Im Rahmen eines Besuchs beim Automations- und Toolingsystem 3R in Schweden gab Thomas Wengi (Managing Director, GF Machining Solutions Sales Switzerland SA) dem SMM ein Interview. Er sprach über die aktuelle wirtschaftliche Lage von GF Machining Solutions und erläuterte unter anderem, welche Rolle die Automation (System 3R) in Zukunft spielen wird. Wie sich zeigt, spielen technologische Weiterentwicklungen eine wesentliche Rolle dabei, Unternehmen resilienter zu positionieren.
Thomas Wengi, Managing Director, GF Machining Solutions Sales Switzerland SA: «Konkurrenz, ob intern oder extern, soll anregend wirken und die Innovationen fördern. Innovationen sind die Basis unseres langfristigen Erfolgs.»
(Bild: Matthias Böhm)
SMM: Sie haben erwähnt, dass sich die wirtschaftliche Situation für GF Machining Solutions derzeit sehr diversifiziert darstellt. Was heisst das konkret?
Thomas Wengi: Das heisst, dass je nach dem Tätigkeitsfeld bestimmte Bereiche hervorragend laufen, während andere Marktsegmente einen Nachfrageeinbruch erleben. Die Herausforderung besteht darin, sich entsprechend neu zu orientieren und in den Segmenten zu agieren, wo das Geschäft floriert. Das heisst, es gibt zwar Arbeit, die sich aber verlagert und damit eine Herausforderung darstellt. Für uns bedeutet das, dass wir nicht nur agil, sondern auch enorm flexibel auf die neue Situation reagieren müssen. Das betrifft letztlich alle unsere Unternehmensbereiche.
Welche Einschätzungen haben Sie bezüglich der aktuellen Lage in Bezug auf Branchen und Länder?
T. Wengi: Ich denke, es ist offensichtlich, dass Deutschland derzeit massive Probleme hat. Das hat Auswirkungen nicht nur auf uns als Exportland direkt, sondern auch auf weitere Länder, die enge Beziehungen zu Deutschland unterhalten. Andererseits zeigen sich die High-End-Märkte (typischerweise durch die Nordic-Länder, Niederlande und Schweiz repräsentiert) äusserst robust. Bereiche wie die Luft- und Raumfahrt, die Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) sowie die Medizin- und Luxusbranche (Uhren, Schmuck) verzeichnen vielversprechende Entwicklungen. In der Automobilindustrie stehen uns jedoch einige Herausforderungen bevor.
Des Weiteren spielt die Technologienachfrage eine besondere Rolle. GF Machining Solutions hat sich in den letzten Jahren enorm diversifiziert und technologisch konsequent weiterentwickelt. Welche Technologien Ihres Portfolios werden derzeit besonders stark nachgefragt und wo sehen Sie eine eher verhaltene Nachfrage?
T. Wengi: Wir verzeichnen nach wie vor einen starken Trend hin zur Automatisierung und Digitalisierung. Dieser Trend wird sich sicher zukünftig verstärkt fortsetzen, weil auch der Aspekt des Fachkräftemangels allgegenwärtig ist und eng mit der Automatisierung verknüpft ist. Unsere Herausforderung besteht darin, mit automatisierten Fertigungslösungen diesem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, indem die Anlagen weniger bedienerintensiv betrieben werden können. Unsere Lösungen von System 3R decken die gesamte Automationsbreite im Bereich der Fertigung ab.
Apropos System 3R: Unser Interview führen wir in Schweden bei System 3R, am Produktions- und Entwicklungsstandort. Welche Rolle – gegebenenfalls prozentual – spielt der Aspekt der Automation bei heutigen Neuinvestitionen im Bereich Fräsen und Erodieren?
T. Wengi: Die Rolle der Automation bei Neuinvestitionen im Bereich Fräsen und Erodieren ist stark abhängig vom jeweiligen Land. In den nordischen Ländern sowie Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden liegt der Automatisierungsgrad bei etwa 80 Prozent. Dies reicht von Nullpunktspannsystemen bis hin zu vollautomatisierten und verketteten Multitechnologieanlagen (Fräsen, Erodieren, Entgraten, Reinigen, Vermessen …), die über eine zentrale Steuerung und Software verfügen. Die Möglichkeiten sind hierbei nahezu unbegrenzt.
Können Sie einen kurzen Überblick darüber geben, in welchen Segmenten heute Lasertechnologie eingesetzt wird, wo vielen noch gar nicht bewusst ist?
