Experten-Talk zum Werkplatz Schweiz

«Das Geschäftsmodell Qualität reicht heute nicht mehr»

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U. Berner: Man muss aufpassen, wen dass der Saat unterstützt. Es gibt viele gescheiterte Industrieförderprojekte. Fast überall, wo der Staat eingreift, gibt es eine Katastrophe. Ein gutes Beispiel ist Österreich. Deren KMU können kostenlos an jede Messe der Welt, weil der Staat bezahlt. Wirklich geholfen hat das den österreichischen KMU wenig.

P. Dietrich: Unabhängig davon, wie man Industriepolitik definiert: Dort, wo der Staat Geld einschiesst, beginnt der Staat auch mitzuentscheiden. Darüber, welche Technologie förderungswürdig ist und wer Erfolg haben soll. Aber wir haben es gehört: Der Markt entscheidet, was Erfolg hat, nicht der Staat. Es gibt genügend negative Beispiele.

Der Industrieumsatz pro Einwohner in der Schweiz ist einer der höchsten weltweit. Obwohl wir keinen Treiber wie die Autoindustrie in Deutschland, Japan oder Amerika besitzen. Wird das in Zukunft so bleiben?

U. Berner: Das ist historisch gewachsen, das wird so nicht bleiben.

O. Müller: Ob das so bleibt oder nicht, das wird sich zeigen. Ich bin im Gremium einer Berufsschule. Die Mitglieder sind Leute aus technischen und kaufmännischen Berufen. Dort ist die Meinung einhellig, dass Investitionen in die technischen Berufe zukunftsweisender sind als die in kaufmännische. Technik hat in der Schweiz nach wie vor Zukunft.

K. Wellershoff: Ich glaube auch, dass die Schweizer Industrie relativ betrachtet wachsen wird. Aber nicht, weil sie stärker wird, sondern weil insbesondere die Finanzdienstleistungen schwächer werden. Wer in einer Welt, die vor allem Dienstleistungen konsumiert, einseitig auf die Produktion von Waren setzt, wird verlieren. Der Konsum an Waren sinkt. Einzig in den Schwellenländern steigt er. China ist der grösste Automarkt. Die Jugend in Europa setzt dagegen auf Carsharing und öffentlichen Verkehr. Ihre Mobilitätsnachfrage wird immer mehr durch Dienstleistungen bedient.

Wo sehen Sie Chancen für die Schweizer Zulieferunternehmen?

O. Müller: Ich bin der Meinung, dass gerade KMU, die sich über ihre Fertigungsfähigkeiten definieren, ein grosses Potenzial haben. Zum Beispiel dadurch, dass es sich in neue Segmente wagt oder sich spezialisiert. Da müssen die Unternehmer auch strategische Entscheide fällen, in welche Richtungen sie gehen wollen.

P. Dietrich: Es braucht beides. Die Ausrichtung sowohl auf neue Dienstleistungen wie auch auf die herkömmliche Produktion von Waren. Es wird in Zukunft immer wichtiger, die Kunden in den Prozess miteinzubinden. Auf diesem Weg sind die Unternehmen durchaus.

Was können die Unternehmer tun, wenn sie nicht weiterwissen?

U. Berner: Das ist ein wichtiges Thema. Unternehmensleiter sind derart intensiv im operativen Geschäft eingebunden, dass sie praktisch keine Zeit mehr haben, sich um strategische Neuausrichtungen zu kümmern. Es gibt aber Lösungen. Das Einsetzen von Gremien beispielsweise, in denen Personen sitzen, die mit neuen Ideen kommen. Die MEM-Branche hat ein riesiges Potenzial an erfahrenen Männern. Nur: Viele Firmen wollen keinen Fremden in ihrem Betrieb. Das ist schade.

O. Müller: Da muss ich Urs Berner zustimmen. Es gibt unter meinen Mitgliedern Unternehmer, die sind um die 50, haben noch 15 Jahre vor sich und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Da wären neue Ideen durchaus angebracht.

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