Interview mit Markus Koch, Leiter strategische Entwicklung Consumer & Industrial Products bei Deloitte Schweiz

«Die Schweiz gehört bezüglich Innovation zu den Spitzenreitern»

| Autor / Redakteur: Matthias Böhm / Silvano Böni

«Die grösste Stärke von KMU gegenüber Grossunternehmen ist ihre Agilität: Sie können sich rasch und unkompliziert an neue Markttrends anpassen.» Markus Koch, Deloitte
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«Die grösste Stärke von KMU gegenüber Grossunternehmen ist ihre Agilität: Sie können sich rasch und unkompliziert an neue Markttrends anpassen.» Markus Koch, Deloitte (Bild: SMM)

Markus Koch, Leiter strategische Entwicklung Consumer & Industrial Products bei Deloitte Schweiz, kennt den Werkplatz Schweiz wie seine Westentasche. Ausserdem ist er ein ausgewiesener Experte mit jahrelanger Erfahrung in Sachen Digitalisierung und Industrie 4.0. Im Gespräch mit uns erläutert er die Stärken des hiesigen Werkplatzes und warum die Digitalisierung und Automatisierung zum wichtigsten Unterscheidungsmerkmal gegenüber der Konkurrenz wird.

SMM: Der Werkplatz Schweiz hat in den Jahren 2015 und 2016 aufgrund der starken Währung an Aufschwung eingebüsst. Inwiefern begründet sich die starke Abhängigkeit vom Schweizer Franken?

Markus Koch: Die MEM-Industrie ist eine der grössten Exportbranchen der Schweiz und damit vom Frankenkurs stärker abhängig als andere Branchen. Viele Schweizer Industrieunternehmen produzieren zudem im höheren Preissegment, wo ein starker Franken einen grösseren Einfluss hat als im mittleren Preissegment. Unsere letzte Manu­facturing Trends Quarterly Survey zeigt aber, dass die Konjunkturerwartung für die MEM-Industrie seit dem dritten Quartal 2016 wieder im positiven Bereich liegt und einen stetigen Aufwärtstrend aufweist. Schweizer Industrieunternehmen beurteilen aktuell ihre Geschäftsaussichten mehrheitlich positiv im Vergleich zu 2015.

Abgesehen davon, dass der Industriestandort Schweiz gegenüber Deutschland seit 2007 ins Hintertreffen geraten ist, ist der MEM-Umsatz pro Einwohner – absolut gesehen – in der Schweiz nach wie vor sehr hoch. Wo sehen Sie generell die Ursachen für diese Stärke des Werkplatzes Schweiz?

M. Koch: Der Schweizer Industriestandort kann im internationalen Vergleich gut mithalten. Der Einkaufsmanagerindex (PMI) für die Schweizer Industrie kletterte Anfang Jahr auf einen Höchststand, der das letzte Mal nur im Boomjahr 2010 erzielt wurde. Der Schweizer PMI ist höher gestiegen als in Deutschland. Die Stärken des Schweizer Werkplatzes sind nach wie vor: der hohe Industrialisierungsgrad, die Innovationsführerschaft und hohe Fertigungsqualität sowie die gute internationale Verknüpfung und globale Präsenz – nicht nur von Grossunternehmen, sondern auch von KMUs. Dank hervorragenden Hochschulen, langer handwerklicher Tradition, guten Fachkräften und genereller Rechtssicherheit werden die Innovationsfähigkeit und die hohe Qualität auch künftig gesichert bleiben.

Der Werkplatz Schweiz verfügt über eine ausgeprägte KMU-Struktur. Über welche Stärken verfügen KMU gegenüber Grossunternehmen aus Ihrer Sicht?

M. Koch: KMU bilden in der Schweiz mehr als 99 Prozent aller Unternehmen und beschäftigen zwei Drittel aller Arbeitskräfte. Die KMU-Struktur ist damit sehr ähnlich wie in Österreich oder in Deutschland. Die grösste Stärke von KMU gegenüber Grossunternehmen ist ihre Agilität: Sie können sich rasch und unkompliziert an neue Markttrends anpassen. Das betrifft auch die Digitalisierung.

Das Thema Personenfreizügigkeit beschäftigt die Schweizer Wirtschaft derzeit erheblich. Welche Rolle spielt die Personenfreizügigkeit im Rahmen der zukünftigen Entwicklung des Schweizer Industriestandortes?