T. Wengi: Zum Thema Technologieentwicklung spielen Lasertechnologien eine zunehmend wichtige Rolle in unserem Portfolio. Es gibt vielversprechende Laser-Entwicklungen, die spezifische Verfahren substituieren. Zum Beispiel kann der Laser das Ätzen und Erodieren von Oberflächen ersetzen. Dadurch können Oberflächen mit hoher Genauigkeit reproduzierbar und prozesssicher erzeugt werden. Andererseits bieten sich auch Substitutionsmöglichkeiten in der Drahterosion, wo dünne Komponenten mit dem Laser bearbeitet werden können, was bisher nur mit Drahterosion möglich war. Zudem kommen bei der Lasertechnologie keine aggressiven Chemikalien zum Einsatz und macht es deshalb deutlich umweltfreundlicher. Wir können beide Verfahren anbieten und so je nach Anwendung den optimalen Kundennutzen generieren.
Generell bietet der Laser im Bereich des 3D-Drucks viele Möglichkeiten sowie beim Laserabtragen und -schneiden. Auch im Bereich der Luxusgüterindustrie eröffnen sich neue Designelemente und Themen, die so bisher nicht realisierbar waren. Und hier sind wir bei der oben gestellten Frage zum Thema Technologie-Nachfrage: Die Nachfrage nach der Lasertechnologie steigt entsprechend stark an und wir werden uns hier zukünftig weiter hervorragend positionieren.
System 3R ist in GF Machining Solutions eingebunden. Wie eng kooperiert respektive wie offen ist System 3R zu anderen Werkzeugmaschinenherstellern?
T. Wengi: Wir leben bewusst eine offene Kooperation. System 3R ist eine eigenständige Marke, die allen Marktbegleitern gegenüber offen ist und entsprechende Automationslösungen anbietet inklusive der Softwarelösung und Anbindung sowie deren entsprechenden Schnittstellen. System 3R entwickelt spezifische Lösungen gemeinsam mit Werkzeugmaschinenherstellern und deren Kunden, die individuell auf die Bedürfnisse der Anwender zugeschnitten sind. Unser Ziel – und hiermit meine ich auch System 3R – ist es, einen Mehrwert für unsere Kunden und Partner zu schaffen.
Ihre jüngsten Fräsmaschinenentwicklungen mit integrierter Schleiftechnologie werden bei System 3R zur Komplettbearbeitung der Komponenten der Nullpunktspannsysteme eingesetzt. Überhaupt konnte man erkennen, dass Sie das gesamte Technologieportfolio (Fräsen, Erodieren) inklusive Automation, Handling aus einer Hand anbieten. Was bedeutet das konkret für den Anwender?
T. Wengi: Wir haben bewusst die Schleiftechnik in unsere Fräsmaschinen integriert. Der Werkzeug- und Formenbau sowie der Bereich Tooling sind sehr dankbare Kundensegmente für diese hybride Hochpräzisionsfertigung. Fräsen und Schleifen in einer Applikation ermöglichen nicht nur technologisch eine neue Ebene; das Verfahren rechnet sich auch betriebswirtschaftlich. Dass wir hier bei System 3R in der Tooling-Produktion einen wesentlichen Teil unsere gesamte Fertigungskompetenz im Verbund aufzeigen können, zeigt letztlich unsere technologische Bandbreite und Kompetenz. Im Ergebnis spannen die System-3R-Nullpunktspannsysteme unterhalb der µ-Toleranz. System 3R ist sozusagen ein Produzent der mit Fertigungslösungen von GF Machining Solutions seine Wettbewerbsfähigkeit beweisen muss, was uns den «proof of concept» ermöglicht. Dementsprechend ist der Technologieaustausch zwischen den schwedischen und den Schweizer Spezialisten für beide Seiten bereichernd und führt zu geprüften Mehrwerten, die wir unseren Kunden bieten können.
Stand vom 30.10.2020
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System 3R: Komplettautomation für die Fertigung
Die SMM-Redaktion erhielt im März 2024 die Möglichkeit, einen Blick in Fertigungshallen von System 3R am Produktions- und Entwicklungsstandort bei Stockholm (S) zu werfen. Mit dabei waren 180 Kunden und Anwender aus Europa, die sich einen Einblick in die Kompetenzfelder von System 3R als auch GF Machining Solution verschaffen konnten. Mit über 200 Mitarbeitenden werden am Hauptsitz von System 3R Automations- und Toolingsysteme für die Fertigungsindustrie entwickelt. Das im Jahr 1967 gegründete Unternehmen setzt konsequent auf eine hohe Fertigungstiefe und nutzt dabei sowohl die eigenen Automations- und Toolingsysteme als auch die vom Mutterkonzern bereitgestellten Werkzeugmaschinen (u. a. Fräsmaschinen, Draht- und Senkerodiermaschinen, Laserzentren). Das Kompetenzgefüge des Unternehmens wie auch des Mutterkonzerns GF Machining Solutions ist im Sektor Fertigungsautomation und Palletisierung (Nullpunktspannung) auf einem exzellenten technologischen Niveau, was vor Ort unter realen Fertigungsbedingungen geprüft werden konnte. Die Toolingsysteme starten bei einem Durchmesser von 32 mm und reichen bis zu den Dimensionen 2'000 × 10'000 mm und decken damit von der Uhrenindustrie bis hin zur Luft- und Raumfahrt alle fertigungstechnischen Branchen vollumfänglich ab. Sie sind darüber hinaus für alle Produktionstechnologien kompatibel, vom Fräsen über das Lasern bis hin zum Erodieren, um die zu fertigenden Bauteile mannlos auch verfahrensübergreifend einwechseln zu können.
