Interview mit Jean-Marc Collet, Stäubli AG Tradition und Innovation prägen die Schweiz

Redakteur: Silvano Böni

>> Die Firma Stäubli hat sich zu einem Keyplayer in Sachen Robotik entwickelt und ist einer der führenden Anbieter in der Schweiz. Der SMM sprach darum mit Geschäftsführer Jean-Marc Collet über die Zukunft der Robotik, den Werkplatz Schweiz und warum der kleine Schweizer Markt für das internationaltätige Familienunternehmen trotzdem sehr wichtig ist.

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Jean-Marc Collet, Geschäftsführer Connectors & Robotics Stäubli AG, beim Interview mit dem SMM.
Jean-Marc Collet, Geschäftsführer Connectors & Robotics Stäubli AG, beim Interview mit dem SMM.
(Bild: SMM)

SMM: Wo sehen Sie die besonderen Stärken des Werkplatzes Schweiz?

Jean-Marc Collet: Die Kompetenz ist sehr gross in der Schweiz. In unserem Land herrscht eine gute Mischung zwischen Tradition und Innovation, das ist auch ein Grund warum ich mich bei der Firma Stäubli sehr wohl fühle. Diese Eigenschaften sind sehr wichtig für den Werkplatz Schweiz und gleichzeitig seine grösste Stärke. Zudem ist das Bildungssystem und –Niveau sehr gut. Durch das, dass die Schweiz klein ist, wurde man auch früh gezwungen, sich mit dem Ausland zu konfrontieren. Man musste innovativ sein, um international bestehen zu können. Das brachte die Schweizer schon frühzeitig dazu, über den Tellerrand hinauszudenken.

Stichwort Ausland: Stäubli besitzt mehrere Produktionsbetriebe, viele davon auch ausserhalb der Schweiz. Wo produzieren Sie überall?

J.-M. Collet: Wir besitzen zwölf Produktionsbetriebe und beschäftigen insgesamt circa 4000 Mitarbeiter weltweit. Zwei von diesen Betrieben befinden sich in der Schweiz. Die zehn weiteren Standorte sind in Frankreich, in Deutschland, in den USA und in China. Wir sind damit weltumspannend aufgestellt. Man kann heute nicht mehr international tätig sein, ohne Produktionsbetriebe zu haben, die strategisch weltweit verteilt sind.

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Wo werden denn die neuen Produkte entwickelt?

J.-M. Collet: Die neuen Produkte werden an den jeweiligen Produktionsstandorten entwickelt, je nach Produkt und Markt oft in enger Zusammenarbeit mit einer oder mehreren unserer Niederlassungen weltweit.

Stäubli ist auch im Textilbereich tätig. Diese Branche gilt nicht gerade als Boom-Markt. Lohnt sich das noch?

J.-M. Collet: In der Webereiindustrie gehören wir auch heute noch zu den führenden Anbietern. Es ist uns über die Jahre hinweg gelungen, uns der neuen Marktsituation anzupassen und wir sind in den heute wichtigen Textil-Ländern wie beispielsweise China und Indien herausragend positioniert.

Welche Bedeutung hat für Sie der überschaubare Schweizer Markt als international aufgestelltes Unternehmen?

J.-M. Collet: Der Schweizer Markt ist für uns wichtig und entscheidend. Die Marktsegmentation unseres Landes entspricht voll unserer Kernkompetenz und unserer Marktpositionierung im Bereich Robotik. Die Schweizer Maschinenbranche ist weltweit bekannt für ihre Innovationskraft und ihre Kompetenz. Sie ist ein prädestinierter Markt für die Hochleistung unserer Roboter. Aber die Schweiz besitzt auch eine hohe Anzahl von interessanten Produktionsbetrieben, deren Produktionsprozesse dank dem Einsatz unserer Roboter optimiert werden. Die Analyse der Anforderungen der Schweizer Industrie ist eine entscheidende Phase in der Entwicklung von vielen neuen Produkten. Dieses gilt für verschiede Marktsegmente wie Mikromechanik (mit der Uhrenindustrie), Werkzeugmaschinen, Life Science, Montage Technik, Lebensmittelproduktion und Plastics. Der «kleine» Schweizer Markt mit seiner internationalen Ausrichtung ist für uns sehr wichtig, vor allem im Bereich Robotik.

Stäubli ist seit 30 Jahren im Roboterbereich tätig, die Konkurrenz mit namhaften Herstellern wie ABB, KUKA oder Yaskawa Motoman ist gross. Wie differenziert man sich in diesem schwierigen Marktumfeld von den Mitbewerbern?

J.-M. Collet: In den 80er Jahren war das grösste Potenzial der Robotik in der Autoindustrie, insbesondere mit Robotern, die über eine hohe Traglast verfügten und Karosserie-Schweissarbeiten oder Lackierarbeiten verrichteten. Bei der Gründung von Stäubli Robotics war der Marktfokus unserer Konkurrenten die Autoindustrie. Nach einer ausführlichen Marktanalyse haben wir deswegen entschieden, uns ausschliesslich auf die allgemeine Industrie zu konzentrieren. Dank dieser fokussierten Strategie und Markpositionierung haben wir uns gleich am Anfang von unseren Konkurrenten differenziert und uns mit der Entwicklung und der Herstellung von Kompaktrobotern beschäftigt. Unser Ziel war es, die Anforderungen der verschiedenen Marktsegmente in der allgemeinen Industrie optimal abzudecken.