M. Koch: Die Personenfreizügigkeit ist ein Kernelement für gute Beziehungen mit der EU und entsprechend Basis für einen uneingeschränkten Marktzugang für Schweizer Unternehmen. Die Personenfreizügigkeit ist aber auch wichtig, um die besten Leute in die Schweiz zu holen und innovationsfähig zu bleiben. Viele führende Schweizer Unternehmen wurden von Immigranten gegründet, wie beispielsweise ABB und Nestlé. Das Google Research Center in Zürich ist ein weiteres Beispiel, wie ein attraktiver Standort dank starken Rahmenbedingungen auch wichtige globale Players anziehen kann.

Wie würden Sie die politische Stabilität einordnen im Kontext eines starken Wirtschaftsstandortes und wie sehen Sie sie hier in der Schweiz gegeben?

M. Koch: Politische Stabilität ist eine zentrale Rahmenbedingung für die Stärke eines Industriestandortes und gleich wichtig wie beispielsweise ein robustes wirtschaftliches Umfeld, ein attraktives Steuersystem, eine gute Infrastruktur, eine hohe technologische Reife und gut ausgebildete Arbeitskräfte und Bildungsinstitutionen. Im internationalen Vergleich ist die politische Stabilität der Schweiz zwar sehr hoch, sie hat aber mit verschiedenen politischen Initiativen der letzten Jahre gelitten. Es wurden viele Unsicherheiten für die Wirtschaft und Investoren kreiert.

Sie haben als Leiter strategische Entwicklung Consumer & Industrial Products bei Deloitte Schweiz, Einblick in unterschiedlichste Unternehmen aus der MEM-Industrie. Welche Unternehmen, Branchen und Technologiesparten haben aus Ihrer Sicht generell gute Möglichkeiten, am Werkplatz Schweiz wirtschaftlich zu agieren und auch in Zukunft zu wachsen?

M. Koch: Es gibt drei verschiedene Strategien, um erfolgreich zu sein: Differenzierung, Kostenführerschaft und Nischenstrategie. Kostenführerschaft war in der Vergangenheit und wird auch in der Zukunft eine in der Schweiz schwer umsetzbare Strategie sein, da die Volumina der produzierten Güter für Skaleneffekte zu gering sind und die Schweiz ein Standort mit hohen Kosten ist. Wie in der Vergangenheit werden auch in Zukunft die Differenzierung (zum Beispiel Qualität, Innovation) und die Nischenstrategie (zum Beispiel Weltklasse in einem spezifischen Subsegment) ein wesentlicher Teil der Strategien der Schweizer Unternehmen bleiben. Dabei stehen Branchen im Vordergrund, wo Zusatzdienstleistungen angeboten werden können, die oft datenbasiert sind. Das Belegen von Nischen ist aber in der oft leicht skalierbaren Digitalwirtschaft schwieriger als früher. Bei der Innovation von digitalen Geschäftsmodellen und Dienstleistungen ist der Erfolgsfaktor häufig, neue Modelle schneller zu entwickeln, als die Konkurrenz die bestehenden kopieren kann – es sei denn, es gibt Modelle, wo Netzwerk-Effekte Eintrittsbarrieren schaffen.

Sowohl die US-Regierung als auch China machen konkret Wirtschaftspolitik und versuchen, um den Export zu stärken, ihre Währungen zu drücken. Davon ist die Schweiz weit entfernt. Sehen Sie das langfristig als Vor- oder als Nachteil für den Produktionsstandort Schweiz?

M. Koch: Die Schweizerische Nationalbank drückt den Franken ebenfalls mit Devisenkäufen, allerdings nur um kurzfristige, irrationale Verzerrungen zu mitigieren und die Währung zu stabilisieren. Langfristig können damit aber fundamentale wirtschaftliche Kräfte, wie beispielsweise die Kaufkraftparität, nicht ausgehebelt werden.

Wesentliches Thema, um international eine führende Rolle zu haben, ist immer auch Forschung und Entwicklung. Wie sind die Schweizer MEM-Unternehmen im internationalen Vergleich aus Ihrer Sicht hier aufgestellt?

M. Koch: Anerkannte Rankings vom Weltwirtschaftsforum (WEF) und der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) zeigen regelmässig, dass die Schweiz bezüglich Innovation im internationalen Vergleich zu den Spitzenreitern gehört. Unsere eigene Studie zur digitalen Innovationsfähigkeit der Schweiz zeigt aber ein leicht differenzierteres Bild: Exzellent schneidet die Schweiz vor allem im Talent­bereich ab und überdurchschnittlich für den Bereich Investitionen und Patente. Nachholbedarf gibt es vor allem im Bereich Start-ups.

