Werkplatz Schweiz: Quo vadis? SMM-Exklusivinterview mit Fabian Wettstein (CEO, Vischer & Bolli)Vischer & Bolli setzt auf internationalen Technologietransfer
Vischer & Bolli verfügt über ein breites Spektrum an Werkzeugtechnologien und Spannmitteln, die mehrheitlich im oberen technologischen Segment angesiedelt sind. Um Fertigungsoperationen zu perfektionieren, werden die Kompetenzzentren der Technologiepartner international genutzt, um optimale Fertigungsbedingungen am Werkplatz Schweiz zu generieren. Fabian Wettstein (CEO) zeigt im SMM-Interview u.a. auf, wie sich Fertigungsoperationen gezielt optimieren lassen.
Fabian Wettstein (CEO, Vischer & Bolli): «Wir hoffen, dass wir weiterhin gute Fachkräfte finden und sie für unser Berufsbild begeistern können. Wenn uns dies gelingt und uns das Personal nicht ausgeht, glauben wir weiterhin sehr fest an den Fertigungsstandort Schweiz.»
(Bild: Thomas Entzeroth)
SMM: Sie vertreten als Fertigungsspezialist ein breites Spektrum an Werkzeugtechnologien wie auch Spannmittel. Welche Anforderungen werden heute typischerweise an Werkzeug- und Spannlösungen gestellt?
Fabian Wettstein: Hier müssen wir differenzieren zwischen Serienproduktion und der Einzelteilfertigung. Damit wir beide mit der optimalen Lösung bedienen können, haben wir verschiedene Ansätze. In der Massenfertigung ist die Prozesssicherheit und die Performance des Werkzeugs der Schlüssel. Dies bedeutet nicht nur, dass die Werkzeuge hochmodern sein müssen in Bezug auf Substrat, Verarbeitung und Beschichtung, sondern auch das Vorgehen optimal abgestimmt sein muss bzw. die Programmierung – denn was nützen die besten Tools, wenn die Fertigungsstrategie nicht zeitgemäss ist. Schlussendlich ist es immer ein Zusammenspiel von allem, das wissen wir ja schon länger. Wenn Bediener, Maschine, Aufspannung, Aufnahme, Kühlmittel, Werkzeug und das Vorgehen nicht aufeinander abgestimmt sind, kann kein optimaler Prozess entstehen. Unsere Werkzeuge sind alle «State of the Art», doch teilweise verfügen wir über deutliche Vorteile, wie zum Beispiel mit unserem Bohrer, dem ADO-SUS oder dem A-Tap von OSG, welche einfach deutlich schneller Löcher und Gewinde bohren als vergleichbare Standardwerkzeuge. Zurück zu Ihrer Frage: In der Schweiz müssen wir schnell und prozesssicher sein und genau diese Anforderungen müssen wir oder besser gesagt unsere Lösungen uns/sich stellen. Wenn jemand einfach ein, zwei Löcher in einen Prototyp oder ein anderes Einzelteil bohren muss, braucht er nicht zwingend ein Highend-Werkzeug, sondern ein preiswertes und hier haben wir natürlich ebenfalls eine Lösung. Zu diesem Zweck nutzen viele unserer Kunden die diversen Filter oder Sortierfunktion unseres Shops und kommen so schnell und einfach zur richtigen Lösung. Da müssen wir nicht gleich mit unserer Anwendungstechnik bzgl. dem Prozess beraten.
Welche Rolle spielen Sonderwerkzeuge und wie können Sie mit Ihren Partnern solche Lösungen erarbeiten?
F. Wettstein: Da muss ich ein wenig ausholen. Wir stehen für den Werkplatz Schweiz, und dieser stand die letzten Jahre, man kann schon fast sagen Jahrzehnte, unter enormem Kostendruck. Wir sind richtig stolz auf unsere Kunden, wie sie zusammen mit uns diese Herausforderungen gemeistert haben und wir nach wie vor, so unsere persönliche Ansicht, einer der besten Werkplätze überhaupt sind. So, und jetzt der Übergang zu der Frage: Damit dies überhaupt möglich ist, brauchen wir häufig andere oder besser gesagt Sonderwerkzeuglösungen. Diese erarbeiten wir mit den Experten vor Ort, also beim Kunden, gepaart mit dem Know-how von unseren Lieferanten und unserem technologisch versierten vb-Team. Gelegentlich können diese Optimierungen an Werkzeugen oder Aufnahmen dazu führen, dass neue Standardwerkzeuge für den globalen Markt entstehen, die branchenweit anerkannt werden.
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Seit 2016 gehören Sie zur japanischen OSG-Gruppe. OSG verfügt über ein Technologie- und Anwendungszentrum in Göppingen. Können Sie Anwendungsbeispiele nennen, wo Sie die Kompetenzen des Technologiezentrums für die Optimierung der Fertigung Ihrer Schweizer Kunden nutzen konnten?