Woher kommt das Know-how im Robotikbereich?

J.-M. Collet: Als unsere Sparte Robotik gegründet wurde, besass Stäubli dank der Sparte Textilmaschinen schon ein fast hundertjähriges Know-how in der Mechatronik. Wir liefern mechatronische Lösungen mit tausenden von Funktionen, die mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und Präzision arbeiten. Also bevor wir überhaupt mit dem Gedanken gespielt haben, eine Robotik-Division zu gründen, waren wir bereits Spezialisten im Bereich der komplexen, schnellen und präzisen Bewegungen. Mit drei verschiedenen Kinematiken (Knickarm, SCARA und Highspeed Picker) sind die unterschiedlichen Robotertypen von Stäubli die schnellsten, dynamischsten und präzisesten Roboter in ihrer Kategorie. Unsere Roboterarme profitieren auch alle von derselben multitaskingfähigen Hochleistungsteuerung, die den Produktionsprozessen einen grossen Mehrwert bringt.

Ganz speziell sind die Roboter, welche in einem Reinraum eingesetzt werden können …

J.-M. Collet: Produktionsumgebungskompatibilität ist heutzutage sehr wichtig. Unsere Knickarmroboter sind alle in IP65 gefertigt, am Gelenk sogar IP67. Der gleiche Typ ist Reinraumklasse ISO 5, ein sehr hohes Niveau also. Wir sind weltweit führend im Bereich Reinraumapplikation und unsere Roboter erfüllen die Norm bis zu ISO 2. Wir haben auch bereits Roboter entwickelt, welche vollständig sterilisiert werden können. Diese werden insbesondere in medizinischen Anwendungen eingesetzt. Wir sind die Einzigen, die so etwas liefern können.

Wie sehen denn die Trends in der Robotik aus? Wo geht es in Zukunft hin?

J.-M. Collet: Ein Roboter muss heute nicht nur ein Teil von einer Position A zu einer Position B bewegen. Er muss in engen Räumen komplexe und präzise Bahnen fahren und gleichzeitig mit vielen anderen Geräten oder einem ERP-System in Echtzeit kommunizieren. Kurz gesagt muss er rund um die Uhr eine interaktive Hochleistungsbeweglichkeit mit einer hohen Zuverlässigkeit und einer geeigneten Produktionsumgebungskompatibilität langjährig gewährleisten. In der allgemeinen Industrie werden diese Roboter sicher noch tiefer und interaktiver in den Produktionsprozessen eingesetzt werden. Sie werden Letztere auch noch mehr verknüpfen. Es gibt auch weitere Trends oder konkrete Ideen, die wir bereits analysieren. Diese Themen sind aber selbstverständlich vertraulich. Aber schlussendlich geht es auch darum, die Rückverfolgbarkeit zu erhöhen, Zykluszeiten zu minimieren und so auch die Kosten zu senken. Jeden Tag beschäftigen sich circa 10 Prozent unserer Mitarbeiter in der Entwicklung von neuen Produkten. Wir setzen also alles darauf, führend im kompakten Roboterbereich zu bleiben.

Roboter ersetzen immer mehr den einfachen Arbeiter in den Fabrikationshallen. Wie lässt sich das als Roboterhersteller mit dem Gewissen vereinbaren?

J.-M. Collet: Es ist leider ein Klischee, zu denken, dass Mitarbeiter von Robotern ersetzt werden. Alle Kunden, die Roboter im Einsatz haben, sind konkurrenzfähige und erfolgreiche Firmen, welche mehr Arbeitsplätze schaffen. Das ist eine Tatsache! Die Anforderungen der allgemeinen Industrie sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Überall geht es um eine höhere Produktivität mit grösserer Flexibilität. Die Produktionsserien werden zudem immer kleiner, mit immer grösserer Typenvielfalt. Die Umrüstungszeit wird kürzer und die Produkte werden komplexer, immer schwieriger und präziser zu handhaben. Eine permanente Qualitätskontrolle und Rückverfolgbarkeit müssen gewährleistet werden. Die Robotik ist sicher die beste Alternative, um diese Ziele zu erreichen. Man darf auch nicht vergessen, dass die Robotik heute vielen Schweizer Mitarbeitern hilft, sich auf immer komplexere Produktionsprozesse zu konzentrieren. Sie verstehen somit, dass ich kein schlechtes Gewissen habe, sondern stolz darauf bin, in diese Optimierungsprozesse der Schweizer Industrie involviert zu sein.

Sie sprechen von Schweizer Firmen, wie sieht es im Ausland aus? Wenn beispielsweise ein Auftragshersteller in China die Produktion automatisiert, kostet das doch zwangsläufig Arbeitsplätze!

J.-M. Collet: Die Automation schreitet in grossen Schritten voran. Auch China entwickelt sich wirtschaftlich weiter. Manchen Unternehmen fällt es schwer, entsprechende Arbeitskräfte zu rekrutieren. Steigende Anforderungen an Präzision und an eine stets gleichbleibende Produktqualität führen dazu, dass selbst chinesische Unternehmen Roboter einsetzen. Das kann dazu führen, dass Arbeitsplätze nach Südostasien verlagert werden und bei unseren Kunden in China neue Berufe und Tätigkeitsfelder entstehen. <<

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