Brexit / Europäische Union

Briten wollen raus – Konsequenzen für die Schweiz

| Redakteur: Sergio Caré

Der Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union wird auch für die Schweiz Auswirkungen 
haben.
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Der Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union wird auch für die Schweiz Auswirkungen 
haben. (Bild: Eisenhans / (c) Fotolia)

Der Austritt der Briten aus der EU wird auch in der Schweiz wirtschaftliche Konsequenzen haben. Das BAK Basel geht von –0,5 Prozent BIP Wachstum für die folgenden Jahre aus. Die «Schadenssumme» beträgt rund 3 Mia. CHF. Für Swissmem bricht eine neue Phase der wirtschaftlichen und politischen Unsicherheit an.

Seit der Brexit-Abstimmung am 23. Juni floss viel Wasser den Fluss runter, in diesem Fall der Fluss Themse in London. Zeit, um ein erstes Fazit zu ziehen und die wirtschaftlichen Konsequenzen für Grossbritannien, die Europäische Union (EU) und Schweiz aufzuzeigen.

Artikel 50 – Scheidung einreichen

Trotz Drängen der EU auf baldiges Einreichen der (Aus-)Scheidungspapiere der Briten aus der Europäischen Union gehen viele Wirtschaftsexperten davon aus, dass dies erst Ende 2016 eintreffen wird. Dass der Brexit stattfinden wird, steht für Bundeskanzlerin Angela Merkel fest. Sie erteilte gegenüber dem ZDF einer erneuten Abstimmung der Briten über einen möglichen Verbleib in der Staatengemeinschaft indirekt eine Absage: «Die Entscheidung ist aus meiner Sicht gefallen.» Sobald die Briten den Austritt offiziell einreichen werden, wie es Artikel 50 des EU-Vertrages verlangt, wird es keine Verhandlungen zwischen den noch Partnern geben.

Das Hauptziel von Grossbritannien (GB) in den Verhandlungen wird dabei sein, auch weiterhin einen möglichst unbeschränkten Zugang zum wichtigen EU-Markt zu erhalten. Zudem ist damit zu rechnen, dass GB die Zuwanderung aus der EU zukünftig einschränken wird. So weit der Plan der Briten.

Enge wirtschaftliche Verflechtung

Die EU will nicht riskieren, dass es in Grossbritannien zu einer schweren Wirtschaftskrise kommt. Grossbritannien ist ein wichtiger Handelspartner der EU. Davon geht das BAK Basel Economics (BAK) aus. Eine schwere Krise in GB würde nicht nur die Nachfrage nach europäischen Gütern reduzieren, sondern könnte auch zu heftigen Finanzmarktturbulenzen führen. Insbesondere Deutschland ist sehr eng mit der englischen Wirtschaft verbunden. 2014 exportierten die Deutschen laut Statistisches Bundesamt (D) für 84,14 Mia. Euro nach GB und importierten dabei 42,3 Mia. Euro von GB. Auch die Schweiz und GB sind wichtige Handelspartner. Laud Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) belief sich das Volumen Schweizer Exporte nach GB auf 13,1 Milliarden CHF, während der Importe 31 Milliarden CHF betrug. Das Gros fiel dabei auf den Import von Edelmetallen.

Auswirkung für GB

Das BAK geht davon aus, dass sich der Zugang Grossbritanniens zum EU-Markt zwar verschlechtern wird, es jedoch nicht zu einem massiven Anstieg der Zölle und der nichttarifären Handelshemmnisse kommt. Die einige Zeit anhaltende politische Unsicherheit wird vor allem die Investitionsbereitschaft der Unternehmen in GB dämpfen und es ist mit Standortverlagerungen in die EU zu rechnen. Bereits hat die Telekommunikationsfirma Vodafone mit dem Wegzug aus London gedroht. Der Absturz des Pfunds wird die Inflation in GB ankurbeln und die Kaufkraft der privaten Haushalte schmälern. Durch eine tiefere Wertung des Pfundes stiege jedoch die Wettbewerbsfähigkeit britischer Unternehmen. Die Notenbank wird mit expansiven Massnahmen die Konjunktur in GB stützen wollen. Bei einer liberalen wirtschaftsfreundlichen Umsetzung der Beziehung zwischen GB und EU sind darum geringe negative Langfristeffekte auf der Insel zu erwarten.