F. Wettstein: Wir haben nicht nur mit OSG ein Kompetenzcenter, auch in der Schweiz bei Rego-Fix haben wir Zugang zu einem solchen. Hier haben wir kürzlich aufgezeigt, welchen Einfluss ein kleines Peripherieteil bei der Gewindeherstellung haben kann – ein super Know-how-Transfer zu den Fachleuten unserer Kunden, welchen wir dieses Jahr wiederholen werden.
Bei OSG führen wir teilweise Versuche bzw. Nachbauten der Kundenumgebung durch, um den Prozess weiterzuentwickeln. Kürzlich hatten wir auch ein Projekt, welches bis nach Japan ging, bei welchem sogar der Schneidstoff spezifisch entwickelt wurde, da wir rein mit Anpassung der Geometrie und der Beschichtung nicht das gewünschte Resultat erreichten. Hier haben wir den kompletten Prozess in der Serienfertigung in Japan simuliert.
Auch mit 6C-Tools, welche gleich im Nachbardorf angesiedelt sind, stehen wir in engem Austausch. Hier haben wir ebenfalls die Möglichkeit für solche Simulationen bzw. Versuche. Mit ihnen haben wir in den vergangenen Monaten sehr viel bewegen können, und dies vor allem durch die kompetente Lösungsfindung im Team.
Bei M.A. Ford in England hatten wir ebenfalls kürzlich die Möglichkeit, sehr aufschlussreiche Versuche durchzuführen. Mit diesen Resultaten können wir nun wiederum unsere Performance im Fräsen unterstreichen.
Zusammenfassend möchten wir so viel wie möglich mit unseren Lieferanten und Kunden für den Werkplatz Schweiz tun, damit wir auch morgen noch genügend Wertschöpfung aus der Schweiz generieren können.
Sie verfügen über ein breites Spektrum an Präzisionswerkzeugen. Die Werkzeuge sind immer auch Gradmesser des Produktionsgeschehens. In welchen Fertigungssektoren ist derzeit die Nachfrage nach Werkzeugen am höchsten respektive eher verhalten?
F. Wettstein: Was wir momentan feststellen können, ist, dass die Uhrenindustrie und damit die Westschweiz sehr gut laufen. Damit wir diesen speziellen Anforderungen noch besser gerecht werden können, haben wir uns einen spezifischen Lieferanten mit ins Boot geholt. Mit Chronotools erwarten wir für uns nochmals einen deutlichen Zuwachs in diesem Segment. Die Medizintechnik läuft auch sehr gut, es gibt bekanntlich immer mehr Menschen, die immer älter werden und teilweise auch noch Extremsportarten ausüben oder generell mehr Sport treiben. Da braucht es auch mehr Gerätschaften, Implantate, Medikamente usw. Die Halbleiterindustrie erholt sich ausserdem wieder, sehr zur Freude der Zulieferbetriebe. Der allgemeine Maschinenbau läuft eher schleppend, hier haben einige Kunden Kurzarbeit. Das Gleiche gilt auch für Kunden, welche für den Fahrradsektor produzieren – hier ist der Aufschwung, welcher durch Corona entstand, leider vorbei. Summa summarum läuft es in der Schweiz (noch) gut.
Stand vom 30.10.2020
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Seit 2020 haben Sie über 60 000 Artikel in Ihrem Webshop, inklusive Schnittdaten. Welche Vorteile ergeben sich dadurch für die Anwender?
F. Wettstein: Das ist der Stand von 2022, wir haben natürlich in den letzten Jahren akribisch daran weitergearbeitet. Zusätzlich zu den Schnittdaten kamen viele neue Funktionalitäten mit dazu, welche die Kunden rege nutzen. In den kommenden Monaten werden weitere Neuheiten, wie zum Beispiel kundenspezifische Webshops für die Uhrenindustrie, Medical oder den Werkzeugbau dazukommen, welche den Kunden aus den jeweiligen Segmenten nochmals deutliche Vorteile bringen werden und sie noch schneller und einfacher zum richtigen Werkzeug oder der passenden Aufnahme gelangen lässt. Mit KI haben wir auch etwas geplant, hierzu werden wir, so hoffe ich, bald informieren können.
Jetzt aber noch die Antwort; die Kunden können rund um die Uhr die passenden Werkzeuge bestellen, sehen jederzeit den Stand des Auftrages, können von den Erfahrungen der anderen Kunden profitieren, finden sämtliche Technologiedaten, können die Werkzeuge auf einen Blick nicht nur preislich vergleichen, sondern auch deren Leistung und noch einiges mehr.
Zu guter Letzt profitieren sie noch von einem Webshop-Rabatt. Doch an dieser Stelle möchte ich nochmals den Werkplatz Schweiz erwähnen. Unsere Kunden sind laufend gezwungen, ihre Prozesse zu optimieren, damit sie dem Wettbewerbsumfeld standhalten können. Auch wir haben, genau gleich, wie das auch von unseren Kunden gefordert wird, intern diverse Optimierungen vorangetrieben und unsere Prozesse verschlankt. Dadurch konnten wir die Preise in den letzten Jahren stabil halten und den hiesigen Arbeitsmarkt stärken.