Insgesamt über 180 Anwender und Kunden, im Bild mehrheitlich die Schweizer Besucher, konnten sich einen Überblick über die Technologiekompetenz von System 3R in Schweden verschaffen.
(Bildquelle: Matthias Böhm)
Für spezifische kritische und schwingungsempfindliche Fräs-Anwendungen können schwingungsdämpfende Nullpunkspannsysteme eine fertigungstechnische Lösung sein. Die VDP (Vibration-Damped Palletisation) Toolingsysteme haben nicht nur eine positive Auswirkung auf die zu fertigende Oberfläche, es können unter Umständen auch länger auskragende schmal bauende Elektroden gefertigt werden. Schliesslich erhöht sich die Lebensdauer der Werkzeuge wie auch der Spindellager, weil weniger Schwingungen während des Bearbeitungsprozesses auftreten. Last but not least sinkt der Geräuschpegel während der Bearbeitung. Präzision spielt bei den Toolingsystemen eine übergeordnete Rolle. Entsprechend wurde im Rahmen eines Vortrags in der Produktion die Wechselgenauigkeit der Toolingsysteme anhand eines praktischen Beispiels aufgezeigt, die auch während mehrerer Wechsel unterhalb eines Mikrometers lag. Um das Mikrometer zu «spalten», spielen die Fertigungslösungen von GF Machining Solutions eine nicht unwesentliche Rolle. In den voll vernetzten Fertigungsinseln der Produktion von System 3R werden die Toolingsysteme in einem ersten Schritt komplett weich bearbeitet. Dieser Prozess läuft voll automatisiert ab. Das Handling sowie die Automation erfolgen konsequent mittels Komponenten von System 3R. Nach der Weich-Bearbeitung geht es in die Wärmebehandlung zum Härten. Nach dem Härten werden die zu fertigenden Toolingsysteme auf Fräszentren mit integrierten Schleiftechnologien (ebenfalls von GF Machining Solutions) in der geforderten Präzision in einer Aufspannung fertig bearbeitet, um letztlich die oben beschriebenen hohen Wechselgenauigkeiten zu garantieren. Zu den Automationslösungen von System 3R
Thema GF Schweiz: Sie haben es oben angedeutet, einige Ihrer neuen Laser-Technologien konkurrieren mit klassischen Verfahren wie beispielsweise Erodieren. Wie geht man damit aus Managementperspektive um, wenn man erkennt, dass man sich intern Technologiekonkurrenz aufbaut?
T. Wengi: Konkurrenz, ob intern oder extern, soll anregend wirken und die Innovationen fördern. Innovationen sind die Basis unseres langfristigen Erfolgs. Neue Möglichkeiten erfordern neue Lösungen in allen Bereichen. Wenn wir beispielsweise Laserapplikationen entwickeln, die spezifische Erodierverfahren substituieren können, setzt das Entwicklungsdruck auf unsere Erodierentwicklung frei. Das ist wichtig und positiv. Die Tatsache, dass die Konkurrenz intern besteht, ist von grossem Vorteil. Es wäre falsch, sich in zukunftsfähigen Bereichen nicht weiterzuentwickeln, weil es unser angestammtes Geschäft gefährden könnte. Das wäre äusserst kurzfristiges Denken.
Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Situation Ihres Unternehmens in den kommenden zwei Jahren ein, angesichts der derzeit nicht unkritischen wirtschaftspolitischen Weltlage?
T. Wengi: Das ist zweifellos eine Herausforderung, nicht nur für GF Machining Solutions, sondern für viele Unternehmen. Der Weltmarkt ändert sich und es liegt an uns, zu zeigen, wie resilient wir agieren und wie gut wir uns auf diese Veränderungen einstellen und reagieren können. Diejenigen, die das erfolgreich meistern, werden stärker wachsen. Und diejenigen, die weniger gut damit umgehen, werden entsprechend weniger wachsen. Wir arbeiten kontinuierlich daran, die Resilienz unseres Unternehmens zu stärken, indem wir all unsere Mitarbeitenden in allen Segmenten fördern und sie offen auf Veränderungen reagieren. Dies ist ein fortlaufender Prozess, der mit viel Entwicklungsarbeit verbunden ist. Wir sind überzeugt, dass wir aus unserer Stärke heraus agieren, um uns auch in der aktuellen Situation erfolgreich weiterzuentwickeln. Dies mit dem Fokus, unseren Kunden mit zukunftsfähigen Lösungen nachhaltigen Erfolg zu ermöglichen.