Typischerweise sind Schweizer Unternehmen um den Faktor 10 bis 100 kleiner als deutsche oder amerikanische Mitbewerber. Entsprechend kleiner ist auch das mögliche Potenzial und Kapital, um F&E zu betreiben. Welche Rolle hat die Unternehmensgrösse in Bezug auf das Entwicklungspotenzial der F&E?

M. Koch: Die Unternehmensgrösse hat einen stärkeren Einfluss auf die Grundlagenforschung, die in der Schweiz jedoch durch die ETH in Zürich und EPFL in Lausanne gut abgedeckt wird. Relevanter für KMUs ist die Entwicklung und da hat die Unternehmensgrösse oft nur einen geringen Einfluss. Wenn auch Grossunternehmen mehr Mittel in Innovationsaktivitäten stecken können, so zeichnen sich KMUs oft durch eine effizientere Nutzung ihrer Mittel für Innovationsaktivitäten aus.

Thema Industrie 4.0: Inwieweit haben die Schweizer Industrie­unternehmen sich des Themas angenommen und es bereits umgesetzt?

M. Koch: Das Bewusstsein für das Thema Industrie 4.0 hat sich bei Schweizer Industrieunternehmen in den letzten Jahren stark geschärft und wird mit grossen Chancen verknüpft. In unserer ersten Untersuchung zum Werkplatz 4.0 vor drei Jahren hatten viele Unternehmen zwar das Potenzial dieser vierten industriellen Revolution erkannt – die wenigsten waren aber schon mit effektiven Umsetzungen beschäftigt. Dieser Fokus hat sich nun stark verschoben, das heisst disruptive Innovationen und exponentielle Technologien (zum Beispiel künstliche Intelligenz, Robotik, Drohnen und 3D-Printing) werden nun stärker von Unternehmen genutzt oder mindestens wird damit experimentiert. Zudem stehen Industrie-4.0-Anwendungen stärker im Fokus der Innovationstätigkeit. Grundsätzlich muss man sich aber auch bewusst sein, dass viele Entwicklungen, die unter der Fahne «Industrie 4.0» laufen, normale technologische Weiterentwicklungen sind, wie es sie stets gegeben hat, wenn jetzt auch oft mit erhöhtem Tempo.

Gibt es bezüglich der Umsetzung von Industrie-4.0-Strategien Unterschiede zwischen Konzernen und KMU? Wenn ja, wie würden Sie die umschreiben?

M. Koch: Die Digitalisierung und deren Technologien sind oft noch in einem frühen Entwicklungsstadium, entwickeln sich aber sehr schnell – viel schneller als bei früheren, industriellen Revolutionen. Entsprechend können Unternehmen nicht abwarten, sondern müssen mit verschiedenen möglichen Anwendungsfällen experimentieren und auch mental und finanziell bereit sein, mit dem einen oder anderen Experiment zu scheitern. Dies ist für Konzerne und KMU gleich. KMU sind oft agiler beim Start solcher Experimente, während Konzerne das Scheitern finanziell einfacher verkraften können.

Sehen Sie weitere Stärken des Standortes Schweiz, die bisher nicht erwähnt wurden?

M. Koch: Zur Standortattraktivität der Schweiz gehören auch ihr entwickelter Finanzmarkt und das attraktive soziale Umfeld beziehungsweise die hohe Lebensqualität. Die erste Rahmenbedingung erleichtert insbesondere die Finanzierung von Geschäftsaktivitäten; die zweite hilft beim Anziehen von hochqualifizierten Arbeitskräften im globalen Kampf um die Talente.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die nähere Zukunft, die die Unternehmen am Werkplatz Schweiz zu meistern haben?

M. Koch: Dies sind vor allem Digitalisierung und Automatisierung (und nicht nur Industrie 4.0), die auch die Globalisierung weiter beschleunigen. Digitalisierung und Automatisierung werden künftig zum wichtigsten Unterscheidungsmerkmal und Wettbewerbsvorteil für Unternehmen am Schweizer Werkplatz und im globalen Umfeld. Mit Digitalisierung und Automatisierung geht auch die Aus- und Weiterbildung der Arbeitskräfte einher. Roboter werden nicht einfach Arbeitsplätze vernichten, sondern auch neue schaffen, die andere Qualifikationen und digitale Fähigkeiten erfordern. Je mehr neue und komplexe Maschinen im Produktionsprozess eingesetzt werden, desto höher werden die Anforderungen an die Arbeitskräfte, diese zu bedienen und zu warten. SMM

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