Mit massiven Neuinvestitionen am Standort Biel als auch Losone positioniert sich GF Machining Solution in der absoluten Top-Liga der Werkzeugmaschinenhersteller. Im Exklusiv-Interview zeigt Managing Director Thomas Wengi nicht nur das technologische Potential auf, über das GF Machining Solutions verfügt, sondern spricht offen über die Herausforderungen eines Industrieunternehmens, das sich zukunftsfähig und modern aufstellen muss, um die jungen MitarbeiterInnen der Zukunft positiv anzusprechen.
«Was wir tun, sei absolut genial und begeisternd, wie wir es tun, sei halt noch immer sehr verstaubt, sagte mir letzthin ein 18-jähriger angehender Automatiker…» Thomas Wengi, Managing Director GF Machining Solutions, vor dem neuen Gebäude in Losone
(Bild: Matthias Böhm)
SMM: Mit ihrem Neubau des Produktions- und Montagebereiches in Biel und Losone setzt GF klar ein Zeichen in Richtung Zukunft. Welchen strategischen Nutzen bringt aus Ihrer Sicht eine solche moderne Infrastruktur?
Thomas Wengi: Wir durften ja nicht nur in Biel unsere Infrastruktur den zukünftigen Bedürfnissen anpassen, sondern auch in Losone laufen aktuell die Bauarbeiten. Mit dem Ziel, die Effizienz unserer Organisation zu erhöhen und auch den Platz für das daraus resultierende Wachstum zur Verfügung zu stellen, wurden die Neubauten realisiert. Wir gehen davon aus, dass es optimale Bedingungen braucht, um auch zukünftig wettbewerbsfähig Maschinen in der Schweiz zu produzieren.
Die Industrie steht mit vielen Marktplayern in Konkurrenz um qualifiziertes Personal. Welche Stärken hat aus Ihrer Sicht die Industrie?
T. Wengi: Es ist die Wertschöpfung, welche zum Wohlstand führt, den wir jeden Tag geniessen. Mit viel Leidenschaft treiben wir gemeinsam die Entwicklung und Produktion aller Produkte voran, die uns im Alltag umgeben. Ob die Zahnbürste, mit welcher wir uns am Morgen die Zähne putzen, das Triebwerk, welches den Flieger antreibt, der uns in den Urlaub fliegt, oder die Spritze, welche jemandes Leben rettet, wir haben es gemacht. Schon eine tolle Aufgabe, welche durchaus viel Sinn und Freude macht.
Frauen sind in den klassischen Industrieberufen untervertreten. Woran kann das liegen und was macht GF, um die Frauenquote, z. B. bei PolymechanikerInnen, zu fördern?
T. Wengi: Da hatte die MEM-Industrie bis heute mässigen Erfolg. Nun spreche ich noch nicht einmal von unserem unterirdisch tiefen Frauenanteil, sondern davon, überhaupt genügend Lehrlinge in die MEM-Branche zu bringen. Was wir tun, sei absolut genial und begeisternd, wie wir es tun, sei halt noch immer sehr verstaubt, sagte mir letzthin ein 18-jähriger angehender Automatiker … Es reicht nicht, wenn wir bei GF verschiedene Veränderungen in der Ausbildung vorantreiben (und das tun wir), wir als Industrie brauchen in diesem Bereich eine Revolution.
Das Technologieportfolio von GF Machining Solutions ist in den letzten 20 Jahren enorm gewachsen. Welche technologischen Schwerpunkte würden Sie hervorheben und welche Bereiche sind für Sie nach wie vor die wichtigsten?
T. Wengi: Die Automatisierung sowie die Digitalisierung würde ich als die heute wichtigsten Bereiche nennen. Sie betreffen alle Fertigungstechnologien am Standort Schweiz und sind unabdingbare Erfolgsfaktoren für eine profitable Fertigung an unserem Standort.
Der Laser verändert unsere Fertigungsmöglichkeiten, egal, ob aufbauend oder abtragend, es entstehen neue Möglichkeiten im Bereich Design, Funktionalität und Effizienz, um Komponenten zu fertigen. Aber auch die klassischen Fertigungsverfahren entwickeln sich noch immer erstaunlich. Die Entwicklungsschritte, welche wir im Erodieren schon präsentieren durften oder noch werden, ermöglichen den Vorstoss in neue Dimensionen des Möglichen. Dabei kann es schlicht um die massive Steigerung der Fertigungseffizienz gehen oder aber auch um neue Extreme bei Oberflächengüte und Präzision. 80 Stunden Erodieren in unter 2 µm wiederholbarer Konturtoleranz ist noch nicht so lange möglich.
Der Sektor Werkzeugmaschinen ist in der Schweiz nach wie vor sehr gut positioniert, trotz der hohen Kostenstruktur und des starken Schweizer Frankens. Wie machen Sie das seitens GF Machining Solutions, in dem stark umkämpften Marktumfeld wirtschaftlich zu agieren?
