Experten-Talk zum Werkplatz Schweiz

«Das Geschäftsmodell Qualität reicht heute nicht mehr»

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K. Wellershoff: Es ist ja nicht die Aufgabe der Banken, Risikokapital ohne Garantien zu sprechen. Das Geld wird von Investoren zur Verfügung gestellt. In der Schweiz wehren sich leider sämtliche Institutionen dagegen, dass z. B. Pensionskassen dazu verpflichtet werden, einen Prozentsatz in unternehmerische Investitionen zu stecken. Diese Idee scheint Herr und Frau Schweizer nicht zu gefallen.

U. Berner: Geld ist meiner Meinung nach vorhanden. Wir von Urma haben positive Erfahrungen gemacht. Ich bin eher der Meinung, dass vielen KMU das Feuer und die Perspektiven fehlen. Die sehen nicht die Zukunft und haben darum nicht den Mut, in ihre Visionen zu investieren. Sie schauen zu stark auf die Währung und ins Ausland, statt an die eigenen Werte zu glauben. Dieses Zaudern spüre ich in Asien oder Amerika nicht. Im Ausland gehen die Projekte auch mal unter, das passiert. Aber die machen weiter, weil sie an etwas glauben. In der Schweiz fehlt dieser Spirit. Wir wurden in der Vergangenheit mit hohen Renditen verwöhnt.

K. Wellershoff: Diese Perspektivlosigkeit ist auch der Grund dafür, warum der Franken zu stark ist. Das ist ja das Verrückte daran. Wir wissen mittlerweile aus der Kapitalverkehrsstatistik, dass nicht ausländische Fluchtgelder den Franken aufwerten. Es ist Schweizer Geld, auch aus der Industrie, welches im Ausland erwirtschaftet, in die Schweiz repatriiert und nicht mehr investiert wird.

P. Dietrich: In den Pensionskassen geschieht dasselbe. Statt das Geld wieder zu investieren, wird es zu Negativzins angelegt.

Wenn wir von den Unternehmen reden, die Hilfe brauchen, dann sind das vorwiegend die KMU, d. h. die Mitglieder von Swissmechanic.

O. Müller: Wir müssen die KMU dabei unterstützen, neue Perspektiven zu schaffen. Wenn kleinere Unternehmen aus dem Appenzell Schwierigkeiten haben, ihre Produkte in Zürich zu verkaufen, wie sollen diese den Schritt ins Ausland schaffen? Es muss ein Umdenken in den Köpfen der Unternehmer stattfinden. Dasselbe gilt auch für die Kapitalgeber. Wir glauben, dass ein Staatsfonds die Schweizer Industrie voranbringen und diese fördern kann.

P. Dietrich: Die KMU müssen und können wir auf vielfältige Art und Weise unterstützen. Aber einen Staatsfonds mit Bürgschaften von der Nationalbank finde ich problematisch. Staatliches Geld und der Staat, der entscheidet, was förderungswürdig ist und was nicht? Ein heikler Ansatz. Aber die Anlagekriterien der Pensionskassen zu verändern, ist eine Variante, um mehr Investitionskapital für KMU bereitzustellen. Die Pensionskassen haben ja einen Anlagenotstand. Durch diese Investitionen könnte der Druck auf den Franken abgeschwächt werden.

K. Wellershoff: Dieses Paradox steckt viel mehr in den Köpfen als in den Institutionen. Es kann mir doch niemand sagen, dass die Welt heute gefährlicher ist als vor 30 Jahren, als ich noch russische U-Boote in Nord- und Ostsee gejagt habe. Aber wir glauben das komischerweise. Nehmen wir Europa. Das europäische BIP wächst seit 15 Quartalen positiv. Und wir in der Schweiz nehmen das einfach nicht wahr. Unter anderem auch, weil wir eine anti-europäische Stimmung zelebrieren. Ich glaube, wir müssen nur anfangen, die Realität wieder wahrzunehmen. Wir können durchaus optimistisch sein. Die Wachstums­chancen sind zurzeit vielleicht tiefer als vor 20 Jahren, aber sie sind immer noch sehr gut. Leider wird in den Medien lieber über die Risiken geredet.

P. Dietrich: Das ist ein guter Punkt. Wir müssen auch über Chancen und Stärken in der Schweiz reden. Wir sind, wegen der guten Rahmenbedingungen, nicht weit von Deutschland abgeschlagen – trotz der Währungsstärke. Die Herausforderung ist aber, sie nicht zu verschlechtern, sondern zu verbessern, um an der Konkurrenz dranzubleiben.

Wenn wir jetzt auf Urma schauen. Sie haben sich in den letzten Jahren ausgezeichnet entwickelt. Was haben Sie besser gemacht als andere Betriebe?

U. Berner: Wir setzten auf Innovation und vertreiben unsere Produkte im globalen Markt. Wir sind keine grosse Firma, haben jedoch 95 Prozent Exportanteil. Das ist für mich eine mentale Geschichte. Und so wie wir, wären viele Unternehmen exportfähig. Mir fehlt das Vertrauen der Unternehmer in ihre Firma, dass sie innovativ tätig sein können. Reden Sie mal mit Gründern von Start-ups. Keiner von denen denkt nur an den lokalen Markt. Die Schweizer Lohnfertiger sind Dinosaurier. Die haben ein Geschäftsmodell: Qualität. Das war früher so und wird es auch in Zukunft bleiben. Aber wissen Sie, dieses Geschäftsmodell reicht heute nicht mehr. Das kann heute jeder. Sogar die Chinesen sagen: Mein Geschäftsmodell ist Qualität.

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