artikel können wir hier herstellen, die ohne Lagerhaltung in etwa zwei bis drei Tagen bei den Grossisten sind. Und das alles in einem denkmalgeschützten Gebäude.

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