T. Wengi: Mit dem Entwicklungs- und Produktionsstandort Schweiz gibt es für uns Maschinenbauer nur den Weg über die Innovation zum Erfolg. Unsere Kunden müssen durch den Einsatz unserer Produkte die Fähigkeit bekommen, ihre Produktion besser oder effizienter zu gestalten, als dies mit dem Einsatz eines Wettbewerbsproduktes möglich ist. Um dies zu erreichen, gilt es, sich auch auf spezifische Applikationen oder Marktbedürfnisse zu fokussieren. Dies machen diverse Schweizer Maschinenbauer exzellent, so erreichen wir die vorhin erwähnten 2 µm im Erodieren nicht zuletzt dank einer tollen neuen Schleifmaschine von Mägerle, welche wir in Losone in Betrieb nehmen durften.
Sie decken mit Ihrem Technologieportfolio die gesamte Prozesskette des Werkzeug- und Formenbaus ab. Welche Vorteile ergeben sich darauf für Sie als Generalunternehmen in diesem Sektor?
T. Wengi: Die Vorteile sollen vor allem unsere Kunden haben! Die einzelnen Technologien sollen sich möglichst optimal ergänzen, um die Anforderungen unserer Kunden so effizient wie möglich erfüllen zu können. Sicher ist es eine Stärke, wenn man nicht von einer Technologie getrieben wird, sondern von der Fertigungslösung. Die Entwicklungen in den einzelnen Technologien stellen immer wieder neue Anforderungen an die anderen Technologien. Die nun möglichen Oberflächenqualitäten von Ra 0,05 im Senkerodieren bedingen nun auch Elektroden, welche mindestens diese Qualität bieten.
Wie stark ist Ihr Heimmarkt und welche Rolle spielt der europäische, der chinesische und der amerikanische Markt?
T. Wengi: Unser Heimmarkt ist für uns nicht unbedingt wegen der Grösse von zentraler Bedeutung, sondern wegen der hohen Ansprüche an Qualität, Produktivität und Komplexität der Fertigungslösungen, welche in der Schweiz produziert werden. Aktuell verteilt sich unser Umsatz wie folgt: Europa 46%, Asien 33%, Amerika 18% und 3% die restliche Welt.
Stand vom 30.10.2020
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Was können Sie vom Heimmarkt als Werkzeugmaschinenhersteller lernen?
T. Wengi: Eigentlich fast alles. Wenn man in der Schweiz Lieferant von erfolgreichen Unternehmen sein darf, dann beweist man gemeinsam, dass man höchste Ansprüche betreffend Präzision, Qualität und Effizienz erfolgreich bedienen kann. Diese Faktoren sind weltweit gefragt und werden geschätzt. Die Produktivität muss jedoch in der Schweiz höher sein, denn nur so sind wir konkurrenzfähig.
Welche Vorteile bietet der Standort Schweiz für Sie als Hersteller von Werkzeugmaschinen? Gibt es auch Nachteile?
T. Wengi: Die Menschen, ihre Einstellung und deren Leidenschaft differenzieren uns. Das Bildungssystem, die Infrastruktur und die Rechtssicherheit in Verbindungen mit einer Kultur, mit dem Status quo nie ganz zufrieden zu sein, machen die Schweiz zu einem interessanten Standort. Diese Standortvorteile werden geschmälert durch die hohe Kostenstruktur sowie die wachsende Bürokratie und die limitierten Ressourcen.
Bemerkten Sie aufgrund der Lieferkettenengpässe, dass es Produktionsverlagerungen zurück in die Schweiz gab?
T. Wengi: Neben den Lieferketten spielt auch die höhere Teuerung im Ausland diesem Trend in die Hand. Wir erleben aktuell einige tolle Beispiele. Dies bei unseren Kunden, aber auch im Konzern. Leider müssen wir jedoch auch feststellen, dass es für gewisse Technologien zu spät ist und wir diese Produkte nicht mehr in der Schweiz beschaffen können.
Wie sehen Sie die Zukunft des Werkplatzes Schweiz, aus der Sicht Ihrer typischen Kundensegmente, die in der Schweiz aktiv sind?
T. Wengi: Es stehen einige Herausforderungen an. Im harten Wettbewerb um die talentierten Arbeitskräfte muss sich die fertigende Industrie behaupten und die Energiekosten müssen zwingend und nachhaltig auf ein Level reduziert werden, welches der Industrie die wettbewerbsfähige Produktion erlaubt. Die durch die Politik generierte Verteuerung der Energie in Europa freut vor allem unsere Konkurrenten in Asien und Amerika.
Im europäischen Vergleich hat die Schweiz aus meiner Sicht in den letzten 12 Monaten an Attraktivität gewonnen, und dies werden wir nutzen. Es bieten sich tolle Möglichkeiten und je besser wir zusammenarbeiten, desto erfolgreicher werden wir Schweizer Unternehmen sein und umso attraktivere Arbeitsplätze können wir anbieten, um die Innovationen, welche uns morgen von unseren Mitbewerbern unterscheiden, zu entwickeln und zu produzieren. SMM