Welche Rolle spielt die Westschweizer Industrie für Sie und wie sind Sie werkzeugtechnologisch für die Uhren und Medizintechnik positioniert?
F. Wettstein: Die Westschweiz ist für uns ein sehr wichtiger Markt, für welchen wir, wie schon erwähnt, einen zusätzlichen Lieferanten, Chronotoools, mit ins Boot geholt haben. Doch auch mit unseren bestehenden Lieferanten wie OSG, Rego-Fix, 6C Tools, Kyocera und Denitool sowie noch diversen anderen, sind wir hervorragend positioniert. Hier greifen wir auf ein kompetentes und umfangreiches Sortiment zurück, welches uns erlaubt, diese Sektoren optimal abzudecken. Hinzu kommen bald unsere neuen Shops sowie gezielte Kundenseminare, welche wir ebenfalls dieses Jahr lancieren.
Man sagt, dass ein produzierendes Unternehmen an der Schneide sein Geld verdient. Sie wiederum machen mit jeder Schneide Umsatz. Wie passt das zusammen?
Ganz einfach, es ist wie der Treibstoff bei einem Motor. Ohne Treibstoff keine Fortbewegung. Also schauen wir für den besten Sprit, damit der Kunde möglichst effizient und sicher ans Ziel kommt. In Worten der Zerspanung; wenn wir dem Kunden die optimale Lösung vorschlagen und diese auch zu fairen Preisen anbieten, dann verdient er sein Geld und wir tun es ihm gleich. Wie schon oft erwähnt, liegen die Hauptkosten nicht bei den Werkzeugen, sondern im Prozess mit all seinen Nebenkosten. Genau dieser Prozess ist unsere Passion und hier möchten wir die Kunden unterstützen, sodass sie die Bearbeitungszeit reduzieren können und somit in der Lage sind, mehr Werkstücke zu fertigen, welche sie wiederum ihren Kunden verrechnen. Also passt doch alles perfekt zusammen, wenn wir gemeinsam am selben Ziel arbeiten.
Im Rahmen von Fertigungsautomationen und bedienarmer Fertigung wird immer deutlicher, welche Rolle die Prozesssicherheit und Standzeit von Werkzeugen spielt, insbesondere bei anspruchsvollen Materialien. Was bedeutet das für die Werkzeugentwicklung?
F. Wettstein: Um Werkzeuge mit optimaler Standzeit bei hoher Performance zu entwickeln, ist es entscheidend, die Prozessanforderungen genau zu verstehen und zu berücksichtigen. Innovative Werkstoffe und Beschichtungen kommen zum Einsatz, um den hohen Anforderungen anspruchsvoller Materialien gerecht zu werden und die Standwege der Werkzeuge zu verlängern. Dies trägt schlussendlich dazu bei, die Prozesssicherheit zu erhöhen. Präzise Fertigung und strenge Qualitätskontrolle sind unerlässlich, um sicherzustellen, dass die Werkzeuge die gewünschten Merkmale erfüllen. Durch die Integration von Sensorik und Datenanalyse kann die Werkzeugleistung in Echtzeit präzise überwacht werden, um frühzeitig Abweichungen zu erkennen und Ausfallzeiten zu minimieren. Insgesamt richtet sich die Werkzeugentwicklung verstärkt an den Anforderungen der Fertigungsautomation und mannarmer Fertigung aus, um Werkzeuge mit verbesserter Prozesssicherheit und Performance zu garantieren.
In welche Richtungen wird sich der Werkplatz Schweiz aus Ihrer Sicht in den nächsten Jahren entwickeln?
F. Wettstein: Wir hoffen, dass wir weiterhin gute Fachkräfte finden und sie für unser Berufsbild begeistern können. Wenn uns dies gelingt und uns das Personal nicht ausgeht, glauben wir weiterhin sehr fest an den Fertigungsstandort Schweiz. Wir haben so viele Vorteile, diesen müssen wir weiterhin Sorge tragen. Für uns ist es nach wie vor eine Kernkompetenz eines Unternehmens, alles unter einem Dach zu haben, sprich von der Entwicklung bis hin zur Produktion. Kurze Entscheidungswege, rasches Feedback von Abteilung zu Abteilung und garantierte Weiterentwicklung nicht nur des Endproduktes, sondern auch der internen Prozesse. Die vierte Epoche der Industrie beabsichtigt auch, konsumentennah zu fertigen, und dies ist ebenfalls eine Chance für uns alle. Zusammengefasst glauben wir an unseren Werkplatz und hoffen, dass dies auch für alle anderen Geschäftsführer in der Schweiz gilt.