Interview, Fritz Studer AG

«Die Dinge cleverer und intelligenter anpacken»

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Wieso wurde für die Produktion der Standort Schweiz gewählt? Die Schweiz gilt nicht als preiswerter Standort.

F. Gaegauf: Das würde man meinen. Aber wir setzen hier sehr hochwertige Produktionsmittel ein. Und in welchem Land diese betrieben werden, spielt keine Rolle, die kosten überall dasselbe. Ein Kostenfaktor sind die Mitarbeitenden. Doch unsere Produktion ist bereits stark automatisiert, so dass sich dort die Manpower auf Einrichten und Kontrollieren beschränkt. Dafür haben wir hier sehr gut ausgebildete Fachkräfte, die gerade im Vergleich zu den chinesischen Mitarbeitenden eine tiefgreifende Grundausbildung haben, sehr schnell sind und wenige Fehler machen. So relativieren sich die Kosten wieder.

Wie haben Sie sich organisiert, wenn Sie kurzfristig Kapazitäten übernehmen müssen? Ist das eine grosse Herausforderung?

F. Gaegauf: Wir arbeiten seit einiger Zeit an unserer Puls-Philosophie mit Lean Management Methoden. Unser Ziel ist es, damit schlanker, also lean, zu arbeiten und Verschwendung zu eliminieren und damit auch flexibler zu werden. Wir haben OEE also Overall Efficiency Equipment eingeführt, um die Effizienz der Maschinen zu messen und entsprechende Verbesserungen durchzuführen. Wir setzen bei uns Lean Six Sigma ein. Wir achten darauf, fortlaufend effizienter zu werden. Es geht zum Beispiel um Materialbereitstellung, aufgeräumte, klar strukturierte Arbeitsplätze, optimierte Fertigungsabläufe und viele weitere Optimierungen. Alle diese Komponenten gehören zusammen und wenn diese im geeigneten Konstrukt zusammengeführt werden, kann man entscheidend die Effizienz steigern und die Kosten senken. Hier ist die Schweiz prädestiniert, denn wir müssen nur schon auf Grund der hohen Kosten auf diesem Gebiet etwas machen. Wir können nicht mit derselben Produktionsphilosophie wie vor 20 Jahren weitermachen. Wir sind in einem Hochpreisland und unsere Produkte werden dann schlichtweg zu teuer. Da müssen wir den Spagat schaffen, die hochstehende Qualität zu halten und gleichzeitig die Effizienz zu steigern. Da ist die Lean-Philosophie ein perfekter Ansatz.

Können Sie ein Beispiel dafür geben?

F. Gaegauf: Beispielhaft kann das sehr gut in der Montage dargestellt werden. In der Takt- oder Fliessfertigung wollen wir jetzt in die nächste Phase gehen, was wir Fliessfertigung Plus nennen. Hierbei geht es darum, die Durchlaufzeiten weiter zu verkürzen. Im Moment haben wir Tagestakte und wir werden Halbtagestakte einführen. Da ist es besonders wichtig, dass die gesamte Logistik zeitgerecht funktioniert. Hier darf es grundsätzlich nie Fehlteile geben. Das heisst, die richtigen Teile müssen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Wenn das funktioniert, können die Durchlaufzeiten enorm gesenkt werden. Bei der Einführung konnten wir die Durchlaufzeiten um 20 Prozent senken. Ein weiterer Effekt ist die bessere Verfügbarkeit bzw. die kürzeren Lieferzeiten für unsere Maschinen. Mit der 2. Phase der Fliessfertigung Plus denken wir, die Zeiten noch einmal um 20 Prozent zu senken.

So stark?

F. Gaegauf: Das sind Riesenpotentiale. Wir waren selber erstaunt, wie stark wir die Durchlaufzeiten reduzieren konnten. Bei der Montage einer S41 haben wir gemessen, wie viele Kilometer ein Monteur zum Aufbau um die Maschine läuft, das sind 47 Kilometer! Wenn nur schon diese Wege reduziert werden, dann spart man einiges an Zeit und Geld. Und dabei geht es nicht darum, mit der Stoppuhr neben dem Mitarbeiter zu stehen und die Sekunden zu messen. Der Mitarbeiter soll nicht schneller arbeiten, sondern im Gegenteil, er soll mit weniger Aufwand mehr erreichen.

Aber irgendwann muss doch dann Schluss sein, wenn Sie die Zeiten zweimal um 20 Prozent reduzieren?

F. Gaegauf: Bei null Verschwendung ist selbstverständlich Schluss. Das ist natürlich nicht zu erreichen, denn irgendwann läuft der Prozess asymptotisch gegen Null zu. Es zeigt aber, wie viel Potential in diesen Dingen steckt. Viele Dinge müssen einfach schlauer, cleverer, gezielter und koordinierter angepackt werden. Die gesamte Prozesskette und der Wertstrom müssen im Fokus stehen. Investitionen sind zum Teil ebenfalls erforderlich.

Wie schaffen Sie es, die Montage umzuorganisieren, ohne dass es zu Verzögerungen und Problemen in der Lieferung der Maschinen kommt?

F. Gaegauf: Es braucht Zeit. Das geht nicht einfach so an einem Tag oder in einer Woche. Das dauert Monate oder Jahre. Vor zehn Jahren haben wir begonnen, uns mit der gesamten Taktfertigungsproblematik zu beschäftigen. Den ersten praktischen und professionellen Schritt haben wir vor etwa fünf Jahren ausgeführt. An dem jetzigen Schritt der Fliessfertigung Plus arbeiten wir ungefähr zwei Jahre. Wir erwarten, dass das im Laufe des nächsten Jahres einen gewissen Effekt bringen wird.

Haben Sie diesbezüglich auch Vorbilder und wo holen Sie sich Anregungen?

F. Gaegauf: Ja klar. Da gibt es viele Möglichkeiten, sich untereinander die Fortschritte zu zeigen und sich umzuschauen. Wir waren bei einigen grösseren Maschinenbauunternehmen in der Schweiz und in Deutschland, die gute Lösungen haben.

Trotzdem ist die Umsetzung nicht einfach. Arbeiten Sie auch mit Beratungsunternehmen zusammen?

F. Gaegauf: Für gewisse Themen sind Beratungsunternehmen durchaus sinnvoll. Wir haben uns nicht für einen grossen Anbieter entschieden, sondern für unterschiedlich spezialisierte, kleinere Beratungsunternehmen. Schliesslich muss man zusammenpassen – auch in der Mentalität. Da arbeiten Leute, die die Bergmentalität etwas verstehen. Das ist überhaupt das Schwierigste an der gesamten Lean-Geschichte. Man muss die Mitarbeitenden miteinbeziehen, denn es ist ein Wandel in der Unternehmenskultur.

Vielen Dank für das Gespräch. <<

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