Konsequenzen für die EU?

Die EU rechnet mit wesentlich weniger negativen Konsequenzen. Jedoch nur wenn das Beispiel Brexit keine Schule macht. Die unsichere Zukunft gibt den EU-Skeptikern und nationalen Populisten Auftrieb. Im Mai scheiterten die tschechischen Rechtspopulisten mit dem Aufgleisen einer EU-Verbleibsabstimmung. Tschechien ist aber nicht GB. Gefährlicher sind die Referenden von Rechtsaussen in Frankreich und Holland. Auch die drittgrösste Wirtschaftsnation der EU-Zone Italien steht, wie der IWF sagt, vor «monumentalen Herausforderungen», ein Italexit nicht ausgeschlossen.

Auswirkungen für die Schweiz

Der Brexit dürfte sich laut Swissmem negativ auf das Investitionsverhalten der britischen Wirtschaft auswirken und damit die Nachfrage nach Schweizer Exportgütern schwächen. Derzeit ist Grossbritannien die sechstgrösste Exportdestination der MEM-Industrie (2015: 2,5 Mia. CHF). Das BAK rechnet jedoch für die Jahre 2017 und 2018 mit einem schwächeren Aufschwung, aufgrund der wirtschaftlich und politischen Unsicherheit auf dem europäischen Festland. Bereits ist die Attraktivität des Schweizer Frankens als sicherer Hafen wieder gestiegen: zum Leidwesen der Schweizer MEM-Industrie. Der Jahresdurchschnittskurs des Frankens dürfte sowohl 2016 (1.09 CHF/Euro) als auch 2017 (1.11 CHF/Euro) tiefer liegen, als es noch Anfang Juni erwartet worden war, mit entsprechend negativen Effekten auf den Exportsektor.

Für Schweizer Firmen wie Autoneum hat der Brexit aus heutiger Sicht kaum Auswirkungen. Autoneum produziert lokal für britische und japanische Automobilhersteller. «Wenn jedoch internationale Fahrzeughersteller in Grossbritannien ihr Investitionsverhalten ändern, müssen wir dies in unserer Unternehmensplanung berücksichtigen», sagt Autoneum-CEO Martin Hirzel. Ein Wegzug der Automobilhersteller hätte grosse Auswirkungen auf die lokalen Zulieferer.

Und die bilateralen Verträge?

Es ist Fakt, dass die Verhandlungen zwischen der EU und GB höhere Prioritäten geniessen und somit die Verhandlung mit der Schweiz verzögert werden. Zum anderen dürfte die EU sowohl in den Verhandlungen mit GB als auch mit der Schweiz einen harten Kurs verfolgen, um die Anreize für EU-Austritte von weiteren Ländern zu reduzieren. Eine Gefahr darf an dieser Stelle nicht ausgeklammert werden: Die EU statuiert ein Exempel an der Schweiz und kündigt die bilateralen Verträge. Dies hätte sehr starke Auswirkungen auf den Export der Schweiz. Das BAK bezifferte den BIP-Verlust bei einem Wegfall der bilateralen Verträge mit –630 Mia. CHF. «Die EU und die Briten täten gut daran den BREXIT pragmatisch anzugehen, Kompromisse und Lösungen unbedingt zu suchen und ein wenig von dem künstlich aufgebauten Druck abzulassen», sagt der Geschäftsführer Roland Steinemann vom «Swiss Technology Network», eine Dachorganisation, die Technologieunternehmen aus IT, Elektroindustrie und Automation bündelt. «Das gilt uneingeschränkt auch für den Umgang der Schweiz mit der Umsetzung der Massen­einwanderungsinitiative», fügt er hin- zu. SMM

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